Author: Matthias Schumacher | Date: 1. Juni 2012 | Please Comment!

Er weiß genau, wie man im richtigen Moment gähnt, völlig entkräftet vor der Kamera sitzt, wie man verständnisvoll nickt, wenn Betroffene von sittenwidrigen Verträgen und Drangsalierungen berichten. Günter Wallraff undercover. Diesmal beim Paketzusteller GLS. Diesmal für RTL. Mittwoch war es soweit.

„Ich will jüngere Zuschauer erreichen und vor allem auch Menschen wie die, deren Arbeitsbedingungen ich geteilt habe. Die gehören eher zum Publikum von RTL“, sagte Wallraff vorab. Erreicht hat er 2,95 Millionen Zuschauer. Das sind gerade 600.000 mehr als beim Finale von Bohlens „DSDS Kids“. Das nur zum Vergleich. Auch die anschließende Talk-Runde mit Wallraff bei Stern TV lockte nicht außergewöhnlich viele Zuschauer an. Die aufklärerischen Bemühungen von Wallraff sollten doch mehr bringen in einem Land, das so nach sozialer Gerechtigkeit, fairen Löhnen und Arbeitsbedingungen lechzt! Fehlanzeige. Wallraff, dessen Undercover-Verdienste ihn in den 70er und 80er Jahren zum Vorzeigeexemplar des Investigativ-Journalismus machten, zieht nicht mehr. Aber wer macht denn, was Wallraff macht? Wer, wenn nicht er? Alle!

Das Alleinstellungsmerkmal ist dahin. Jedes kritische TV-Magazin, das etwas auf sich hält, schickt Reporter los, um mit versteckter Kamera aufzudecken, was uns die Sprache verschlagen soll und es auch mindestens bis zur Werbepause tut. Viele kleine Wallraffs. Landauf landab. Günter Wallraff ist der Größte. Er hat das Echtheitszertifikat. Keiner ist so am Ende, wenn er am Ende ist, keiner so fertig wie er, wenn er fertig ist. Er ist auf eine höchst medienwirksame Weise fertig. Wallrafffertig.

Show? Gewiss nicht. Aber man muss sich ja auch nicht künstlich zusammenreißen. Wenn man fertig ist, soll das jeder sehen. Und gut geschnitten, sieht man im Fernsehen gleich noch viel fertiger aus. Den GLS-Sklaven hilft das. Denn wenn der Marathon-Läufer Wallraff schon nach einigen Wochen nicht mehr kann, dann kann keiner mehr. Der gute Zweck heiligt die Marke Wallraff, die es schmerzen dürfte, nicht mehr allein im Kampf mit dem Bösen zu sein. Jeder hat ein Ego. Auch er ist ein Mensch. Ein guter und unter denen der Ferrari. Über ihnen. Wer etwas verkaufen will, wer etwas bewegen will, darf eines nicht: Sein wie alle. Wallraff ist nur er. Der Wallraff, der sich unter anderem mit dem Springer-Konzern anlegte, was auch heute, 35 Jahre später, noch nachhallt. Wenn alle machen, was er heute macht, dann bleibt als Markenkern nur die Vergangenheit. Da war er der Einzige. Heute ist er immerhin noch der Bekannteste. Wer solche Karten nicht ausspielt, dem ist nicht zu helfen.

Als der Unternehmenssprecher der Otto Group, Thomas Voigt, in Stern TV darauf verweist, dass Wallraffs Undercover-Mission nicht die erste bei einem Paketdienstleister war, sondern bereits ein „Kollege vom NDR“ ermittelte, nimmt das Original Wallraff die Aktion des Duplikats nüchtern zur Kenntnis und verkneift kurz die Lippen. Das kann man interpretieren wie man will.
Fakt ist, dass Wallraff an diesem Mittwoch die Kopie einer Kopie seiner selbst war. In den Ankündigungen von RTL wurde Wallraffs Reportage verkauft, als käme da etwas noch nie Dagewesenes. Es kam Wallraff und schon Gesehenes. Ein aufgewärmtes heißes Eisen.

Trotz des Boheis und des großen Geheimnisses, das der Sender bis zum Schluss darum machte, worum es sich beim neuerlichen Einsatz handeln würde, ging der Meister quotenmäßig baden. Was der Journalist und Autor mit „Wallraff deckt auf“ aufdeckte, lag offen vor uns. Menschenschninderei. Dumpinglöhne. Rechtsbrüche. Die NDR-Reportage aus dem Dezember 2011 war überschrieben mit „Ausbeutung: Undercover als Paketzusteller“. Ein 45-minütiger Beitrag von Reinhard Schädler und Johannes Edelhoff. Nicht von Wallraff. Da liegt der Unterschied. Das ist nicht schlimm. Nicht schlimm für uns. Für Wallraff vielleicht schon. An allem hängt Geld. Nur Träumer glauben, dass es einem Wallraff allein um Recht und Gerechtigkeit geht. Auch das ist legitim. Soll er verdienen! Und soll er auf Missstände aufmerksam machen, die schon behandelt wurden. Solange sie existieren und derart eklatant sind, muss einer am Ball bleiben. Er hat seinen Job gemacht. Versagt haben am Ende nur wir:

Wir wollen es ja günstig, am besten versandkostenfrei, möglichst online. Zu Hause bestellt, nach Hause geliefert. Dann sehen wir Reportagen, rufen „Das kann nicht wahr sein!“ und bestellen uns was zur Frustbekämpfung im Internet. Bis der Paketbote schreit.

01/06/2012