Es war die Hoffnung, dass mein Plattenhändler sich auch diesmal nicht an den Veröffentlichungstermin halten würde, die mich zu ihm trieb und sich schon bald zur Gewissheit verdichtete. Schon des öfteren kam ich so in den Genuss wunderbarer und zuweilen wundersamer Klänge, die anderen noch Stunden, Tage unerreichbar bleiben sollten. Und da stand ich nun, überglücklich, selig, durchnässt vom Mairegen, der meinen Weg bis dorthin begleitete, mit nichts anderem in der Hand als Mairegen, dem 25. Studioalbum von Reinhard Mey, das mir einen ganzen Tag zu früh zugespielt wurde.

Er hat mich reich gemacht, dieser Plattenhändler, der vielleicht einer dieser Querulanten, der Freigeister ist, die „Gegen den Wind“ gehen. Was hat er schon getan? Eine CD ins Regal gestellt. Meinen Tag gerettet.

Über Reinhard Mey ist viel gesagt und geschrieben worden, alldem ist nur wenig hinzuzufügen. Dass ich mich unlängst zweimal vergeblich um ein Interview bemühte – kaum eine Fußnote wert. Mairegen entschädigt für alles.
Auch dafür, dass aus dem verlässlichen Zweijahresrhythmus, in dem er uns drei Jahrzehnte lang mit seinen Botschaften, Beobachtungen und Liebeserklärungen beschenkte, inzwischen ein fester Dreijahrestakt wurde.

Mey ist jetzt 67 und was er in einem Alter leistet, in dem viele bereits rosten, ist vielleicht das Beste, was in diesem Frühling auf den deutschsprachigen Markt kommt. Mey – wortreich, ausdrucksstark, auf den Punkt wie lange nicht mehr.

Ein Geschichtenerzähler, doch kein Entführer in Traumwelten, vielmehr einer, der uns wachrüttelt, mahnt und in die Realität zurückholt, der die Augen öffnet für das, was in uns und um uns ist, der Weltbewegendes ebenso zu besingen versteht wie „Das Butterbrot“. Ein bisschen Pathos – na klar, Kunst – zweifellos, aber niemals künstlich. Stets glaubwürdig, gelebt, selbst erfahren. Falls nicht, dann allemal verdammt gut gesponnen aus den Fäden jenes Netzes, das er selbst in „schweren  Wettern“ über die Welt ausgeworfen belässt und mit dem er Dinge zu Tage bringt, die sonst nur im Alltag beiläufig herumstehen, aber wohl kaum in Liedern stattfinden. Reinhard Mey zeichnet ihr Bild mit Worten und hebt sie liebevoll ins Licht seiner Musik. Er macht uns sehend, dieser graue Wolf, und das als banal Gescholtene und Verschriene wird zu dem, was es ist: Das Leben mit all seinen Höhenflügen, Breitseiten und Untiefen.

Reinhard Mey erzählt aus seinem Leben, das ebenso gut unser Leben sein könnte. In allem scheint ein Lied zu sein. Mey lockt es heraus. Zwischen Dankbarkeit für manche „Gute Seele“ und dem nächsten „Nachtflug“ steht der „Ficus Benjamini an der Tür zum MRT“. Wir lernen „Antje“ kennen, die in ihrem „Imbiss an der B 10“ steht, die voller Träume, Sehnsucht und Fernweh ist und doch… Und „Larissa singt wie alle Mädchen, die 16 sind“ und „muss vor drei Juroren bestehn“ – und dann wäre da nur noch Telefon-Deutschland.

Mairegen – auch ein Familienalbum, ein Liebeslied an seine Hella und die Erkenntnis „Wir sind eins“. Und in „Drachenblut“ eine Handvoll Fragen von Reinhard Mey, dem liebenden, sich sorgenden Vater, an Max, seinen jüngsten Sohn, der seit einigen Monaten im Wachkoma liegt. Max antwortet nicht. Jetzt nicht. Noch nicht!

Die Frage, ob ihn seine Fangemeinde ein weiteres Mal in die Charts schießen wird, ist keine Frage. Irgendwo zwischen Unheilig und Gorillaz wird er auf Zeit zwischen allen Stühlen Platz nehmen. Ein Exot, der vielleicht darum so exotisch wirkt, weil man ihm gern glaubt, ganz normal geblieben zu sein. Ein Original. Eine Massenware im allerbesten Sinn. Produziert wie wir alle und nicht vom Himmel gefallen. Von keinem anderen Stern. Irdisch. Menschlich.

Er wird wieder Einfluss nehmen auf die Seelen und Herzen der Menschen, so wie er Einfluss auf mich genommen hat. Kein Autor deutscher Zunge kommt an ihm vorbei, an diesem gewaltigen Felsen, an dem man sich abarbeiten und reiben kann, den der Regen an der einen Stelle blank gewaschen hat, an anderer scharfkantig schliff. Immer spröde genug, um Niesel, Sturm und alle Wetter in sich aufnehmen zu können. Und manchen Mairegen. Auch mich hat er beeinflusst. Ich schnörkle an anderen Stellen und bin doch ich – und dennoch.

Der Ur-Berliner, der „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ zum geflügelten Wort gemacht hat und dessen „Über den Wolken“ Kult, ja Volkslied geworden ist, Mey, der seines zweiten Vornamen Friedrich zum Frédérik wandelte, der so seine erste Karriere in Frankreich begann und dort größer war und noch immer ist als es sich mancher hierzulande vorstellen kann. Dieser Reinhard Mey hat gut daran getan, sich in der Stunde des Entweder-Oder‘ für Deutschland zu entscheiden. Mey ist eine Konstante gegen Moden, die ihre Geburtsstunde nicht überdauern und nur künstlich am Leben erhalten werden. Ein Sprachrohr des Guten und Schönen und Wahren und dessen, was er für wahr hält.

„Mairegen lass mich wachsen“ singt er in Anlehnung an einen Kinderreim von Hoffmann von Fallersleben. Reinhard Mey braucht diesen Regen nicht. Mey ist mit seinem neuen Album gewachsen – über sich hinaus. Wir aber brauchen ihn, diesen Mairegen aus Poesie und diesen Mey.

Ab heute im Handel!