Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die neue Macht des bösen Händchens

Geschüttelt oder gerührt. Der Handschlag ist zum Gradmesser der weltpolitischen Stimmungslage geworden. Matthias Schumacher nimmt seine Leserschaft in dieser Kolumne sanft an die Hand und führt sie bis in ihre Kinderstube.

Seit Donald Trump die Hände im Spiel hat, sind Umgangsformen in der Politik wieder ein Thema. Jeder Handschlag des graublonden Rüttelbären aus Washington wird zur Zerreißprobe von Maßanzug und Schultermuskulatur, jedes ausgelassene Händeschütteln zur Schicksalsfrage künftiger bilateraler Beziehungen. Jetzt kriegen wir was zu sehen und meinen ungefähr zu wissen, woran wir sind.

Jahrelang konnten wir nur raten, welche Stimmung sich hinter Putins maskenhaftem kalten Grinsen verbarg und ob die Mundwinkel der Kanzlerin an diesem Tag nicht einfach nur besonders stark der Erdanziehung nachgaben. Ein Trump geht um die Welt. Dank ihm zeigt man nun von vornherein ganz offen, was man vom anderen hält und was unsereins erwartet. „Reich mir die Hand mein Leben, // Komm auf mein Schloss mit mir“¹ – oder fahr zur Hölle.

Wir müssen uns erst reinfummeln und bewegen uns im Bereich von Spekulation und Interpretation meist in Richtung Eskalation. In Sozialen Medien mindestens fünfmal pro Viertelstunde. Die nicht entgegengenommene Begrüßung führt direkt zur größtmöglich anzunehmenden Katastrophe.

Die neue Macht des bösen Händchens spüren wir vor allem an den Kehlen. Atemlos durch die Macht. Sauerstoffmangelnd taumelt die Deutung eines verpatzten Handshakes für uns zwischen baldigem Handelskrieg und sofortigem atomaren Erstschlag. Aber ehrlich, es kann doch in keinem Fall schaden, Trockenobst und Wasser für 14 Tage einzulagern und die Jodtabletten bereitzuhalten.

Wie wurden wir von besorgten Tanten zurechtgewiesen, wenn wir ihnen im zarten Alter von vier Jahren das böse Händchen gaben – oder das gute Händchen nicht auf die richtige Weise! Wie sollten wir gescholtenen Kinder ahnen, dass Tantchen das weltpolitische Ausmaß einer falschen Geste mahnend vor Augen stand? Wie ahnen, dass wir für die olle Tante potenzielle Weltenlenker waren? Ohne Knigge fährt man auf diplomatischen Kanälen die Welt schnell an die Wand. Jeder verkorkste Handschlag: ein Schlag ins Gesicht oder ins Wasser. Mit unabsehbaren Folgen für das Fortbestehen der Menschheit.

Viele von uns sind über die Jahre, auch aus hygienischen Gründen, fast ganz vom Händeschütteln abgekommen. Manche nicken einander nur noch zu. Tantes Kinderstube fast vergessen. Nun werden wir erinnert. Vom 45. US-Präsidenten, der uns eindrücklich vorführt, wie man es nicht macht. Und wir fragen uns, wann der kleine Donald diese Barkeeperin kennenlernte, die den störrischen Jungen so lang schüttelte, bis er sie zornig „Fake-Tante“ nannte.
Sowas prägt.

 

¹ W. A. Mozart „Don Giovanni“, Erster Aufzug
Foto: golanlevin (flickr), CC BY 2.0
Verfasst am 29. und 30.V.2017 in Berlin.

© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die Nudel – The Next Generation

Remakes und Spin-offs sind beliebt. Nicht erst seit Star Wars oder The Big Bang Theory. Nun bringt Matthias Schumacher einen legendären Sketch von Loriot mit Lichtgeschwindigkeit ins digitale Zeitalter.

„Nein, sagen Sie noch nichts! Es gibt Augenblicke im Leben, wo die Sprache versagt…“ Das waren Zeiten, als noch die Sprache versagen konnte! Im Mai 1977, beinah auf den Tag vor 40 Jahren, ging die dritte Episode Loriot über den Schirm, der damals in jedem Falle ein Fernsehbildschirm war. Wie sich Sehgewohnheiten und Technik veränderten, veränderte sich auch das Kommunikationsverhalten. Aus Zurückhaltung und Sprachlosigkeit ist zügelloses Geplapper geworden. Manches mutiert über die Jahrzehnte.

„Die Nudel“ gehört zweifellos zu den beliebtesten Sketchen aus Loriot I bis VI. An der Seite des Meisters: Die große Evelyn Hamann. Wir erinnern: Während der namentlich nicht erwähnte Verehrer in einem italienischen Restaurant der angebeteten Hildegard eine umständliche Liebeserklärung macht, wandert ihm Dank ungeschickter Handgriffe eine Nudel übers Gesicht. Was Hildegard irritiert und vom geraspelten Süßholz ablenkt.

Das brachte Millionen zum Lachen und hat längst Kultcharakter, könnte heute so allerdings nicht mehr stattfinden. Gewiss würde Vicco von Bülow, der feine Beobachter deutschen Alltags, diesen Sketch inzwischen ganz anders anlegen. Denn der Mensch 1977 ist dem Menschen 2017 innerlich wie äußerlich noch recht ähnlich, aber nicht sein Alltag.  

Im Jahr 2017 wäre Hildegard zwar weiterhin abgelenkt, allerdings aus anderen Gründen. Denn Hildegard hätte ein Smartphone, viele Facebookfreunde und ihre Mutti, die Hildegard gern unter der Haube sehen würde, auf WhatsApp. Alle wollen immer was und haben ständig was mitzuteilen. Auch Hildegard.

So würde sie heute vielleicht exakt in jenen Momenten von ihrem Mobiltelefon zu ihrem Gegenüber aufschauen, wenn die Nudel – ganz kurz – eben nicht(!) auf seiner Nasenspitze oder im Augenwinkel klebt. Was zwar genau das Gegenteil von damals wäre, als Hildegard die Reise der Nudel gebannt verfolgte, aber eben zeitgemäßer wäre und dem heutigem Das-könnte-jedem-Passieren entspräche. Genau darum fände es der Zuschauer 2.0, der die #Nudel im Gegensatz zu #Hildegard wandern sieht, brüllend komisch. Und wenn sich der zukünftige Chef der Einkaufsabteilung, dem so leicht keiner was vormacht, Hildegards Sprachlosigkeit mit den Worten „Warum sagen Sie denn nichts?“ zuwendet, lästert diese gerade mit ihrer besten Freundin im Facebookchat über seine „Nudel“. Schlüpfrig und doppeldeutig ging es ja gern bei Loriot zu. Wie im echten Leben.

Ähnlich – ja – oder ganz anders – könnte „Die Nudel“ heute aussehen. Und die Pointe? Der Verehrer ruft nicht nur wie schon 1977 den Ober, sondern postet ein Foto der skandalösen Nudel in seinem Latte macchiato bei Facebook, wo sie viral geht und Hildegard in Echtzeit serviert wird. Entsetzter Blick zu ihrem Verehrer. Klappe.

Der erste kritische Kommentar zur Sendung käme heute übrigens via Twitter: „@ard, @radiobremen: Das können Sie Ihren Gästen in Neapel anbieten! Hier kommen Sie damit nicht durch.“

Das Netz heult auf: „Ach was!“

Verfasst vom 19. bis 21.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Comeback des guten Gefühls

Zwischen Hasspostings, Fake News und Koreakrise, Syrien trotzend und Trump ignorierend: ein Liedchen. »Amar Pelos Dois« ein kleines Stück Musik stemmt sich gegen den Zeitgeist. Und plötzlich verstehen wir Portugiesisch, ohne viel zu verstehen. Aus dem kleinen gebeutelten Land, wo Europa ins Wasser fällt, packen uns Töne, die wir so zart lang nicht mehr an uns herangelassen haben.

Salvador Sobral hat gestern Abend ein Wunder vollbracht. Hier im Land der Angstgeplagten und Schlafgestörten konnten wir für eine Nacht wieder glauben, alles wird gut. Vermutlich, ja ganz wahrscheinlich wird es das nicht. Der Alltag, die Tagespolitik, ein Troll, irgendwas wird uns bei den Beinen packen, bevor wir abheben. Aber das Erlebte ist nicht auszulöschen. Der Traum vom Fliegen bleibt. Gerade mit gestutzten Flügeln. Irgendwo werden wir dieses verloren gemeinte Gefühl der Leichtigkeit abspeichern. Es wirkt nach.

Ja, der Mensch ist gar nicht so schlecht. Und er muss nicht immer laut sein, es muss nicht immer alles Millionen einspielen und sowieso kann man nicht alles in Geld umrechnen. Verstehen wir diese drei Minuten Klang als Ermutigung! Wir müssen uns ja nicht alle gleich bei den Händen nehmen und wie von Liebe berauscht den Planeten platttanzen – täte ihm auch nicht gut – aber wir sollten uns hin und wieder bewusst sein, dass wir es im Grunde könnten – und wir sollten uns eingestehen, dass jedem von uns gelegentlich genau danach ist.

Könnte aus dieser Eurovision nicht eine Vision werden?
Haben wir denn vergessen…?

Verfasst am 14.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Oktober 2016 | Kommentare deaktiviert für Knockin‘ on Heaven’s Door meets Grillparzer

matthias-schumacher_nachlass

Derzeit ordne ich meinen Nachlass. Ich habe, wie es sich für einen ängstlichen, übertrieben vorsichtigen Menschen gehört, die notwendig gemeinten Versicherungen abgeschlossen, eine Bestattungsverfügung und mein Testament verfasst. Meine literarischen Arbeiten werden in freundschaftliche Hände kommen, falls diese Hände dann nicht schon kalt sind. Ich bin mitnichten krank, aber ich bin Träumer genug, um mir jederzeit das Schlimmste ausmalen, und Realist genug, es mir nicht ausreden zu können. Ab 40 nehmen die finsteren Gedanken zu und man beginnt einen Dialog mit der Endlichkeit, die man mit 20 für eine Fata Morgana hielt und mit 30 noch in weiter Ferne wähnte. Es spricht sich leichter, wenn der Papierkram vom Tisch ist. 

Künstler arbeiten, um den Tod zu überleben. Da soll was bleiben. Darum liegt, was ich der Nachwelt hinterlassen will, einigermaßen sortiert, dem Anlass angemessen in tiefschwarzen Kartons. Vorsorglich legte ich dennoch einige Silikagel-Beutel dazu, die im Falle längerer Lagerung Feuchtigkeit absorbieren. Stockflecken sind nicht schön und mindern den Wert. Im Museum wie bei Ebay. Wer weiß, wo das Zeug tatsächlich einmal landen wird. 

Was habe ich in den vergangenen Jahren vor mich hingereimt! Gegen die Zeit und gegen jeden Trend, weit an allem vorbei, das von Kritik, Leser und Jurys beachtet wurde. Wer unbehelligt vom Erfolg nur für sich schreiben will, der reimt. Die Ignoranz des Literaturbetriebs ist ihm sicher. Nur wer nicht reimt, hat heute noch eine Chance auf einen Literaturpreis. Und nur wer einen Preis bekommen hat, wird vielleicht verlegt. Nur wer verlegt wird, bekommt einen Preis. Und überhaupt ist alles Schiebung. Wer reimt, findet sich irgendwann damit ab, nicht in die Zeit zu passen, und hofft auf ein Leben nach dem Tod.

„Will unsre Zeit mich bestreiten,
Ich laß es ruhig geschehn,
Ich komme aus andern Zeiten
Und hoffe in andre zu gehn.“

Den guten Grillparzer würde heute auch keiner mehr kennen, wenn er nicht von gestern wäre. 

Zeiten kommen und gehen und Literaturnobelpreise gehen oft seltsame Wege. Heuer an Bob Dylan. Reimte der nicht sea auf free und see? Und in einem anderen Welthit me auf see und auch anymore auf door. Pulitzer-Preis, Nobelpreis. Milliarden Menschen singen seine Poesie und verehren den, der sie weise erdachte oder einfach dreist klaute. Dem einen reißen seine Verse die Seele auf, anderen schließen sie Wunden. Öffnen und Heilen. Mehr geht nicht. 

Ich schieb meine Kartons beiseite, dichte und geh in andre Zeiten. Einer muss ja vorangehen.

Knockin‘ on Heaven’s Door?
Verschoben! 

Verfasst 13./14.X.2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Juli 2016 | Kommentare deaktiviert für Halbzeitbilanz

FM

Legen Sie die Arbeit nieder! Werfen Sie den Hammer in die Ecke! Hören Sie um Himmels Willen auf! Egal womit. Aber hören Sie auf, sobald jemand in Ihrer Gegenwart Cicero zitiert: „Fange nie an aufzuhören…“ Und dann laufen Sie und – ja – hier gilt, nur hier: Hören Sie nie auf! Laufen Sie weit und verstecken Sie sich! Graben Sie sich ein! Dieses Halbzitat könnte Ihre Verdammnis bedeuten, eine immerwährende Folter, Qual, ein langes Sterben ohne Tod. Die Hölle auf Erden.

Ich weiß, wovon ich rede. Wahrscheinlich weiß es keiner besser als ich. Nun, 40 Jahre alt, meine ich, dass es kaum etwas Wichtigeres im Leben gibt, als den Moment zu erkennen, an dem man aufhören sollte. Auf dem Absatz kehrt zu machen, Schluss. Nicht mehr nachlaufen, falschem Stolz oder einem Ansporn folgend, nicht glauben, sich (etwas) beweisen zu müssen. Einfach aufhören und kein Thomas Gottschalk werden.

Ich habe nicht das Talent zum Schlussmachen. Ich klebe. An Ideen, an Menschen, selbst an jenen, die sich längst von mir gelöst haben. Vielleicht bin ich lästig. Ich nenne es treu. Wen ich einmal ins Herz geschlossen habe, der Ciceroverscheißt nicht so leicht bei mir. Ich kann kaum aufhören, ihn zu mögen. Doch ich verschenke meine Zuneigung ebenso schnell wie meinen Hass. Auch hier kann ich nicht aufhören.
Es gibt Menschen, die hasse ich seit Kindertagen und noch heute wie damals, manche heute noch mehr. Ich hasse etliche meiner Kindergärtnerinnen und zig Lehrer und Schulkameraden.
Ich entschuldige nichts und falls, sind Entschuldigungen nicht nötig.

40 Jahre. Seit 17 Jahren Dichter. Autor mit journalistischen Anklängen. Kein Journalist! Seit sieben Jahren verstärkt im Netz. Manchmal politisch, lieber und öfter poetisch. Seit meinem 17. Lebensjahr versuche ich, von der Kunst, ausschließlich von der Kunst zu leben. 23 Jahre! Mehr als mein halbes Leben.

Sich im Kreis zu drehen, bedeutet nicht, innerlich stillzustehen. So wurde ich weltläufig, ohne physische Reisen unternommen zu haben, lernte die Abartigkeit und raren Liebenswürdigkeiten der Menschen, das Leben und Armut kennen. Ich habe erlebt, was echter Hunger ist, weiß wohl, wie schnell man ohne Dach über dem Kopf dasteht und doch habe ich weitergeschrieben, Eigenes publiziert, weil der Glaube an das Gute immer die Vernunft besiegt. Scheitern aus eigener Kraft, ja! Ich habe mich nicht auf andere verlassen und es immer abgelehnt, zu kungeln oder mich einem vermeintlichen Markt entgegenzubiegen. Marketingtricks lagen mir fern. Ich glaubte zwei lange Jahrzehnte, es würde genügen, meine Zeilen für sich sprechen zu lassen. Und währenddessen sah ich viele an mir vorüberziehen, deren Arbeiten nichts sagten, die es aber verstanden, ihre Werke schön und wichtig zu reden. Doch einige, die andere Felder glücklich bestellten, blieben an meiner Seite. Die wahren Freunde, die man in der Not erkennt, verliert man auch nicht, wenn sich die Not über Jahre, Jahrzehnte erstreckt.

Heute will ich also erkannt haben, dass ich längst hätte aufhören sollen. Und natürlich werfe ich in diese flammende Erkenntnis noch eine Schippe Pathos. Man ist doch als Dichter etwas Besonderes. Besonderer als die Millionen, die ebenso mit ihren Berufen und Berufungen hadern, eher schlecht als recht davon leben und nicht vorankommen. Doch „es ist hier nicht der Ort, um die besonderen Aufgaben des Dichters als eines besonderen Werkzeuges der Menschen aufzuzählen und zu erläutern“, zitiere hier ich Hermann Hesse und will es dabei belassen.

Wie weiter?
Fernando-pessoaFernando Pessoa, der einflussreichste moderne Dichter Portugals schrieb seine Werke für die Truhe. Über 25.000 Fragmente fanden sich nach dessen Tod in seiner Wohnung. Seine Notizen, denen er selbst den Titel Buch der Unruhe gegeben hatte, erschienen erst 1982, ganze 47 Jahre nachdem er in Lissabon gestorben war.

RimbaudDer Franzose Arthur Rimbaud, ohne den es den literarischen Expressionismus oder die surrealistischen Meisterstücke eines Pablo Picasso vielleicht so nie gegeben hätte, dichtete nur von seinem 15. bis zum 19. Lebensjahr und wandte sich danach seinen vielen anderen Leben zu, getreu Ciceros zweiter Zitathälfte „höre nie auf anzufangen.“

Es gibt kein literarisches Erfolgsmodell, Zehntausende Bücher erscheinen jährlich allein in Deutschland. Die Bestenlisten erklimmt lediglich ein Bruchteil, der zu oft ein kläglicher ist. Die Zahl der Bücher, die niemals erscheinen, mag bei Hundert mal Zehntausend und höher liegen. Von ihnen werden viele kaum weniger Wert sein als die meistverkauften. Der Wert eines Buches ist nicht an Verkaufszahlen zu messen. Das wusste ich schon vor 23 Jahren und dass es für mich schwer würde, war vorhersehbar. Letztlich hatte ich nur die Wahl, in einem Beruf mit festem Gehalt und trügerischen Sicherheiten 50 Jahre vor mich hin zu siechen oder alles auf eine unbekannte Karte zu setzen. Kurzum: Ich hatte keine Wahl. Es ist die vordringlichste Pflicht aller Träumer und Idealisten, ihr Leben gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand zu richten und ihn mit ihren Ideen aus der Irrenanstalt zu befreien.

40 Jahre, da spricht man hoffnungsvoll von Halbzeit und ich verdränge gern, dass Pessoa weitestgehend ungelesen nur 47 wurde und Rimbaud gar nur 37. Mit 40 ist es fast zu spät, um jung zu sterben.

Hermann_Hesse_1926_by_Gret_WidmannIch bleibe meiner Haltung, dem Selbstverständnis, dem Selbstzweifel und auch der Zuversicht eines Hermann Hesse treu und setze auf weitere 45 Jahre.
Genug Zeit für eine zweite Spielhälfte plus Nachspielzeit. Auch wenn man angeschlagen ist, wenn man zurückliegt, ist die Niederlage nicht ausgemacht. Man geht doch in der Halbzeitpause nur vom Platz, um sich frisch zu machen.

Und kommt dann wieder.

Verfasst im Juni und Juli 2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Foto „Fußballplatz im Nebel“ von Felix Meyer (Flickr, CC 2.0)