Author: Matthias Schumacher | Date: 28. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für „Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt“ – Kommentar zur Ehe für alle –

Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, wird der Deutsche Bundestag an diesem Freitag den Weg für die Ehe für alle freimachen. Es ist an der Zeit, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und zeitgemäß zu handeln. 17 Jahre nachdem es die Niederlande als erstes Land der Welt vormachten. 17 Jahre!

Verlorene Jahre.

Statt mit unseren niederländischen Nachbarn gleichzuziehen, einigte sich die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder im Jahr 2001 auf das Lebenspartnerschaftsgesetz. Das war immerhin etwas. Das war weit mehr als unter einem Kanzler Kohl je denkbar gewesen wäre. Das war nicht genug. Und so kam auch mehr. Aber bis zum heutigen Tag nicht alles.

Doch alles muss hier das Mindeste sein.

Es geht nicht um ein paar Euro, die man verschmerzen könnte. Es geht nicht um den Begriff Ehe. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Und Liebe. Liebe, ein Begriff der sich weder im Bürgerlichen Gesetzbuch noch im Grundgesetz findet. Ein Gefühl, das weite Teile unseres Handelns bestimmt, das vieles leichter und erträglicher macht. Ein Gefühl, das, wenn es gleichgeschlechtliche Partner für einander empfinden, kein Gefühl zweiter Klasse mehr sein darf.

Wer in Windeseile Gesetze gegen Hass durchpeitscht, darf sich Gesetzen für die Liebe nicht entgegenstellen. Der Gesetzgeber ist groß und stark im Einschränken von Freiheiten. Wenn es aber darum geht, Freiheiten einzuräumen, zögert und zaudert er mitunter Jahre und manchmal Jahrzehnte.

Mit der Ehe für alle geht Deutschland einen Schritt nach vorn. Die deutliche Mehrheit der Menschen im bevölkerungsstärksten Land Europas ist längst dafür bereit gewesen. Nun wird der Volkswille geltendes Recht. Und Deutschland wird gerechter und moderner, kommt im Heute an. Heute, das ist eben nicht nur Atomausstieg und Industrie 4.0, es ist auch die Ehe für alle als selbstverständlicher Bestandteil einer weltgewandten und offenen Gesellschaft. Und es schadet hier einmal gar nicht, wenn wir uns aufs Podest stellen und sagen: „Ihr Österreicher, Slowenen und Slowaken, Ungarn… seht her und folgt uns!“

Helmut Kohls Ausspruch von der Einheit der Nation, von der geschichtlichen Stunde, er sollte allen ein Wegweiser auch in der Frage der vollständigen Gleichstellung Homosexueller sein. Der Mantel der Geschichte trägt in dieser Woche alle Farben des Regenbogens. So nah war er nie zuvor. Wer da nicht zugreift, muss schon blöd oder böswillig sein.

Und wenn wir am Freitag nun ein letztes Stück alte Bundesrepublik hinter uns lassen und wenn Helmut Kohl am Samstag seine letzte Ruhe findet, gehen wir durch blühende Landschaften in eine neue Zeit.

Ja, es darf uns feierlich zumute sein.

Verfasst am 27. und 28.VI.2017.
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für Ich hab noch eine Schuld


 

Ich hab noch eine Schuld
Tief unten im Gepäck,
An Stahlseiln der Geduld
Beinbaumelnd im Versteck.

Unter verdrängten neuen
Diese alte unverjährte,
Waidwunde, die Bereuen
Und Vergebung mir verwehrte.

Die bei jedem Gehen
An meinen Knien rieb,
Die bei jedem Stehen
Ihre Spitzen in mich trieb.

Kein Vor und kein Zurück
Ohne sie seit frühen Tagen,
Gezerrt durch jedes Unglück
Und doch nicht abgetragen.

Noch wie neu und unberührt.
Wie wird man schuldenfrei?
Wie wird man rückgeführt
Und stirbt kein Stück dabei?

Ich öffne nicht die Laschen,
Bleib schuldig nur darum:
Man krempelt weder Taschen
Noch Leben einfach um.

 

 

Foto: Anthony Catalano (flickr), CC 2.0
(zeigt nicht Matthias Schumacher)
Gedicht verfasst im August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die neue Macht des bösen Händchens

Geschüttelt oder gerührt. Der Handschlag ist zum Gradmesser der weltpolitischen Stimmungslage geworden. Matthias Schumacher nimmt seine Leserschaft in dieser Kolumne sanft an die Hand und führt sie bis in ihre Kinderstube.

Seit Donald Trump die Hände im Spiel hat, sind Umgangsformen in der Politik wieder ein Thema. Jeder Handschlag des graublonden Rüttelbären aus Washington wird zur Zerreißprobe von Maßanzug und Schultermuskulatur, jedes ausgelassene Händeschütteln zur Schicksalsfrage künftiger bilateraler Beziehungen. Jetzt kriegen wir was zu sehen und meinen ungefähr zu wissen, woran wir sind.

Jahrelang konnten wir nur raten, welche Stimmung sich hinter Putins maskenhaftem kalten Grinsen verbarg und ob die Mundwinkel der Kanzlerin an diesem Tag nicht einfach nur besonders stark der Erdanziehung nachgaben. Ein Trump geht um die Welt. Dank ihm zeigt man nun von vornherein ganz offen, was man vom anderen hält und was unsereins erwartet. „Reich mir die Hand mein Leben, // Komm auf mein Schloss mit mir“¹ – oder fahr zur Hölle.

Wir müssen uns erst reinfummeln und bewegen uns im Bereich von Spekulation und Interpretation meist in Richtung Eskalation. In Sozialen Medien mindestens fünfmal pro Viertelstunde. Die nicht entgegengenommene Begrüßung führt direkt zur größtmöglich anzunehmenden Katastrophe.

Die neue Macht des bösen Händchens spüren wir vor allem an den Kehlen. Atemlos durch die Macht. Sauerstoffmangelnd taumelt die Deutung eines verpatzten Handshakes für uns zwischen baldigem Handelskrieg und sofortigem atomaren Erstschlag. Aber ehrlich, es kann doch in keinem Fall schaden, Trockenobst und Wasser für 14 Tage einzulagern und die Jodtabletten bereitzuhalten.

Wie wurden wir von besorgten Tanten zurechtgewiesen, wenn wir ihnen im zarten Alter von vier Jahren das böse Händchen gaben – oder das gute Händchen nicht auf die richtige Weise! Wie sollten wir gescholtenen Kinder ahnen, dass Tantchen das weltpolitische Ausmaß einer falschen Geste mahnend vor Augen stand? Wie ahnen, dass wir für die olle Tante potenzielle Weltenlenker waren? Ohne Knigge fährt man auf diplomatischen Kanälen die Welt schnell an die Wand. Jeder verkorkste Handschlag: ein Schlag ins Gesicht oder ins Wasser. Mit unabsehbaren Folgen für das Fortbestehen der Menschheit.

Viele von uns sind über die Jahre, auch aus hygienischen Gründen, fast ganz vom Händeschütteln abgekommen. Manche nicken einander nur noch zu. Tantes Kinderstube fast vergessen. Nun werden wir erinnert. Vom 45. US-Präsidenten, der uns eindrücklich vorführt, wie man es nicht macht. Und wir fragen uns, wann der kleine Donald diese Barkeeperin kennenlernte, die den störrischen Jungen so lang schüttelte, bis er sie zornig „Fake-Tante“ nannte.
Sowas prägt.

 

¹ W. A. Mozart „Don Giovanni“, Erster Aufzug
Foto: golanlevin (flickr), CC BY 2.0
Verfasst am 29. und 30.V.2017 in Berlin.

© Matthias Schumacher