Author: Matthias Schumacher | Date: 11. September 2015 | Kommentare deaktiviert für Das neue eBook ab sofort im Handel: Matthias Schumacher »Nachlass« Gedichte

Matthias Schumacher NACHLASS GedichteEin verwaistes Nest.
Ein kleiner Bruder, der malträtiert wird.
Liebe wie ein flirrender Südwind.
Bojen am Kai.
Trotz. Stille.
Börsenschluß.
Ein exhibitionistischer Mond, nackte Leute.
Matthias Schumacher versteht es, in seinem zweiten Gedichtband von ihnen und sich zu erzählen. Dieser Nachlass ist ein poetisches Lebenszeichen in klassischem Takt.
Eindringlich pochend, kurz wummernd.
Sanft. Stark.
Ein Wechselspiel, doch kaum gefährdet, aus dem Rhythmus zu geraten.

 

Erhältlich bei

 

Amazon Kindle-Shop | Apple iBookstoreGoogle Play

 

Thalia | WeltbildHugendubel | buch.de | bücher.de
Barnes & Noble | KoboEpubli

 

Leseprobe (PDF)

 

 ♦

Author: Matthias Schumacher | Date: 7. September 2015 | Kommentare deaktiviert für Booker, der Überläufer

Jens war ein Loser und so weit ich seinen Lebensweg verfolgte, hat sich daran bis heute nichts geändert. Er hat mit seinen Haarspitzen bestenfalls die Stufe zum Mittelmaß berührt, nur einmal überwand er sie, wenn eben auch nur mit seinen Haaren, die ich nach wie vor schön und tiefschwarz in Erinnerung habe, so schwarz wie jener Tag als er Alex, den Rotfuchs, und mich, den Blondgelockten, weit unter dieser unüberwindbaren Hürde zurückließ.

Es muss Mai gewesen sein, denn unsere Klassenfahrten fanden meist im Mai statt, wenn die Sonne schon am frühen Morgen trügerisch lockte und man am vereinbarten Treffpunkt vor der Abreise fror, weil man sich viel zu dünn angezogen hatte. Im Mai 1991 trafen wir uns am Bahnhofsvorplatz. Gen Westen sollte es gehen. Nach der Wende ging es nur noch nach Westen. Die Klassenlehrer schlugen uns ausschließlich Ziele auf dem Territorium des einstigen Klassenfeindes vor, die sie selbst gern einmal besuchen wollten. Kleine Traumziele im Spessart oder in den Alpen.

Und so standen wir wieder viel zu lang vor der Zeit, gekleidet in eine Mischung aus Ost- und Westklamotten, 14jährig und pickelig und frostig. Mit den Füßen hatten es die meisten von uns längst in den Westen geschafft. Turnschuhe und Jeans Made in West-Germany waren Pflicht, darüber sahen viele von uns noch ostig aus.
Alex und ich warteten also auf Jens, abseits der anderen, so abseits wie es uns rangmäßig zustand. Wir warteten und ich dachte schon, Jens macht’s richtig, der drückt sich, macht auf krank und hat eine Woche Ruhe. In mir stieg Neid und Bewunderung auf. Dann erkannte ich ihn.

Er stand längst bei den anderen. Bei denen! Alex wusste es bereits vor meinem Eintreffen, hatte unser Band des Schweigens aber nicht durchbrochen. Vielleicht wollte er mir noch einige Minuten in dem Glauben schenken, auch Jens wäre noch mit uns verbunden. Aber Jens hatte alles zerrissen wie ein Absperrband, hatte eine unsichtbare Grenze überwunden, eine Ziellinie. Jens war übergelaufen. Mit Haut und Haar. Aalglatt wie seine neue Frisur, deretwegen ich ihn nicht erkannte. In der Vorwoche noch zotteliger Wildwuchs, nun kürzer, gestylt, gegelt, zurückgekämmt. Nach und nach kamen auch die restlichen Mitschüler und die neue Gesellschaft um Jens wuchs und mit ihr wuchs Jens. Aus dem ohnehin großen Typen war ein Riese geworden, beachtet von dem Mädchen, umringt von den Großmäulern.

Alex und ich mussten uns das genauer anschauen und schnappten je näher wir kamen immer öfter den Namen „Booker“ auf. „Booker“ war eine angesagte US-amerikanische TV-Serie, Ableger von „21 Jump Street“ mit Johnny Depp. Dennis Booker wurde gespielt von einem muskulösen Halb-Italo-Schönling namens Richard Grieco. Und Jens hatte nun dessen Frisur. Sagte Jens. Jeder musste aber schon beim ersten Blick feststellen, dass der blasse Jens nicht ansatzweise die Frisur trug, durch die alle BRAVO-Leserinnen dieser Tage liebend gern mit ihren Fingerspitzen gefahren wären. Jens war nicht Grieco. Jens war nicht Booker. Jens war Jens. Doch auch wenn er in unserem Kaff keine Friseurin gefunden hatte, die ihm den echten Booker-Schnitt verpassen konnte, war er doch an diesen Morgen für die anderen Booker, der Held. Und für Alex und mich Booker, der Überläufer, der trottelig neben den wirklich beliebten Jungs stand, mitlachte, wenn er meinte, dass es etwas zu lachen gab, Jens Booker, der denen, die ihn duldeten, näher stand als uns, den anerkannten Außenseitern, deren Humor er teilte. Er zog es vor, bei ihnen statt mit uns zu sein.

Ich sah Alex in die Augen, sah seine Fassungslosigkeit, dachte, was er dachte, und fühlte, was er fühlte. Diesen kalten Verrat. Dieses Verlassensein. Diese ekle Bereitschaft, für die Gesellschaft einiger falscher Freunde die wahren zurückzulassen. Zum ersten Mal ging mir ein Akt von Opportunismus so nah. Wir waren da einiges gewohnt. Nach dem Zusammenbruch der DDR hatten viele über Nacht Ansichten, von denen wir tags zuvor nicht zu träumen gewagt hätten. Aber fast jeder von uns konnte nachvollziehen, warum viele ihr Fähnlein in den Wind hangen. Doch diesmal ging es nicht um Parteibücher und Ideologien, nicht um Karriere. Es ging um Freundschaft. Ich hätte Jens die Fresse polieren können. Bis heute muss ich mich zusammenreißen, wenn ich Opportunisten begegne; wenn einer sich ohne jede Not auf eine andere Seite schlägt.

Alex und ich machten zwei Anläufe, Jens zur Rede zu stellen, mittelmäßig engagiert. Es war sinnlos, keine Antwort hätte uns befriedigt. Wir zwei blieben auf dieser Klassenfahrt allein inmitten all der anderen und bald waren Jens‘ Haare nachgewachsen, etwas unsortierter und der Lack der Sensation ab. Immerhin hatte er sich gesellschaftlich dauerhaft in die zweite Riege unserer Klasse hochfrisiert. Alex und ich wurden weiterhin beim Fußball im Sportunterricht als Letzte gewählt und verfehlten wie eh und je jeden Ball, den, hätten wir ihn getroffen, Jens wie eh und je nicht gehalten hätte.

 

 
Text: ©Matthias Schumacher, 2015

Author: Matthias Schumacher | Date: 3. August 2015 | Kommentare deaktiviert für Randnote MMCLXXXV

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Juli 2015 | Kommentare deaktiviert für Poster

Es gab Zeiten, da haben wir alles von unseren Stars und Idolen gesammelt. Jeden Schnipsel, der in „Bravo“, „Popcorn“ oder „Neues Leben“¹ stand. Wir hefteten uns Sticker an die Shirts, reisten den Unerreichbaren nach oder sehnten uns über die Mauer zu ihnen. Unsere Zimmer tapezierten wir mit ihren Fotos— Poster über Poster. Und während wir sie anschmachteten, fragten wir uns, was unsere Stars wohl grad dachten und taten.

Heute wissen wir es. Sie tapezieren selbst unsere Wände. Mit all ihren Fotos vom letzten Shooting oder (hübsch zurechtgemacht) zwei Minuten nach dem Aufwachen, reichlich gefüllten Vorspeisentellern, leergegessenen Vorspeisentellern, mit kruden Meinungen und wirren Thesen, alten Netzfundstücken, neuen Meldungen des Tages, Katzenvideos, Fotos ihrer Freundesfreunde, Links zu ihrer noch offizielleren Fanseite, mit empörten Hinweisen auf eine gefakte Fanseite, mit beknackten Petitionen, anderen Gutmenscheleien und ähnlichen Albernheiten. Manchmal, es ist selten geworden, pinnen sie sogar an die Wand, woran sie gerade arbeiten. Das scheint unwichtig geworden und Beiwerk zu sein. Existenzgrundlage der Stars im dritten Jahrtausen ist das permanente Da-Sein. „Guten Morgen.“ „Hallo aus dem Zug.“ „Bin im Flieger, melde mich.“ „Gruß zwischendurch.“ „Gute Nacht, Ihr Lieben.“ „Guten Abend!“ „Wie war Euer Tag?“

Vermeintliche Nähe. Mit den Stars auf du und du. Die Sehnsucht wird gekillt. Der Hunger gestillt, bevor wir ihn haben. Wie Stopfgänse hat man uns am Schlund gepackt– und gib uns, yeah! Hurra, wir platzen! Infos, News, Wiederholungen („Auf den Tag 10 Jahre her, erinnert Ihr Euch?“), Nachrufe auf Helden unserer Helden („Ich habe ihn als Kind geliebt!“) Inszenierung meets Instrumentalisierung. Positionierung mit Datenkrallen aus unnützem Wissen im Gedächtnis der Fans. Den Posten um keinen Preis aufgeben. Posting. Posing. Popstar, PoStar, Popoblitzer…

Was haben Stars noch vor 30 Jahren gemacht, ohne online in sozialen Netzwerken mit jedem Fan verbunden zu sein? Wie blieben sie ohne diese Dauerpräsenz Stars? Wie schafften sie es, eine Platte rauszubringen, auf Tour zu gehen und dann zwei Jahre bis zum nächsten Album in der Versenkung zu verschwinden, ohne dass wir sie in der Zwischenzeit vergaßen? Sich rar machen, um geliebt zu bleiben… Das ist vorbei.

Ich vermisse die Zeiten, als die Poster schwiegen.

 

¹ „Neues Leben“ war eine beliebte Jugendzeitschrift in der DDR

 

©Matthias Schumacher 30.VII.2015

Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Juni 2015 | Kommentare deaktiviert für

Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Mai 2015 | Kommentare deaktiviert für Gottschalk, der Günstige

Gottschalk by Christliches Medienmagazin pro

Wenn Deutschlands zweitliebster TV-Moderator, Thomas Gottschalk, auf des Deutschen unliebstes Kind, den Rundfunkbeitrag, trifft, kann es nur laut scheppern. Großverdiener sind uns ja per se unsympathisch. Doch wenn die Entlohnung der großen Verdienste vermeintlich ausschließlich aus dem unendlichen Gebührenfluss der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten stammt, ist das offene Fass längst zur Büchse der Pandora geworden. Wir mögen es nicht, wenn sich einer die Taschen vollschlägt. Mit Recht. Denn 17,50 Euro Gebühren im Monat sind viel. Sehr viel. Fast so viel wie 60 Cent mehr pro Tankfüllung. Oder 2 Cent mehr pro Kilowattstunde. Gefühlt jedenfalls. Da springt uns vor Wut der Knopf von der Hose.

Und wenn, wie nun ans Licht kam, einem einzigen Gottschalk nach dem Einstampfen eines erfolglosen Vorabendformats 2,7 Mio. Euro hinterher geworfen worden sein sollen, läuft die Nation Sturm und Amok. Ja, ging das denn alles mit rechten Dingen zu? Falls ja, ist es auch richtig? Moral gegen Recht. Die besondere Verantwortung Medienschaffender, die Vorbildfunktion nicht außer Acht gelassen. Mütter in Gottschalks Nachbarschaft im Berliner Prenzlauer Berg hörte man schon vereinzelt ihre Jüngsten anschreien: „Geh nicht zu fremden Leuten ins Fernsehen und lass die Finger von so viel Geld, das beult die Taschen aus!“ Aber wie voll sind Gottschalks Designertaschen denn wirklich und wie arm sind wir durch ihn geworden?

Thomas Gottschalk ist reich. Nicht so reich wie Bill Gates, aber irgendwie doch reich. Bill Gates hat aber was dafür getan. Gottschalk hingegen hat nur gelabert und sein Publikum ein Leben lang zu unterhalten versucht. Das ist recht diffus und schwer in Werte, Euro und Cent zu fassen. Da gibt es keine festen Stundensätze oder Tariflöhne. Man nimmt, was man kriegen kann. Einigen wird uns darauf, dass Thomas Gottschalk ein Vielfaches von dem besitzt, was die meisten von uns auf dem Konto haben, wenn auch kein Sehrvielfaches – wie Bill Gates. Gottschalk ist reich. Punkt. Wie reich genau, weiß nur Thomas Gottschalk. Sein Vermögen stammt aus TV- und Filmgagen, Firmenbeteiligungen, Werbeverträgen, Gala- und Event-Moderationen und wahrscheinlich aus so ziemlich allem, womit man sich seinen quasi unbezahlbaren Bekanntheitsgrad vergolden lassen kann. Dann arbeitet das Geld los, verselbstständigt sich und der Reichtum ist nur noch mit Scheidungen und Ostimmobilien aufzuhalten.

Otto Gebührenzahler sieht vor allem seinen geleisteten Zwangsbeitrag am gefühlt unermesslichen Reichtum der TV-Ikone. Tun wir mal etwas, das uns komplett gegen den Strich geht, seien wir doch mal großzügig. Nein? In der Theorie wenigstens? Okay.

Kolportiert werden 100.000 Euro pro Moderation von „Wetten dass..?“ Machte bei durchschnittlich sechs Ausgaben im Jahr, richtig, 600.000. Dann legen wir noch was drauf für weitere Formate wie „Na sowas!“ und noch einiges mehr, weil wir großzügig sein wollen. Sagen wir frei Schnauze 2 Millionen pro Jahr durch Gottschalks Tätigkeit bei den Öffentlich-Rechtlichen. Das ist hochgegriffen.

Nun machen wir es uns mildmädcheneinfach. 2 Millionen im Jahr, ganz gleich, ob Euro oder DM, ARD oder ZDF, Radio oder TV, macht geteilt durch rund¹ 40 Millionen Gebührenzahler im Jahr die stolze Summe von 0,05 Euro. Fünf Cent, die Gottschalk jeden Einzelnen von uns gekostet haben könnte. Reine Hypothese. Können ebenso gut nur 3 Cent gewesen sein. Das Ganze nehmen wir mal 30 Jahre und kommen auf stattliche 1,50 Euro. Keine 2 Euro hat uns, den einzelnen kleinen, sich immer minderwertig und machtlos fühlenden Gebührenzahler, die komplette Karriere von Thomas Gottschalk gekostet.

Doch was ist mit diesen 2,7 Mio. Euro nach dem Aus von „Gottschalk Live“? Sollen die etwa auch schon eingerechnet sein? Die Unsumme schlüge 2012 je Gebührenzahler mit erschreckenden 7 Cent zu Buche, wäre das Format laut Stellungname des WDR nicht ausschließlich durch Werbeeinnahmen finanziert worden. Viel Lärm um nichts. Aber es ist schon anrührend, wie sich Gebührenzahler um das Geld der freien Wirtschaft sorgen.

Randnote: Das gesamte Gebührenaufkommen beläuft sich derzeit auf 8,3 Milliarden Euro jährlich. In 30 Jahren sind das 249 Mrd., die bei gleichbleibendem Rundfunkbeitrag zusammenkämen. Jeder von uns wäre mit 6300 Euro dabei. Wohlgemerkt in 30 Jahren. Und ich denk mir so: Was sind dagegen die 1,50 Euro, die mich ein Thomas Gottschalk gekostet haben könnte oder ein nächster Gottschalk kosten würde? Ich sorge mich eher um die Ver(sch)wendung der restlichen 248999999998,5 Euro.

¹ Mittlerer Wert. „Das Statistische Bundesamt zählte 39 Millionen Privathaushalte, während die GEZ einen Datenbestand von 41,8 Millionen Teilnehmerkonten hat (Stand 2012, einschließlich 3,18 Millionen Konten abgemeldeter Teilnehmer).“ Quelle: Wikipedia

Fotoquelle: Christliches Medienmagazin pro (flickr) CC.20

23.05.2015
Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Mai 2015 | Kommentare deaktiviert für Verleihung 7. Deutscher Musikautorenpreis
zerlett 2a

Gewinner des Nachwuchspreises SEA + AIR mit Laudator, dem Musiker und Komponisten Helmut Zerlett ©: Matthias Schumacher – Honorarpflichtiges Bildmaterial.

In Berlin wurde gestern der 7. Deutsche Musikautorenpreis verliehen. Eine feine Sache, denn nicht etwa das Mehrheitspublikum oder ein wahllos aus Promis zusammengewürfelter Haufen, sondern eine Autoren-Jury zeichnet hierbei ihre Autorenkollegen aus. Das geht von Hip Hop über Schlager bis Musiktheater. Die GEMA als Veranstalter hat sie eben alle. Musikmarkt.de hat zur Verleihung das Wichtigste zusammengefasst, ich liefere dazu in diesem Jahr lediglich das obige honorarpflichtige Foto und ein paar Schnell- und Schnappschüsse von Sven Regener, dem ruhlosen Kämpfer für das Urheberrecht, Moderatorenlegende Dieter Thomas Heck u.a. auf meiner Facebookseite ab. Im letzten Jahr hab ich mehr geschrieben. Und nächstes Jahr mach ich das auch wieder. Wirklich! Denn das Medieninteresse ist inzwischen spürbar gestiegen und – wer weiß – wenn auch ich meinen bescheidenen Beitrag leiste, vielleicht entwickelt sich der Preis tatsächlich einmal dahin, wo er hingehört: Ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Was wäre die Musik- und Medienwelt, was wäre die Kultur ohne gute Autoren!

22.05.2015