Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Comeback des guten Gefühls

Zwischen Hasspostings, Fake News und Koreakrise, Syrien trotzend und Trump ignorierend: ein Liedchen. »Amar Pelos Dois« ein kleines Stück Musik stemmt sich gegen den Zeitgeist. Und plötzlich verstehen wir Portugiesisch, ohne viel zu verstehen. Aus dem kleinen gebeutelten Land, wo Europa ins Wasser fällt, packen uns Töne, die wir so zart lang nicht mehr an uns herangelassen haben.

Salvador Sobral hat gestern Abend ein Wunder vollbracht. Hier im Land der Angstgeplagten und Schlafgestörten konnten wir für eine Nacht wieder glauben, alles wird gut. Vermutlich, ja ganz wahrscheinlich wird es das nicht. Der Alltag, die Tagespolitik, ein Troll, irgendwas wird uns bei den Beinen packen, bevor wir abheben. Aber das Erlebte ist nicht auszulöschen. Der Traum vom Fliegen bleibt. Gerade mit gestutzten Flügeln. Irgendwo werden wir dieses verloren gemeinte Gefühl der Leichtigkeit abspeichern. Es wirkt nach.

Ja, der Mensch ist gar nicht so schlecht. Und er muss nicht immer laut sein, es muss nicht immer alles Millionen einspielen und sowieso kann man nicht alles in Geld umrechnen. Verstehen wir diese drei Minuten Klang als Ermutigung! Wir müssen uns ja nicht alle gleich bei den Händen nehmen und wie von Liebe berauscht den Planeten platttanzen – täte ihm auch nicht gut – aber wir sollten uns hin und wieder bewusst sein, dass wir es im Grunde könnten – und wir sollten uns eingestehen, dass jedem von uns gelegentlich genau danach ist.

Könnte aus dieser Eurovision nicht eine Vision werden?
Haben wir denn vergessen…?

Verfasst am 14.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Oktober 2016 | Kommentare deaktiviert für Knockin‘ on Heaven’s Door meets Grillparzer

matthias-schumacher_nachlass

Derzeit ordne ich meinen Nachlass. Ich habe, wie es sich für einen ängstlichen, übertrieben vorsichtigen Menschen gehört, die notwendig gemeinten Versicherungen abgeschlossen, eine Bestattungsverfügung und mein Testament verfasst. Meine literarischen Arbeiten werden in freundschaftliche Hände kommen, falls diese Hände dann nicht schon kalt sind. Ich bin mitnichten krank, aber ich bin Träumer genug, um mir jederzeit das Schlimmste ausmalen, und Realist genug, es mir nicht ausreden zu können. Ab 40 nehmen die finsteren Gedanken zu und man beginnt einen Dialog mit der Endlichkeit, die man mit 20 für eine Fata Morgana hielt und mit 30 noch in weiter Ferne wähnte. Es spricht sich leichter, wenn der Papierkram vom Tisch ist. 

Künstler arbeiten, um den Tod zu überleben. Da soll was bleiben. Darum liegt, was ich der Nachwelt hinterlassen will, einigermaßen sortiert, dem Anlass angemessen in tiefschwarzen Kartons. Vorsorglich legte ich dennoch einige Silikagel-Beutel dazu, die im Falle längerer Lagerung Feuchtigkeit absorbieren. Stockflecken sind nicht schön und mindern den Wert. Im Museum wie bei Ebay. Wer weiß, wo das Zeug tatsächlich einmal landen wird. 

Was habe ich in den vergangenen Jahren vor mich hingereimt! Gegen die Zeit und gegen jeden Trend, weit an allem vorbei, das von Kritik, Leser und Jurys beachtet wurde. Wer unbehelligt vom Erfolg nur für sich schreiben will, der reimt. Die Ignoranz des Literaturbetriebs ist ihm sicher. Nur wer nicht reimt, hat heute noch eine Chance auf einen Literaturpreis. Und nur wer einen Preis bekommen hat, wird vielleicht verlegt. Nur wer verlegt wird, bekommt einen Preis. Und überhaupt ist alles Schiebung. Wer reimt, findet sich irgendwann damit ab, nicht in die Zeit zu passen, und hofft auf ein Leben nach dem Tod.

„Will unsre Zeit mich bestreiten,
Ich laß es ruhig geschehn,
Ich komme aus andern Zeiten
Und hoffe in andre zu gehn.“

Den guten Grillparzer würde heute auch keiner mehr kennen, wenn er nicht von gestern wäre. 

Zeiten kommen und gehen und Literaturnobelpreise gehen oft seltsame Wege. Heuer an Bob Dylan. Reimte der nicht sea auf free und see? Und in einem anderen Welthit me auf see und auch anymore auf door. Pulitzer-Preis, Nobelpreis. Milliarden Menschen singen seine Poesie und verehren den, der sie weise erdachte oder einfach dreist klaute. Dem einen reißen seine Verse die Seele auf, anderen schließen sie Wunden. Öffnen und Heilen. Mehr geht nicht. 

Ich schieb meine Kartons beiseite, dichte und geh in andre Zeiten. Einer muss ja vorangehen.

Knockin‘ on Heaven’s Door?
Verschoben! 

Verfasst 13./14.X.2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Juli 2016 | Kommentare deaktiviert für Halbzeitbilanz

FM

Legen Sie die Arbeit nieder! Werfen Sie den Hammer in die Ecke! Hören Sie um Himmels Willen auf! Egal womit. Aber hören Sie auf, sobald jemand in Ihrer Gegenwart Cicero zitiert: „Fange nie an aufzuhören…“ Und dann laufen Sie und – ja – hier gilt, nur hier: Hören Sie nie auf! Laufen Sie weit und verstecken Sie sich! Graben Sie sich ein! Dieses Halbzitat könnte Ihre Verdammnis bedeuten, eine immerwährende Folter, Qual, ein langes Sterben ohne Tod. Die Hölle auf Erden.

Ich weiß, wovon ich rede. Wahrscheinlich weiß es keiner besser als ich. Nun, 40 Jahre alt, meine ich, dass es kaum etwas Wichtigeres im Leben gibt, als den Moment zu erkennen, an dem man aufhören sollte. Auf dem Absatz kehrt zu machen, Schluss. Nicht mehr nachlaufen, falschem Stolz oder einem Ansporn folgend, nicht glauben, sich (etwas) beweisen zu müssen. Einfach aufhören und kein Thomas Gottschalk werden.

Ich habe nicht das Talent zum Schlussmachen. Ich klebe. An Ideen, an Menschen, selbst an jenen, die sich längst von mir gelöst haben. Vielleicht bin ich lästig. Ich nenne es treu. Wen ich einmal ins Herz geschlossen habe, der Ciceroverscheißt nicht so leicht bei mir. Ich kann kaum aufhören, ihn zu mögen. Doch ich verschenke meine Zuneigung ebenso schnell wie meinen Hass. Auch hier kann ich nicht aufhören.
Es gibt Menschen, die hasse ich seit Kindertagen und noch heute wie damals, manche heute noch mehr. Ich hasse etliche meiner Kindergärtnerinnen und zig Lehrer und Schulkameraden.
Ich entschuldige nichts und falls, sind Entschuldigungen nicht nötig.

40 Jahre. Seit 17 Jahren Dichter. Autor mit journalistischen Anklängen. Kein Journalist! Seit sieben Jahren verstärkt im Netz. Manchmal politisch, lieber und öfter poetisch. Seit meinem 17. Lebensjahr versuche ich, von der Kunst, ausschließlich von der Kunst zu leben. 23 Jahre! Mehr als mein halbes Leben.

Sich im Kreis zu drehen, bedeutet nicht, innerlich stillzustehen. So wurde ich weltläufig, ohne physische Reisen unternommen zu haben, lernte die Abartigkeit und raren Liebenswürdigkeiten der Menschen, das Leben und Armut kennen. Ich habe erlebt, was echter Hunger ist, weiß wohl, wie schnell man ohne Dach über dem Kopf dasteht und doch habe ich weitergeschrieben, Eigenes publiziert, weil der Glaube an das Gute immer die Vernunft besiegt. Scheitern aus eigener Kraft, ja! Ich habe mich nicht auf andere verlassen und es immer abgelehnt, zu kungeln oder mich einem vermeintlichen Markt entgegenzubiegen. Marketingtricks lagen mir fern. Ich glaubte zwei lange Jahrzehnte, es würde genügen, meine Zeilen für sich sprechen zu lassen. Und währenddessen sah ich viele an mir vorüberziehen, deren Arbeiten nichts sagten, die es aber verstanden, ihre Werke schön und wichtig zu reden. Doch einige, die andere Felder glücklich bestellten, blieben an meiner Seite. Die wahren Freunde, die man in der Not erkennt, verliert man auch nicht, wenn sich die Not über Jahre, Jahrzehnte erstreckt.

Heute will ich also erkannt haben, dass ich längst hätte aufhören sollen. Und natürlich werfe ich in diese flammende Erkenntnis noch eine Schippe Pathos. Man ist doch als Dichter etwas Besonderes. Besonderer als die Millionen, die ebenso mit ihren Berufen und Berufungen hadern, eher schlecht als recht davon leben und nicht vorankommen. Doch „es ist hier nicht der Ort, um die besonderen Aufgaben des Dichters als eines besonderen Werkzeuges der Menschen aufzuzählen und zu erläutern“, zitiere hier ich Hermann Hesse und will es dabei belassen.

Wie weiter?
Fernando-pessoaFernando Pessoa, der einflussreichste moderne Dichter Portugals schrieb seine Werke für die Truhe. Über 25.000 Fragmente fanden sich nach dessen Tod in seiner Wohnung. Seine Notizen, denen er selbst den Titel Buch der Unruhe gegeben hatte, erschienen erst 1982, ganze 47 Jahre nachdem er in Lissabon gestorben war.

RimbaudDer Franzose Arthur Rimbaud, ohne den es den literarischen Expressionismus oder die surrealistischen Meisterstücke eines Pablo Picasso vielleicht so nie gegeben hätte, dichtete nur von seinem 15. bis zum 19. Lebensjahr und wandte sich danach seinen vielen anderen Leben zu, getreu Ciceros zweiter Zitathälfte „höre nie auf anzufangen.“

Es gibt kein literarisches Erfolgsmodell, Zehntausende Bücher erscheinen jährlich allein in Deutschland. Die Bestenlisten erklimmt lediglich ein Bruchteil, der zu oft ein kläglicher ist. Die Zahl der Bücher, die niemals erscheinen, mag bei Hundert mal Zehntausend und höher liegen. Von ihnen werden viele kaum weniger Wert sein als die meistverkauften. Der Wert eines Buches ist nicht an Verkaufszahlen zu messen. Das wusste ich schon vor 23 Jahren und dass es für mich schwer würde, war vorhersehbar. Letztlich hatte ich nur die Wahl, in einem Beruf mit festem Gehalt und trügerischen Sicherheiten 50 Jahre vor mich hin zu siechen oder alles auf eine unbekannte Karte zu setzen. Kurzum: Ich hatte keine Wahl. Es ist die vordringlichste Pflicht aller Träumer und Idealisten, ihr Leben gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand zu richten und ihn mit ihren Ideen aus der Irrenanstalt zu befreien.

40 Jahre, da spricht man hoffnungsvoll von Halbzeit und ich verdränge gern, dass Pessoa weitestgehend ungelesen nur 47 wurde und Rimbaud gar nur 37. Mit 40 ist es fast zu spät, um jung zu sterben.

Hermann_Hesse_1926_by_Gret_WidmannIch bleibe meiner Haltung, dem Selbstverständnis, dem Selbstzweifel und auch der Zuversicht eines Hermann Hesse treu und setze auf weitere 45 Jahre.
Genug Zeit für eine zweite Spielhälfte plus Nachspielzeit. Auch wenn man angeschlagen ist, wenn man zurückliegt, ist die Niederlage nicht ausgemacht. Man geht doch in der Halbzeitpause nur vom Platz, um sich frisch zu machen.

Und kommt dann wieder.

Verfasst im Juni und Juli 2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Foto „Fußballplatz im Nebel“ von Felix Meyer (Flickr, CC 2.0)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 7. April 2016 | Kommentare deaktiviert für Zeitpoltergeist im Böhmerwald

Screen 1 ms

„Gefällt mir sehr gut und regt zum Nachdenken an.“ Größere Komplimente sind für moderne deutsche Lyrik im Internet kaum zu haben. Achten Sie mal darauf, wenn Sie sich auf eine Lyrikplattform verirren. Verirren Sie sich aber besser nicht!

Böhmermann vs. Erdoğan.
Deutschland redet wieder über ein Gedicht. Das hat es seit Grass nicht mehr gegeben. „Halt, stopp! Julia Engelmann mit ihrem One Day / Reckoning-Text!“, wird hier vielleicht einer protestieren. Das war Psychologiestudentinnen-Poesie im Jahr 2013. Das war YouTube mit etwas medialem Rückenwind, von dem sich einige Medien selbst etwas Aufwind versprachen. Aber Böhmermann 2016 ist ein Monstersturm. So mitgerissen und umgehauen hat uns davor zuletzt Grass 2012 mit „Was gesagt werden muss“ und bald darauf „Europas Schande“. Letzteres regte auch zum Nachdenken an – und es regte auf. Grass‘ Gedicht: Ein Appell, das bankrotte Griechenland nicht aus der Europäischen Union zu verstoßen.
Jetzt trug Jan Böhmermann ein Gedicht über Recep Tayyip Erdoğan vor, dem Präsidenten der Türkei, einem Land, das sich in unserer Wahrnehmung nichts sehnlicher wünscht, als Vollmitglied der EU zu werden. Trotz Griechenland, über das keiner mehr redet. Wichtiger ist (nicht weil es tatsächlich wichtiger wäre, sondern weil es viele mehr interessiert): Der wöchentliche Böhmerwahn im Blätterwald, der längst ein Böhmerwald geworden ist und der uns erst wieder freigibt, wenn das letzte Blatt gewendet und vollgeschrieben ist. Blätter im Wald gibt es wie Sand am Meer und eine Staffel Neo Magazin Royal hat bis zu 34 Folgen im Jahr und manchmal eben Folgen…

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, // dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären, Schiller, „Wallenstein“. Oder volkstümlicher frei nach Wilhelm Busch „Dieses war der xte Streich, doch der nächste folgt sogleich.“

Besonders beachtlich an Böhmermanns bislang letztem Streich, weil kaum genauer betrachtet und lediglich hingenommen, ist die gewählte Form.
Warum ein Gedicht? Warum in Reimen? Warum so old-school? Unterstellen wir Böhmermann – ungeachtet aller unnötigen Vulgarismen – etwas wie Gespür, so hat er bewusst oder unterbewusst die eingängigste und einprägsamste Kunstform gewählt. Das Gedicht. Und hier war er ausnahmsweise wirklich „genial“ (nebenbei: Unter Böhmermann-Fans das am häufigsten verwendete Kompliment. Achten Sie mal darauf!)

Welchen Gegenwind, welchen Zuspruch, welche Aufmerksamkeit gereimte Lyrik, die sich mit ihrer Zeit auseinandersetzt, erzeugen kann, hat man u.a. bei Kästner gesehen. „Herz auf Taille“ mit den herrlichen Angriffen und Beobachtungen traf 1929 den Nerv der Zeit. Leicht verständlich, jedermann zugänglich. Böhmermann, Kind seiner Zeit, ist selbst ein Nerv. Der schmerzt nicht selten, zuckt zuweilen, ist unwetterfühlig. Und wenn er nervt, dann richtig. Da helfen keine Pillen.

Böhmermann ist ein Zeitpoltergeist, der unsere Bilder wirr auf den Kopf stellt oder unsere wirren Bilder im Kopf als Realität verkauft, er hält sich an keine Regeln des guten Geschmacks und setzt uns mit seinem breit süffisanten Grinsen einen fetten Haufen aufs Wurstbrett, was er dann selbst noch viel lustiger findet als sein überschaubares Fernsehpublikum. Aber da ist seine monströse Internetfangemeinde, die genauso ist wie er, immer quengelig, immer überengagiert, immer alles besser wissend, unfehlbar, Richter, Henker; Revoluzzer an der klebrigen Tastatur mit Bio-Amarettini-Krümeln unter den Tasten J, A, N, B, Ö, H, M, E, R  (wie das jedes Mal lustvoll knirscht!); eine verschworene Gemeinschaft, die zwischen Latte macchiato und Club-Mate auf dem Weg zum Babykonzert immer noch Zeit findet, in zwei Sekunden die Welt komplett zu überblicken und so viel Internet und Wissen vor sich zu hat, dass am Ende keine Ahnung übrig bleibt. Niemand wird bisher in den Weiten des Webs kommentiert haben, wie sehr ihn Böhmermanns Verse zum Nachdenken anregen. Ja wann denn das noch!? Es ist nicht die Zeit zum Nachdenken. Es ist Böhmermanns Zeit.

Das dürften auch preisgekrönte Vertreter moderner Lyrik wie Jan Wagner, Nora Gomringer oder Daniel Falb zur Kenntnis genommen haben. Was ihnen nicht gelingt, wovon der altgediente Durs Grünbein nur träumt und was selbst einem Robert Gernhardt verwehrt blieb, schafft #JanBoehm mit seinem Schmähgedicht auf Erdoğan: Ein Stück gereimte Sprache ist in aller Munde und zumindest für einen Moment Teil des kollektiven Bewusstseins. In der Haftwirkung ist Böhmermanns Pennäler-Poesie kaum zu überbieten. Auf Schulhöfen wird sie zitiert wie anno dazumal Otto Waalkes, im Netz unermüdlich verbreitet, unermüdlich gelöscht und daraufhin noch stärker verbreitet, sie wird diskutiert, verachtet, bejubelt.
Das regt zum Nachdenken an.

Linktipp: Stefan Niggemeier | Böhmermanns Satireschmäh

 

Verfasst am 06./07.IV.2015 in Berlin
© Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2015 | Kommentare deaktiviert für Herr Jé, ein eBook!

je cover bunt versuch fächer III

Herr Jé ist dem Tode nah, verhandelt mit ihm und verschwindet.
Matthias Schumacher lässt in drei heiteren Kurzgeschichten den Dicken mit dem schütteren Haar erstmals auf die Menschheit los – und die Menschheit auf Herrn Jé.

Leseprobe (PDF)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 12. Dezember 2015 | Kommentare deaktiviert für Frau Z. nun solo und käuflich

Frau Z. Cover Matthias SchumacherKleine Überraschung für alle, die sich mit Lyrik aus dem Elfenbeinturm schwer tun, aber heitere Gedichte mögen. Ich habe ein Weihnachtspäckchen in Form eines Amazon Kindle Books geschnürt und meine fünf Gedichte mit Frau Z. reingepackt. Für einige ist Frau Zitrone sicher eine gute Bekannte. Wer meine beiden Gedichtbände kaufte, hatte sie bereits inklusive. Für alle anderen bietet sich Frau Z. nun solo an. Ein Moment guter Laune kann so leicht zu haben sein!

Hier erhalten Sie das eBüchlein >>
 

Buchbeschreibung:

Matthias Schumacher serviert in fünf humorvollen Gedichten saure Szenen eines Lebens. Da ist die erste Liebe, die Frau Z. entführte. Eine zufällige Bekanntschaft mit einem Schirmherrn. Wir sehen Frau Zitrone „lässig cool am Südpol sitzen“, erleben einen peinlichen Auftritt und erfahren das Geheimnis ihrer schier ewigen Jugend. Kurzweilig und doppeldeutig. Sauer macht tatsächlich lustig!

 

(Ein Kindle Reader ist nicht zwingend notwendig. Es gibt für nahezu alle Geräte und Betriebssysteme entsprechende Apps von Amazon.)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Oktober 2015 | Kommentare deaktiviert für Jochen

Onkel Jochen hat seiner Zukunft ein Ende bereitet. Onkel Jochen ist tot.
Der jüngere Bruder meines Vaters. 66 Jahre alt. Kurz vor der Rente. Lange Polizist in der DDR. Ein einfacher Mann. Für meinen Vater ein letztes Stück Familie. Bezugspunkt unter sechs völlig zerstrittenen Geschwistern. Überhaupt hat es unsere Familie nicht so mit Familie. Väterlicher- wie mütterlicherseits. Ich nehme mich da nicht aus. Darum habe ich Jochen selten erlebt, doch wenn, dann habe ich ihn gemocht. Er machte keine Anstalten, etwas Besseres darzustellen, als er war. Das soll was heißen in meiner Verwandtschaft.

Ich will an dieser Stelle nicht die Chronik seines Lebens nachzeichnen, dafür war er mir zu fremd und zu fern, doch allemal so nah, dass man ins Grübeln kommt.

66! Das sind noch gut 26 Jahre vor mir. Vor 26 Jahren fiel die Mauer. Und ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater mit Jochen telefonierte, der im Herbst 1989 wie wohl jeder Ost-Berliner Polizist in Alarmbereitschaft stand und gezwungen war, im Falles eines Falles gegen Demonstranten vorzugehen. „Das könnten deine Brüder sein“, höre ich meinen Vater noch sagen. Ich weiß nicht, welche Rolle Jochen im großen Räderwerk spielte. Er wird still im Hintergrund mitgeschnurrt sein als die Lebenszeit der DDR unaufhaltsam runtertickte. Er war nie der Typ für die erste Reihe, er wird es auch damals nicht gewesen sein. Noch einmal höre ich „Das könnten deine Brüder sein“, sehe meinen Vater in gedrückter Stimmung am Telefon, meine, mich Fetzen einer Diskussion zu entsinnen, die meinen Vater nicht befriedigten. Aber was hätte ihm Jochen, der Vopo, am Telefon in diesem in der Auflösung befindlichen Überwachungsstaat anderes sagen sollen als das, was die Mithörer hören wollten? Ich war 13, hörte nicht mit, stand nur dabei. Es ist 26 Jahre her.

Heute habe ich mit meinen Eltern telefoniert und man ist sich einig, dass der „Blödmann“ jetzt so ein schönes Leben hätte haben können. Rente. Lebensgefährtin. Kinder aus dem Haus und unter der Haube. Mein Opa, sein Vater, wird bald 92. 26 Jahre älter als Jochen. Vielleicht hätte diese Frist auch noch vor ihm gelegen. Wie auch immer sie ausgesehen hätte, Jochen hielt sie für nicht erlebenswert. Dies gilt es zu akzeptieren. Es ist nicht zu ändern. Das sagt sich leicht und es ist schwer. Vor einigen Jahren hatte sich auch seine Frau das Leben genommen. Jochen hat sie in ihrer Wohnung gefunden. Er lebte mit ihrem Tod, wirkte bei seinem wenigen Besuchen im Beisein seiner Freundin stabil. Nur manchmal legten sich auf die Gespräche ein paar Schatten. Wie sehr sie nach ihm griffen, wussten wir nicht.

Wieder sehe ich einen Toten, mit dem – heute – niemand gerechnet hätte. Es sind ja selten die, die fürchten oder ahnen, nicht alt zu werden. Oder die, die mit Selbstmord drohen. Es sind oft die, die den Schein wahren, uns von ihren Plänen erzählen, die versprechen, bald wieder vorbeizukommen, dies und jenes mitzubringen „Lasst mal, ihr habt das letztes Mal gemacht“…

Jochen, eines Tages kommen wir zu dir! Machs gut!