Author: Matthias Schumacher | Date: 24. August 2019 | Kommentare deaktiviert für Hermann Hesse – Annäherungsversuch an einen Berührer

Wie nähert man sich einem Übermächtigen? Sich verneigend, ehrerbietend oder frech aufmüpfig, seine Größe anzweifelnd, herunterspielend? Die Größe eines Schriftstellers misst man am besten fern der Jubiläen, zu denen Verlage besonders nach Auflage schielen und Mittelgroße zu Riesen aufblasen, die – wenn der Hauch eines Zweifels über sie hinwegzieht – zusammenfallen wie ein Soufflé. Hermann Hesse hält noch immer allen Stürmen stand, jedes Wanken, Straucheln, jeder Bruch, der frühe Selbstmordversuch, die Aufschreie und Befreiungsversuche aus bürgerlicher Enge – alles ist dokumentiert. Nichts kriegte ihn klein.

Das Nachzeichnen seiner Lebens-, selbst seiner Wanderwege hat mal wieder Konjunktur. Jener, mit dem man auf „Morgenlandfahrt“ am Blautopf, auf Suche nach dem Ich in Indien oder im Karzer des Klosters Maulbronn war, ist allgegenwärtig, doch unerreichbar. Er lehrte uns: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ So laufen viele ihm nach und gehen mit ihm in sich. Es ist nicht die schlechteste Richtung und vielleicht die einzige in ein bessere Welt. Welcher Dichter war so erfolgreich selbstsuchend wie Hermann Hesse und welcher Dichter hat dabei so tief in unsere Herzen gefunden?

Wie nähert man sich einem, der so viele berührt hat, der so individualistisch war, dass sich Abermillionen auf der Welt in ihm erkannten, mit ihm verbündeten? Viele wissen früh, wo sie im Leben hin, was, wie, wer sie sein möchten. Viele haben in der Jugend eine Lehre hingeworfen und eine andere nur widerwillig über sich ergehen lassen, doch kaum jemand war so radikal, so „ich“ im Späteren. Der lange Atem ist nicht jedem gegeben. Nicht jedes Nein in Stein gemeißelt. „Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle.“ Ein Zitat, das so oder verkürzt in kaum einer Hesse-Besprechung fehlt. Sein „Kurzgefasster Lebenslauf“ aus dem Jahr 1929 offenbart die „Abgründe“, die es zu überwinden galt. „Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein: das heißt als Dichter erfolgreich und bekannt zu sein, meistens war man leider dann schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande […] Dichter war etwas, was man bloß sein, nicht aber werden durfte.“ Hesse fand seinen Weg.

Scheitern ist nur auf dem Weg möglich. Die meisten fügen sich in von anderen vorgezeichnete Wege, mögen Sie steinig sein, voller Mühsal und Selbstaufgabe fordernd. Viele lassen sich ihre Jugendträume aus dem Kopf schlagen, lernen etwas „Anständiges“ und sterben anständig. Ihr Leben krönt ein Grabstein mit der Aufschrift „unvergessen“. Die Friedhöfe sind voll von Unvergessenen, an die sich niemand erinnert. Auf Hesses Grabstein steht allein sein Name, Geburts- und Sterbetag.

Hesse hat rebelliert und war erfolgreich dabei. Auch deshalb ist er für Abermillionen Menschen der Inbegriff der Sehnsucht nach sich selbst, einer Sehnsucht, die wir alle unterschiedlich stark ausgebildet in uns tragen, die wir aber freizulassen, zu leben, selten fähig sind oder nicht den Mut haben. Hesse ist der Bruder aller Leidenden und Unterdrückten in einer vermeintlich geordneten Welt, die nur mit Unterordnung funktioniert; ein Freund jener, die nur bei der Lektüre aus ihren Bahnen können. Doch er war kein Stern, der sich losgelöst von allem im Raum bewegte, der sich nicht an die Naturgesetze hielt. Hesse war in Wut und Verzweiflung verwurzelt, der heute wie eingangs erwähnt als übermächtig Wahrgenommene, oft ein Ohnmächtiger, ein Menschenkind, das sich mit dem Menschsein schwer tat. 32jährig schrieb er in einem Brief: „Ich bin ein Dichter geworden, aber ein Mensch bin ich nicht geworden. Ich habe ein Teilziel erreicht, das Hauptziel nicht. Ich bin gescheitert.“

Hesse war Idealist und darum ein Phantast. Das Leben ist nicht so. Nicht alle können tun, was sie wollen. Nicht alle können, was sie gern würden. Dem Sohn eines deutsch-baltischen Missionars und einer schwäbisch-welschschweizerischen Missionarstochter war ein überragendes Talent in die Wiege gelegt, ein Talent, das etwa die meisten Bewerber bei „Deutschland sucht den Superstar“ nicht haben. Doch man hört es immer wieder, dass ihnen schon seit frühester Jugend das eine klar war: Popstar oder nichts werden zu wollen. Aber soll man es trotz Piepsstimme nicht wenigstens versuchen?

Hier berührt uns Hesse, stupst: Tu es! Geh, fall, steh auf, geh weiter… „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – sein Gedicht „Stufen“. Diese Art Ermutigungen von jemandem, der alle Ängste und Tiefen kannte, seine Romane, Erzählungen und 1200 Gedichte, sind so urmenschlich, so international und zeitlos, dass ihre Botschaft auch heute noch allerorts verstanden wird. In jedem Jahr werden allein bei Suhrkamp bis zu 400.000 Hesse-Titel verkauft. Die Weltauflage liegt derzeit bei etwa 150 Millionen. Überall gibt es Träume, die nur geträumt, Leben, die nie gelebt werden. An jedem Ende der Welt unerhörte Liebe, sexuelles Verlangen, Schuldgefühle,  Außenseitertum und Einsamkeit, Krisen – unterbrochen von aufflackerndem Glück.

Ob in „Unterm Rad“ oder im „Demian“, ob im „Glasperlenspiel“ – Hesses Charaktere gehen ihre Wege und Hesse zeigt wie kein Zweiter die Schatten am Wegesrand, die Zweifel und bitteren Nöte… Und verdammt noch mal, keiner schaffte es wie er, Liebgewonnene jäh aus dem Leben zu reißen! Der unerwartete Tod ist eine von Hesses besonderen Spezialitäten, er lässt uns wie „Peter Camenzind“ mit Flüchen und Weinen zurück. Millionen warf Richards Tod aus der Bahn. Aus der Bahn ist man meist ganz nah bei sich. Hans Giebenrath ließ Hesse ebenfalls ertrinken, Magister Knecht erging es nicht anders.

Hesses Schreiben ist wie ein Versuch, uns das Radfahren zu lehren. Erinnern Sie sich, wie Ihr Vater versprach, Sie festzuhalten? Erinnern Sie sich, wie Sie mit der Sicherheit seiner Hand am Sattel die ersten Meter fuhren, wie Sie anhielten und strahlend zurückblickten, voller Stolz über Ihre Gemeinschaftsleistung? Da stand, weit, weit hinter Ihnen Ihr Vater und lachte. Sie waren allein gefahren. Ihr erster eigener Weg. Ein kleiner Betrug, ein gebrochenes Versprechen. Eine Illusion am Ende. Unvergesslich doch und so unendlich viel Selbstbewusstsein aufbauend.

Hesse ist Sattelhalter und Aus-dem-Nest-Schubser zugleich. Ein gutes Gefühl gibt er, selbst in der Verzweiflung, wenn wir gefallen sind, er spendet den Trost, nicht als erster und nicht allein gefallen zu sein.

Doch alles hier Geschriebene ist lediglich eine Interpretation, Gedanken und Empfindungen eines Autors, eines Mannes, der in vier Jahren 40 wird, der seinen Weg eingeschlagen hat, an ihm verzweifelt und in ihm Erfüllung findet. Hesse hat mich immer begleitet und an diesen Zeilen hat auch ein wenig er Schuld. Auf der „Nürnberger Reise“ glaubte ich, eine Seelenverwandtschaft zu ihm entdeckt zu haben. Seine Arbeitsweise des Müßiggangs ist mir näher als die eines Thomas Mann, „der seine Arbeit so treu und gediegen leistet.“ Seine oft volksliedhaften Gedichte, die dieser Tage wieder im Schatten seiner Romane stehen, sind mir wie ihm näher als moderne Prosadichtung, deren Kunstfertigkeit sich darauf beschränke, „dass man nach je zwei, drei, vier Worten eine neue Zeile beginnt.“ Nein, an Grass‘ „Was gesagt werden muss“ hätte auch Hesse keine Freude gehabt. Hesse, ich – Parallelen, die sich in irgendeiner Unergründlichkeit treffen und – in jedem Wortsinn – berühren. Irgendwo bei Hesse kann sich jeder erkennen.

Die Frage ist beantwortet. Wir müssen nicht ins Tessin, müssen nichts bei Wikipedia nachlesen, können die Literaturkritik, die Aufsätze und was man uns in der Schule über diesen Sonderling beizubringen versuchte, ignorieren. Selbst diesen Artikel. Hesse ist in uns. Näherungsversuche zwecklos, nutzlos. Er ist nicht das Ziel, wir sind es. Wenn wir in uns gehen, sind wir ihm nah. Das riecht nach religiöser Transzendenz und will doch nur sagen: Sei wie Du willst, dann bist Du wie er sein wollte – er selbst. Sich an einen Namen, ein Idol zu hängen, bringt nicht weiter. Es führen alle Wege nach Rom und viele in uns. Was nutzt es, sich an einen Wegweiser mit dem Schriftzug „Rom“ zu klammern? Selber gehen! Die Angekommenen, die sich am Ziel wähnen, sind verloren und werden Hesse nicht bemühen.

Jede über sein Werk hinausgehende Annäherung wäre ihm, dem menschenscheuen Vegetarier, Kleingärtner, Nacktkletterer, dem Eremiten Hesse ohnehin ein Gräuel gewesen. Am Tor zu seinem Domizil in Montagnola hatte er ein Schild mit der Aufschrift „Bitte keine Besuche“ angebracht. Wie vielen Größen haftet Hesse der Ruf an, nicht sonderlich sympathisch gewesen zu sein, es muss uns also nicht betrüben, ihm nie persönlich gegenüber gestanden zu haben. Und wenn wir, die wir uns verwandt und ihm ähnlich fühlen, tatsächlich ein wenig wie er sind, wäre er sicher froh, dass wir ihm erspart blieben.

Verfasst am 07.XIII.2012 und 24.XIII.2019
in Berlin von Matthias Schumacher.

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Juli 2019 | Kommentare deaktiviert für Ausfahrt

Die Schreiberstube eingetauscht gegen dies auf meinem Schoß, denn wer fortwährend in sich lauscht, dem schrumpft die Welt zum Kloß. Da tut man gut hinauszufahrn, ein Kloßründchen zu drehn, mittendrin in Menschenscharn das Menschliche zu sehn.
Der geht. Der steht. Der hat kein Bein. Ach, dieser ist ja eine Frau! Und jener würd gern eine sein. Und das da weiß noch nicht genau.
Wie wenig ist doch wahr die Welt, wie vieles Illusion! Und daß da keiner runterfällt, grenzt an ein Wunder schon. Die Welt ist voller Flausen, sie reizt das Füllhorn aus, und man erkennt mit Grausen: Sie ist ein Kartenhaus.
Was brennt, kann nicht bestehen, man hat es oft gesehn. Was stürmt, das wird verwehen, was mitschwimmt, untergehn.
Was hat auf dieser Erde denn dauerhaft Bestand? Wo reicht der Menschenherde die Ewigkeit die Hand? Ein Kloß, der wird verspeist, so will es die Natur – und wenn man ihn bereist, so ist das keine Kur!

Verfasst am 15./16.VI.2004 in Berlin.
© Matthias Schumacher
Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Juli 2019 | Kommentare deaktiviert für Neues eBook im Herbst 2019

Author: Matthias Schumacher | Date: 26. März 2019 | No Comments »

Vorhin, im #Netz, da hab‘ ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen: #Mensch, hat se jesagt, einmal kneift jeder ’n #Arsch zu – du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: #User WilliVKpnick, wat haste jemacht mit deiner #Lizenz zum #Leben? Un dann muß ick sagen: #YouTube #Facebook, #Twitter, #Blog, #Kommentarbereich, #Kommentare, Twitter, #Instagram, #YouTube #Comments muß ick sagen, da bin ick uff andren rumjetrampelt und andere uff mir. Da hab‘ ick mir rumjetrieben und jeschrieben – im #Internet – Tach und Nacht. Und #Gott, der #Urheber von alles, sagt zu mir: Geh off, sagt er, #WTF, #Netzsperre, #Uploadfilter, sagt er, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste mir schuldig, sagt er, wo isset?

– frei nach Zuckmayer –

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Author: Matthias Schumacher | Date: 27. Februar 2019 | Kommentare deaktiviert für VERFLOGEN. Ich kann nicht mehr fliegen, hab’s einfach verlernt, und meine Ziele liegen weit, so weit entfernt. Vielleicht könnte ich gehen – übers Meer. (Die Zeit ist vorbei!) So bleibe ich hier stehen, flügellos und vogelfrei. Ich stehe, wenn es stürmt, und stehe, wenn es schneit, und rings um mich da türmt sich sandgewordne Zeit, die durch meine Finger rann und droht, mich zu begraben – Ein Vogel, der nicht fliegen kann, den fressen bald die Raben. Ich konnte einmal fliegen in einem Traum um alle Welt, doch alle Träume liegen tot um mich – an mir zerschellt.

Verfasst 26. bis 28.XII.2008 in Berlin von
Matthias Schumacher.

Erster Entwurf
– Handschrift –


Zweiter Entwurf
– Handschrift –


Klassische Endfassung
_

VERFLOGEN

Ich kann nicht mehr fliegen,
Hab’s einfach verlernt,
Und meine Ziele liegen
Weit, so weit entfernt.

Vielleicht könnte ich gehen –
Übers Meer. (Die Zeit ist vorbei!)
So bleibe ich hier stehen,
Flügellos und vogelfrei.

Ich stehe, wenn es stürmt,
Und stehe, wenn es schneit,
Und rings um mich da türmt
Sich sandgewordne Zeit,

Die durch meine Finger rann
Und droht, mich zu begraben –
Ein Vogel, der nicht fliegen kann,
Den fressen bald die Raben.

Ich konnte einmal fliegen
In einem Traum um alle Welt,
Doch alle Träume liegen
Tot um mich – an mir zerschellt.

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Author: Matthias Schumacher | Date: | Kommentare deaktiviert für Herr Jé, ein eBook!
Herr Jé - Kurzgeschichte _ Matthias Schumacher

Herr Jé ist dem Tode nah, verhandelt mit ihm und verschwindet.
Matthias Schumacher lässt in drei heiteren Kurzgeschichten den Dicken mit dem schütteren Haar erstmals auf die Menschheit los – und die Menschheit auf Herrn Jé.

TZT:


Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2018 | Kommentare deaktiviert für Neuauflage: „Hans‘ Wunsch“

Eine Weihnachtsgeschichte vom Sehnen und Hoffen, vom Glauben und einer Gewissheit, die wertvoller ist als alle Wahrheit.

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Author: Matthias Schumacher | Date: 13. Oktober 2018 | Kommentare deaktiviert für Verkantetes Genie [Mehr in Kürze]

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Author: Matthias Schumacher | Date: 11. Juli 2017 | Kommentare deaktiviert für Sulke und ein Quickie vor Eu-Ro-Pa

Der hängt nicht kopfüber in die Arena. Der wechselt nicht für jeden Titel die Klamotten. Keine Hupfdohlen, keine Windmaschine. Stephan Sulke macht’s für heutige Verhältnisse live weit spektakulärer: Er sitzt da, spielt, singt. Und ohne erkennbare Regelmäßigkeit bringt er ein neues Album raus.

2017: „Liebe ist nichts für Anfänger“. 

Acht Jahre sind seit der letzten Produktion vergangen und Sulke, inzwischen 73, klingt wie Sulke ’76. 1976, als es nach Erfolgen in Frankreich und in den USA auch in Deutschland steil bergauf gehen sollte. Der Wiedererkennungswert ist beachtlich.

Sulke präsentierte sich hierzulande technisch nie als größter Sänger. Das hätte kaum gepasst. Eher ein bisschen nölig, ein bisschen vernuschelt und gehaucht, was er besonders in seinen Balladen gepflegt und kultiviert hat. Mit glattgebügeltem Up-tempo-Mainstream hätte er bequem brave Mitklatscher um sich scharen können. Auf die hatte er es aber nie abgesehen. Sondern auf jene, die wie er auf den Massengeschmack pfeifen und – natürlich – die Liebesgequälten. Angeknackste Herzen kriegt Sulke mit angeknackster Rauchstimmlage, die sich beispielhaft im Song „Ich geb mein Herz nie mehr“ wie ein Tenorsaxophon durch die Notenlinien schlängelt.

Dass er aber Gängiges nicht verlernt hat, beweist er mit dem Vier-Minuten-Quickie „Zwei Fremde in einem fremden Haus“. Radiotauglicher Seitensprung-Deutschpop, der sich nicht verstecken muss. Ein One-Night-Stand mit 73? So what? Why not? Kein Scherz. Auch wenn Sulke nicht immer alles wirklich ernst meint. 

Hier verspielt, dort traurig, da leicht – oder leicht traurig. Der neue alte Sulke ist wie das Leben. Und die Liebe, die wir zu kennen glauben und von der uns Sulke singt, gelingt nicht immer. „Man liebt und entliebt sich // Man hasst und vergibt sich // Und wieder verliebt man sich neu“. Eben: „Liebe ist nichts für Anfänger“.

Momentaufnahmen. Episoden. Keine langen Stories. Angerissenes und Skizzen. Beobachtungen. Witziges und Gewitztes wie in „Ich bin so traurig, Mann oh Mann“. Menschlich große Gefühle in musikalisch kleiner Besetzung. Sulke singt, wie er es sieht, nicht nur in „Eu-Ro-Pa“. Ja, Sulke macht nicht nur in Liebe, er macht sich auch Gedanken. Die sind nicht immer wohltemperiert.

Liebe ist nichts für Anfänger“ ist nicht das Alterswerk eines Künstlers, der auf Bedeutendes und bessere Zeiten zurückschaut. Es ist ein facettenreiches Album im Hier und Jetzt, in das Sulke die gesamte Bandbreite seines Könnens gepackt hat. Sympathisch echt und erdig eingespielt. Gut für alle, die sich gern den vollen Stephan mit „ph“ geben, nicht schlecht für jene, die als Nachbarn mithören müssen, wenn man als Ü40er das „Edelmetallalter“ etwas lauter mitträllert: „Silbersträhnen in den Haaren // Gold, um Zähne zu bewahren…“

Sulke bleibt sein eigenes Genre. Was Sulke macht wie Sulke, kann nur Sulke. Und so sitzt er eben nicht zwischen den Stühlen, sondern – ja – hängt eben doch von der Decke in die Arena, schaut, was da abgeht, und lässt die Löwen nach ihm schnappen. Kommen ja nicht an ihn ran.

„Liebe ist nichts für Anfänger“ ist erschienen bei staatsakt. und überall erhältlich.

Stephan Sulke Website Stephan Sulke auf Facebook    

Rückblick: Das exklusive Interview von Matthias Schumacher mit Stephan Sulke (2010).

Verfasst am 11.VII.2017. © Matthias Schumacher

 
Author: Matthias Schumacher | Date: 9. Juli 2017 | Kommentare deaktiviert für Befreiung

Das Glück, es droht nicht mehr,
Es ist – eingetreten kurz nach dir,
Und eingetreten ist die Tür,
Die ich in mir verriegelt hielt.

Im eignen Kerker nicht mehr Herr
Zu sein, durch Fremde im Revier,
Ist eine ungeübte Kür,
Die auf Befreiung zielt.

Du warfst die Mauern übers Meer,
Nahmst Dach und Nacht von mir.
Verrate dir zum Dank dafür:
Ich hab die Ketten nur gespielt.

 

 

Foto: darkday (flickr), CC 2.0
Gedicht verfasst am 02. August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in 
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 28. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für „Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt“ – Kommentar zur Ehe für alle –

Wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, wird der Deutsche Bundestag an diesem Freitag den Weg für die Ehe für alle freimachen. Es ist an der Zeit, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und zeitgemäß zu handeln. 17 Jahre nachdem es die Niederlande als erstes Land der Welt vormachten. 17 Jahre!

Verlorene Jahre.

Statt mit unseren niederländischen Nachbarn gleichzuziehen, einigte sich die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder im Jahr 2001 auf das Lebenspartnerschaftsgesetz. Das war immerhin etwas. Das war weit mehr als unter einem Kanzler Kohl je denkbar gewesen wäre. Das war nicht genug. Und so kam auch mehr. Aber bis zum heutigen Tag nicht alles.

Doch alles muss hier das Mindeste sein.

Es geht nicht um ein paar Euro, die man verschmerzen könnte. Es geht nicht um den Begriff Ehe. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Und Liebe. Liebe, ein Begriff der sich weder im Bürgerlichen Gesetzbuch noch im Grundgesetz findet. Ein Gefühl, das weite Teile unseres Handelns bestimmt, das vieles leichter und erträglicher macht. Ein Gefühl, das, wenn es gleichgeschlechtliche Partner für einander empfinden, kein Gefühl zweiter Klasse mehr sein darf.

Wer in Windeseile Gesetze gegen Hass durchpeitscht, darf sich Gesetzen für die Liebe nicht entgegenstellen. Der Gesetzgeber ist groß und stark im Einschränken von Freiheiten. Wenn es aber darum geht, Freiheiten einzuräumen, zögert und zaudert er mitunter Jahre und manchmal Jahrzehnte.

Mit der Ehe für alle geht Deutschland einen Schritt nach vorn. Die deutliche Mehrheit der Menschen im bevölkerungsstärksten Land Europas ist längst dafür bereit gewesen. Nun wird der Volkswille geltendes Recht. Und Deutschland wird gerechter und moderner, kommt im Heute an. Heute, das ist eben nicht nur Atomausstieg und Industrie 4.0, es ist auch die Ehe für alle als selbstverständlicher Bestandteil einer weltgewandten und offenen Gesellschaft. Und es schadet hier einmal gar nicht, wenn wir uns aufs Podest stellen und sagen: „Ihr Österreicher, Slowenen und Slowaken, Ungarn… seht her und folgt uns!“

Helmut Kohls Ausspruch von der Einheit der Nation, von der geschichtlichen Stunde, er sollte allen ein Wegweiser auch in der Frage der vollständigen Gleichstellung Homosexueller sein. Der Mantel der Geschichte trägt in dieser Woche alle Farben des Regenbogens. So nah war er nie zuvor. Wer da nicht zugreift, muss schon blöd oder böswillig sein.

Und wenn wir am Freitag nun ein letztes Stück alte Bundesrepublik hinter uns lassen und wenn Helmut Kohl am Samstag seine letzte Ruhe findet, gehen wir durch blühende Landschaften in eine neue Zeit.

Ja, es darf uns feierlich zumute sein.

Verfasst am 27. und 28.VI.2017.
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juni 2017 | Kommentare deaktiviert für Ich hab noch eine Schuld


 

Ich hab noch eine Schuld
Tief unten im Gepäck,
An Stahlseiln der Geduld
Beinbaumelnd im Versteck.

Unter verdrängten neuen
Diese alte unverjährte,
Waidwunde, die Bereuen
Und Vergebung mir verwehrte.

Die bei jedem Gehen
An meinen Knien rieb,
Die bei jedem Stehen
Ihre Spitzen in mich trieb.

Kein Vor und kein Zurück
Ohne sie seit frühen Tagen,
Gezerrt durch jedes Unglück
Und doch nicht abgetragen.

Noch wie neu und unberührt.
Wie wird man schuldenfrei?
Wie wird man rückgeführt
Und stirbt kein Stück dabei?

Ich öffne nicht die Laschen,
Bleib schuldig nur darum:
Man krempelt weder Taschen
Noch Leben einfach um.

 

 

Foto: Anthony Catalano (flickr), CC 2.0
(zeigt nicht Matthias Schumacher)
Gedicht verfasst im August 2013.
Erschienen im Dezember 2013 in
»NACHLASS« (Infos zum eBook).
© Matthias Schumacher

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Mai 2017 | Kommentare deaktiviert für Die neue Macht des bösen Händchens

Geschüttelt oder gerührt. Der Handschlag ist zum Gradmesser der weltpolitischen Stimmungslage geworden. Matthias Schumacher nimmt seine Leserschaft in dieser Kolumne sanft an die Hand und führt sie bis in ihre Kinderstube.

Seit Donald Trump die Hände im Spiel hat, sind Umgangsformen in der Politik wieder ein Thema. Jeder Handschlag des graublonden Rüttelbären aus Washington wird zur Zerreißprobe von Maßanzug und Schultermuskulatur, jedes ausgelassene Händeschütteln zur Schicksalsfrage künftiger bilateraler Beziehungen. Jetzt kriegen wir was zu sehen und meinen ungefähr zu wissen, woran wir sind.

Jahrelang konnten wir nur raten, welche Stimmung sich hinter Putins maskenhaftem kalten Grinsen verbarg und ob die Mundwinkel der Kanzlerin an diesem Tag nicht einfach nur besonders stark der Erdanziehung nachgaben. Ein Trump geht um die Welt. Dank ihm zeigt man nun von vornherein ganz offen, was man vom anderen hält und was unsereins erwartet. „Reich mir die Hand mein Leben, // Komm auf mein Schloss mit mir“¹ – oder fahr zur Hölle.

Wir müssen uns erst reinfummeln und bewegen uns im Bereich von Spekulation und Interpretation meist in Richtung Eskalation. In Sozialen Medien mindestens fünfmal pro Viertelstunde. Die nicht entgegengenommene Begrüßung führt direkt zur größtmöglich anzunehmenden Katastrophe.

Die neue Macht des bösen Händchens spüren wir vor allem an den Kehlen. Atemlos durch die Macht. Sauerstoffmangelnd taumelt die Deutung eines verpatzten Handshakes für uns zwischen baldigem Handelskrieg und sofortigem atomaren Erstschlag. Aber ehrlich, es kann doch in keinem Fall schaden, Trockenobst und Wasser für 14 Tage einzulagern und die Jodtabletten bereitzuhalten.

Wie wurden wir von besorgten Tanten zurechtgewiesen, wenn wir ihnen im zarten Alter von vier Jahren das böse Händchen gaben – oder das gute Händchen nicht auf die richtige Weise! Wie sollten wir gescholtenen Kinder ahnen, dass Tantchen das weltpolitische Ausmaß einer falschen Geste mahnend vor Augen stand? Wie ahnen, dass wir für die olle Tante potenzielle Weltenlenker waren? Ohne Knigge fährt man auf diplomatischen Kanälen die Welt schnell an die Wand. Jeder verkorkste Handschlag: ein Schlag ins Gesicht oder ins Wasser. Mit unabsehbaren Folgen für das Fortbestehen der Menschheit.

Viele von uns sind über die Jahre, auch aus hygienischen Gründen, fast ganz vom Händeschütteln abgekommen. Manche nicken einander nur noch zu. Tantes Kinderstube fast vergessen. Nun werden wir erinnert. Vom 45. US-Präsidenten, der uns eindrücklich vorführt, wie man es nicht macht. Und wir fragen uns, wann der kleine Donald diese Barkeeperin kennenlernte, die den störrischen Jungen so lang schüttelte, bis er sie zornig „Fake-Tante“ nannte.
Sowas prägt.

 

¹ W. A. Mozart „Don Giovanni“, Erster Aufzug
Foto: golanlevin (flickr), CC BY 2.0
Verfasst am 29. und 30.V.2017 in Berlin.

© Matthias Schumacher