Author: Matthias Schumacher | Date: 7. September 2015 | Kommentare deaktiviert für Booker, der Überläufer

Jens war ein Loser und so weit ich seinen Lebensweg verfolgte, hat sich daran bis heute nichts geändert. Er hat mit seinen Haarspitzen bestenfalls die Stufe zum Mittelmaß berührt, nur einmal überwand er sie, wenn eben auch nur mit seinen Haaren, die ich nach wie vor schön und tiefschwarz in Erinnerung habe, so schwarz wie jener Tag als er Alex, den Rotfuchs, und mich, den Blondgelockten, weit unter dieser unüberwindbaren Hürde zurückließ.

Es muss Mai gewesen sein, denn unsere Klassenfahrten fanden meist im Mai statt, wenn die Sonne schon am frühen Morgen trügerisch lockte und man am vereinbarten Treffpunkt vor der Abreise fror, weil man sich viel zu dünn angezogen hatte. Im Mai 1991 trafen wir uns am Bahnhofsvorplatz. Gen Westen sollte es gehen. Nach der Wende ging es nur noch nach Westen. Die Klassenlehrer schlugen uns ausschließlich Ziele auf dem Territorium des einstigen Klassenfeindes vor, die sie selbst gern einmal besuchen wollten. Kleine Traumziele im Spessart oder in den Alpen.

Und so standen wir wieder viel zu lang vor der Zeit, gekleidet in eine Mischung aus Ost- und Westklamotten, 14jährig und pickelig und frostig. Mit den Füßen hatten es die meisten von uns längst in den Westen geschafft. Turnschuhe und Jeans Made in West-Germany waren Pflicht, darüber sahen viele von uns noch ostig aus.
Alex und ich warteten also auf Jens, abseits der anderen, so abseits wie es uns rangmäßig zustand. Wir warteten und ich dachte schon, Jens macht’s richtig, der drückt sich, macht auf krank und hat eine Woche Ruhe. In mir stieg Neid und Bewunderung auf. Dann erkannte ich ihn.

Er stand längst bei den anderen. Bei denen! Alex wusste es bereits vor meinem Eintreffen, hatte unser Band des Schweigens aber nicht durchbrochen. Vielleicht wollte er mir noch einige Minuten in dem Glauben schenken, auch Jens wäre noch mit uns verbunden. Aber Jens hatte alles zerrissen wie ein Absperrband, hatte eine unsichtbare Grenze überwunden, eine Ziellinie. Jens war übergelaufen. Mit Haut und Haar. Aalglatt wie seine neue Frisur, deretwegen ich ihn nicht erkannte. In der Vorwoche noch zotteliger Wildwuchs, nun kürzer, gestylt, gegelt, zurückgekämmt. Nach und nach kamen auch die restlichen Mitschüler und die neue Gesellschaft um Jens wuchs und mit ihr wuchs Jens. Aus dem ohnehin großen Typen war ein Riese geworden, beachtet von dem Mädchen, umringt von den Großmäulern.

Alex und ich mussten uns das genauer anschauen und schnappten je näher wir kamen immer öfter den Namen „Booker“ auf. „Booker“ war eine angesagte US-amerikanische TV-Serie, Ableger von „21 Jump Street“ mit Johnny Depp. Dennis Booker wurde gespielt von einem muskulösen Halb-Italo-Schönling namens Richard Grieco. Und Jens hatte nun dessen Frisur. Sagte Jens. Jeder musste aber schon beim ersten Blick feststellen, dass der blasse Jens nicht ansatzweise die Frisur trug, durch die alle BRAVO-Leserinnen dieser Tage liebend gern mit ihren Fingerspitzen gefahren wären. Jens war nicht Grieco. Jens war nicht Booker. Jens war Jens. Doch auch wenn er in unserem Kaff keine Friseurin gefunden hatte, die ihm den echten Booker-Schnitt verpassen konnte, war er doch an diesen Morgen für die anderen Booker, der Held. Und für Alex und mich Booker, der Überläufer, der trottelig neben den wirklich beliebten Jungs stand, mitlachte, wenn er meinte, dass es etwas zu lachen gab, Jens Booker, der denen, die ihn duldeten, näher stand als uns, den anerkannten Außenseitern, deren Humor er teilte. Er zog es vor, bei ihnen statt mit uns zu sein.

Ich sah Alex in die Augen, sah seine Fassungslosigkeit, dachte, was er dachte, und fühlte, was er fühlte. Diesen kalten Verrat. Dieses Verlassensein. Diese ekle Bereitschaft, für die Gesellschaft einiger falscher Freunde die wahren zurückzulassen. Zum ersten Mal ging mir ein Akt von Opportunismus so nah. Wir waren da einiges gewohnt. Nach dem Zusammenbruch der DDR hatten viele über Nacht Ansichten, von denen wir tags zuvor nicht zu träumen gewagt hätten. Aber fast jeder von uns konnte nachvollziehen, warum viele ihr Fähnlein in den Wind hangen. Doch diesmal ging es nicht um Parteibücher und Ideologien, nicht um Karriere. Es ging um Freundschaft. Ich hätte Jens die Fresse polieren können. Bis heute muss ich mich zusammenreißen, wenn ich Opportunisten begegne; wenn einer sich ohne jede Not auf eine andere Seite schlägt.

Alex und ich machten zwei Anläufe, Jens zur Rede zu stellen, mittelmäßig engagiert. Es war sinnlos, keine Antwort hätte uns befriedigt. Wir zwei blieben auf dieser Klassenfahrt allein inmitten all der anderen und bald waren Jens‘ Haare nachgewachsen, etwas unsortierter und der Lack der Sensation ab. Immerhin hatte er sich gesellschaftlich dauerhaft in die zweite Riege unserer Klasse hochfrisiert. Alex und ich wurden weiterhin beim Fußball im Sportunterricht als Letzte gewählt und verfehlten wie eh und je jeden Ball, den, hätten wir ihn getroffen, Jens wie eh und je nicht gehalten hätte.

 

 
Text: ©Matthias Schumacher, 2015

Author: Matthias Schumacher | Date: 3. August 2015 | Kommentare deaktiviert für Randnote MMCLXXXV

Author: Matthias Schumacher | Date: 30. Juli 2015 | Kommentare deaktiviert für Poster

Es gab Zeiten, da haben wir alles von unseren Stars und Idolen gesammelt. Jeden Schnipsel, der in „Bravo“, „Popcorn“ oder „Neues Leben“¹ stand. Wir hefteten uns Sticker an die Shirts, reisten den Unerreichbaren nach oder sehnten uns über die Mauer zu ihnen. Unsere Zimmer tapezierten wir mit ihren Fotos— Poster über Poster. Und während wir sie anschmachteten, fragten wir uns, was unsere Stars wohl grad dachten und taten.

Heute wissen wir es. Sie tapezieren selbst unsere Wände. Mit all ihren Fotos vom letzten Shooting oder (hübsch zurechtgemacht) zwei Minuten nach dem Aufwachen, reichlich gefüllten Vorspeisentellern, leergegessenen Vorspeisentellern, mit kruden Meinungen und wirren Thesen, alten Netzfundstücken, neuen Meldungen des Tages, Katzenvideos, Fotos ihrer Freundesfreunde, Links zu ihrer noch offizielleren Fanseite, mit empörten Hinweisen auf eine gefakte Fanseite, mit beknackten Petitionen, anderen Gutmenscheleien und ähnlichen Albernheiten. Manchmal, es ist selten geworden, pinnen sie sogar an die Wand, woran sie gerade arbeiten. Das scheint unwichtig geworden und Beiwerk zu sein. Existenzgrundlage der Stars im dritten Jahrtausen ist das permanente Da-Sein. „Guten Morgen.“ „Hallo aus dem Zug.“ „Bin im Flieger, melde mich.“ „Gruß zwischendurch.“ „Gute Nacht, Ihr Lieben.“ „Guten Abend!“ „Wie war Euer Tag?“

Vermeintliche Nähe. Mit den Stars auf du und du. Die Sehnsucht wird gekillt. Der Hunger gestillt, bevor wir ihn haben. Wie Stopfgänse hat man uns am Schlund gepackt– und gib uns, yeah! Hurra, wir platzen! Infos, News, Wiederholungen („Auf den Tag 10 Jahre her, erinnert Ihr Euch?“), Nachrufe auf Helden unserer Helden („Ich habe ihn als Kind geliebt!“) Inszenierung meets Instrumentalisierung. Positionierung mit Datenkrallen aus unnützem Wissen im Gedächtnis der Fans. Den Posten um keinen Preis aufgeben. Posting. Posing. Popstar, PoStar, Popoblitzer…

Was haben Stars noch vor 30 Jahren gemacht, ohne online in sozialen Netzwerken mit jedem Fan verbunden zu sein? Wie blieben sie ohne diese Dauerpräsenz Stars? Wie schafften sie es, eine Platte rauszubringen, auf Tour zu gehen und dann zwei Jahre bis zum nächsten Album in der Versenkung zu verschwinden, ohne dass wir sie in der Zwischenzeit vergaßen? Sich rar machen, um geliebt zu bleiben… Das ist vorbei.

Ich vermisse die Zeiten, als die Poster schwiegen.

 

¹ „Neues Leben“ war eine beliebte Jugendzeitschrift in der DDR

 

©Matthias Schumacher 30.VII.2015

Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Juni 2015 | Kommentare deaktiviert für

Matthias Schumacher

Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Mai 2015 | Kommentare deaktiviert für Gottschalk, der Günstige

Gottschalk by Christliches Medienmagazin pro

Wenn Deutschlands zweitliebster TV-Moderator, Thomas Gottschalk, auf des Deutschen unliebstes Kind, den Rundfunkbeitrag, trifft, kann es nur laut scheppern. Großverdiener sind uns ja per se unsympathisch. Doch wenn die Entlohnung der großen Verdienste vermeintlich ausschließlich aus dem unendlichen Gebührenfluss der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten stammt, ist das offene Fass längst zur Büchse der Pandora geworden. Wir mögen es nicht, wenn sich einer die Taschen vollschlägt. Mit Recht. Denn 17,50 Euro Gebühren im Monat sind viel. Sehr viel. Fast so viel wie 60 Cent mehr pro Tankfüllung. Oder 2 Cent mehr pro Kilowattstunde. Gefühlt jedenfalls. Da springt uns vor Wut der Knopf von der Hose.

Und wenn, wie nun ans Licht kam, einem einzigen Gottschalk nach dem Einstampfen eines erfolglosen Vorabendformats 2,7 Mio. Euro hinterher geworfen worden sein sollen, läuft die Nation Sturm und Amok. Ja, ging das denn alles mit rechten Dingen zu? Falls ja, ist es auch richtig? Moral gegen Recht. Die besondere Verantwortung Medienschaffender, die Vorbildfunktion nicht außer Acht gelassen. Mütter in Gottschalks Nachbarschaft im Berliner Prenzlauer Berg hörte man schon vereinzelt ihre Jüngsten anschreien: „Geh nicht zu fremden Leuten ins Fernsehen und lass die Finger von so viel Geld, das beult die Taschen aus!“ Aber wie voll sind Gottschalks Designertaschen denn wirklich und wie arm sind wir durch ihn geworden?

Thomas Gottschalk ist reich. Nicht so reich wie Bill Gates, aber irgendwie doch reich. Bill Gates hat aber was dafür getan. Gottschalk hingegen hat nur gelabert und sein Publikum ein Leben lang zu unterhalten versucht. Das ist recht diffus und schwer in Werte, Euro und Cent zu fassen. Da gibt es keine festen Stundensätze oder Tariflöhne. Man nimmt, was man kriegen kann. Einigen wird uns darauf, dass Thomas Gottschalk ein Vielfaches von dem besitzt, was die meisten von uns auf dem Konto haben, wenn auch kein Sehrvielfaches – wie Bill Gates. Gottschalk ist reich. Punkt. Wie reich genau, weiß nur Thomas Gottschalk. Sein Vermögen stammt aus TV- und Filmgagen, Firmenbeteiligungen, Werbeverträgen, Gala- und Event-Moderationen und wahrscheinlich aus so ziemlich allem, womit man sich seinen quasi unbezahlbaren Bekanntheitsgrad vergolden lassen kann. Dann arbeitet das Geld los, verselbstständigt sich und der Reichtum ist nur noch mit Scheidungen und Ostimmobilien aufzuhalten.

Otto Gebührenzahler sieht vor allem seinen geleisteten Zwangsbeitrag am gefühlt unermesslichen Reichtum der TV-Ikone. Tun wir mal etwas, das uns komplett gegen den Strich geht, seien wir doch mal großzügig. Nein? In der Theorie wenigstens? Okay.

Kolportiert werden 100.000 Euro pro Moderation von „Wetten dass..?“ Machte bei durchschnittlich sechs Ausgaben im Jahr, richtig, 600.000. Dann legen wir noch was drauf für weitere Formate wie „Na sowas!“ und noch einiges mehr, weil wir großzügig sein wollen. Sagen wir frei Schnauze 2 Millionen pro Jahr durch Gottschalks Tätigkeit bei den Öffentlich-Rechtlichen. Das ist hochgegriffen.

Nun machen wir es uns mildmädcheneinfach. 2 Millionen im Jahr, ganz gleich, ob Euro oder DM, ARD oder ZDF, Radio oder TV, macht geteilt durch rund¹ 40 Millionen Gebührenzahler im Jahr die stolze Summe von 0,05 Euro. Fünf Cent, die Gottschalk jeden Einzelnen von uns gekostet haben könnte. Reine Hypothese. Können ebenso gut nur 3 Cent gewesen sein. Das Ganze nehmen wir mal 30 Jahre und kommen auf stattliche 1,50 Euro. Keine 2 Euro hat uns, den einzelnen kleinen, sich immer minderwertig und machtlos fühlenden Gebührenzahler, die komplette Karriere von Thomas Gottschalk gekostet.

Doch was ist mit diesen 2,7 Mio. Euro nach dem Aus von „Gottschalk Live“? Sollen die etwa auch schon eingerechnet sein? Die Unsumme schlüge 2012 je Gebührenzahler mit erschreckenden 7 Cent zu Buche, wäre das Format laut Stellungname des WDR nicht ausschließlich durch Werbeeinnahmen finanziert worden. Viel Lärm um nichts. Aber es ist schon anrührend, wie sich Gebührenzahler um das Geld der freien Wirtschaft sorgen.

Randnote: Das gesamte Gebührenaufkommen beläuft sich derzeit auf 8,3 Milliarden Euro jährlich. In 30 Jahren sind das 249 Mrd., die bei gleichbleibendem Rundfunkbeitrag zusammenkämen. Jeder von uns wäre mit 6300 Euro dabei. Wohlgemerkt in 30 Jahren. Und ich denk mir so: Was sind dagegen die 1,50 Euro, die mich ein Thomas Gottschalk gekostet haben könnte oder ein nächster Gottschalk kosten würde? Ich sorge mich eher um die Ver(sch)wendung der restlichen 248999999998,5 Euro.

¹ Mittlerer Wert. „Das Statistische Bundesamt zählte 39 Millionen Privathaushalte, während die GEZ einen Datenbestand von 41,8 Millionen Teilnehmerkonten hat (Stand 2012, einschließlich 3,18 Millionen Konten abgemeldeter Teilnehmer).“ Quelle: Wikipedia

Fotoquelle: Christliches Medienmagazin pro (flickr) CC.20

23.05.2015
Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Mai 2015 | Kommentare deaktiviert für Verleihung 7. Deutscher Musikautorenpreis
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Gewinner des Nachwuchspreises SEA + AIR mit Laudator, dem Musiker und Komponisten Helmut Zerlett ©: Matthias Schumacher – Honorarpflichtiges Bildmaterial.

In Berlin wurde gestern der 7. Deutsche Musikautorenpreis verliehen. Eine feine Sache, denn nicht etwa das Mehrheitspublikum oder ein wahllos aus Promis zusammengewürfelter Haufen, sondern eine Autoren-Jury zeichnet hierbei ihre Autorenkollegen aus. Das geht von Hip Hop über Schlager bis Musiktheater. Die GEMA als Veranstalter hat sie eben alle. Musikmarkt.de hat zur Verleihung das Wichtigste zusammengefasst, ich liefere dazu in diesem Jahr lediglich das obige honorarpflichtige Foto und ein paar Schnell- und Schnappschüsse von Sven Regener, dem ruhlosen Kämpfer für das Urheberrecht, Moderatorenlegende Dieter Thomas Heck u.a. auf meiner Facebookseite ab. Im letzten Jahr hab ich mehr geschrieben. Und nächstes Jahr mach ich das auch wieder. Wirklich! Denn das Medieninteresse ist inzwischen spürbar gestiegen und – wer weiß – wenn auch ich meinen bescheidenen Beitrag leiste, vielleicht entwickelt sich der Preis tatsächlich einmal dahin, wo er hingehört: Ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Was wäre die Musik- und Medienwelt, was wäre die Kultur ohne gute Autoren!

22.05.2015
Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Mai 2015 | Kommentare deaktiviert für Getroffen

War das Berlin? War ich das? Natürlich war das Berlin. Und natürlich war ich das, da vor der zerbombten Kirche, dort wo Berlin einmal zu Ende war, nicht weit vom Alexanderplatz, wo Berlin immer wieder beginnt. Dort stand ich nun, einen knappen Monat nach dem, was man in Geschichtsbüchern den Zweiten Weltkrieg nennt, an meinem ersten Nachkriegsgeburtstag. Für mich persönlich war es der erste, mein erster Welt-Krieg, obwohl ich, der über die Grenzen Berlins bis zum 16ten Lebensjahr nicht hinauskommen sollte, keinen blassen Schimmer von der Welt hatte. Berlin war meine Welt, meinetwegen Heimat, oder wie man in unserer Familie noch heute sagt: Zuhause. Und wie alle meine Geburtstage zuvor, verbrachte ich auch diesen hier in Berlin, mitten im Krieg – Zuhause. Zuhause – wo Mutter schon 1941 abgeholt worden war und wohin Vater erst 1953 zurückkehrte, woher weiß ich bis heute nicht. So lebte ich bei Smaragda. Oh Smaragda, grüner Engel meiner Kinderzeit; in Deinen grünen Kleidern, mit Deinen grünen Hüten, die den tiefschwarzen Wasserfall, der unmöglich bloßes Haar sein konnte, kaum zu bändigen verstanden, konntest Du nicht von derselben verdorrten Welt sein, die Er uns hinterließ!

Im Winter 1943/44 hatte sie sich, woher auch immer, grüne Sandalen besorgt, und wer jetzt glaubt, daß diese während der kalten Tage im Schrank verschwanden, der kann mit einigem Recht sagen, Smaragda kein bißchen gekannt zu haben. Smaragda trug diese Schuhe wann immer sie konnte und hütete sie, als seien sie alles, was sie jemals besessen. Ich erinnere mich an einen unserer letzten Kinobesuche, Anfang 1944, als Smaragda mitten in der Wochenschau, wo Panzer und Kanonen das Reich wieder einige Hundert Meter breiter schossen, mit den Worten „Vornehm jeht die Welt zugrunde“ ihre klitschnassen Winterstiefel von ihren Füßchen wuchtete, ihre Sandalen aus der Handtasche zog und mit einem erleichternden Seufzer hineinschlüpfte. Wie könnte ich unsere Kinobesuche vergessen! Wir gingen nur in die Spätvorstellungen, Smaragda kannte mit der Zeit alle leicht empfänglichen Platzanweiser, die unglücklichen Ehemänner und pickligen jungen Kerle auf nimmermüder Brautschau, und so genügte meist ein sanfter Augenaufschlag, ein verheißungsvolles Lächeln – und prompt saß ich, ein schmächtiger blonder Bengel, neben einer vordringlich grün gekleideten jungen Dame in der letzten Reihe des von uns so heißgeliebten Lichtspielhauses.

Bei Kriegsende war Smaragda 28. Eigentlich hieß sie ja Magda, aber das habe ich erst wirklich realisiert als sie den Karl heiratete und vom Pfarrer mit vollem Namen angesprochen wurde: „Magda Grunske, willst du den hier–“ Magda Grunske! Dann lieber Smaragda.
Ich glaube, damals vor der Parochialkirche trug sie ihre grünen Sandalen, und falls nicht, ist es wenigstens eine schöne Phantasie.

„Wir jehn da jetzt rein!“ sagte sie, drückte entschlossen und auffordernd meine Hand und blieb dann doch stehen, angewachsen wie eine Tanne – und vielleicht sah sie sogar ein bißchen so aus.
„Moment noch, einen Moment noch!“ flüsterte sie, während ihr Blick in den freien Himmel starrte, dorthin wo man von unserem Standort aus einen Kirchturm hätte sehen müssen, wäre nicht der Krieg gewesen. Ein gutes Jahr zuvor hatte eine Brandbombe Turm und Kirche weitgehend zerstört und somit Smaragda an diesem Tage den Himmel freigegeben. Es war ein schöner, azurner Himmel. Es war der Himmel, aus dem noch kürzlich Tod und Elend herabstürzte. Es war der Himmel, der zusah und zuließ; der nichts kann, als da zu sein; der bloßer Selbstzweck zu sein scheint und doch nicht weniger ist als unsere einzige Hoffnung.
„Die futtern uns allet weg, wenn wir jetz nich reinjehn!“, mahnte ich eindringlich.

Smaragda wandte mir den Blick zu, holte tief Luft und wankte mit mir an der Hand in das halb zertrümmerte Gemäuer, das, so skelettiert es war, kaum noch an eine Kirche erinnerte.

Der Buschfunk, der meist eine sichere Quelle war und uns zumindest gelegentlich zu einer Handvoll Brot oder einer halben kanne Milch verhalf, hatte versagt. An meinem 12ten Geburtstag standen wir allein in den Trümmern der Parochialkirche, allein in Staub und Asche, zwischen Hunger und Verzweiflung, dort wo doch Gott wohnen sollte. Unterdessen schaute die Sonne in die Ruine und ließ den Schatten einer kleinen Wolke über uns hinweggehen.
„Ausgebombt“ rief eine gebrochene Stimme aus dem nahen Schatten des ausgebrannten Altarraumes mitten in unseren gesunkenen Mut hinein. Smaragda, deren Inneres wohl ebenso wie meines noch immer zwischen allen Gefühlen schwankte, zerquetschte mir beinah die Hand, als sie dieses Wort wie ein „Hände-Hoch!“ oder „Stehenbleiben!“ vollkommen erstarren ließ.
„Ausgebombt“ wiederholte die Stimme nochmals, nur ruhiger, und der Saal, der früher gewiß jedem Ton einen überirdischen Hall verliehen hatte, raffte sich nur noch zu einem winzigen Echo auf. „Warum, warum soll es Gott besser gehen als Euch und mir und allen? Gott ist ausgebombt.“

Und mit diesen Worten kroch ein schlacksiger Kerl hinter einem Schutthaufen hervor, der aussah wie ein schlacksiger Kerl, der hinter einem Schutthaufen hervorkriecht. Jedenfalls hätte da jeder hervorkriechen können und wahrscheinlich ganz ähnlich dabei ausgesehen. Viel mehr konnten wir nicht erkennen, zu schnell waren unsere Blicke vom Tageslicht auf den schattigen Raum gesprungen. Aber als sich unsere Pupillen eingestellt hatten und die Stimme sich als durchaus irdisch erwies, war Smaragda soweit gefaßt, daß sich ihr verlangsamender Herzschlag auch bald auf mich übertrug und das Zittern in meinen Gliedern allmählich dahinschwand.
„Wer sind Sie eigentlich? Plündern Sie hier oder hausieren Sie nur?“ rutschte es Smaragda ungeahnt fester Stimme heraus.
„Ach, wer weiß heutzutage schon, wer er ist. Viele, die im Krieg dies waren, sind jetzt das, und die, die das waren, sind jetzt jenes, manche waren was und sind jetzt nie was gewesen. Und wer kann heute schon sein, der er gestern war? Wissen Sie denn, wer Sie sind und was Sie und den Jungen hierher verschlägt?“
„Det jeht sie jar nichts an!“ rief Smaragda ziemlich aufgebracht, und wer weiß, woher sie in dieser Stunde die Barschheit nahm. „Außerdem wollen wir mit Plünderern nichts zu tun haben, Fritz komm!“ Die Sonne warf noch immer ihren lichten Schatten in die Kühle Helligkeit der Vorhalle und mit halbgeschlossenen Lidern gingen wir dem Licht entgegen.

Vielleicht brachen sich einige Sonnenstrahlen in den winzigen Tränen, die sich in Smaragdas Augenwinkeln sammelten, zu einem kleinen Regenbogen. Ich fragte nicht, ich hatte doch Geburtstag. 12. Endlich 12 – Donnerwetter! Da ist man doch schon fast ein Mann. Jungs, die Männer werden, fragen so etwas nicht. Würde ich heute fragen? Ich weiß es nicht, denn Männer, die glauben, Männer zu sein, sehen meist die Tränen der Frauen nicht. Vielleicht hatte ich damals aber auch schon so viele, unzählige Frauen weinen gesehen, daß es mich nicht mehr berührte. Vielleicht hatten mich die Tränen der Frauen blind gemacht.

Unweit des Alexanderplatzes ließ mich Smaragda von der Hand, setzte sich auf die kraterreiche, doch schon befahrene Straße, zog mich hinunter in ihre Arme und sang – sang so schön und zart – dieses Lied, dieses Lied, das eine so schmerzlich lange Zeit allein und tonlos in meinem Herzen klang. An jenem Tage bevor sie Mutter verhafteten, hörte ich es zum letzten Mal – ich weiß es genau. Sie sang es ja jeden Abend, auch wenn sie mit Vater erst spät aus dem Kino oder von einem Tanzvergnügen zurückkehrte und in Wirklichkeit nur einen kurzen, ihre stete mütterliche Sorge beruhigenden Blick durch einen Türspalt sandte und ich, weil Smaragda, die auf mich Obacht geben sollte, weit vor mir eingeschlafen war, allein in mein Bett gekrabbelt war, ja selbst an jenen Abenden sang mir Mutter dieses Liedchen. Aus der unendlichen Tiefe ihres Mutterherzens sang sie es mir allabendlich. Und diese scheinbar zerbrechlichen und doch so starken Töne überwanden alle Kinoleinwände und jede Tanzmusik, alles Heulen des Fliegeralarms und jedes Dröhnen sich nähernder Einschläge, jeden Stacheldraht, jede Barackenwand, alles Gas und alle Erde. Doch manchmal, ganz selten, war mir, als seien seine weltlichen, hörbaren Töne mit Mutter zusammen abtransportiert worden – abgeführt mit Gewehren und Parolen. Mutter war fort. Ich sah sie niemals wieder, aber an jenem Junitag, meinem 12ten Geburtstag, kehrte ein Stück Freiheit aus den Lagern zurück nach Berlin, nach Hause, vielleicht mehr Freiheit als mir das Kriegsende zurückgebracht hatte. Es war der Klang eines winzigen Liedchens, der zum ersten Mal seit vier Jahren von außen in mich drang und mich zugleich erschütterte und über alle Erschütterungen erhob. Und Smaragda sang. Sie sang für mich, sang mir zum Geburtstag, sie sang für mich und alle die an jenem Tage neu geboren wurden.

„Erinnerst du dich?“, fragte sie leise. „Erinnerst du dich? Weißt du, Fritz, weißt du, warum ich vorhin so schroff zu dem Mann war?”
Ich schüttelte den Kopf.
„Weil er mich getroffen hat. Ganz tief, verstehst du? Ich weiß schon lang nicht mehr, wer ich bin. Du verstehst das vielleicht nicht, aber vor dem Krieg war ich Smaragda, im Krieg war ich– Glaubst du mir, daß ich gar nicht recht weiß, was ich im Krieg war? Und wer bin ich denn heute?“
Ich konnte diesen, ihren wahrscheinlich ersten freien Gedanken nach dem Kriege nicht wirklich folgen, und so wußte ich auf die Frage, wer sie sei, nur eine einzige Antwort:
„Smaragda, du bist Smaragda.“
Sie schaute mich verwundert an. Lange, intensiv und wortlos.
„Smaragda?“ fragte sie.
„Ja Smaragda“ nickte ich.
„Vielleicht kann ich es wieder sein. Vielleicht lebt Smaragda noch, vielleicht ist sie da, wo mich die Worte des Mannes getroffen haben. Ganz tief drinnen. Vielleicht. Komm sing! Befreie dich, sing, sing!“

 Als ich am nächsten Morgen erwachte, verbarg sich die Sonne wahrscheinlich hinter einer Schönwetterwolke, die sich im Laufe des vorangegangenen Tages schon da und dort gezeigt hatten; aber es kann nur eine Vermutung sein, denn das kleine Kellerfenster, das einzige Fenster überhaupt, lukte nach Westen und so fielen nur am späten Nachmittag einige Schatten von vorübereilenden Unterschenkeln, Stiefeln und Lastwagen auf unsere Strohmatten. Seit einigen Tagen hatten wir den Keller für uns allein. Aber Smaragda und mir war bewußt, daß dieser Zustand nicht lange währen würde. Zu viele waren obdachlos, ausgebombt. Im spärlichen Licht entdeckte ich Klaus, der an einem Brotkanten nuckelnd auf Kubins brüchigem Schaukelstuhl saß. Kubin hatte es nicht geschafft. Dabei waren es nur noch 20 Meter bis zu unserem Keller. 20 Meter im Endkampf um Berlin. Nun schaukelte Klaus auf seinem Stuhl – und kaute, Klaus hatte immer irgendwas zwischen den Kiefern, weiß der Himmel, wie er das gemacht hatte, aber er hat all seine überflüssigen Pfunde über alle Engpässe und Hungersnöte hinübergerettet und war nach dem Krieg noch fetter als zuvor.

„Wo warst du denn die ganze Zeit?“ fragte ich, beinah vorwurfsvoll.
Und Klaus, der stets jede direkte Antwort umging, sagte, was er meist sagte:
„Geheimnis!“

Klaus war voller Geheimnisse. Sein Vater machte Geschäfte mit Russen, Briten und Amerikanern, wie er auch schon mit der SS, den Juden und den Kommunisten Geschäfte gemacht hatte. Kriegsgewinnler nennt man sowas wohl, aber wen interessiert das schon, wenn er kurz vorm Verhungern steht, ob die Hand, die einen füttert, sauber ist. Klaus teilte mit Smaragda und mir, und auch wenn Brot oder gar Wurst oder Kartoffeln uns nur unregelmäßig in kleinen Mengen erreichten und folglich alsbald aufgebraucht waren, so halfen uns diese kleinen Spenden doch oftmals über die größte Not hinweg. Seit etwa zwei Wochen war Klaus allerdings wie vom Erdboden verschwunden gewesen. Auch sein Vater war nirgends gesehen worden, und so mußten wir uns noch intensiver als ohnehin auf die Suche nach etwas Eßbarem machen. Solche Phasen gab es immer wieder, Klaus’ Vater verschwand spurlos und Klaus mit ihm, stets ohne Ankündigung und für unbestimmte Dauer.

Klaus schaukelte vor und zurück und zog unterdessen, als wäre es ein Schwert, eine Dauerwurst unter dem Hemd hervor, sie war zwischen all den Wülsten und Unförmigkeiten, die sich dort abzeichneten, zuvor nicht erkennbar. Klaus bog sie solange bis sie durchbrach und warf mir das kleinere Stück auf die Kartoffelsäcke und Vorhänge, die zu einer Decke zusammengenäht waren. Dauerwurst! Wie lange hatte ich so etwas nicht mehr gegessen und schon nach den ersten Bissen war mir speiübel. Ich hatte so lange nichts Richtiges mehr zum Beißen gehabt, daß mir vom Essen schlecht wurde. Ich steckte das Stück Wurst in meine einzige Hose, die ich bis weit über das Kriegsende hinaus Tag und Nacht trug, denn noch lang war da diese Angst, von einem Bombenangriff überrascht zu werden und mit nichts als einem jämmerlichen Nachthemd am Leib fliehen zu müssen.

„Du mußt nachher unbedingt mitkommen!“ forderte Klaus plötzlich ganz eifrig.
„Wohin denn?“ fragte ich und kannte die Antwort schon:
„Geheimnis.“
„Dann komm ich auch nicht mit“ winkte ich ab. „Wenn ich da bin, weiß ich ja eh, wo ich bin, also kannst du es auch jetzt schon sagen.“
Klaus fuhr hoch:
„Ach, so einer biste“, schrie er, wobei er blutrot anlief, und ich ahnte bereits, auf welches Verhängnis es hinausinlaufen würde, „mitbringen kann euch der dicke Klaus, der blöde Klaus immer was, aber wenn es drauf ankommt, laßt ihr mich hängen. Du könntest dich ruhig mal ein bißchen erkenntlich zeigen.“
„Erkenntlich zeigen“, sagte er! Klaus macht also auch Geschäfte – wie sein Vater, dachte ich. Geschäfte übelster Sorte. Was geschehe schlimmstenfalls, wenn ich nicht mitgehe, dachte ich. Würden Smaragda und ich weiterhin ab und zu etwas zugeschanzt bekommen? Klaus war ein Kind – wie ich – und deshalb launisch, unberechenbar, kurzum: wie jeder Mensch liebebedürftig. Klaus hatte kaum Freunde, Klaus hatte Kunden; Kunden, die er in Abhängigkeiten brachte, um sich nicht unwert und allein zu fühlen. Ach, Kinder handeln manchmal gar nicht so anders als wir Erwachsenen. Ich mußte Klaus abegleiten, ganz gleich, wie unspektakulär und öde seine Gesellschafft sein würde.
„Wo ist Smaragda eigentlich?“ schoß es überschlagend aus mir heraus.
„In den Trümmern. Bei den Frauen“ antwortete Klaus beiläufig.
In den Trümmern. Wo sonst! Bei den Frauen. Wem sonst!
„Wann müssen wir los?“ fragte ich Klaus und gab mir nicht besonders viel Mühe, euphorisch zu klingen.
„Tja wann“ seufzte Klaus gewichtig, kramte einige knittrige Zettel aus der Hosentasche und blätterte darin wie in einem Terminkalender. Sein Blick sollte wohl angestrengt wirken, wahrscheinlich hatte er diese weltmännische Fratze bei seinem Vater oder irgend einem anderen Wucherer oder Schacherer aufgeschnappt, wie auch immer, bei Klaus sah es einfach nur bescheuert aus. Schließlich ließ er sich zu der wohl präzisesten Antwort hinreißen, an die ich mich aus seinem Munde erinnern kann:
„Weiß noch nicht wann, ich komme später noch mal vorbei.“ So sprang er vom Stuhl und war schon fast zur Tür hinaus als ich ihn mein Ruf „Wohin gehst du denn jetzt?“ erreichte. Und Klaus setzte sein überhebliches Standardgrinsen auf, warf mir den bescheidenen, von allen Seiten benagten Rest seines Dauerwurstdreiviertels entgegen und sagte, was er meistens sagte:
„Geheimnis, mein Lieber, Geheimnis.“

Ich mußte warten. Warten lernt man im Krieg. Wer im Krieg nicht zu warten lernt, dreht durch. Das habe ich oft gesehen. Frauen, Kinder, Männer, ob nun jung oder alt, viele sah ich durchdrehen in den Kellern, Bunkern und Straßen Berlins. Smaragda und ich hatten Glück: Irgend etwas in uns gab uns die Kraft, die Nerven, nicht wahnsinnig zu werden, wenn die Bomben unweit unseres Kellers einschlugen oder wir auf der Flucht über brüllende Verletzte, Tote oder Menschenteile springen mußten.

Was war nun mit Klaus? Die Stunden vergingen. Es mögen bereits drei oder vier gewesen sein als ich, nun wo der Krieg doch vorbei war, absolut keinen Grund mehr sah, in unserem Keller zu bleiben. Sicherlich würde Klaus sich erst am Nachmittag wieder blicken lassen, vielleicht hatte er mich ja auch längst vergessen. Was hätte er denn schon von mir gehabt? Hätte es ihm etwas eingebracht? Ich war doch nur eine Zeitvertreib für ihn. Ein menschlicher Kreisel, den man zückt und so lange peitscht, bis man ihn gelangweilt in die Ecke wirft. Klaus konnte mich mal! Hatte ich denn nicht auch ungeheuer Wichtiges zu erledigen? Ja, das hatte ich. Ich hatte unsagbar viel Tageslicht und Leben nachzuholen. Ich warf mich übereifrig in die Trümmer, die den Namen Berlin trugen. Feuerholz mußte besorgt werden, denn das Wasser war verseucht und mußte unbedingt abgekocht werden, und vom Prenzlauer Berg war es ja auch nur ein Katzensprung zum Alexanderplatz – und von dort konnte man ja fast zur Parochialkirche spucken. Und bald stand ich, mittlerweile ganz und gar im 13ten Lebensjahr angekommen, wieder  an  jenem  Ort, wo ich bereits einen Tag zuvor stand: Klosterstraße/Ecke Parochialstraße, das Neue Stadthaus im Rücken. Diesmal nur allein. Wie anders etwas doch aussieht, wenn man es allein betrachtet, und wie vertraut es einem bereits beim zweiten Blick erscheint. Aber dieser Kirchturm, der nicht mehr da war, und eben deshalb so allgegenwärtig– Ich werde mich nie daran gewöhnen! Behutsam stieg ich die Stufen hinauf und betrat nicht weniger umsichtig die Vorhalle.

Niemand war zu sehen, auch der Altarraum schien menschenleer. Es war still, nur schwer gelangen die sonst allgegenwärtigen Geräusche der Aufräumarbeiten über die dicken, immer noch stattlichen Mauern in das Kirchenschiff. Ich hatte Angst, soviel Angst, daß ich mich nicht zu rühren traute, und zugleich soviel Neugier, um nicht auf der Stelle stehenbleiben zu können. Doch nur langsam wagte ich mich an den Schutthaufen, der gestern jenen Fremden freigegeben hatte, der Smaragda so tief traf und mir mein Lied zurückbrachte. Ich hoffte, ihn wieder an dieser Stelle zu finden, und zugleich fürchtete ich mich vor einem Wiedersehen, das, wenn es dazu käme, sicherlich erneut mit einem Schrecken begönne. Aber ich war tatsächlich allein. Viele Verstecke gab es dort oben ja nicht, und auf die Idee, einen Weg hinunter in die Gruftkammern zu suchen, wäre ich an diesem Tage ganz gewiß nicht gekommen. Plötzlich knirschten Schritte die Eingangsstufen hinauf und stapften schon bald durch die Asche- und Geröllschicht in der Vorhalle. Was sollte ich tun? Durfte ich überhaupt hier sein? Kurzentschlossen versteckte ich mich hinter dem Schuttberg.

„So so“, sagte eine merkwürdig vertraute Stimme. „Gestern kam es euch noch so ungewöhnlich vor, daß ich hier– Herumlungere sagtet ihr, glaube ich. Und heute? Heut quartiert ihr euch selbst hier ein.“
„Hausieren sagten wir. Also Smaragda sagte das“ murmelte ich hinter dem Berg hervor, wobei ich es vorzog, meinen Kopf erst einmal nicht hervorzustrecken.
„Smaragda? Das war wohl die grüne Waldfee. Und wer bist du, ich meine, immerhin liegst du schon auf meinem Bett, da könntest du dich wenigstens kurz vorstellen.“
„Ich bin der Fritz, also der Friedrich, und wir hatten gestern- weil ich doch Geburtstag hatte und der Klaus weg war mit dem ganzen Essen, da hatten wir den Tip bekommen und-“
„Und, und, und. Und jetzt kommt ihr erst einmal da vor!“ befahl der Fremde.
„Na los, raus mit euch!“
„Euch ist nicht ganz-“, berichtigte ich. „Ich bin allein.“
Und als ob ich mit diesem Satz ein Stichwort gegeben hätte, war der Fremde mitten in meinem Lebenslauf gelandet.
„Allein? Und deine Smaragda?“
„Eine Freundin. Eigentlich Cousine“ erklärte ich bereitwillig und unterdessen kam der schlacksige Kerl näher, setzte sich auf den Schutt und bot mir mit einer kleinen Geste ebenfalls einen Platz auf seinem „Bett“ an.
„Und wie lange schon?“ fragte er. Ich wußte genau, was er meinte.
„Mutter ’41, Vater schon ’40 weg“ antwortete ich.
„Ich war von ’41 bis ’43. Hat gereicht für dieses Leben!“, begann er zu erzählen. „Dann kam der Bauchschuß und das war’s. Meine Eltern sind in der Zeit gestorben und mein Bruder ist noch irgendwo in Rußland, vielleicht in Polen, vielleicht ist er gar nicht mehr. Keine Ahnung.“
„Und dann?“
„Nicht viel“ sagte er. „Und bei dir, Friedrich?“
„Auch nicht viel.“
„Na du hattest gestern Geburtstag.“
„Ja, 12 bin ich geworden“, gab ich nicht ohne Stolz bekannt, was dem dürren, dunkelblonden Mann mit der grauen Schirmmütze nicht verborgen bleiben konnte.
„Dann bist du ja schon fast ein richtiger Mann!“, lächelte er mir entgegen, doch zu meinem eigenen Erstaunen brachte ich ich nur ein gequältes „Jaja-Fast“ heraus.
„Ach weißt du, das ist doch mit den Menschen immer gleich: Was sie haben, wollen sie nicht, und was sie wollen, kriegen sie nicht, und falls doch, dann fängt das Lied von vorne an.“
„Und was wollen Sie?“, fragte ich.
„Wenn ich das wüßte“, sagte er und begann dabei, den Raum zu durchschreiten. „Wenn ich das wüßte. Das ist auch so eine typische Menschensache. Siehst du, ich stehe jetzt mittendrin. Wohin könnte ich jetzt? Links ist eine Wand, rechts ebenfalls, vor mir auch. Nun könnte ich, weil so eine Wand ja nicht unüberwindbar ist, versuchen hinüberzuklettern, aber ich könnte abstürzen; klettere ich aber nicht, wie komme ich sonst hier heraus?“
„Sie könnten rufen“, sagte ich.
„Ach, bevor ein Mensch um Hilfe ruft, klettert er fünfmal hoch und fällt fünfmal runter, aber das überspringen wir jetzt mal lieber, also rufe ich mal, vielleicht hört mich ja jemand:
„Hal-lo, hal-lo! Ist da jemand? Hal-lo, hört mich jemand. Ich komme hier nicht raus. Hal-lo! Hal-lo!“
„Ja, ich höre sie, hal-lo, hallo“, rief ich zurück, „der Ausgang ist direkt hinter ihnen.“
„Tatsächlich!“, drehte er sich erstaunt um, „du hast den Ausgang von Anfang an gesehen, und ich hätte mir beinah das Genick gebrochen. Siehst du, manchmal beschäftigen wir uns so sehr mit dem Unmöglichen, daß wir dabei jedes Scheunentor übersehen.“
„Mensch, Sie sagen ja Sachen!“

Und vom Eingang erklang ein tosender Applaus. Smaragda schien uns schon eine ganze Weile belauscht zu haben.
„Sie sind ja sowas wie ein Professor“, rief sie stimmgewaltig in ihren enthusiastischen Beifall.
„Na, und Sie kennen ihren Friedrich ja ganz gut, wenn sie ihn hier gesucht haben.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß er weg ist“ entgegnete Smaragda. „Ich war drüben am Alex und da dachte ich- Ich dachte, ich wollte nur mal so-“ stotterte sie und diese leichte Verlegenheit stand ihr unheimlich gut.
„Sie sehen mir gar nicht wie eine Frau aus, die obwohl sie sich was denkt, nur mal so was will.“
„Danke sagen wollte ich, weil Sie gestern sowas Richtiges gesagt haben, nur danke sagen.“
„Ja und einladen“ fügte ich rasch hinzu. Smaragda konnte unmöglich nein sagen.
„Ja einladen“, stammelte Smaragda und warf mir einen ganz offenbar gespielten bösen Blick zu, „wir haben ja nicht viel und anbieten können wir eigentlich auch nichts.“
„Na das klingt doch hervorragend“, witzelte der Fremde. „Wissen Sie, die Völlerei der letzten Jahre, der ganze Champagner und die Hummer, und diese schweren Saucen. Ich kann das alles nicht mehr sehen, und aus Bohnenkaffee und Kuchen mache ich mir schon mal gar nichts.“
Smaragda lachte Tränen und wies darauf hin, daß ihr Käsekuchenrezept ohnehin völlig veraltet sei und sie vom Lachs immer rote Pusteln bekäme, wofür sie sofort von mir eine Bestätigung einforderte, die sie auch prompt bekam:
„Ja knallrote Flecken bekommt sie, im Adlon haben ihr davon sogar die Ohren geschlackert.“

So verließen wir lachend die Kirche und traten gut unseren Weg an, jedoch nicht, ohne noch einmal einen kurzen Blick auf den fehlenden Kirchturm zu richten.

„Das heilt wieder“ sagte der Fremde. „Alles wird heilen, so wahr ich Karl heiße.“

 

© Matthias Schumacher, 2012

Author: Matthias Schumacher | Date: 21. April 2015 | Kommentare deaktiviert für Zu den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer. „Wären sie dort geblieben, würden sie noch leben“, ist 1. menschenverachtend, 2. freie Meinungsäußerung und 3. faktisch richtig. Aber was muß das für ein Leben sein, das man für einen möglichen Tod auf hoher See einzutauschen bereit ist? (MS, 21.IV.2014)
Author: Matthias Schumacher | Date: 17. März 2015 | No Comments »

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Jahre meiner Kindheit. Sterbejahre der DDR.
Die 80er, an deren Ende sich das kleine Land zwischen den Fronten des Kalten Krieges auflöste wie Brausepulver, das man sich in die Hand geschüttet und gründlich bespuckt hat. Es blubbert, schäumt hoch, plustert sich auf, wirft Blasen und man schluckt es runter, bevor es ganz unappetitlich wird. Manchmal stößt mir die DDR noch heute auf. Das ist ein anderes Thema. Bleiben wir in der Zeit, wo ich beim Anblick von Brausepulver nur an Brausepulver dachte …

Noch ein bißchen ABBA, viel Nena, Trio, Nik Kershaw, Shakin‘ Stevens. Mein Leben spielte sich zwischen „Ein Colt für alle Fälle“, „Schwarzwaldklinik“ und den „Waltons“ ab. Zu Weihnachten gab es Mehrteiler wie „Anna“ und „Patrick Pacard“. Ich liebte „Remington Steele“, „Trio mit vier Fäusten“ und natürlich „Löwenzahn“. Ich verpaßte keine Folge von „Spaß am Montag“ mit dem Wuslon Zini, einem merkwürdigen animierten Lichtwurm, später hieß es „Spaß am Dienstag“ und irgendwie war dann die Luft raus. Keine Ahnung. Seit Manfred (Krug) und Lilo (Pulver), Horst (Janson) und Ute (Willing) nicht mehr dabei sind, schaue ich übrigens aus purem Protest die Sesamstraße nicht mehr. Und verdammt noch mal, ich will Herrn von Bödefeld zurück!

Habe ich schon erwähnt, daß ich damals viel in die Glotze geschaut habe? Ich habe damals viel ferngesehen. Meistens Westfernsehen, aber auch den „Kessel Buntes“ und die „Flimmerstunde“. Filme mit Agnes Kraus waren Pflicht, „Geschichten übern Gartenzaun“ sowieso und wenn Benno Geschichten machte, war die ganze Republik begeistert. Es hatte nicht selten etwas von Durchhaltefernsehen, wenn das feste Ensemble des DDR-Fernsehens, vorneweg Herbert Köfer, in einer neuen Fernsehserie, die letztlich nicht anders war als alle anderen, die Widrigkeiten des realsozialistischen Alltags aufgriffen und meisterten. Da erkannte sich jeder Werktätige sofort wieder.

Für die ganz jungen Menschen, die diesen Text lesen, sei erwähnt, daß Fernsehen in der DDR in der Regel schwarz-weiß stattfand. Farbfernseher waren für die meisten Arbeiter und Bauern unbezahlbare Luxusgüter. Meine Oma kaufte sich kurz vor der Wende (konnte ja keiner ahnen) ein Farbgerät für 6000 Mark, dafür hatte sie ein ganzes Leben lang gespart. Kein Wunder bei einem Lohn von 600 Mark monatlich.

1983 wurde ich widerwillig eingeschult. Ich ahnte, daß die Schule und ich immer auf Kriegsfuß stehen würden und das Desaster am Ende meiner Schulzeit hat die Ahnung Wirklichkeit werden lassen. Dieser Kriegszustand hinderte mich allerdings nicht daran, in den ersten sechs Schuljahren stets der zweitbeste Schüler unserer Klasse zu sein. Immer der Zweite! Was dazu führte, daß ich auch nur zum stellvertretenden Gruppenratsvorsitzenden gewählt wurde und später im Freundschaftsrat den Agitator geben mußte. Ja ich mußte, weil Pioniere „immer bereit“ waren und Neinsagen einfach nicht drin war. So war das damals. Außerdem war man ja als Schüler, Pionier und Timurhelfer, als intensiver Frösi-Leser und leidenschaftlicher Westfernsehengucker auch überzeugt vom Sozialismus. Und daß Ernst Thälmann unser Vorbild war, stand außer Frage. Thälmann hatte kein Westfernsehen. Wahrscheinlich war er deshalb noch ein wenig überzeugter als die meisten von uns. Vorbilder bekam man in der DDR vorgesetzt. Da hatte man keine Wahl. Überhaupt kam man in der DDR selten in die Verlegenheit, etwas zu wählen.

Und all dieser Pionierkram war schon sehr zeitraubend, aber auch schön. Ja es war schön! Als Kind, das weder 15 Jahre auf einen Trabbi warten muß und auch keinen Urlaub auf Mallorca anstrebt, fühlt man sich durchaus wohl in einer Diktatur. Ich mußte als Kind nicht fürchten, in Bautzen zu landen. Höchstens im Heim oder später im Jugendwerkhof, aber ich war ja zweitbester Schüler in unserer Klasse, stellvertretender Gruppenratsvorsitzender… Sowas schützt. Obwohl unsere ganze Familie immer etwas aufmüpfig war.

Mein Vater war in den 70er Jahren Hausmeister in einer Schule. Als im Chaoswinter 1978 keine Kohlen mehr da waren, um das Gebäude zu heizen, rief Vater kurzerhand beim Staatsrat an. Sowas ging damals und blieb selten ohne Folgen. Die erste Folge waren 1A-Kohlen schon am nächsten Morgen. Die zweite Folge eine Abmahnung vom Schuldirektor, der sich übergangen fühlte und mit einem Parteiverfahren drohte, was an meinem Vater, der nie Parteimitglied war, abprallte.

Die 80er in der DDR waren schon eine merkwürdige Zeit. Man hatte als Kind immer das Gefühl, es könne jeden Moment losgehen. Irgendwas. Die wöchentlichen Alarme, meist Mittwoch, bei denen die Sirenen auf den Dächern probeweise angeworfen wurden, sorgten sicherlich nicht nur bei mir für ein flaues Gefühl im Magen. Ich erinnere, daß einmal, versehentlich, das Signal für Fliegeralarm ausgelöst wurde und mein Herz zu rasen begann, wie es dies sonst nur tat, wenn wir im Intershop an den Überraschungseiern vorübergingen. Und wenn in der Regel am 1. September nach achtwöchigen Sommerferien das neue Schuljahr begann, jagten zuweilen beim Fahnenappell Düsenjäger über unsere Köpfe hinweg. Tiefflieger. Zur Übung und als Demonstration der Stärke und Überlegenheit unserer friedlichen Heimat. Als Kind schwankt man da zwischen Entsetzen und Faszination.

Ich könnte hier noch viel erzählen von Kuchenbasaren für Nicaragua, vom Smog, den es bei uns nicht gab, das war alles nur Nebel, Smog machte an der Grenze halt, ebenso die Umweltverschmutzung und das Waldsterben. Ich könnte vom Supergau in Tschernobyl berichten, der in der DDR runtergespielt wurde, von Pioniernachmittagen und wie ich es schaffte, nicht zum Pioniertreffen nach Karl-Marx-Stadt zu müssen. Das ist ja alles nicht mehr wahr, und wer mir den Pionierknoten beibrachte, was spielt das noch für eine Rolle?

Ich muß so acht Jahre alt gewesen sein, als ich an der Hand meiner Mutter in Berlin Unter den Linden stand, so nah am Brandenburger Tor wie wir herankamen. Grenzer, Absperrungen, Mauer. Und ich wußte, da wirst du erst rüberkommen, wenn du Rentner bist, vielleicht nie. Mögen es 100, 200 Meter gewesen sein, sie waren unüberwindbar. Weit, weit weg. Und heute so nah. Gleich um die Ecke. Die ersten paar Meter hinter dem Brandenburger Tor heißen inzwischen „Platz des 18. März„. Manchmal stehe ich dort, schaue gen Osten, zurück, dem kleinen Jungen von damals nach. Er ist verschwunden und frei.

So weit dieses Damals zurückliegt, so weit voraus auch der Tag, an dem die Kinder und Jugendlichen von heute ähnlich wie ich auf ihre Jugendzeit zurückblicken werden. Sie werden von ihrer Freiheit berichten und ihren Grenzen auch, von Zwängen und Pflichten, von Dingen, die dann unvorstellbar scheinen werden. Sie werden darüber lachen, wie viel ihre Smartphones gekostet haben und ihren Kindern berichten, daß deren Großeltern damals noch TV schauten. Und einige werden vielleicht von diesem Gefühl erzählen, daß irgendetwas jeden Moment hätte losgehen können. Irgendwas.

17.III.2015

 
 

Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Dezember 2014 | Kommentare deaktiviert für Zum Tod von Udo Jürgens: Der Hautnahe

Udo Jürgens - (c) Hubert Burda Media: Bambi 2013, 14.11.2013, Berlin

Ich mag in diesen Stunden keinen klassischen Nachruf schreiben.
Zu nah geht mir unser Verlust. Wir sind alle ärmer geworden und wie sehr uns Udo Jürgens fehlen wird, werden wir erst in den nächsten Jahren feststellen, wenn es um uns herum nur noch monoton plätschert oder wummert.
Jetzt wird viel geschrieben, viel Wahres von Freunden, Anekdotenreiches von Weggefährten und Enzyklopädisches von Journalisten, die mit dem Verstorbenen nie etwas anzufangen wussten und nun diesen Tod aufs Auge gedrückt bekommen. Vielleicht weil alle anderen im Weihnachtsurlaub sind. Mein Nachruf würde untergehen. Ist das ein Grund, ihn nicht zu schreiben? Nein.

Ich habe auf dieser Seite schon etliches über Udo Jürgens geschrieben, eine meiner Rezensionen hat es sogar auf die offizielle Website des Künstlers geschafft. Was aus der Jürgensschen Vita zu pressen ist, werden die Medienhäuser in den kommenden Tagen noch einmal ausführlichst über uns ausschütten. Und während manche der Großen, die ihm mal auf einer Gala zuprosteten und mit ihm kaum etwas zu tun hatten, nun vielbeachtete Tweets in die Welt setzen und auf Facebook Likes sammeln, darf der langjährige Fan die Kommentarspalten fluten und geht in der Flut unter. Udo Jürgens wusste, dass er von Millionen geliebt und verehrt wurde, und jene, die eines seiner zahllosen Konzerte besuchten, lange Fan waren, bewundernde Briefe schrieben oder ihm ausschließlich beim Hören seiner Platten nahe waren, trauern nun bei seinen Liedern. Die werden sie trösten wie so oft, wenn ihnen das Leben übel mitgespielte, sie neu liebten oder vergebenen Chancen nachweinten. Ihre unerzählten Geschichten sind mit den viel gesungenen Liedern von Udo Jürgens verbunden und viele denken nun zurück an ihre ersten musikalischen Berührungen.

Bei mir muss es 1986 gewesen sein, es war ein herrlicher Sommermorgen und aus dem klobigen Röhrenradio meiner Oma klang „Du hörst dasselbe Lied im Radio…“ Welch eine Story! Ein verlorenes Stück Papier mit einer Telefonnummer. Ich war mit meinen 10 Jahren hin und weg. Zum einen, weil mir der Song nicht mehr aus den Ohren ging, zum anderen, weil an ein Telefon bei uns zu Hause nicht zu denken war, aber vor allem, weil ich bis dato noch nie einen im Radio vom Radio hatte singen hören. Als meine Oma den Sänger identifizierte und ich ganz langsam neben ihr her in die Küche schlurfte, um keinen Ton zu verpassen, sagte sie etwas wie „Den Jürgens mit der großen Nase konnte Opa nie leiden… mit 66 Jahren fängt das Leben an… ‚So ein Quatsch‘ hat Opa immer gesagt.“ Mein Opa war ein Jahr zuvor 60jährig verstorben und ja, es war Quatsch. Für ihn. Für Millionen war es die gesungene Hoffnung auf ein Leben nach dem Arbeitsleben.

Bald lernte ich mehr von Udo kennen, die damals frische Produktion „Deinetwegen“ ging mir ins Blut. „Jeder so, wie er mag“, „Ladies and Gentlemen“ sowie der für viele in der DDR zur Metapher gewordene Song „Sperr mich nicht ein“ oder das starke Titellied mit dem Refrain von Thomas Christen „Ich werd‘ nie wieder geboren/bin nie der, den ihr meint/Und vor allem – wer spinnt/wird nie alt!/Ich hab‘ genau so wie du/meine Karte am Eingang bezahlt!“ Da war Biografisches und Glaubwürdigkeit, Trotz, Ironie, Kritik, auch Tod und Verlust, und dieser Wille, diese Lust auf Morgen, diese Lust am Leben. Den doppelten Boden des Anti-Atomkraft-Songs „Guten Morgen, mein Liebes“ entdeckte ich erst viel später, obwohl so kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf allen unsichtbaren Uhren „5 Minuten nach 12“ stand. Aber im Alter von 10 Jahren…!

Während meine Freunde auf der Neuen Deutschen Welle ritten, mancher linientreu auf „Puhdys“ und „Karat“ schwor, wurde ich Udo-Fan, holte mir aus der Bibliothek, was es zu holen gab, und überzog die Leihfrist bis die Platte praktisch mir gehörte und meine Mutter die Unterschlagung des Volkseigentums mittels Barzahlung aus der Welt räumte. Ich war udofanatisch, saß stundenlang hochgespannt vor dem Radiorecorder, um blitzschnell „Play“ und gleichzeitig „Record“ zu drücken, und hoffte, der Moderator würde diesmal nicht am Ende ins Lied quatschen. Meist tat er es doch und versabbelte obendrein die ersten Töne. Oft hockte ich mit dem Mikrofon vor dem Fernseher und nahm Udo Jürgens auf, wenn er in einer der vielen erfolgreichen Samstagabendshows der 80er Jahre zu Gast war.

Die Mauer fiel, ich war 13 und ich bekniete meine Mutter, mir „Ohne Maske“, das ’89er Album zu kaufen. Eine Offenbarung. Und dann diese Zeile zum Umbruch „Du kannst den Sänger in Ketten legen, aber niemals sein Lied“ oder „Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient.“ Wie oft habe ich dieses Lied bis heute gebraucht! Meine Begeisterung riss nicht ab, jedes neue Album musste her und jedes, an das zu DDR-Zeiten nicht ranzukommen war – nicht mal durch dreisten Bibliotheksdiebstahl.

Natürlich gab es schwächere Produktionen. Doch auch zweifellose Meilensteine wie 1999 „Ich werde da sein“ mit dem Titel „Ich lass Euch alles da“, den mancher damals als Anzeichen von Künstlermüdigkeit verstand, ein baldiges Ableben ahnend. Aber Udo zeigte es Fans wie Kritikern immer wieder. Ausverkaufte Konzerttourneen, Gold und Platin. Im Jahr 2000 mein erstes Konzert, ganz vorn stehend mit Hausfrauen, jungen und alten Männern, schwulen und verträumten Sparkassenangestellten, besonders gut gekleideten Rechtsanwaltsgattinnen und 17jährigen Mädchen mit blondem Jahr. Fast wie besungen. Den „Soloabend 2005 auf dem Berliner Gendarmenmarkt bei strömendem Regen erlebte ich von außen vor einem Friseursalon, in dem ein guter Freund arbeitete. Gemeinsam mit einigen flotten Weibern um die 50 tanzten wir nach Ladenschluss mit reichlich Prosecco zu allem ab, was da mit den Wolkenbrüchen über die meterhohe Brüstung schwappte. Die Frauen wurden butterweich bei der Erinnerung an die legendäre Tour „Udo ’70“. Das waren 266 Konzerte am Stück mit über einer halben Million Besuchern. Und alle, auch die letzte Reihe, fühlte sich dem Star und seinen Liedern ganz nah verbunden. Nicht erst seit Mitte der 80er Jahre, wo es sich etablierte, exakt zum Udo-Song „Hautnah“ an die Rampe zu stürmen.

Udo strich über die Tastatur und griff dabei mitten in unser Leben. „Ich war noch niemals in New York“, klar. Doch auch „Donnerstag“, an dem sie „für ein paar Stunden“ seine Frau wird, „Gaby“, die im Park wartet. „Immer wieder geht die Sonne auf“ und es soll vorkommen, „dass ein Mann auch manchmal weint.“  Sahne. Griechischer Wein. Udo. Udo! UDO! Fünf Jahrzehnte. Sehnsucht weckend, Sehnsucht nährend. 

Ich hatte das Glück, Udo Jürgens in diesem Jahr zweimal zu begegnen. Einmal bei der Verleihung des Musikautorenpreises für sein Lebenswerk, kurz zuvor bei der Albumpräsentation „Mitten im Leben„. Ich bin Autor und kein Journalist, und so fehlte mir letzten Endes der Mut, ihn selbst bei Presseterminen anzusprechen, mir ein weiteres Autogramm zu holen, mich gar mit ihm ablichten zu lassen. Die Gelegenheit kommt nicht wieder. Obwohl es noch eben so schien. Neben mir liegt eine Karte für das Konzert am 18. März 2015 in Berlin, Reihe 6 Platz 8. Ich werde sie nicht umtauschen. Wieder wäre ich ihm hautnah gewesen.

Ich werde ihm nah sein und nah bleiben, wie Millionen seiner Fans, ob in Tokio, Peking, Zürich, Berlin, Gelsenkirchen oder Bautzen…

Es bleibt ein großes Werk. 1000 Lieder, viele von ihm über sich, bei denen wir gern glauben, er meinte uns. Ja! Das ist hautnah. Udo Jürgens hat unser Leben mit seinen Liedern berührt. 

Foto: © Hubert Burda Media: Bambi 2013, 14.11.2013, Berlin (flickr, CC2.0)

 

Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Dezember 2014 | Kommentare deaktiviert für Der Dritten Welt

the three stooges

Jeder Dritte befürchtet Islamisierung Deutschlands. Wer ist dieser Dritte? Aussagekräftige Fakten – natürlich in der 3. Person zusammengetragen:

Jeder dritte Deutsche ist psychisch krank und fordert ein Verkaufsverbot von Lebkuchen im September, er hat Ärger mit den Nachbarn, mag nebenan keine Sinti und Roma und leidet dauerhaft unter Stress. Er ist zu dickAllergiker, kauft seine Mode im Internet und Weihnachtsgeschenke im Geschäft.
Jeder dritte Deutsche mag kein Bargeld mehr, findet Schwarzarbeit ok und streamt illegal Filme und Serien. Er ist Singlelebt derzeit seine große Liebe und hatte schon Sex auf der WeihnachtsfeierZum Zahnarzt geht er nichtEr würde ein Elektroauto kaufen und ist für die PKW-Maut.
Jeder Dritte glaubt an Engel, an Außerirdische, an ein Leben nach dem Tod

 

Foto: Insomnia Cured Here 
(flickr, CC)