Herr Werner – UND ES FIEPT DOCH! (Kurzgschichte)
Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Mai 2011 | Please Comment!
Von Herrn Werner fehlte seit Tagen jede Spur.
Nun ließe sich leicht sagen, man habe es sofort bemerkt, ihn bald vermisst und umgehend die Suche nach ihm aufgenommen, und jeder würde dies sofort glauben, aber man müsste lügen. Gewiss hätte man es am zweiten Tag ahnen können, spätestens beim Mittagessen, wovon noch so viel übrig geblieben war. Spätestens am Morgen des vierten Tages hätte Herrn Werners Abwesenheit aber wirklich auffallen müssen, als man jemanden suchte, der nicht mit auf den Ausflug in ein etwas weiter vom Zeltplatz gelegenes Kloster kommen würde, weil man einen Platz im Bus zu wenig gebucht hatte. Man kam rasch überein, Herrn Werner auszulosen, und fuhr ohne ihn ins Kloster, besah sich ohne ihn die Brauerei, verkostete ganz unter sich reichlich Gebräu, probierte im Kreuzgang einige Echos und bestaunte zum Abschluss johlend Ruhe und Besinnlichkeit, die Herr Werner gewiss allein durch seine beträchtliche Präsenz zerstört hätte.
Als man am späten Nachmittag wiederkam, fehlte von Herrn Werner jede Spur und man attestierte ihm sogleich pathologische Fahr- und Unzuverlässigkeit, bis jemand feststellte, dass die Vorräte unangetastet waren und der Abreißkalender in Herrn Werners Zelt seit vier Tagen nicht abgerissen worden war. Ein flugs gebildeter Rat befand Herrn Werner für „vorläufig weg”. Zu dieser Formulierung hatte man sich zusammenschließen können, nachdem einige Ratsmitglieder vehement insistierten, man könne bei Herrn Werner nicht von einem Abhandenkommen sprechen. Bereits die einmalige Verwendung des Wortes „vermisst” löste Empörung aus und wurde niedergebuht.
Dies Ringen um eine korrekte Zustandsbeschreibung änderte nichts an Herrn Werners Wegsein, aber hätte in seiner ganzen Pedanterie dessen Beifall gefunden, das hob der Ratsvorsitzende am Ende der ersten Sitzung in einer ergreifenden Rede von 27 Sekunden Länge deutlich hervor — man hatte die Zeit gestoppt und alles protokolliert. Für Herrn Werner. Für später. Irgendwann. Jedenfalls, schloss der Vorsitzende, sei es das beste, man verfahre in allem weiter, als sei Herr Werner niemals weggekommen. „Dann hat die Liebe Seele Ruh” meinte einer halblaut, der sich auf Nachfrage allerdings nicht zu erkennen geben wollte, offenbar weil es daraufhin ein peinlich berührtes Gelächter mit allerlei „Ho-ho-ho“ zu hören gab, was im Kern Zustimmung signalisierte und dem anonymen Rufer zwar verspäteten, doch umso entfesselteren Beifall einbrachte, worauf er sich schließlich zu erkennen gab. Für die Zukunft sei es allerdings besser, war die einhellige Meinung, man äußere sich innerhalb der Sitzung, falls es noch einmal eine gäbe, denn ein Schlusswort sei ein Schlusswort, so hätte es Herr Werner nämlich auch gesehen.
Am nächsten Morgen schlich man an Herrn Werners Zelt vorbei, wie man es immer getan, um ihn nicht zu wecken und seine Anwesenheit beim Frühstück heraufzubeschwören, was lediglich eine geringe Schonfrist garantierte, denn Herr Werner besaß einen Reisewecker der vorletzten Generation, welcher unzerstörbar schien. Man hätte ihm in Herrn Werners Abwesenheit nur allzu gern allerlei Zerstörerisches angetan. Aber Herr Werner war niemals abwesend gewesen, und nun wo er weg war, blieb zu aller Erstaunen auch das quälende Fiepen aus, welches Herr Werner stets überhörte, weil er schlief wie ein Presslufthammer, der grundlos immer mal wieder ansprang und ohne jeden erkennbaren Anlass zur gleichen Zeit mit staccatoartigem Kompressorhuster der Nachtruhe ein jähes Ende setzte.
„Von allein“ würde er wach, rühmte sich Herr Werner des öfteren, da brauche er keinen Wecker, dieser sei „allein zur Sicherheit”. Auf die Frage, warum er ihn dann überhaupt mitnähme und fiepen ließe, antwortete er allzeit mit dem gleichen überraschten Unverständnis und weitem Augenaufriss „Na zur Sicherheit!“ Trotz Herrn Werners gewaltigem Schlaf schlich man auf leisen Sohlen an seinem bebenden Zelt vorüber, niemand hätte sagen können warum.
So fiepte sich der Weckapparat allmorgendlich zur Ekstase. Einer nannte ihn daraufhin bereits am zweiten Tag des Zeltausflugs „einen verdammten Fickwecker”, worauf dieser Vergleich in vollem Beisein und nicht minderer Bestürzung Herrn Werners deutlich belegt wurde. Erst ginge es „ooh, Pause, ooh, Pause“, dann bald „oohhh, oohhh, oohhh“ und schließlich „o, o, o, o, o“. Herr Werner meinte eingeschnappt, der Vergleich hinke vorne wie hinten, was nun auch dem Vorletzten die Lachtränen in die Augen schießen ließ. Herr Werner, der trockenen Auges blieb und sich keiner Doppeldeutigkeit bewusst war, ließ sich dennoch dafür eine halbe Minute feiern und zog sich danach in sein Zelt zurück, um einen anderen Weckton auszuwählen, was er allerdings, da er diese Einstellung noch nie geändert hatte, für jeden hörbar ausprobieren musste und ihm draußen einige frivole Kommentare bescherte: „Hört ihr, jetzt treiben’s die beiden, gaaanz laangsam ooh, Pau-se, Pau-se, ooh“. „Sind ja beide nicht mehr die Jüngsten“ fügte ein anderer hinzu und ein Dritter: „Tja, und einer braucht Batterien“, wonach ausgerechnet eine Frauenstimme fragte „Aber wer von beiden?“ Herr Werner beschloss, den jungen Leuten ihren Spaß zu lassen und es ihnen nicht nachzutragen. Am Morgen darauf fiepte der Wecker dann etwas lauter, länger und eine ganze Stunde früher.
Nun war Herr Werner also weg und man hätte mit diesem elektronischen Nervtöter fernöstlicher Herkunft alles tun können, was man sich gewünscht hatte, doch einerseits standen weder Flammenwerfer noch Planierraupen und schon gar nicht Herrn Werners Hintern zur Verfügung. Außerdem fiepte es nicht ein einziges lästiges Mal. Da man aber alles so machen wollte, als sei nichts geschehen, stellte dieser Umstand nicht weniger als das ganze Vorhaben in Frage. Der Ratsvorstand diktierte nach eilig einberufener Krisensitzung, man werde sich – trotz des fehlenden Fiepens – über diese frühtägliche Ruhestörung schwarzärgern, keinen Schlaf mehr finden und grimmig zum Frühstück schreiten. Im Gegensatz zum Wecker funktionierte dieser Plan hervorragend, man bekam beinah keinen Bissen mehr hinunter und starrte wütend auf Herrn Werner, der zwar nicht da war, ihnen aber mit seinem tonlosen Wecker den wohlverdienten Erholungsschlaf, wenn nicht den Verstand raubte.
Ebenfalls erregte es die Gemüter heftig, dass Herr Werner seit Tagen keinen Finger rührte und sich an keiner gemeinschaftlichen Arbeit beteiligte. Er habe sich doch schon immer von derlei Dingen ferngehalten und jetzt, wo er weg ist, sei es besonders auffällig und schlimm geworden, so ein Wegsein könne auch nicht alles entschuldigen, schließlich war es ja so, als ob er da war.
„Als ob er da ist“ war auch das Motto der zweiten ordentlichen Sitzung des Rates, bei der bittere Beschwerden und reichlich Unmut über Herrn Werner kundgetan wurde. Sein Verhalten bot Anlass zu allerhand Rügen und man erwog einen ganzen Katalog von Sanktionen. Zur Sprache gebracht wurde, neben dem elenden Weckergefiepse und dem unhaltbaren Missstands, dass sogar die Essensreste übrig, will heißen: die Töpfe unausgekratzt blieben, auch das unkommunikative Wesen Herrn Werners. Er ignoriere alle und habe seit Tagen mit niemandem gesprochen, er trage ja selbst hier, wo es schließlich um ihn ginge, nichts bei, als sei er gar nicht da, erregte sich eine Grundschullehrerin, die zitternd an einer Zigarette saugte. „Gar nicht mehr beachten!“ rief einer. Jubel brandete auf. „Das ist doch die einzige Sprache, die solche Leute verstehen” übertönte ein anderer den Volkston. Wieder Jubel. Die anschließende Abstimmung war hundertprozentig. Künftig werde man Herrn Werner nicht einmal mehr das Geschirr auf den Tisch stellen, man werde ihn nicht sehen, nicht mit ihm reden und schon gar nicht streiten.
„Wir werden sehen, ob diese Maßnahmen fruchten“ sagte der Vorsitzende in seiner Abschlussrede und fügte hinzu: „Diese Sitzung stand unter dem Motto: So als ob er da ist. Ich glaube, im Namen aller sprechen zu können, wenn wir nun, wo wir so tun werden, als ob er nicht da ist, das Motto dieses Tages dahingehend korrigieren.“ Lautes Nicken.
In den kommenden Tagen war ein deutlich entspannteres Verhältnis zu Herrn Werner spürbar. Die Mahlzeiten wurden bedarfsgerecht zubereitet, Herrn Werners Wecker fiepte nicht mehr und alle fanden sich ausgeruht zum Frühstück ein. Einen großen Beitrag leistete aber vor allem die verordnete Ausgrenzung. Man wechselte mit Herrn Werner kein Wort und schloss bereits nach vier Tagen daraus auf einen Hauch Einsicht. „Na es geht doch“ brachte einer beim Volleyballspiel die Situation passend auf den Punkt und meinte doch nichts anderes, als dass die Grundschullehrerin endlich ihre Angst vor dem Ball verloren zu haben schien, diese fasste jenes Resümee jedoch nicht als sportliche Zuspielung, sondern vielmehr als verbale Anspielung auf und pädagogisierte: „Integration statt Ausgrenzung sollte unser Ziel sein. Wir müssen ihm die Hand reichen, ihn zurück in die Klassengemeinschaft holen! Das war schon immer mein Prinzip. Nur in der Gruppe ist man stark. wenn da einer ausschert, das ist nie gut.“ Indes verließ sie unbeeindruckt vom Protest der Mitspieler die Mannschaft, um sich eine Zigarette anzuzünden und vom Spielfeldrand den Verbliebenen hochqualifizierte Ratschläge wie etwa „Mehr anstrengen!“ und „Jetzt aber ran!“ zuzurufen.
Man hielt noch am Abend desselben Tages eine weitere Sitzung ab, die nicht lang dauerte und allein die Lockerung der verhangenen Sanktionen zum Zweck hatte. Man dürfe den menschlichen Aspekt nicht aus den Augen verlieren, auch wenn es hier um einen Herrn Werner gehe, meinte die Pädagogin und schlug im gleichen Atemzug vor, um den Vorsitzenden einen neuen Rat, bestehend aus drei Frauen und zwei Männern zu bilden – oder besser noch, eine Vorsitzende zu wählen und um diese einen ausschließlich weiblichen Rat zu versammeln, damit es zeitgemäß und gerecht zuginge. Sie selbst erklärte sich nach einer offenen Probeabstimmung zur Kandidatur bereit und versprach, im Falle ihrer Wahl, diese auch ganz bestimmt anzunehmen und mit ganzer Kraft auszufüllen – sie wolle, ganz im Sinne der Gleichstellung, ihren Mann stehen. Daraufhin brach großes Gelächter unter den 14 Männern aus, die anderen zwei Frauen sahen hingegen betreten zu Boden.
Nachdem nun am nächsten Morgen der Wecker wieder schier endlos gefiept hatte und man an Herrn Werners Zelt vorübergeschlichen war, fragte ihn die Grundschullehrerin beim Frühstück, ob er denn aus alldem nichts gelernt habe.
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© Matthias Schumacher, 2007/2011
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