Author: Matthias Schumacher | Date: 12. Mai 2012 | Please Comment!

Hund in Herr Werner - DER EINSCHLAG (Kurzgeschichte)

Es war der 23. Oktober und Herrn Werner fuhr ein Herbstwind durchs schüttere Haar, was Herrn Werner beinah selbst kaum noch gelang. Doch es war ein starker Wind, der in heftigen Böen nach allem griff, was nicht niet- und nagelfest war, und das waren Herrn Werners Haare schon seit seinem 35. Lebensjahr nicht mehr, sie wurden locker, fielen erst einzeln und später in Büscheln aus. So ist das mit den Haaren. Herr Werner hatte mal irgendwo gehört, dass Menschen noch einige Tage nachdem sie gestorben sind, die Haare wachsen. Herr Werner lehnte diese Chance für sich ab. Nur der Haare wegen zu sterben, ging ihm deutlich zu weit.

Das Gemüt des Herrn Werner war eine Feder, leicht und unbekümmert über allen Tiefen und Tiefgängen schwebend, aber wie seine Haare angreifbar von jedem Lüftchen und den Stürmen, die sie  hin und her peitschten, wenn es einmal mehr ganz nah neben Herrn Werner eingeschlagen hatte. Herr Werner fand diese Formulierung schon seit langem höchst poetisch und dramatisch. „Die Einschläge kommen immer näher“ sagte er stets, wenn ihm zugetragen wurde, dass wer in seinem Umkreis oder zumindest der Stadt gestorben war, denn es berührte Herrn Werner nicht wenig. Aber auch wenn er in der Zeitung las, irgendwo in der Ferne sei ein Filmstar oder bekannter Sänger verschieden, berichtete er es wenigstens allen, die er an diesem Tage traf, mit der tiefsten Betroffenheit, wobei er meist die Nachricht mit einigem Bedauern und seinem Satz mit dem Bombardierungsvergleich verband, so hieß es nicht selten „Ja leider ist er von uns gegangen, es ist ein Jammer, tja die Einschläge kommen immer näher“. Und ebenso oft sorgte dies für allerlei Erstaunen, schien es doch meist, als habe Herr Werner all diese Berühmtheiten persönlich gekannt. Wieso sollte er auch sonst von näherkommenden Einschlägen sprechen?

Kurz vor diesem Oktobertag war Silvia gestorben. Die Freundin des Sohnes eines Bekannten eines Arbeitskollegen. Das hatte Herr Werner während Rostbratwürstchen mit Sauerkraut, Soße und Kartoffelpürree in der Kantine erfahren als zwei seiner Kollegen – wie alle anderen – an seinem Tisch vorbeigingen, um sich, obwohl sie wie Herr Werner Nichtraucher sind, in die Raucherecke zu setzen. Herr Werner nahm es mit Unverständnis zur Kenntnis.

Silvia war erst 16 Jahre gewesen und es sei ganz plötzlich gekommen, hatte Herr Werner noch hören müssen, was ihn tief erschütterte und beinah dem Appetit verdarb. Arme Silvia, dachte Herr Werner und vergaß dabei ganz das Kauen, so dass ihm die Wurstbrocken nebst Pürree beim Herunterschlucken fast im Halse steckenblieben. So schwer hast du daran zu schlucken, an einem fremden Schicksal, dachte Herr Werner, wie weich du doch bist, Herr Werner, dachte er weiter. 16, so jung! Was sie alles niemals erleben wird!

Herr Werner schob das Essen beiseite und griff zum Kaffee, schob den Kaffee beiseite und griff wieder zum Teller. Der Kaffee errege ihn nur zu sehr, dachte er, er kriege aber auch keinen Bissen mehr hinunter und die Einschläge kämen immer näher. So ging es ihm den ganzen Tag hindurch. Alles drehte sich nur um Silvia. Dieses Schicksal, dieser Schlag! Er erzählte es allen, die er traf und konnte sich tiefster Erschütterung sicher sein. Es sei ja alles so schnell gekommen, damit konnte ja nun niemand rechnen, mit 16! Es sei zum Verzweifeln, so ein junges Mädchen – aus dem Leben gerissen, einfach so. Es sei so ungerecht. Nicht selten fragte Herr Werner dann sein Gegenüber, indes ihm die Tränen in die Augen schossen: „Warum nur Silvia, warum?“. Er wusste keine Antwort und niemand, der davon erfuhr, wußte eine. „So ist das Leben“ sagte eine Kollegin schnippisch im Vorübergehen „Da überkam es Herrn Werner und er brach in Tränen aus: „Aber was für ein Leben ist das denn – ohne Silvia?“

Am Abend stellte Herr Werner eine Kerze für Silvia ins Fenster, schaute lange zum Himmel hinauf und räumte dem kühlen Vollmondlicht die Möglickeit ein, durch einen Spalt zwischen den Vorhängen Herrn Werners dick eingecremtes Gesicht zu bewandern, was Herrn Werner den Schlaf raubte, aber doch glücklich machte. Er tat es nur für Silvia.

Nun war es Samstag, jener 23. Oktober, und der Herbstwind durchkämmte Herrn Werners restliches Haupthaar, denn gleich nach einem reichlichen Frühstück zog es Herrn Werner in den Wald. Er war nur zwanzig Minuten Fußweg entfernt und darum hatte Herr Werner den Wagen genommen. So schlurfte Herr Werner abwechselnd durch herbstliches Laub, Gestrüpp und mitunter unwegsames Unterholz, das Herr Werner kaum bemerkte, zu sehr war er mit seinen Gedanken über Leben und Tod beschäftigt und geriet dabei unversehens an den kleinen Waldsee, wo er damals die Ursel kennengelernt hatte.

Damals war er 19 und Ursel seine erste große Liebe. Ach Ursel, ach Silvia! Silvia, nie bist Du 19 geworden, seufzte es in Herrn Werner. Hast Du jemals jemanden so sehr geliebt in Deinen wenigen Jahren, wie ich meine stämmige Ursel, die nie meine stämmige Ursel war, die ich nicht bekommen habe, wegen diesem Rüdiger, diesem Ruderer, der ihr hier auf dem See, diesem lächerlichen kleinen Tümpel, dieser Pfütze einen ganzen Sommer lang von morgens bis abends dermaßen einen vorgepaddelt hatte, dass Ursel ja gar nicht anders konnte, als sich gleich bei ihm im Ruderclub anzumelden und dann bitter enttäuscht war, weil Rüdiger eben nur dies und nichts anderes von ihr wollte und sie gar keine Chance hatte gegen seinen Joachim. An all das dachte Herr Werner tief bewegt.

Das Leben ist voller Chancen, sie sind nur ungerecht verteilt, dachte Herr Werner, und war vielleicht niemals zuvor so weit in sich gedrungen. Was war schon sein kleines Unglück gegen Silvias Schicksal!

In diesem Moment, Herr Werner hatte es nicht kommen sehen können, schoß eine gewaltige Fontäne auf ihn ein und es dauerte einige Sekunden bis er verstand, dass ein enormer Ast oder Meteorit in den See gestürzt sein musste, mindestens etwas, das diesen Tsunami auslösen konnte. Es war ein Rottweiler. Augenscheinlich herrenlos. Verständlich, dachte Herr Werner, wer will so ein Viehzeug schon haben? Leider können Hunde schwimmen, hat Herr Werner sich zu denken verboten, denn die Stunde war für solch makabere Gedanken gänzlich ungeeignet.

Aus dem Dickicht wurden in unregelmäßigem Wechselspiel Rufe und Pfiffe lauter: „Rüdiger! Rüdiger!“ Herr Werner hätte sich am liebsten in die Büsche geschlagen, schließlich hatte Rüdiger mit Herrn Werner noch eine Rechnung offen, so ein Kanu ist teuer und die Bohrmaschine stammte zweifelsfrei aus Herrn Werners Besitz. Doch Herr Werner konnte sich beruhigen, es musste sich um diesen elenden Köter handeln. Geschieht dem Monster recht, gerade Rüdiger zu heißen, dachte Herr Werner und war schlagartig entspannt und ebenso überrascht als der Arbeitskollege, der sich über Silvias plötzlichen Tod unterhalten hatten, lachend und johlend einem Gebüsch entstieg und kurz darauf ein anderer, Werner unbekannter Mann und schließlich ein Junge von etwa zehn Jahren.

Herr Werner konnte sich nicht zurückhalten: „Was sind Sie nur für Ungeheuer! Da stirbt ein Mensch, ein junger Mensch, wie das Kind da, ein Mensch, der das Leben noch vor sich hatte, und Sie krakeelen hier mit ihrem Dorfköter rum, tun so, als ob gar nichts geschehen wär. Da ist wieder jemand von uns gegangen, da ist wieder ein Einschlag ganz nah und schmerzlich spürbar! Und das alles vor dem Kind da! Haben Sie denn gar keinen Anstand, keinen Respekt, keinen Charakter?“

Herr Werner hatte wieder Tränen in den Augen und in all der Erregung sogar vergessen, auf die Reinigung seiner Kleidung zu bestehen. Der Kollege und der Fremde sahen sich betroffen an und verstanden zumindest, dass Herrn Werner dieser Trauerfall überforderte und klopften ihm tröstend die Schultern, worauf sie sich behutsam erkundigten, wer denn eigentlich gestorben sei. Herr Werner schwankte zwischen Entsetzen und Verwunderung, brach aber schließlich in Tränen aus, in deren Fluss ein ein „Na Silvia, Silvia!“ In heftigen Gelächter stießen ihn die beiden von sich. „Wie können Sie in dieser Stunde nur so unverschämt lachen, Sie, Sie Unmenschen!“ entfuhr es Herrn Werner und der Fremde revanchierte sich, indem er Herrn Werner empfahl, dem paddelnden Rottweiler Rüdiger sein herzliches Beileid auszusprechen, Silvia sei schließlich dessen Schwester gewesen.

Foto: slim kid jones
© Matthias Schumacher, 2012

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