Author: Matthias Schumacher | Date: 17. Februar 2012 | Please Comment!

Marike, Deine geschwungene Schrift, mit der Du unser Leben schönschriebst – auf Zetteln, die ich über Jahre hinweg sammelte und von denen mir nur jener blieb, der nun, während ich diese Zeilen schreibe, zu meiner Linken liegt. Ein stockfleckiger Schatz. Er verrät, dass Du an diesem Freitag, wie an jedem zweiten Freitag, auf dem Weg zu Briesemeister warst, um einen „Braten mit Daumen“ zu holen. Briesemeister wog alles „mit Daumen“, den er für seine Kundschaft unsichtbar zwischen Waagschale und Fleisch schob und sich mit der Geschicklichkeit eines Taschendiebs und sanftem Druck zu ansehnlichem Wohlstand manipulierte. Dieser Zettel – mein Erbe und letzter Zeuge meiner Tat, verschwiegener Komplize, der mich auf der Flucht begleitete und nun auf diesem Weg zurück in jene Jahre – und wieder sehe ich Dich nur vor meinem inneren Auge…

Marike war eine warmherzige und gutmütige Magd, spürbar dünnhäutig und belegt vom Fluche einer zeitweise unstillbaren, beugenden Schwermut; gewiß an Jahren und Erfahrungen bedachter als ich, allerdings war sie mir so nahe, so vertraut und so sehr von mir geliebt, daß alles, was zwischen uns zu stehen schien, vom Tuch der Sympathie von beiden Seiten bedeckt gehalten wurde. Marike war zweifellos eine gestandene Frau und dennoch so herzlich kindlich naiv. Sie sah alles um sich herum mit anderen Augen, ähnlich denen eines Kindes; sie sah es allemal anders als die meisten von uns, sie sah vieles bunter und prächtiger, doch allessamt freundlicher als es tatsächlich war.

Ihre Welt schien meiner Dichterwelt in vielem ähnlich. Jedoch hätte man Marike niemals weltfremd nennen können, dazu stand sie mit beiden Beinen zu fest im Leben; einem Leben, das für viele keines gewesen wäre, diesen Namen im Grunde hätte nicht tragen dürfen.

Marike war, trotz aller Klugheit, leichtgläubig gegen jeden, der studiert hatte oder es zumindest verstand, sich so zu geben. Sie verehrte alles Gescheite und Gelehrte, und zeigte selbst, wenn man ihr die Gelegenheit einräumte, großes Interesse an allem, was über ihr engeres Umfeld hinausging. Doch auch wenn sie klug war, war sie gleichermaßen dumm und einfältig genug, alles, was jene für bewiesen und belegt hielten, für wahr und bare Münze verkauften, ungeprüft für rechtens und richtig zu halten.

Marike setzte Bildung mit Moral und Ehrlichkeit gleich und verstand nicht, warum gescheite – und daher über alles Primitive wie Lügen erhabene Menschen – ihr Ansehen mit Falschheit gefährden sollten. Sie fand keinen Grund, daß jene ihr Wissen, ihre Menschenkenntnis (und damit ihre Allmacht) gegen ihre Mitmenschen richten sollten; sie begriff nicht, wie gefährlich es sein kann, mehr zu wissen als andere und wie sehr das Böse lockt, wenn man sich sicher und undurchschaubar fühlen kann, weil es den Nächsten eben am Nötigen fehlt, falsche Spiele als solche zu enttarnen.

Mir ging es damals ebenso. Auch mir war es eine unbezifferte Zeit lang ein Rätsel, wieviel Macht gebilligte Dummheit, absichtslose Unwissenheit und blinde Leichtgläubigkeit dem Wissenden, der sich seines Wissens und des Unwissens seiner Mitmenschen bewußt ist, einzuräumen vermag.

Ihr Oheim, der Arzt Dr. Dankwart van Gracht, besaß einige Morgen Land am südöstlichen Hang des Kains, nebst angeschlossener Koppel und Reitstall mit edlen Rappen und Stuten, einem stattlichen Fuhrpark sowie einem Haus, das sich nach der Fertigstellung eines gewaltigen Anbaus, an dem zu jener Zeit auch mein Vater beteiligt war, in einen kleinen Palast, ja eine Festung verwandeln sollte.

Über das Innere des Hauses wurde alleweil viel spekuliert, selbst Marike wußte darüber wenig zu berichten. So entstanden etliche Rätsel, Gerüchte und manche Legende. Man munkelte, dort gäbe es Räume, die Bibliotheken glichen oder gar Thronsälen. Andere Behauptungen gingen dahin, daß van Gracht das ganze Haus Stück für Stück zu einem einziges Laboratorium umgestaltete. Dies war wiederum keinesfalls abwegig oder einfältig, schließlich genoß van Gracht einen außerordentlich guten Ruf und hohes Ansehen in diversen wissenschaftlichen Fachkreisen, namentlich denen der Pathologie und der Rechtsmedizin.

Einige  meiner Kameraden verarbeiteten jenen blickdichten Stoff zu abenteuerlichen Gruselgeschichten von schwarzen Männern, Moorleichen, Mördern, Vampiren, sonstigen Untoten und anderen finstren Gesellen.

Gestützt und gefördert wurden all diese Vermutungen vom sonderbaren Verhalten van Grachts, der selbst während des Umbaus keinem der Handwerker, so auch nicht meinem Vater, Zutritt zu seinen Wohn- und Arbeitsräumen gewährte, was deren Verrichtungen überaus erschwerte und die Kosten hierfür mehr und mehr in die Höhe trieb, was van Gracht mit kühler Gelassenheit hinnahm. Der einzige Mensch,  der neben dem einsiedlerischen Mediziner regelmäßig diese Festung betrat, war Werner Hintritt, Hagens Vater, und niemand im Ort wußte sich einen rechten Reim darauf zu machen, warum sich van Gracht gerade diese alte Schnapsdrossel ins Haus holte.

Selbst Hagen fand hierfür keine plausible Erklärung, von mir ganz zu schweigen, denn es interessierte mich eigentlich auch gar nicht. Es ging mir (dem Himmel sei’s geklagt!) am unteren Rückenanbau vorbei.

In mancher Runde wurde, gerade weil die Bauarbeiten immer umfangreicher und kostspieliger wurden, das Vermögen des Arztes geschätzt, und diese Schätzungen umfaßten eine Spanne vom durchaus Realistischen, bis hin zum Phantastischen. Van Gracht verzichtete, wie es stets seine Art war, auf jede Aufklärung und Berichtigung und lebte sein geheimnisumwittertes Leben unbedarft fort.

Marike gehörte nichts von all seinen mutmaßlich beträchlichen Gütern, denn all dies, so war es von van Gracht stadtbekannt testamentarisch festgelegt, sollte erst nach seinem „natürlichem Tode“ in ihren Besitz übergehen. Bis zu jenem Tage sollte Marike, so war es weiter verfügt, „ihr Brot selbst verdienen und nicht von fremden Ruhme zehren“. Marike hätte ebenfalls alle Anrechte auf ihr Erbe eingebüßt, wenn sie sich vor van Grachts Hinscheiden vermählt oder gar Mutter geworden wäre. Van Gracht selbst war zeitlebens Junggeselle und daher kinderlos geblieben. Und dies war gut so! Er haßte Kinder und wir Kinder haßten ihn. Van Gracht war einer jener Ärzte, die ihre Rechnungen künstlich in die Höhe schrauben, wenn diese aus der Behandlung von Kindern resultierten. Er teilte ohnehin nicht gern und sah es schon gar nicht ein, „Bälgern und Rotzlöffeln alles in den Rachen zu werfen.“ Sein Geiz machte, wie erwähnt, auch nicht vor Marike halt, und so schuftete sie für mitunter erbärmliche Hungerlöhne, zum Teil in mehreren Häusern gleichzeitig, obwohl van Gracht zehn Mädchen von Marikes Sorte hätte miternähren können.

Van Gracht gelang es seit Jahren vorzüglich, seinen Ruf als praktizierender Humanmediziner mit allerlei Kurpfuscherei zu ruinieren, und er wurde infolgedessen, auch von seinem Gestüt hergeleitet, in allen Gesprächen unter den Handwerkern und Bauern zum Pferdedoktor degradiert. Allerdings war er der einzige Arzt weit und breit, und so wurde der Weg zu ihm für die Leidenden meist zu einem Gang nach Canossa. Dr. Dankwart van Gracht hätte auf deren Besuche auch getrost verzichten können, denn seine Praxis war weniger ein Hort der Kranken, sondern mehr ein Wallfahrtsort für die voyeuristisch veranlagten, exhibitionistischen Klunkertanten und gutbetuchten, hypochondrischen Neureichen vom Süd- und Osthang, die dem alternden Charmebolzen zu Dutzenden verfallen waren und den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hatten, als in akribischer Regelmäßigkeit ihre fetten, goldbehangenen Leiber dessen tattrigen Griffeln wie Wildschweine auf einem Silbertablett zu reichen. Führwahr, darauf verstand er sich.

Marikes Oheim praktizierte seit seiner Approbation in Fürstweil, und hätte es seine reichen Gönnerinnen nicht gegeben, wäre er uns sicherlich irgendwann entflohen, zumal die meisten von uns Provinzlern nur so vor Gesundheit strotzten und er sich letztlich eine anfälligere Klientel hätte suchen müssen. Wahrscheinlich hätte ich dann wohl niemals Marike kennengelernt und diese Geschichte bliebe ungeschrieben.

Marike wurde bereits in ihren frühen Jahren vom Schicksal arg geschlagen…

Irgendwann, unweit vor meiner eigenen Zeugung, stellte das Leben das junge Mädchen auf eine harte Probe:

Zu dieser Zeit bandelte ein Zimmermannsgesell, der auf Wanderschaft war und einige Tage bei meinem Vater in Lohn und Brot stand, mit der gutgläubigen Marike an. Es muß eine kurze Liaison und seitens des Handwerkers nur triebhaftes, körperliches Verlangen und kühle Berechnung gewesen sein. Denn es hieß, hieraus sei ein Kind entstanden, das niemals das Licht der Welt erblickte, es verstarb bei der Geburt. Der Gesell ward seit der Zeugung nimmer gesehen.

Marike wehrte alles dorthin Ergründende eisern ab und ließ alle Fragen schweigend offen. Auch ging sie niemals wieder eine Beziehung ein, obwohl es nimmer an Verehrern und Angeboten fehlte. Eines verdankte sie dem Verlust ihres Kindes jedoch,  ein sicheres Erbe, wenn ihr Oheim dereinst versterben würde. Doch für ein leibliches Kind hätte sie ihre Seele verpfändet.

Allerdings war ich mir schon damals sicher, daß van Gracht Himmel und namentlich die Hölle in Bewegung zu setzen verstanden hätte, um dies zu verhindern.

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