Author: Matthias Schumacher | Date: 10. Februar 2012 | Please Comment!

Jagdschloss-F Rstweil Johannes-Weidner Matthias-Schumacher Freund-und-Bruder Privatroman in Sechstes Kapitel

Der an anderen Tagen kreischend wirkende, gellende letzte Schlag unserer Schulglocke erschien mir an jenem Tage freundlich und wohlgesonnen, wie ein befreiendes, himmliches Läuten.

Sehnsüchtiges Heimweh sprang mir flehend und gleichermaßen drängend ans Gemüt.

Vater wäre vielleicht noch nicht zu Hause gewesen und ich hätte mit etwas Glück, die von mir hochverehrte Dienstmagd Marike einige Minuten für mich allein.

Es trieb mich folglich auf kürzestem und schnellstem Wege nach Hause, ich lief geradewegs vom sonnenüberfluteten, gleißenden Schulhof auf die schattige Ahornallee mit ihren starken, uralten Bäumen, warf einen flüchtigen Blick zum Kain hinauf, schwenkte rasch zu jenem nach links, spurtete vorbei an Gendarmerie nebst Zuchthaus und Feuerwache, der Praxis von Dr. Dankwart van Gracht, dem unscheinbaren Jagdschloß und noch winzigerem, aber rundum herausgeputzem und alleweil vorzeigbarem, prunkvollem ganzen Stolz unseres sonst eher weniger protzigen Ortes: dem Schloßplatz. Alsdann hielt ich mich einige Momente rechts und schließlich erneut hart links, lenkte zur holprigen Mühlsteinstraße, verlor den Kain aus den Augen und rief dem schaufensterputzenden Metzger Briesemeister einen verlogenen freundlichen Gruß zu, ließ alsbald die verwitterte, ausgediente Mühle samt Bächlein achtlos hinter mir und rannte über die Hunnenbrücke, parallel zur Festtagswiese, der großen Kreuzung und dem endlosen Gernotspfad entgegen, wo auch Hagen und dessen Vater unweit der historischen Stadtmauer ein reparaturbedürftiges, nahezu abrissreifes Häuschen besaßen. Wie gewohnt bog ich dort hinein, beschloß aber aus Zeitnot, Hagen erst am frühen Abend aufzusuchen.

Trotz rasendem Herzen, hochrotem, glühendem Kopf, verschwitztem Leib und dürstender Kehle beschleunigte ich noch einmal meinen Lauf und raste bis kurz vor jenen vertrauten Abzweig in die lichte, heimatheißende Weidnergasse. Einzig dieser Weg, welcher mich geschickt am Ortskern vorbeimanövrierte, konnte mich dem dortigen, mir verhaßten Klatsch und Tratsch der Dorfweiber beim Einholen am Nibelungensteg und Marktplatz entziehen und mir alle Heuchelei ersparen.

Nun war es höchste Zeit, eine weitaus beschaulichere Gangart einzulegen, da es mein Vater mit kochendheißen Bädern ahndete, mich wie von allen Hunden gehetzt heimkommen zu sehen. Wannenbäder, die mein Vater streng überwachte und die ich während jenes Stadiums meiner Entwicklung, inmitten der peinlichen Unkontrollierbarkeit und des mir selbst gewöhnungsbedürftigen Erscheinungsbildes meines Körpers, in seinem Beisein nicht ertragen hätte. Ich wußte aber, hätte er mich erwischt, wäre nichts auf der Welt in der Lage gewesen, ihn zu erweichen  und von meiner Demütigung abzubringen. Er meinte, wenn ich schon darauf bestünde, um alles in der Welt schwitzen zu müssen, dann sollte dies auch mit aller Konsequenz geschehen. Halbheiten kannte mein Vater nicht, sie ekelten ihn geradezu an. Eine Einstellung, die mir verhaßt und grad an solch heißen Frühlingstagen einem Morde nahe war.

So bewanderte ich des öfteren zunächst vor meiner Ankunft am Vaterhause fast schleichend in festentschlossenem Streben nach Abkühlung und in der Absicht, mich der Symptome meiner offenbaren Anstrengungen vollends zu entledigen, tiefdurchatmend die forderen laubreichen und karg bemoosten Meter eines unweiten, schwer zugänglichen Wäldchens und verschenkte hierdurch meist eben jene Zeit, die ich mit meinem zügigen Lauf bereits gewonnen glaubte.

Kaum angelangt wurde ich bereits genötigt, wie ein Aufgelauerter mit erhobenen Händen dort wachsam hin und wieder zu waten, nur waren es keine Räuber mit geladenen Revolvern, Schrotflinten oder gewetzten Messern, sondern dichte Brennesseln, die mir bis unter die Achseln reichten und mich mit vorgehaltenen Blättern in Schach hielten. Mitunter, doch überaus selten, geschah es, daß mir einzelne mannshohe Gewächse nach einem verzweifelten, behutsamen Versuch, sie mittels eines abgebrochenen, dürren Astes weit von mir zu biegen, wie eine unverhoffte Maulschelle an die Wangen peitschten. Ich kann heute nicht genau sagen, ob es angesichts jener schier unvermeidbaren, schmerzenden Berührungen, nicht klüger gewesen wäre, das Dickicht von vornerein zu meiden, mich der Ehrlichkeit und einer brütenden, väterlichen Waschung hinzugeben. Eine solche Tortur wäre nach einer halben Stunde überwunden gewesen und sogleich, ohne weitere Erwähnung, der Vergangenheit eigen geworden. Die juckenden Schwellungen hingegen, die mir diese tückischen Pflanzen zufügten, mahnten meist noch über viele Tage, namentlich in den schlafsuchenden Nächten, und erinnerten mich unerbitterlich an meine Untat.

O wie einfach war es mir damals noch, alle Schuld von mir ab- und mein Gewissen reinzuwaschen!

In jenen trüben Stunden, wenn jedes Alibi zusammenbrach, wenn ein Schlag der Brennesseln unverhüllbar in meinem Gesicht von Unrecht zeugte und Sühne heraufbeschwor, fiel alle anmaßende Überlegenheit und Schläue gegen meinen Vater gleich einem Kartenhaus in sich zusammen. Und zu allen Tränen, bösen Worten, zu Tadel und Schmerzen kam die Strafandrohung und sofortige Umsetzung.

Ich verabscheute meinen ansonsten so vergötterten Vater für seine rohe Härte.

War ich nicht genug gestraft?

Allmählich heilte die milde Kühle des Waldes wie ein unsichtbarer, wohliger Balsam meine verräterische Röte. Ich beschloß, den Hain zu verlassen und mich heimzubegeben, hüpfte in großen Sprüngen, das Wiegenlied trällernd und mit immer noch erhobenen Armen dem Waldrand entgegen, übermütig, unachtsam, auf daß sich ein Schnürbändel unlösbar im unteren Gestrüpp verfing und mich der Länge nach niederstreckte.

Ein halbgestöhntes „Elendes Kraut!“ entfuhr mir, bevor ich die ersten leichten Schmerzen an meinen Händen spürte, mit denen ich mich vor weitaus Schlimmerem beim Sturze zu bewahren hoffte. Teils mit Erfolg: Es waren die letzten Büsche, die mich zu Fall gebracht hatten und meine Kleider blieben, dank meiner umsichtigen Haltung, in makellosem Zustand.

Den Brennesseln war ich somit ebenso entkommen.

Ich fiel ungewöhnlich sanft auf die umliegende Weide und mit der rechten Hand in einen noch dampfenden Kuhfladen. Dieser Umstand zwang mich geradezu ein zorniges „Mist, Mist, Mist!“ auszustoßen, was es sichtlich auf den Punkt brachte.

Im nächsten Augenblick konnte ich vor Lachen nicht an mich halten. Ich erinnerte mich an meine alte Tante Henriette, die mich als kleiner Bub, wenn ich ihr zum Gruß die linke, scheinbar häßlichere Hand entgegenhielt, immer fürsorglich mit dem Ausspruch „Das schöne Händchen sollst mir geben, Johannes! Das schöne!“ rügte. Wie hätte Tantchen jetzt wohl reagiert?

Ich begab mich an einem häufchenfreien Flecken in den Schneidersitz, sah mir die Beschehrung nochmals genauer an und amüsierte mich noch einige Minuten über Henriettes entrüstetes Mienenspiel, ehe ich meine Hand, des Betrachtens überdrüssig geworden, im kurzgefressenen Gras grob säuberte.

Obwohl ich als Junigeborener ein Kind des Sommers bin, wurde ich niemals zum Sonnenanbeter, umso mehr erstaunte es mich, wie gut mir ihre wärmenden Strahlen zuweilen taten. Doch nicht an diesem Tage! Nachdem ich einen Augenblick lang, von süßen Dichterträumen entführt, mitten in ihr Zentrum starrte und folglich abertausend schwarze Kleckse vor meinen Pupillen flimmerten, sah ich aufs neue mein leidenschaftsloses Verhältnis zu ihr berechtigt.

Ich schlenderte gedankenversunken querfeldein, meinem Geburtshause entgegen, trampelte mir am Bordstein mit stampfenden Tritten den Torf von den Schuhen und nahm die zwei breiten Stufen am Hauseingang im Sturm. Ich öffnete die große massive Holztür mit den geschmiedeten, schweren Beschlägen und stand nun in jenen Räumen, die viel mehr als Wohnsitz, Unterkunft und Schlafplatz waren.

Hier stand einst meine Wiege, hier lernte ich laufen, lachen, lieben und hassen. Alles, was ich heute bin, nahm dort seinen Anfang. Dort floß Vergangenheit und Zukunft ineinander. Das alles war gestern, heute und morgen. Und all dies hieß wissen, daß ich dort Zuflucht gefunden hatte und versprach, daß es für mich innerhalb dieser Wände mein Lebtag lang so sein würde. Es roch nach Geborgenheit und Halt, stank nach Schuld und duftete nach Vergebung und Liebe.

Hier durchlitt ich Stille, Lärm und manche Ruhe vor dem Sturm. Dort schien die Welt heil und sonnig. Lagen auch Licht und Schatten nah beieinander, so war mir ein dortiger Schatten, das Abbild der schwärzesten Nacht je und je lichter und geliebter als der hellste und freundlichste Tag vor deren Fenstern, Türen und fachwerknen Mauern. Hier konnte ich allein sein, ohne mich verlassen zu fühlen, denn nur hier standen mir all meine Erinnerungen und alles im Unterbewußten Verwurzelte wie hünengleiche Fabelwesen mit Rat und Tat aus Stärke und Zauber zur Seite. Hier regnete es süßes Lob, und manch bittrer Tadel brach hier wie ein Wolkenbruch aus heiterm Himmel über mich herein, und doch war es niemals ein zerstörerisches, sondern stets ein laues wärmendes Wasser, das an mir herabfloß und meinen Lebensbaum zu nähren und zu stärken beabsichtigte.

Steter Niesel,  niemals Hagel.

Manches Schauspiel nahm hier seinen Auftakt, manche Komödie erwies sich als Drama, Tragödien als Lokalposse, aber ein jedes für sich als Lehrstück und manche textbedürfige Szene wurde hier wortlos zu Ende gespielt, weil die Pantomime weitaus mehr zu sagen vermochte.

All dies war Welt und Heimat.

All dies war ich.

Jeglicher Untergang dieser Welt der Materie, jedes Verlorengehen dieses Horstes aus allem, was über das Greif- und Begreifbare hinausgeht, hätte dieses Ich mit sich verschlungen und in die tristen Gründe eines zwar frischen, jedoch weitaus ärmeren Lebens hinabgerissen.

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