Elftes Kapitel
Author: Matthias Schumacher | Date: 27. Januar 2012 | Please Comment!Viele Monate sind vergangen, seit ich begonnen, meine Geschichte zu erzählen. Und nun, da ich in diese ungezählten Wörter wie in einen Spiegel blicke, nach mir und meinem Leben suche, erkenne ich immer mehr und öfter, wie wenig ich es lebte und wie sehr ich mich verlor.
Meine Geschichte, so schwor ich, erzähle ich nach bestem Wissen, dies müsse und würde genügen, dachte ich sehr lang. Nun drängen Fragen über Fragen. Was ist das denn, das beste Wissen? Ist es das beste? Sind es Erinnerungen? Dienen Gefühl und Glaube dem Wissen? Ist Wissen stets die einzige Wahrheit oder nur eine von vielen? Eine Antwort wäre nur eine Antwort, eine von vielen.
Im Verlaufe der vergangenen Wochen, mußte ich hier und dort, in dieser oder jener Episode feststellen, daß da noch mehr war und ich noch mehr weiß als bloße Bilder der Erinnerung, da waren Gefühle, Menschen und deren Schicksale, viel scheinbar Unwichtiges und noch mehr Wichtiges, das nur wichtig tat, sich binnen all der Jahre aufgeblasen hat. Teile meines Lebens, Stücke meines Selbst, viel hatte ich vergessen. Oft geschah es, daß mir zu Zeilen, die ich bereits vor Zeiten schrieb, die ausführlich, gelungen und abgeschlossen schienen, bei nochmaligem Lesen einiges mehr und immer wieder Wichtigeres einfiel, und ich somit ganze Kapitel hinzufügen mußte. Manches, das bis hier und heute bereits niedergeschrieben sein sollte, trat vorerst in den Hintergrund und harrt noch immer seines Berichts.
Auf dem Weg durch die Jahre habe ich den Ballast mancher Erinnerung abgelegt, vieles am Wegesrand belassen, anderes von mir geworfen. Neues schien erstrebenswerter und wertvoller, und so tauschte ich viele Schätze gegen Katzengold und ging schwer beladen, nur noch dessen Last auf mir spürend und immer ärmer werdend, mit kleinen Schritten meines Weges. Wie herrlich reicher fühle ich mich nun in jenen Stunden, da der einstige Glanz so greifbar scheint. Und auch wenn ich manchen Diamanten verlor oder vergessen hatte, wann, wo und wie ich ihn ablegte, so besitze ich ihn heute mehr denn je. Jeder wiedergewonnene Schimmer eines vergangenen Augenblicks, und er muss weder schön noch frei von Schmerzen sein, läßt mich funkeln und strahlen, und spendet Tausend Feuer, die jenes im Juni meiner Jugend niederringen.
Der Blick in mich und aus mir hinaus hat mich eines mit Gewißheit gelehrt: Jeder Mensch betritt die Welt als grober Stein mit mattem Glanz, doch auf seinem langen Wege schleifen ihn die Ecken und Kanten des Lebens zum einzigartigen Diamanten. Doch daß er vollends glänzt, muß viel Schein zum Lichte brechen.
JOHANNES WEIDNER
|>
