Author: Matthias Schumacher | Date: 2. Februar 2012 | Please Comment!

„Brrrh, mich friert. Es genügt, setz dich!“ seufzte kopfschüttelnd der restlos ergraute Rektor unserer ebenso in die Jahre gekommenen Lehranstalt.
„Die Anden nach Südtirol und die Alpen in den Kaukasus zu verlegen, mag ja recht originell erscheinen, auch Brandenburg an den Polarkreis zu verbannen, mag vergnüglich und sicherlich überdenkenswert sein, aber ich glaube, wir fühlen uns alle durchaus wohl in unseren gemäßigten Breiten. Es ist an einer Schule nun leider Gottes immer noch so, daß einzig korrekte Antworten und vorgezeichnete Lösungswege gut benotet werden und Phantasie kaum Entlohnung findet. Man kann schwerlich Ausnahmen machen, namentlich im Geographischen. Ach Junge, was soll ich denn noch alles mit dir anstellen? Selbst diese Aufgabe, die ein Schüler aus einer weit niedrigeren Stufe auf Anhieb bravourös gelöst hätte– Daß deine Leistungen überaus zu wünschen übriglassen, weißt du. Du solltest dich endlich eingehender mit den Dingen, die um dich herum geschehen, beschäftigen. So sehr ich deine Interessen auch befürworte, schätze, ja liebe, es gibt mehr als all das, was aus dir heraus ans Licht strebt. Viel mehr. Glaube mir!“
„Gewiß, Herr Rektor! Jawohl, Herr Rektor!“ lächelte ich ihm aufatmend entgegen.
„Recht so, Weidner. Cuiusvis hominis est errare,  nullius, nisi insipientis, in errore perseverare.“
„Jeder Mensch kann irren, im Irrtum verharren-“
„Wird nur der unkluge. Naja–“

Er grinste verschmitzt, griff sich alsdann mehrmals mittels Daumen und Zeigefinger seiner Linken an die Nase, schob sich anschließend mit dem Mittelfinger die filigrane Brille mit ihren kleinen zerkratzten Gläsern zur Stirn, setzte sich gemächlich und wandte sich im gleichen Augenblick bedächtig seinen geschundenen Unterlagen zu, um im nächsten Moment nach seinem elfenbeinern Schreibstift zu greifen, mit welchem er sogleich unleserliche Notizen in eines seiner Hefte kritzelte. Sie werden nichts Neues enthalten haben.

Rektor Siegfried Schönner, seines Zeichens wandelnde Bildungsspritze mit unbändigem Drang zum Impfen, und ich wußten schon lange, was wir von einander zu halten und zu erwarten hatten. Und, wie dies auch immer geschehen sein konnte, es entwickelte sich ein über die zahllosen Übungsstunden hinausgehendes, kameradschaftliches, geradezu freundschaftliches Verhältnis. Eine Beziehung wie ich sie, hätte ich sie nicht am eigenen Leibe erfahren, inniger zwischen Lehrer und Schüler nicht für möglich hielte.

Schönner war bei allen Schülern beliebt und nicht weniger geachtet, obwohl oder wahrscheinlich gerade weil er sich dann und wann einer einem Schulmeister unwürdigen Sprache bediente. Er volkstümelte. Er scherzte mit uns, parierte manche derben Streiche, die ihm besonders die älteren Jahrgänge des öfteren spielten, meisterlich und nicht minder geistreich. Er war schon eine lächerliche Gestalt – im positivsten Sinne – ein hagerer, gebückt gehender, langsamer und daher gemütlich und gutmütig wirkender, kurz vor dem Ruhestand stehender, kreidebleicher alter Mann.

Die Jahre hatten ihre Abdrücke krähengleich und haarfein um Schönners Augen gestanzt, ein Umstand, der ihm seinen  Beinamen „Krähe“ zutrug. Eine Bezeichnung, die Schönners Naturell in keiner Sekunde seines Lebens, seines Denkens und Handelns widerspiegelte, aber unreife Kinder, wie viele von uns es nun einmal damals waren, fragen nicht danach. Vielmehr war er ein komischer Kauz – ein Original, dem kaum etwas auf dieser Welt heilig genug erschien, um es, und nichtsdestoweniger sich selbst, nicht ins Lächerliche ziehen zu können. Sein Oberlippenbart, welcher mitunter so manchen Speiserest verbarg, tat sein übriges.

Der alte Lateiner mußte sich während seiner Dienstjahre mehrfach für längere Zeit ins Sanatorium begeben, kurieren und Zwangspausen einlegen, und war zu dieser Zeit gewiß nicht mehr an jedem Tage Herr all seiner Kräfte, was ihn nicht daran hinderte, sich weiterhin unbeirrt seinen Schutzbefohlenen mit ganzem Herzen zu widmen. Dies große Herz, das ihn auszeichnete und welches ihm seit einer verschleppte Infektion, die er während seines Studiums nicht ernst genug nahm, bereitete ihm oft und öfter mit Stichen und Kurzatmigkeit beständig wachsende Schwierigkeiten, rang eine unbeschwerte Lebensführung fast bis zur Unmöglichkeit nieder und meldete sich zunehmend mit krallendem Schmerze zu Wort.

Schönners Engagement und seine unbedingte Rücksichtslosigkeit sich, seiner Gesundheit und daher seinem Leben gegenüber, forderten ihre Tribute. Er war verwundbar, das Birkenblatt auf seinem Rücken für den Speer des Todes deutlich sichtbar geworden, dessen Nähe spürbarer. Schönner hatte schon lange keinen Drachen mehr getötet und hätte sich solch einer Auseinandersetzung gewiß nicht mehr siegessicher stellen können, er badete häufiger im Leid als in schützendem Blute. Ein Rückzug vom Lehramt, eine Abgabe seines Postens an vorderster Front, stand für Schönner trotz alldessen niemals zur Debatte. Ich kannte seine berechtigten Bedenken und die von ihm gehegten und gepflegten Vorurteile gegen die „Steinzeitler“, wie er seine vermeintlichen Nachfolger stets nannte. Er haßte nichts mehr als das sture Scheuklappenlehren aus Büchern heraus, das strenge Unterrichten nach Regeln, die weder Raum für Kreativität, noch Phantasie und erst recht nicht für Menschlichkeit boten.

Schönner vermißte die Veranschaulichung, die Verbindung ins Leben und dadurch in die Köpfe der Schüler. Er suchte die Verdeutlichung des Sinns aller Paukerei, das verständliche Erläutern der Bedeutung des zu Lernenden für die weiteren Wege seiner Zöglinge. Bestärkt durch seine Überzeugung von der Falschheit aller anderen Formen und Auswüchse des Unterrichts, gestaltete Schönner die von ihm zu führenden Stunden lebendig, mied das ungeliebte bloße Eintrichtern trockener, undurchsichtiger Formeln, und verband diese so oft es nur ging mit praktischen Beispielen.

Seine Art des Lehrens, uns mit Wissen zu füllen und zu bereichern, war frisch und spritzig, doch auch ausführlicher und zeitaufwendiger, was kurz vor Ende eines jeden Schuljahres zu hektischer und für uns mühsamer sowie quälender, aber unumgänglicher Klausurenschreiberei führte. Denn auch Schönner war an Richtlinien, Lehrpläne und Vorschriften gebunden, die sich irgendein „Schreibtischtäter“ ohne jeglichen Bezug zur Materie, entbehrend aller Verbindungen zur Außenwelt, in einem dunklen Kämmerlein an den Haaren herbeigezogen haben mußte. Er hatte sich manchem Zwang, auch wenn er ihm noch so widerstrebte, zu unterwerfen, was ihm schwer zusetzte und seinen teuerbezahlten Freiraum rigoros eingrenzte. Wer nach ihm zu kommen drohte, dessen war er sich gewiß, konnte nur so ein „Bücherpauker“ sein.

Der jämmerliche Rest seines Kollegiums stellte ein Sammelsurium von Argwohn und Niedertracht, eine Fundgrube aus blindem Gehorsam und Unterwürfigkeit, einen Ausbund der Linien- sprich Obrigkeitstreue, ein Häuflein fleischgewordener Lehrbücher dar. Jene Einpeitscher, diesem Rufe wurden sie zweifellos in jedem Sinne gerecht, waren damals wie heute nicht der Worte, der Tinte und des Papieres, kraft derer ich mich als ehrgeiziger Geschichtenschreiber nahezu gezwungen sehe, jene hier zu erwähnen, würdig. Zu späterer Stunde werde ich jedoch wohl oder übel, der Vollständigkeit meiner Erzählung halber, nochmals nicht umhinkommen, das eine oder andere kostbare Blatt, jenen unwürdigen Kreaturen zu opfern.

Jeder noch so belesene, hochgradig habilitierte und promovierte Vertreter der lehrenden Zunft schrumpfte für uns im Glanze des schlichten Oberlehrers Siegfried Schönner gezwungenermaßen zu einem erbärmlichen Schatten. Diese waren zu jedweder Reduzierung kaum noch imstande. Sie allein hätten wir Krähen schimpfen sollen, aber nicht dürfen, wäre es doch schlimmes Unrecht und wohl auch unverzeihliche Beleidigung an deren edlem, gefiedertem Volke gewesen.

Wieder und wieder holten Schönners Rivalen hinterrücks zu meuchelnden Dolchstößen aus. Allerlei Angriffe touchierte er, viele focht er aus, doch ein jede noch so tapfer geschlagene Schlacht, ganz gleich, ob gewonnen oder verloren, beschnitt seinen Weg hinaus bis aufs Minimum, ließ ihm zum Sterben zuviel – zum Leben zuwenig.

Es war Neid und Unverständnis, was diesen oder jenen gegen ihn zu agieren animierte. Doch wie dem auch immer war, egal was geschah, Schönner war fast dreißig Jahre in Amt, und zumindest bei seinen Schülern und zahllosen Eltern, welche meist selbst einmal Schönners Schüler waren und es zwischenzeitlich vordergründig zu brauchbaren Jasagern und braven Steuerzahlern bzw. hintergründig zu emsigen Unterweltlern und nimmermüden Schwarzkontenanlegern gebracht hatten, in Ehren und Würden.

Diese Umstände milderten und minderten unablässig die widerwärtigsten, gemeinsten und hinterlistigsten Intrigen, befehdeten ihre Wiederkehr. Seine Hinrichtung war der Schulbehörde, und dies wußten dort alle nur zu gut, hierdurch unvollstreckbar geworden. Welcher Eindruck wäre denn zwangsläufig entstanden, wenn dessen Vertreter hätten erklären müssen, warum diese jahrzehntelang einen „Unfähigen“ beschäftigten, ja gar zum Rektor erhoben? Es wäre ein Eingeständnis deren Fehlbarkeit gewesen. So wurde Schönner mehr toleriert als akzeptiert. Nur geduldet. Unbeabsichtigt zu unseren Gunsten.

Schüler und Eltern deckten in seiner Gegenwart allezeit den Mantel der Verschwiegenheit über dieses Wissen, wir ängstigten uns vor einem Zerbrechen, einem Zugrundegehen Schönners an dieser traurigen Tatsache; wobei ich glaube, daß er sich sehr wohl seiner fatalen Situation bewußt war, haben doch seine Lehrerkollegen kaum damit hinter dem Berge gehalten, gingen sie doch alltäglich damit hausieren.

Schönner wurde über die Jahre mein Retter aus der Not. Er schützte mich vor Spott, Mißbilligung, Stichelei und Schlägen, vereitelte manchen Anschlag der sogenannten „guten Kinder“ auf mein vielfach getretenes, kaum vorhandenes, kränkelndes Selbstvertrauen. Dieser Mann überwarf mir gegenüber alle pädagogischen Grundsätze wie selbstverständlich und stärkte mich, indem er mir irgendwann frei heraus gestand, er glaube, ich würde im Leben zu einem notableren Menschen heranwachsen als viele dieser Klassenbesten, Streber und Tugendbolde, die das Dasein auf Erden für einen Ringkampf und Wettbewerb hielten. Und dies trotz der Vieren auf meinem Zeugnis(!), die gar nichts über einen Menschen aussagten, denn, so drückte er sich sinngemäß aus, ich besäße eine Gabe, die nicht jedem in die Wiege gelegt würde: das Sehen mit dem Herzen und die klare Sicht für die schönen Seiten in mir. Ich könne, hieß es weiter, auf meine Weise zufrieden sein, ohne die Welt um mich herum beanspruchen zu müssen.

Ich erkannte mich erst in diesen Worten, als ich ihren genauen Laut längst vergessen hatte. Was mir bis heute davon blieb, und wovon ich auch im jetzigen Augenblick zehre, ist, daß mir da jemand, inmitten dieser mitunter harten Zeit zur Seite stand, der an mich, meine Träume, und meinen langen Atem glaubte.

Jemand außer mir selbst.

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