Author: Matthias Schumacher | Date: 27. Januar 2012 | Please Comment!

Der Winter warf sich in jenen Spätjanuartagen zum ersten Mal für dieses jungfräuliche Jahr seinen zartweißen Mantel über. Die hochgestiegene Sonne zauberte abertausend winzige Diamanten auf sein kaltes Tuch, das in einigen unwegsamen Tiefen des umliegenden Forstes, noch verschont von des Wanderers Tritt, für diesen oder jenen Ruhesuchenden zum erlösungsnahem Ziele wurde und wissend um seine vergängliche Schönheit sehnlichst um Entdeckung und Eroberung flehte.

Der Wind schien sich seit vielen Tagen wie die Tiere des Waldes in irgendeinen versteckten Winkel zurückgezogen zu haben und versuchte, dieses prachtvolle Stilleben nicht einmal mit einem Hauch zum Leben zu erwecken. Die Zugvögel hatten schon vor geraumer Zeit ihre Nester verlassen, wie ich es dereinst getan, und wie einer von ihnen kehrte ich nun hierher zurück. Ich war früher als sie gegangen, viel früher. Gewiß bereiteten sie sich in jenen Tagen allmählich auf ihre Heimreise vor, um hier alsdann einige Monate zu verweilen, schließlich fortzuziehen und von neuem wiederzukehren. Dies unterschied uns, ich war ein letztes Mal gekommen, um meine Geschichte zu schreiben und dann endlich auf immer gehen zu können.
Mich trieb mein Gestern.

Die aufgetürmten und angestauten Erinnerungen an Ereignisse längst vergangener Tage schoben mich an jenen Ort meiner Jugend und Kindheit zurück und brachen bald in einem heillosen Durcheinander über mich herein. Ich spürte darin wie ein Besessener nach der ersten Stunde, der ersten Begebeheit, die mir den rechten Einstieg in meine Vergangenheit und zugleich den endgültigen Ausweg ermöglichen könnten. Doch was ich fand, schien unbrauchbar; es waren Geschichten, denen ich mich seit Jahren nicht mehr besonnen und dies winterliche Fürstweil, wie ich es zigmal gesehen hatte, ebenso wie ich es auch in diesen Tagen sah und sogar ein wenig genoß: Die Häuserdächer, Gärten, Wiesen, Wälder, Äcker, alles unter Gottes freiem Himmel verschwand fast gänzlich unter diesem edlen Weiß, und man spürte, so man es zuließ, ein jedes für sich genoß es, endlich von der steten Last des Strebens und Eiferns nach Schönheit und Perfektion durch jene natürliche Anmut erleichtert und für die Dauer einer Jahreszeit in einen tiefen Schlaf geführt worden zu sein.

Das Treiben auf den Märkten, das Flanieren in den Gassen, das ewiglich gleiche Gaffen aus den Küchenfenstern, das Trinken in den Wirtshäusern, das Stehlen und Richten, alles Geschäftige und Ruhen, das Lachen und Weinen, Büßen und Beten, Kommen und Gehen, dies Zünden und Verlöschen, welches die Menschen Leben zu nennen pflegen, ging seinen saisonunabhängigen, gewohnten, eintönigen Gang und ließ sich recht wenig von der heilenden Stille vor den Toren ihrer Städte beeinflussen.

Trotz aller schmerzenden Risse und Kerben, die der zährende Frost in Landschaft und die verhärteten, kantigen Gesichter der Menschen unseres Städtchens geschnitten und gefurcht hatte, spürte man dennoch, auch wenn man schon sehr genau hinschauen mußte, allerorts eine tiefempfunde Freundlichkeit, innige Verbundenheit und von Herzen kommende Wärme, der keine noch so lang währende Kälte dieser Welt wahrhaft etwas anhaben konnte. Doch es war eine siechende Glut, die aus selbstsüchtigen Herzen kroch und bei vielen allenfalls genügte, um die eigene verkümmernde Seele am Leben zu erhalten, und niemand anderen zu sich bat oder teilhaben ließ, jeden Zutritt entsprechend engherzig verweigerte. Was dennoch tiefer drang und an Winter zu erinnern suchte, wurde im marktplatznahen „Hirschen“ mit billigen Schnäpsen und mittelmäßigen Weinen, für die unsere Region noch heute berüchtgt ist, betäubt und mit so manchem angestauten Kummer aus Liebe, Geldnot, Krankheit oder sonstigem Elend und Leid hinuntergespült. Der Geruch von frischgebackenem Brot und Kuchen drang aus der einzigen Bäckerei und vermischte sich bald mit dem würzig-markanten Duft, der Räucherkammern.

Die Spielplätze verwaisten zusehends und wurden von den Kindern gegen die auf dem Kainshügel entstandene Rodelbahn hinter dem Janusweiher eingetauscht, wo zwar auch im Sommer immerfort ein unbändiges Tollen anzutreffen war, aber gerade im Winter besonders viele Knaben und Mädchen zum ruhelosen und frohen Spiel einlud. Dieser Hügel war nicht nur für diese Gäste des Frostes, sondern für all seine Besucher und Betrachter etwas ganz besonderes und hat jeher manchen Dichter und Maler zu Höchstleistungen in seiner jeweiligen Kunst beflügelt, und somit den Künstlern, wie sich gleichermaßen, einen über die Grenzen des Ortes hinausreichenden Bekanntheitsgrad beschert.

Viele Zeichnungen avancierten diese Anhöhe zum gigantischen Fels aus schwarzem Basalt, zum Fels, an dem Prometheus in Ketten geschlagen hätte werden können. Auf anderen wiederum blieb sie der bescheidene, aber überzeugende Beweis für mittelalterlichen Größenwahn und rationales, dummes Philistertum, das den Menschen unseres Landstrichs einst ins Blut gedrungen sein muß und sie bis heute prägend durchströmt.

Kaum jemand kannte die Entstehungsgeschichte dieses aufgeschütteten Ungetüms wirklich, dennoch wußte jeder in dieser Gegend genauestens darüber zu berichten. Alles Optische ist schnell beschrieben, war es doch nur ein unwesentlich hohes, kamelhöckerähnliches Gebilde in der ansonsten weitaus flacheren Umgebung. Die beiden Buckel waren von der Spitze bis hin zum Weiher mit dichtem Tann und Gestrüpp besetzt und führten diese Bewucherung über sein ganzes Wesen zur dahintergelegenen Ackerlandschaft unverändert erhaben fort und umkränzte auf halber Höhe, für Ortsunkundige kaum sichtbar, das langsam sterbende Sägewerk meines Vaters.

Die Mitte des Hügels, welche sich etwas schmaler zeigte als die äußeren Streifen, blieb stets von jedem Grün und Leben unbedacht und diente Vater zu dessen guten Zeiten sommers als Transportweg, was jedoch über die Jahre immer seltener und am End nur noch vereinzelt geschah. Man erzählte sich, daß Kain, der im Augenblicke, da er anhob, seinen Bruder Abel zu erschlagen, von Gott in einen Hügel und Abel zu seinem endgültigen Schutz in einen zauberhaft anmutenden Bergsee verwandelt wurde. Diese Theorie wurde nach ihrem Aufkommen insbesondere vom amtierenden Pfarrer ungern gehört und in langen Predigten gegeißelt. Wunder müssen geschrieben stehen. Aber wen kümmerte schon die Wahrscheinlichkeit dieser Sage, und wer hätte deren Unsinn außer dem Pfarrer erkennen sollen? Denn schließlich gab es neben ihm im Ort niemanden, der über die Schöpfungsgeschichte hinausgelesen hatte. Doch das hinderte niemanden, sich fromm zu nennen.

So erzählte man die Sage vom Kainshügel weiter und weiter, auch wenn der Weiher eben Janusweiher und keineswegs Abelsee oder ähnlich hieß. Wobei man schon ein großes Maß Phantasie benötigte, um im Janusweiher einen klaren Bergsee zu erkennen. Es kennzeichnete ihn eher eine trübe Brühe mit teils widerwärtigem Gestank, der von der Düngung der angrenzenden Felder herrührte. Im Grunde bot dieses Ensemble wenig Romantik und gerade der Pfad über den Kain zerschnitt jedes Traumbild.

Doch an manchen Spätsommerabenden vollbrachte es die blutrote Sonne, in eben dieser Lichtung zu versinken, und hätte man es nicht besser gewußt, befürchtete man wohl ein Hinabrollen jenes majestetischen Feuerballs durch diese kahle Schneise und sein Verlöschen im violettschimmernden Teich, wobei die zahllosen hochgewachsenen, geschwärzten Tannen wie eine stumme Ehrengarde voller Achtung, Bewunderung und Ehrfurcht vor ihm und dieser endgültigen Entscheidung Spalier stünden.

Aber selbst die eklatante Unmöglichkeit dieser vermeintlichen Katastrophe, jegliche Verneinung und Widerlegung des drohenden Weltuntergangs erschütterte die Mutmaßungen und Ängste nicht einmal an der Spitze ihres Seins. Es gab immer wieder Menschen, die es besser oder anderes wußten, Panikmache und Aufklärertum, Pilger und Angsthasen. Genau diese Vielzahl von Ansichten war es sicherlich, die dem Kain zu so sagenumwogenem Ruf verhalf, was durch seine spektakuläre Namensgebung und die täglich neuerfundenen Theorien nur noch unterstrichen und verstärkt werden konnte.

Irgendwie sind diese Märchen mit stetig wachsender Überzeugung für deren Richtigkeit immer deckungsgleicher und seit eh und je phantastischer von Generation zu Generation weitergegeben worden. Selbst die Tage ähnelten einander mehr und mehr, man hätte glatt einen Wochentag vergessen oder einen Monat auslassen oder gar böswillig unterschlagen können, und niemand hätte es bemerkt. Vielleicht wäre der Welt nicht einmal das Verschwinden der ganzen Stadt, samt Umgebung und Einwohnern aufgefallen. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter bildeten hier zu allen Zeiten ein untrennbares Band aus Monotonie und einer gehörigen Portion Gleichgültigkeit für all das, was sich außerhalb dieser in Haß, Mißgunst und Neid verbundenen Gemeinschaft abspielte. Man stand eben darüber. Ganz gleich, ob es ein ferner Krieg, eine neue bahnbrechende Erfindung oder sonstiges Revolutionäres gewesen sein mochte. Gesprächstoff gab es auch ohnedies hinreichend.

So manches Jahr strich hier fast unbemerkt ins Land und je mehr Jahre Fürstweil zählte, desto langsamer schienen hier die Uhren zu gehen. Doch die Zeit verging wie überall auf der Welt. Sie verging hier und dort, für jedermann mit gleichem Schritt; in den Wäldern, auf den Straßen, Gassen und Plätzen, in den Wirtschaften wie in den Ladengeschäften, auf den Gehöften wie in den Schulen, nein!, nicht in den Schulen und nicht für jedermann. Die erste und wichtigste (vielleicht auch die einzige) Lektion, die uns die Schule je und je fürs Leben lehrt, ist, daß die Zeit, und namentlich die Schulzeit, die allerorts und für jedermann mit gleichem Tempo einherschreitet, für diesen oder jenen doch von unterschiedlicher Dauer sein kann. Dort, wo die Zeit sich scheinbar dehnt, ist vielleicht der rechte Platz, um den Einstieg in mein Gestern zu wagen. Dort in der Schule soll meine Geschichte beginnen!

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