Author: Matthias Schumacher | Date: 28. September 2020 | Please Comment!

Matthias Schumacher mit einem biografisch begründeten Blick auf unübersehbar freiheitsfeindliche Tendenzen der Cancel Culture.

Wir Deutschen leben im Land des unverhandelbarem „Nie wieder!“ Doch wir leben in einer Zeit, in der dieses „Nie wieder“ zunehmend überdehnt und als Rechtfertigung einer Cancel Culture missbraucht wird, die mit hartem Besen die Gesellschaft in ihrem Sinn zu säubern versucht. Das freie Wort wird eingeschränkt. Die Freiheit der Kunst infrage gestellt. So kann es anfangen. So fing es schon einmal an.

Ich wuchs nicht unter Hitler auf. Ich wurde recht genau in der Mitte zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung geboren und durchlebte das, was man eine DDR-typische Kindheit nennen kann. Mit 4 malte ich im Kindergarten jubelnde Fähnchenschwenker zum Jahrestag der Republik, mit 7 wurde ich eingeschult und Jungpionier. Spätestens von da an wusste ich, dass ich nicht alles, was ich dachte, hoffte, glaubte öffentlich sagen durfte. Das freie Wort in der Öffentlichkeit war tot. So wurde man erzogen, so lebte man schon als Kind ein Doppelleben. Freiheitsdrang mit innerem Blick nach Westen, äußerlich ummauert gen Osten gewandt. Und vor der ersten Schulstunde allmorgendlich: „Richtet euch! Augen geradeaus! Zur Meldung: Augen rechts! Pioniergruß.“ Überdehnungssübungen an Kinderseelen im Alltag des real gewesenen Sozialismus.

Ich weiß nicht, wohin es mich geführt hätte, wenn ich ein ganzes Leben in der DDR hätte verbringen müssen. Hätte ich gekuscht bis zum letzten Atemzug? Wäre ich Republikflüchtling geworden?

Diese Entscheidungen blieben mir erspart.

Mit der demokratischen Revolution 1989 und der Wiedervereinigung ein Jahr später kam die Freiheit wie ein lang ersehntes, beinah verloren geglaubtes Westpaket. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit… Die Ostdeutschen feierten, nicht mehr vor der Obrigkeit des ZK der SED, dem Rat des Kreises oder nur vor dem Parteisekretär im Betrieb buckeln zu müssen. Getarnt hinter Nicken, Jasagen, Schweigen, Nachplappern. Freiheit! Endlich sagen, was man denkt!

Das ist 30 Jahre her. Ich, nun bald Mitte 40, erinnere ich mich noch immer an die Zeit in der Diktatur und an die Erleichterung, als sie Geschichte wurde. Sie hat mich geprägt. „Nie wieder“ gilt für mich nicht nur für den Nationalsozialismus, dem ich Dank meiner späten Geburt entgangen bin. „Nie wieder“ sage ich heute auch laut, wenn ich an meine persönlichen Erfahrungen in der Unfreiheit denke. Noch darf ich es sagen. Wer weiß, wie lange ich die DDR noch ungestraft Unrechtsstaat nennen darf.

Die Erfahrungen meiner frühen Jugend haben mich für freiheitsfeindliche Tendenzen sensibilisiert. In den vergangenen Jahren hat eine solche Bedrohung Fahrt aufgenommen, am Anfang noch als eine Art Korrektiv, da und dort, wo etwas nicht mehr zeitgemäß schien. Man ging mit, passte sich an, erst genervt, dann einsichtig, weil ja nie alles richtig ist und ewig Bestand haben kann. Es kam so herrlich gut gemeint daher. Political Correctness nannte man es und wenige hatten etwas dagegen einzuwenden.

Doch aus Korrekturen wurden Gebote, aus Geboten Vorboten von Verboten. Eine zunehmend lautstarke Moralmacht der neuen Öffentlichkeit in den Sozialen Netzwerken schaffte ungeschriebene Gesetze und breite Verunsicherung. Modernisierung oder Mode? Wer konnte da noch unterscheiden?

Sprechverbote, Auftrittsverbote, Verdrehungen, Verkürzungen, Verleumdungen. Missliebige PublizistInnen, AutorInnen, KünstlerInnen… Gecancelt, abgekanzelt.

Da stehen wir heute.

Wo stehen wir morgen, wenn immer seltener korrigiert, dafür aber immer öfter diktiert wird, was gesagt werden darf, gesagt werden muss, wer das Recht verwirkt hat, etwas zu sagen, etwas zu sein oder zu sein? Morddrohung per Mail als letztes Mittel, damit einer die Klappe hält.

Mit der diffusen Übermacht des Shitstorms werden heute unliebsame Meinungen und Menschen, die sie äußern, in Ecken gedrängt. Links. Rechts. Schublade auf, Schublade zu. Da kommt keiner mehr raus. Das Spektrum wird verkleinert und jeder mindestens zur Ordnung gerufen, der seine rhetorische Bewegungsfreiheit ausschöpft. Die Fahrbahn wird verengt. Wenn der Shitstorm-Polizei nicht gefällt, wofür ein Gesicht ihres Erachtens steht, wird es aus dem Verkehr gezogen. Kantenlosigkeit macht windschlüpfig, nur so kommt man durch den Shitwindkanal, wo sich viele Widerwortgeber wie Widerstandskämpfer fühlen.

Einigkeit und Recht und Freiheit sollen ein Gleichklang sein. Mit Entsetzen ist festzustellen, dass im Jahr 30 der neuen gesamtdeutschen Geschichte ein Teil der Gesellschaft vereint versucht, für den übrigen Teil das Recht auf Freiheit zu beschneiden. Das ist bedrückend und erfordert Gegenwehr und Wachsamkeit.

Dieser Text begann mit dem unanfechtbaren „Nie wieder!“ Ich ergänze es um das „Wehret den Anfängen!“ Würde doch nur jeder merken, wenn er durch Hass, Missgunst, persönlichen Geschmack oder auf dem Rücken eines wankelmütigen Zeitgeists galoppierend Teil eines schlimmen Anfangs zu werden droht!

Matthias Schumacher ist Unterzeichner des Appell für freie Debattenräume. Unterzeichnen auch Sie, JETZT!

Verfasst 26.-28.IX.2020 in Berlin
© Matthias Schumacher

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