Author: Matthias Schumacher | Date: 14. März 2020 | Please Comment!

Matthias Schumacher mit einer Liebeserklärung an die Hauptstadt anlässlich des Corona-Shutdowns.

Berlin in Krisenzeiten. Wieder einmal. Und wieder einmal kann man schon jetzt ausrufen: Berlin wird leben! Berlin ist unkaputtbar, weil die Mentalität der Berlinerinnen und Berliner unkaputtbar ist.

Wir wissen in diesen Tagen nicht, was auf unsere Stadt zukommt. Aber wir wissen, wer hier lebt. Es ist ein besonderer Menschenschlag. Und wer glaubt, Berlin, das sei das Brandenburger Tor, der Fernsehturm, die Gedächtniskirche, wer meint, Berlin sei die Summe seiner Sehenswürdigkeiten, der irrt gewaltig. Berlin war auch Berlin, als es nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern lag. Berlin sind die Menschen, die hier leben. Die zugezogenen und die gebürtigen Berliner. Alle von nah und fern, die sich hier anschnauzen im morgendlichen Berufsverkehr oder leise „‘schuldijung“ sagen, wenn man sich in der überfüllten S-Bahn auf die Füße tritt.

Es ist schon ein kleines Wunder: Berlin saugt unermüdlich Menschen aus aller Herren Länder an und würfelt sie wild durcheinander, aber im Grunde ändert sich nichts. Berlin steckt an. Es berlinifiziert jeden, der hier seine Zelte aufschlägt und macht ihn bald zu einem von vielen. Dagegen kommt kein Virus an. Unserem Zusammengehörigkeitsgefühl und unserem Zusammenhalt wird Covid-19 nichts anhaben, es wird uns im Gegenteil zu Höchstleistungen antreiben. Komm du nur, wirst schon sehn, wat de davon hast!

Der Berliner geht gerne seiner Wege, rennt einen fast übern Haufen, kann kalt und schnodderig sein, aber wenn es drauf ankommt, hat er Herz, Wärme und ein jutet Wort uff den Lippen.

Berlin hat Krieg, Luftbrücke, Teilung und Mauerjahre überstanden. Hunger, Krankheit, Tod. Was uns nun droht, wir können es erahnen. Wir sehen Bilder auf den Endgeräten, die wir hier nicht sehen wollen. Es ist das Gebot der Stunde, das Richtige zu tun. Die Lage erfordert von den Berlinerinnen und Berlinern konkret das, was sie am besten können und was so unvereinbar klingt: Zusammenrücken und Abstand halten.

Ich habe es nicht auf einen Satz wie ein John F. Kennedy bringen können und das „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ von Ernst Reuter verbietet sich heute. Es muss nun jeder an seine Stadt denken und schauen, wie man vor Ort die Sache meistert.

Krisenzeiten waren in Berlin auch immer Zeiten großer Worte, unvergesslicher Sätze, die mehr waren als Anweisungen und das Verkünden der neuesten Beschlüsse. In der Krise erkennt man schnell, wer volksnaher Politiker oder nur Politikverwalter ist, wer nur reagiert und wer agiert. Agieren heißt auch, die passenden großen Worte zu finden. Wir sehen wenig erstaunt: Es ist niemand da, der imstande ist, sie zu formulieren und auszusprechen. Darum hier mein kleiner Versuch, betitelt mit einem eingedampften Zitat aus Willy Brandts Rede vom November 1989. „Berlin wird leben!“ Was auch sonst?!

Und wenn wir nun den Laden vorübergehend dicht machen, wenn wir runterfahren, so ist das ja kein Ende. Das Berlin-Gefühl, das große Wir wird sogar noch wachsen. So war es immer in Berlin. Wir sind die Hauptstadt und man darf selbstbewusst sagen: Ohne uns geht’s nicht.

Am Ende einer solchen Liebeserklärung sei mir ein Blick in die Zukunft erlaubt. Diese schöne Zukunft mit bumsvollen Restaurants und wummernden Clubs, endlosen Schlangen vor den Strandbädern, binnen 5 Minuten ausverkauften Premieren, gut gehenden Geschäften von Grünau bis Reinickendorf, von Köpenick bis Spandau. Ich sehe Fans, die sich nach einem Sieg von Hertha oder Union in den Armen liegen und bald die U-Bahn zum Wanken bringen. Und vielleicht klopfen sich sogar Hausbesetzer und Polizisten in der Rigaer Straße gegenseitig auf die Schultern, wenn alles vorbei ist. Hier ist alles möglich.

Berlin wird leben! Das ist keine Vision. Das ist keine Prophezeiung. Das ist schlichte Gewissheit. Nee, een Naturjesetz.

© Matthias Schumacher
Verfasst am 14.III.2020

 

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