Author: Matthias Schumacher | Date: 26. Oktober 2019 | Please Comment!

Provinz ist da, wo Du Dich entscheiden musst. Hitler oder Che Guevara?
Rechts oder links? So richtig Ahnung hast Du von beidem nicht. Und jede Szene hat ihren Look, ihre Outfits. Aber Outfit ist schwierig bei Dir in der Gegend.

Im Nachbarort wurde vor ein paar Jahren ein Einkaufscenter mit angeschlossenem Disco- und Multiplexkinokasten auf die Wiese gestellt. Alle wollten das, weil es sowas im Westen überall gibt. Nach und nach hat es fast alle Geschäfte in Deinem Ort kaputt gemacht. Das alte bruchige Kino ist längst ein Restpostenmarkt. Die verkeimte Disco hält sich mühsam mit U-30-Partys über Wasser. Im zweistöckigen Kaufhaus wurde letzten Sommer die obere Etage geschlossen. Unten gibt es nur noch Porzellan, Kram und Duschgel. Klamottentechnisch kann man das vergessen.

Als Antwort auf das Riesencenter zogen sie in Deinem Neubaugebiet trotzig ein Minicenter hoch. Sogar mit Rolltreppen. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ stand in der Zeitung. Und: „In den alten Bundesländern funktioniert dieses Gesetz der freien Marktwirschaft seit Jahrzehnten mit durchschlagendem Erfolg.“ „Warum soll es nicht auch hier funktionieren?“ fragte ein Anzugtyp von der Stadtverwaltung bei der Eröffnungsfeier grinsend in die Lokalreporterkameras. Keine Ahnung, warum nicht.

Die Läden haben sich jedenfalls kein Jahr gehalten. Jetzt steht der Klotz halb leer. Lediglich eine uralte Ärztin, von der Du Dir immer die Sportbefreiungen holst, schlägt sich wacker. Auch eine Videothek hat überlebt. Seit ein paar Monaten gibt es mal wieder ein Fitnessstudio mit Solarium. Gleich daneben hat zu Silvester ein Eis-Italiener aufgemacht, der von Jugoslawen betrieben wird. Geht nie einer rein. Blöde Idee im Winter! Lange halten die das da nicht durch, denkst Du. Sieht aber alles echt aus wie im Westen.

Wenigstens bekommt man von den Fidschis, die davorstehen, billig Kippen. Eigentlich sind die Fidschis Vietnamesen. „Sind sicher hier wegen dem Krieg“ mutmaßte eine Freundin mal. Die Zigaretten haben sie aus Polen oder so, sind nicht echt von der Marke, schmecken auch nicht wirklich.

Die Sache mit dem Outfit ist also ein Problem. Als Rechter hättest Du es künftig einfach: In der Einkaufsstraße, wo es nur Kleiderzelte für die Frau ab 50, Ein-Euro-Mist und zwei Pizza-Italiener gibt, wurde vor einigen Wochen ein Laden mit Nazi-Klamotten eröffnet. Für Linke sieht es mau aus. Nirgends Shirts mit Marx oder Lenin. Nicht mal eins mit Honecker.

Falls Du links werden solltest, würdest Du Dir zuerst mal einen abgebrochenen Mercedes-Stern an den Rucksack hängen. Das hast Du schon bei einigen von der Antifa gesehen, hast Dich aber nicht getraut zu fragen, wo sie die her haben. Vielleicht im Internet bestellt. Bei Euch steht nämlich fast nie ein Mercedes rum, von dem man einen abbrechen könnte. Und ein Opel-Blitz geht ja mal gar nicht!

Rechts oder links? Du entscheidest Dich, bist jetzt irgendwas und gehörst dazu. Zu irgendwem.

„Früher war es leichter“ sagt Deine Tante. „Früher bist Du Pionier geworden, zur FDJ, hast eine Lehrstelle bekommen und die Jungs sind zur Armee, da hat Dich keiner gefragt. Heute musst Du selbst entscheiden, wo Du stehst. Im Osten war nicht alles schlecht. Da wurde Dir viel abgenommen.“ Deine Tante ist super. Die kennt sich aus. Einmal habt ihr in der Schule über den Schießbefehl an der Mauer geredet. Du fandest das echt schlimm. Erschießen, bloß weil man raus wollte!

Einige Tage nach dieser Schulstunde kam Deine Tante mit Deinem Onkel aus dem fünften oder sechsten Griechenland-Urlaub zurück und Du musstest ihr einfach davon erzählen. Sie hat das total aufgeregt: „Die wussten doch, dass da geschossen wurde. Hätten ja nicht abhauen brauchen. Im Osten hatte wenigstens jeder Arbeit.“

Deine Lehrerin soll vor der Wende ganz anders geredet haben. Du kannst Dir das kaum vorstellen, weil sie andauernd von Freiheit spricht. Deine Tante sagt: „Von Freiheit kannst Du Dir nichts kaufen.“ Stimmt irgendwie, denkst Du. Seit die beiden das Haus auf Kreta haben, siehst Du sie kaum noch. Du findest das schade, weil Du grad von Deiner Tante so viel gelernt hast. Sie war Dir politisch so nah, hat mal NPD und mal Die Linke gewählt. Du verstehst das.

Manchmal schreibt jetzt ein Lokalreporter was über Dich, weil Du demonstriert hast. Für gegen Ausländer oder für gegen Nazis. Und dann stehst Du in der Zeitung, die da alle lesen. Jener Zeitung, die da schon immer alle lasen und immer lesen werden, die vor der Wende schon da war und die heute noch ganz ähnlich aussieht und auch nur ein bisschen anders heißt. Die Redakteure sind dieselben wie damals. Damals – das war vor Deiner Zeit.

Vielleicht stehst Du überm Knick – mit Foto, vorausgesetzt, der Bürgermeister hatte am selben Tag keinen Spaten in die gute Heimaterde zu rammen und musste der Vorsitzenden der örtlichen Volkssolidarität keinen Blumenstrauß überreichen. Dann können Dich alle sehen, wissen, dass Du Dich engagierst, dass Du gar nicht so unnütz bist.

Vielleicht erkennen Dich Deine Lehrer, die Du schon eine Weile nicht mehr gesehen hast, weil die Ärztin im Minieinkaufscenter Dir mal locker ein paar Atteste geschrieben hat. Vielleicht erkennen sie Dich aber auch nicht, hast ja jetzt bunte Haare oder Glatze. Du schneidest Deine Artikel alle sorgsam aus, presst sie unter einer kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ und dem „Tagebuch der Anne Frank“, um sie dann in ein kleines Album zu kleben.

Deine neun Geschwister liegen in Blumenkästen begraben, sagt irgend so ein Mensch im Fernsehen, weil das im Osten viele machen. Wegen der DDR und dem gemeinschaftlichen Ins-Töpfchen-Machen. Dich kotzt das an. Vor allem, weil Dir Deine Eltern nie was davon erzählt haben. Und Du bist Dir nicht sicher, ob Du die Tradition fortführen wirst. Das ist so eine Zukunftssache, von der Du keine Ahnung hast, weil Du Zukunft nicht kennst. Hast ja keine, da wo Du bist. Du wirst nächsten Monat 15. Vielleicht gibt es Zukunft erst ab 16. Keinen Schimmer, wo und wie die aussehen könnte.

Mutter ist seit fünf Jahren auf Rente. Wegen Krebs. Dein Vater hat Kurzarbeit. Er meint, das sei wie Krebs. Nach der Wende hat einer aus dem Westen den VEB Dingsbums gekauft und erst mal drei Viertel der Leute entlassen. Dann hat der Westler alles genauso gemacht wie drüben. Der Stammsitz im Schwarzwald läuft wie am Schnürchen. Der Betrieb hier macht demnächst dicht.

Ob Dich Deine Eltern lieben, weißt Du nicht. Verliebt warst Du schon. Sex hattest Du öfter. Meistens ohne. Das passiert, wenn man mit andern rumhängt. Wenn ein Kind kommt, wirst Du es vielleicht vergraben oder in die Kühltruhe packen. Keine Ahnung, ob da die Garantie verfällt. Die Eltern wären bestimmt sauer. Die haben dafür noch über 60 Raten zu zahlen. War aus dem Katalog. 398 Euro. Eure ganze Wohnung sieht mittlerweile aus wie aus dem Katalog, Dein Zimmer wie von dem einen aus der Lindenstraße.

Du würdest gern Deutschlands neuer Superstar werden, aber in Deiner Nähe ist nie ein Casting. Im Moment ist das Dein größtes Problem, denkst Du. Vielleicht würden Deine Zeitungsschnipsel ja die Jury beeindrucken.
Du siehst Dich um, siehst aus dem Fenster, das Dein Gesicht spiegelt –
und alles sieht aus wie im Westen.

Foto: FLC (flickr)

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