Author: Matthias Schumacher | Date: 30. August 2019 | Please Comment!

Matthias Schumacher rezensiert »Zwei Leben« von Rainer Bielfeldt und hat eine vage Vermutung, wie der Singersongwriter dazu kommt.

Rainer Bielfeldt _ Album "Zwei Leben" _ Foto: Tiago Bielfeldt

Zwei Jahre ist Rainer Bielfeldt durch unsere Schränke getingelt und kommt nun mit neuem Album wieder heraus. Wie wäre es anders zu erklären? »Viel zu viele Einbahnstraßen, die ins Leere führten, bist du ein halbes Leben ohne Mut entlang gefahrn«, singt Rainer Bielfeldt im Titelsong. Und »Du warst, wie man dich sehn will, so viele tausend Male, dass du dich aus den Augen verlierst.« Man möchte ausrufen: »Woher weiß der Mann das von mir?«

Bielfeldt ist mit »Zwei Leben« wieder ganz nah an uns dran. Einblicke in Zweierkisten und Selbstreflexionen, wie sie oft nur vor dem inneren Spiegel stattfinden, sind die Spezialitäten des gebürtigen Hamburgers. Das muss er nicht mehr beweisen. Jedes Solo-Album ist Beleg, ungezählte Kompositionen für Tim Fischer tragen Bielfeldts unverwechselbare Note. Und dann ist der Mann auch noch niveauvoll witzig! Die Sehnsucht verschmalzt er nicht. Dem schnöden Alltag zwingt er Skurriles ab, das der Alltag tatsächlich oft bietet, aber wir gehen blind daran vorbei oder stehen mittendrin. Bielfeldt hat das Sehen nicht verlernt.

Rainer Bielfeldt ist seit über drei Jahrzehnten vor und hinter der Bühne federführend unterwegs und doch ist er, so heißt es im Begleittext zu seinem 2017er Album, »kein Typ für Massenware«. Da versteht man das Publikum und die Welt nicht mehr! Warum steht so einer nicht öfter selbst vorn an der Rampe? Vielleicht hat er sich – für andere – zu oft zurückgenommen. Der Künstler verrät mir, wie er das sieht:

Rainer Bielfeldt:
— »Nun, zu dem ganz normalen „Schiss“, sich in die erste Reihe Mitte der Bühne zu stellen – oder in meinem Falle zu setzen –  kam die Tatsache, dass ich an vielen anderen Projekten gearbeitet hatte, die auch künstlerisch sehr erfüllend waren. Also hatte ich nicht das Gefühl: Ich muss unbedingt mein eigenes Ding machen! In allem, was ich tat, steckte schon eine Menge von mir und meiner Persönlichkeit. Nun habe ich aber wieder Blut geleckt. Die künstlerische Freiheit, die ich nun wieder in meinen Soloprojekten habe, ist unvergleichlich schön. Wichtig für mich war aber auch, zu erkennen, was meine Stärken sind, und was nicht. Und nicht alles gleichzeitig zu wollen. Ich kann Lieder schreiben, Klavier spielen, singen und Geschichten erzählen. Ich muss nicht auch noch Comedy machen, tanzen und steppen und stagediven. Ich habe viele Sachen probiert, ohne gleich zu merken, dass das nicht ich bin. Jetzt bin ich wieder pur. Am Klavier sitzend und singend.« —

Der Mensch R. Bielfeldt scheint dem Küchenpsychologen auch aufgrund mancher Texte ein gleichmütiges, sanftes Wesen zu sein, das sich wie wir alle an fast alles gewöhnt. Und davon erzählt er uns im zweiten Titel. Bielfeldt macht eine Liste auf: »Man gewöhnt sich an Macken und Kratzer, an Bußgeld und Steuerbescheid…« und haut uns zum Ende doch deutlich in die Ohren, woran er sich eben nicht gewöhnt. Und wieder sagen wir: »Wir auch nicht!« Aber, woher weiß der das?

Dann setzen wir uns mit ihm an die Tafel während einer Familienfeier. Die Herrschaften kennen wir! Die Namen von Schwager Konrad mit dem immer leeren Bierglas, Oma Helga mit ihren Torten, von Gertrud, Wölfchen und Renate und Kati könnten wir austauschen. »Die Hölle, die mich wärmt«. Da braten wir alle gelegentlich vor uns hin. Und doch…

Den Albumtitel »Zwei Leben« interpretiert Bielfeldt im Song »Insel namens Abendland« thematisch ganz anders. Geschichte zweier Jugendfreunde, deren Wege sich trennten. Wie es eben so ist. Und dann folgt man sich bei Facebook und stellt fest, wie weit diese zwei Leben inzwischen auseinandergegangen sind, wie Ideale verloren gingen, wie schief Weltbilder hängen. Ein starkes Stück Musik im Heute ist Rainer Bielfeldt da gelungen. Vielleicht doch einmal etwas fürs Radio – und für die Masse, die es angeht und sich sagen lassen muss: »Auf deiner Insel namens Abendland, von der du meinst, sie würde sinken, stehst du am Strand und siehst den Menschen zu, die im Mittelmeer ertrinken.«

Man fragt sich mit Recht, warum andere namhafte Künstler sich weder ans Problem der zunehmenden Hassverbreitung in den »Facebook-Echokammern« noch an das Thema Flucht wagen. Dazu gäbe es viel zu sagen und die Antworten dürften den Künstlern nicht gefallen.

Dem Publikum bereits gefallen haben zwei Songs der neuen Produktion. »Pflanz Lavendel auf mein Grab« und »Schau, sie schläft« erschienen 2016 auf dem Tim-Fischer-Album »Absolut!« Nun singt sie, eigens für sich arrangiert, Rainer Bielfeldt höchstselbst mit weicher Stimme und macht sie sich auf seine Weise wieder zu eigen.

Besondere Chanson-Miniaturen sind dem Künstler mit »Kleines Liebeslied / Liebeslied / Memento« geglückt. Fünfminütige Vertonung dreier Gedichte von Mascha Kaléko, der Bielfeldt lange verfallen ist. Ruhig, getragen, verträumt. Ganz anders als in »Gemeinsam sind wir Muhammad Ali«, wo der Flügel zum Saloon-Piano wird. Ja mit zwei o, nicht Salon! »Ich habe Angst, dass ich den Mut verliere, bei dem was sich weltweit zusammenbraut!« Rainer Bielfeldt setzt immer wieder Akzente, bringt Statements, klar und unaufdringlich.

Rainer Bielfeld _ Zwei Leben _ Cover by Tiago Bielfeldt

Mit »Unerwartet« widmet Rainer Bielfeldt ein Lied seinem Ehemann Tiago, der im Übrigen das Coverfoto und die Pressebilder zum Album beigesteuert hat. Im Refrain geht’s auf brasilianischem Portugiesisch ab! Doch kein Heischen um Aufmerksamkeit, das Outing hat Bielfeldt lang hinter sich und sein buntes Publikum wird es genauso aufnehmen, wie es gedacht ist: als aufrichtiges Bekenntnis zweier Liebender zueinander. Zwei Leben, die – unerwartet – aufeinandergestoßen sind und ineinander fließen.

In »Gib auf deine Seele acht« setzt er das Gegenstück. »Wenn Liebe geht, dann darf man sie nicht halten, im Käfig wird sie krank und singt nicht mehr«. Rainer Bielfeldt singt vom Loslassen einer Liebe und gibt ihr guten Rat mit auf den Weg ins weitere Leben – und zur nächsten Liebe.  Zärtlich berührend und gerade groß, weil viele von uns eben diese Größe nicht haben, ohne Hass und Verbitterung einen Partner ziehen zu lassen. Der Titel, ein älteres Stück, wurde nun noch einmal durch ein Streichquartett verstärkt und verschönt.

Doch bevor das Album damit endet, besingt Rainer Bielfeldt zuvor in »Viel zu selten allein« die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Inklusive Reiseempfehlungen für Goslar und Gerolstein! »Du schicktest endlich wieder Ansichtskarten, an jede Wand häng ich ein Bild von dir!« Wer in einer längeren Beziehung lebt, der weiß, wovon Bielfeldt da singt. »Die Sehnsucht stirbt an der Schwelle zur Erfüllung«, sagte Udo Jürgens einmal. Rainer Bielfeldt versucht, die Sehnsucht in diesem Song am Leben zu erhalten. Würden wir doch auch!

Jetzt will ich’s aber wissen! »Man könnte meinen, Du hättest manchmal bei uns gelauscht. Aber wie kam es wirklich zum neuen Album?«

Rainer Bielfeldt:
— »Vor gut zwei Jahren bin ich auf einen weisen Leitsatz gestoßen: „Wir haben zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn uns klar wird, dass wir nur eins haben.“ Dieser Gedanke, dass das Leben Grenzen hat, und dass es darum umso wichtiger ist, unsere Zeit bewusst und sinnvoll und glücklich zu verbringen, lässt mich seitdem nicht mehr los. Ich bin jetzt 55, also befinde ich mich, auch wenn’s gut läuft, klar in der zweiten Lebenshälfte. Da kommen diese Fragen auf: „Was will ich?“ und vor allem: „Was will ich nicht mehr?“ Aber diese Themen sind nicht allein von meiner Altersgruppe gepachtet, ich denke, sie sind universell. Es ist nie zu früh, sein Leben von Ballast und Zwängen zu befreien. In jungen Jahren bin ich dieser nicht immer angenehmen Aufgabe allerdings öfter ausgewichen als heute. Frei nach dem Motto: „Ich habe ja noch sooo viel Zeit.“ Vor drei Jahren hab ich mich gefragt: „Was will ich eigentlich erzählen mit Anfang 50? Jetzt weiß ich es; und es kommt immer mehr. Hinzu kommt auch immer wieder der Wunsch, mich angesichts des aktuellen Rechtsrucks und einer größer werdenden Verrohung im Zwischenmenschlichen klar zu positionieren. Ich bin kein politischer Kabarettist und will auch keiner werden. Aber die Klappe halten kann und will ich auch nicht.« —

Klar, die Story mit dem Schrank war nur ein launiger Aufhänger für diese Rezension. An den Haaren herbeigezogen und abwegig. ABER machen Sie sich lieber selbst ein Bild, hören Sie in die 14 Titel rein oder besuchen Sie ein Konzert von Rainer Bielfeldt. Vielleicht singt er ja auch was aus Ihrem Leben… Und wenn Sie irgendwann einmal nachts ein taktvolles Klopfen im Kleiderschrank hören, bitte, stören Sie den Künstler nicht bei der Arbeit!

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Rainer Bielfeldt: Website, Facebook
Tiago Bielfeldt: Website

Verfasst in Berlin, 23.VIII./30.VIII.2018
von Matthias Schumacher.

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