Author: Matthias Schumacher | Date: 21. Mai 2017 | Please Comment!

Remakes und Spin-offs sind beliebt. Nicht erst seit Star Wars oder The Big Bang Theory. Nun bringt Matthias Schumacher einen legendären Sketch von Loriot mit Lichtgeschwindigkeit ins digitale Zeitalter.

„Nein, sagen Sie noch nichts! Es gibt Augenblicke im Leben, wo die Sprache versagt…“ Das waren Zeiten, als noch die Sprache versagen konnte! Im Mai 1977, beinah auf den Tag vor 40 Jahren, ging die dritte Episode Loriot über den Schirm, der damals in jedem Falle ein Fernsehbildschirm war. Wie sich Sehgewohnheiten und Technik veränderten, veränderte sich auch das Kommunikationsverhalten. Aus Zurückhaltung und Sprachlosigkeit ist zügelloses Geplapper geworden. Manches mutiert über die Jahrzehnte.

„Die Nudel“ gehört zweifellos zu den beliebtesten Sketchen aus Loriot I bis VI. An der Seite des Meisters: Die große Evelyn Hamann. Wir erinnern: Während der namentlich nicht erwähnte Verehrer in einem italienischen Restaurant der angebeteten Hildegard eine umständliche Liebeserklärung macht, wandert ihm Dank ungeschickter Handgriffe eine Nudel übers Gesicht. Was Hildegard irritiert und vom geraspelten Süßholz ablenkt.

Das brachte Millionen zum Lachen und hat längst Kultcharakter, könnte heute so allerdings nicht mehr stattfinden. Gewiss würde Vicco von Bülow, der feine Beobachter deutschen Alltags, diesen Sketch inzwischen ganz anders anlegen. Denn der Mensch 1977 ist dem Menschen 2017 innerlich wie äußerlich noch recht ähnlich, aber nicht sein Alltag.  

Im Jahr 2017 wäre Hildegard zwar weiterhin abgelenkt, allerdings aus anderen Gründen. Denn Hildegard hätte ein Smartphone, viele Facebookfreunde und ihre Mutti, die Hildegard gern unter der Haube sehen würde, auf WhatsApp. Alle wollen immer was und haben ständig was mitzuteilen. Auch Hildegard.

So würde sie heute vielleicht exakt in jenen Momenten von ihrem Mobiltelefon zu ihrem Gegenüber aufschauen, wenn die Nudel – ganz kurz – eben nicht(!) auf seiner Nasenspitze oder im Augenwinkel klebt. Was zwar genau das Gegenteil von damals wäre, als Hildegard die Reise der Nudel gebannt verfolgte, aber eben zeitgemäßer wäre und dem heutigem Das-könnte-jedem-Passieren entspräche. Genau darum fände es der Zuschauer 2.0, der die #Nudel im Gegensatz zu #Hildegard wandern sieht, brüllend komisch. Und wenn sich der zukünftige Chef der Einkaufsabteilung, dem so leicht keiner was vormacht, Hildegards Sprachlosigkeit mit den Worten „Warum sagen Sie denn nichts?“ zuwendet, lästert diese gerade mit ihrer besten Freundin im Facebookchat über seine „Nudel“. Schlüpfrig und doppeldeutig ging es ja gern bei Loriot zu. Wie im echten Leben.

Ähnlich – ja – oder ganz anders – könnte „Die Nudel“ heute aussehen. Und die Pointe? Der Verehrer ruft nicht nur wie schon 1977 den Ober, sondern postet ein Foto der skandalösen Nudel in seinem Latte macchiato bei Facebook, wo sie viral geht und Hildegard in Echtzeit serviert wird. Entsetzter Blick zu ihrem Verehrer. Klappe.

Der erste kritische Kommentar zur Sendung käme heute übrigens via Twitter: „@ard, @radiobremen: Das können Sie Ihren Gästen in Neapel anbieten! Hier kommen Sie damit nicht durch.“

Das Netz heult auf: „Ach was!“


Verfasst vom 19. bis 21.V.2017 in Berlin.
© Matthias Schumacher

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