Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Oktober 2016 | Please Comment!

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Derzeit ordne ich meinen Nachlass. Ich habe, wie es sich für einen ängstlichen, übertrieben vorsichtigen Menschen gehört, die notwendig gemeinten Versicherungen abgeschlossen, eine Bestattungsverfügung und mein Testament verfasst. Meine literarischen Arbeiten werden in freundschaftliche Hände kommen, falls diese Hände dann nicht schon kalt sind. Ich bin mitnichten krank, aber ich bin Träumer genug, um mir jederzeit das Schlimmste ausmalen, und Realist genug, es mir nicht ausreden zu können. Ab 40 nehmen die finsteren Gedanken zu und man beginnt einen Dialog mit der Endlichkeit, die man mit 20 für eine Fata Morgana hielt und mit 30 noch in weiter Ferne wähnte. Es spricht sich leichter, wenn der Papierkram vom Tisch ist. 

Künstler arbeiten, um den Tod zu überleben. Da soll was bleiben. Darum liegt, was ich der Nachwelt hinterlassen will, einigermaßen sortiert, dem Anlass angemessen in tiefschwarzen Kartons. Vorsorglich legte ich dennoch einige Silikagel-Beutel dazu, die im Falle längerer Lagerung Feuchtigkeit absorbieren. Stockflecken sind nicht schön und mindern den Wert. Im Museum wie bei Ebay. Wer weiß, wo das Zeug tatsächlich einmal landen wird. 

Was habe ich in den vergangenen Jahren vor mich hingereimt! Gegen die Zeit und gegen jeden Trend, weit an allem vorbei, das von Kritik, Leser und Jurys beachtet wurde. Wer unbehelligt vom Erfolg nur für sich schreiben will, der reimt. Die Ignoranz des Literaturbetriebs ist ihm sicher. Nur wer nicht reimt, hat heute noch eine Chance auf einen Literaturpreis. Und nur wer einen Preis bekommen hat, wird vielleicht verlegt. Nur wer verlegt wird, bekommt einen Preis. Und überhaupt ist alles Schiebung. Wer reimt, findet sich irgendwann damit ab, nicht in die Zeit zu passen, und hofft auf ein Leben nach dem Tod.

„Will unsre Zeit mich bestreiten,
Ich laß es ruhig geschehn,
Ich komme aus andern Zeiten
Und hoffe in andre zu gehn.“

Den guten Grillparzer würde heute auch keiner mehr kennen, wenn er nicht von gestern wäre. 

Zeiten kommen und gehen und Literaturnobelpreise gehen oft seltsame Wege. Heuer an Bob Dylan. Reimte der nicht sea auf free und see? Und in einem anderen Welthit me auf see und auch anymore auf door. Pulitzer-Preis, Nobelpreis. Milliarden Menschen singen seine Poesie und verehren den, der sie weise erdachte oder einfach dreist klaute. Dem einen reißen seine Verse die Seele auf, anderen schließen sie Wunden. Öffnen und Heilen. Mehr geht nicht. 

Ich schieb meine Kartons beiseite, dichte und geh in andre Zeiten. Einer muss ja vorangehen.

Knockin‘ on Heaven’s Door?
Verschoben! 

Verfasst 13./14.X.2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

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