Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Juli 2016 | Please Comment!

FM

Legen Sie die Arbeit nieder! Werfen Sie den Hammer in die Ecke! Hören Sie um Himmels Willen auf! Egal womit. Aber hören Sie auf, sobald jemand in Ihrer Gegenwart Cicero zitiert: „Fange nie an aufzuhören…“ Und dann laufen Sie und – ja – hier gilt, nur hier: Hören Sie nie auf! Laufen Sie weit und verstecken Sie sich! Graben Sie sich ein! Dieses Halbzitat könnte Ihre Verdammnis bedeuten, eine immerwährende Folter, Qual, ein langes Sterben ohne Tod. Die Hölle auf Erden.

Ich weiß, wovon ich rede. Wahrscheinlich weiß es keiner besser als ich. Nun, 40 Jahre alt, meine ich, dass es kaum etwas Wichtigeres im Leben gibt, als den Moment zu erkennen, an dem man aufhören sollte. Auf dem Absatz kehrt zu machen, Schluss. Nicht mehr nachlaufen, falschem Stolz oder einem Ansporn folgend, nicht glauben, sich (etwas) beweisen zu müssen. Einfach aufhören und kein Thomas Gottschalk werden.

Ich habe nicht das Talent zum Schlussmachen. Ich klebe. An Ideen, an Menschen, selbst an jenen, die sich längst von mir gelöst haben. Vielleicht bin ich lästig. Ich nenne es treu. Wen ich einmal ins Herz geschlossen habe, der Ciceroverscheißt nicht so leicht bei mir. Ich kann kaum aufhören, ihn zu mögen. Doch ich verschenke meine Zuneigung ebenso schnell wie meinen Hass. Auch hier kann ich nicht aufhören.
Es gibt Menschen, die hasse ich seit Kindertagen und noch heute wie damals, manche heute noch mehr. Ich hasse etliche meiner Kindergärtnerinnen und zig Lehrer und Schulkameraden.
Ich entschuldige nichts und falls, sind Entschuldigungen nicht nötig.

40 Jahre. Seit 17 Jahren Dichter. Autor mit journalistischen Anklängen. Kein Journalist! Seit sieben Jahren verstärkt im Netz. Manchmal politisch, lieber und öfter poetisch. Seit meinem 17. Lebensjahr versuche ich, von der Kunst, ausschließlich von der Kunst zu leben. 23 Jahre! Mehr als mein halbes Leben.

Sich im Kreis zu drehen, bedeutet nicht, innerlich stillzustehen. So wurde ich weltläufig, ohne physische Reisen unternommen zu haben, lernte die Abartigkeit und raren Liebenswürdigkeiten der Menschen, das Leben und Armut kennen. Ich habe erlebt, was echter Hunger ist, weiß wohl, wie schnell man ohne Dach über dem Kopf dasteht und doch habe ich weitergeschrieben, Eigenes publiziert, weil der Glaube an das Gute immer die Vernunft besiegt. Scheitern aus eigener Kraft, ja! Ich habe mich nicht auf andere verlassen und es immer abgelehnt, zu kungeln oder mich einem vermeintlichen Markt entgegenzubiegen. Marketingtricks lagen mir fern. Ich glaubte zwei lange Jahrzehnte, es würde genügen, meine Zeilen für sich sprechen zu lassen. Und währenddessen sah ich viele an mir vorüberziehen, deren Arbeiten nichts sagten, die es aber verstanden, ihre Werke schön und wichtig zu reden. Doch einige, die andere Felder glücklich bestellten, blieben an meiner Seite. Die wahren Freunde, die man in der Not erkennt, verliert man auch nicht, wenn sich die Not über Jahre, Jahrzehnte erstreckt.

Heute will ich also erkannt haben, dass ich längst hätte aufhören sollen. Und natürlich werfe ich in diese flammende Erkenntnis noch eine Schippe Pathos. Man ist doch als Dichter etwas Besonderes. Besonderer als die Millionen, die ebenso mit ihren Berufen und Berufungen hadern, eher schlecht als recht davon leben und nicht vorankommen. Doch „es ist hier nicht der Ort, um die besonderen Aufgaben des Dichters als eines besonderen Werkzeuges der Menschen aufzuzählen und zu erläutern“, zitiere hier ich Hermann Hesse und will es dabei belassen.

Wie weiter?
Fernando-pessoaFernando Pessoa, der einflussreichste moderne Dichter Portugals schrieb seine Werke für die Truhe. Über 25.000 Fragmente fanden sich nach dessen Tod in seiner Wohnung. Seine Notizen, denen er selbst den Titel Buch der Unruhe gegeben hatte, erschienen erst 1982, ganze 47 Jahre nachdem er in Lissabon gestorben war.

RimbaudDer Franzose Arthur Rimbaud, ohne den es den literarischen Expressionismus oder die surrealistischen Meisterstücke eines Pablo Picasso vielleicht so nie gegeben hätte, dichtete nur von seinem 15. bis zum 19. Lebensjahr und wandte sich danach seinen vielen anderen Leben zu, getreu Ciceros zweiter Zitathälfte „höre nie auf anzufangen.“

Es gibt kein literarisches Erfolgsmodell, Zehntausende Bücher erscheinen jährlich allein in Deutschland. Die Bestenlisten erklimmt lediglich ein Bruchteil, der zu oft ein kläglicher ist. Die Zahl der Bücher, die niemals erscheinen, mag bei Hundert mal Zehntausend und höher liegen. Von ihnen werden viele kaum weniger Wert sein als die meistverkauften. Der Wert eines Buches ist nicht an Verkaufszahlen zu messen. Das wusste ich schon vor 23 Jahren und dass es für mich schwer würde, war vorhersehbar. Letztlich hatte ich nur die Wahl, in einem Beruf mit festem Gehalt und trügerischen Sicherheiten 50 Jahre vor mich hin zu siechen oder alles auf eine unbekannte Karte zu setzen. Kurzum: Ich hatte keine Wahl. Es ist die vordringlichste Pflicht aller Träumer und Idealisten, ihr Leben gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand zu richten und ihn mit ihren Ideen aus der Irrenanstalt zu befreien.

40 Jahre, da spricht man hoffnungsvoll von Halbzeit und ich verdränge gern, dass Pessoa weitestgehend ungelesen nur 47 wurde und Rimbaud gar nur 37. Mit 40 ist es fast zu spät, um jung zu sterben.

Hermann_Hesse_1926_by_Gret_WidmannIch bleibe meiner Haltung, dem Selbstverständnis, dem Selbstzweifel und auch der Zuversicht eines Hermann Hesse treu und setze auf weitere 45 Jahre.
Genug Zeit für eine zweite Spielhälfte plus Nachspielzeit. Auch wenn man angeschlagen ist, wenn man zurückliegt, ist die Niederlage nicht ausgemacht. Man geht doch in der Halbzeitpause nur vom Platz, um sich frisch zu machen.

Und kommt dann wieder.

Verfasst im Juni und Juli 2016 in Berlin.
© Matthias Schumacher

Foto „Fußballplatz im Nebel“ von Felix Meyer (Flickr, CC 2.0)

 

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