Author: Matthias Schumacher | Date: 7. April 2016 | Please Comment!

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„Gefällt mir sehr gut und regt zum Nachdenken an.“ Größere Komplimente sind für moderne deutsche Lyrik im Internet kaum zu haben. Achten Sie mal darauf, wenn Sie sich auf eine Lyrikplattform verirren. Verirren Sie sich aber besser nicht!

Böhmermann vs. Erdoğan.
Deutschland redet wieder über ein Gedicht. Das hat es seit Grass nicht mehr gegeben. „Halt, stopp! Julia Engelmann mit ihrem One Day / Reckoning-Text!“, wird hier vielleicht einer protestieren. Das war Psychologiestudentinnen-Poesie im Jahr 2013. Das war YouTube mit etwas medialem Rückenwind, von dem sich einige Medien selbst etwas Aufwind versprachen. Aber Böhmermann 2016 ist ein Monstersturm. So mitgerissen und umgehauen hat uns davor zuletzt Grass 2012 mit „Was gesagt werden muss“ und bald darauf „Europas Schande“. Letzteres regte auch zum Nachdenken an – und es regte auf. Grass‘ Gedicht: Ein Appell, das bankrotte Griechenland nicht aus der Europäischen Union zu verstoßen.
Jetzt trug Jan Böhmermann ein Gedicht über Recep Tayyip Erdoğan vor, dem Präsidenten der Türkei, einem Land, das sich in unserer Wahrnehmung nichts sehnlicher wünscht, als Vollmitglied der EU zu werden. Trotz Griechenland, über das keiner mehr redet. Wichtiger ist (nicht weil es tatsächlich wichtiger wäre, sondern weil es viele mehr interessiert): Der wöchentliche Böhmerwahn im Blätterwald, der längst ein Böhmerwald geworden ist und der uns erst wieder freigibt, wenn das letzte Blatt gewendet und vollgeschrieben ist. Blätter im Wald gibt es wie Sand am Meer und eine Staffel Neo Magazin Royal hat bis zu 34 Folgen im Jahr und manchmal eben Folgen…

„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, // dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären, Schiller, „Wallenstein“. Oder volkstümlicher frei nach Wilhelm Busch „Dieses war der xte Streich, doch der nächste folgt sogleich.“

Besonders beachtlich an Böhmermanns bislang letztem Streich, weil kaum genauer betrachtet und lediglich hingenommen, ist die gewählte Form.
Warum ein Gedicht? Warum in Reimen? Warum so old-school? Unterstellen wir Böhmermann – ungeachtet aller unnötigen Vulgarismen – etwas wie Gespür, so hat er bewusst oder unterbewusst die eingängigste und einprägsamste Kunstform gewählt. Das Gedicht. Und hier war er ausnahmsweise wirklich „genial“ (nebenbei: Unter Böhmermann-Fans das am häufigsten verwendete Kompliment. Achten Sie mal darauf!)

Welchen Gegenwind, welchen Zuspruch, welche Aufmerksamkeit gereimte Lyrik, die sich mit ihrer Zeit auseinandersetzt, erzeugen kann, hat man u.a. bei Kästner gesehen. „Herz auf Taille“ mit den herrlichen Angriffen und Beobachtungen traf 1929 den Nerv der Zeit. Leicht verständlich, jedermann zugänglich. Böhmermann, Kind seiner Zeit, ist selbst ein Nerv. Der schmerzt nicht selten, zuckt zuweilen, ist unwetterfühlig. Und wenn er nervt, dann richtig. Da helfen keine Pillen.

Böhmermann ist ein Zeitpoltergeist, der unsere Bilder wirr auf den Kopf stellt oder unsere wirren Bilder im Kopf als Realität verkauft, er hält sich an keine Regeln des guten Geschmacks und setzt uns mit seinem breit süffisanten Grinsen einen fetten Haufen aufs Wurstbrett, was er dann selbst noch viel lustiger findet als sein überschaubares Fernsehpublikum. Aber da ist seine monströse Internetfangemeinde, die genauso ist wie er, immer quengelig, immer überengagiert, immer alles besser wissend, unfehlbar, Richter, Henker; Revoluzzer an der klebrigen Tastatur mit Bio-Amarettini-Krümeln unter den Tasten J, A, N, B, Ö, H, M, E, R  (wie das jedes Mal lustvoll knirscht!); eine verschworene Gemeinschaft, die zwischen Latte macchiato und Club-Mate auf dem Weg zum Babykonzert immer noch Zeit findet, in zwei Sekunden die Welt komplett zu überblicken und so viel Internet und Wissen vor sich zu hat, dass am Ende keine Ahnung übrig bleibt. Niemand wird bisher in den Weiten des Webs kommentiert haben, wie sehr ihn Böhmermanns Verse zum Nachdenken anregen. Ja wann denn das noch!? Es ist nicht die Zeit zum Nachdenken. Es ist Böhmermanns Zeit.

Das dürften auch preisgekrönte Vertreter moderner Lyrik wie Jan Wagner, Nora Gomringer oder Daniel Falb zur Kenntnis genommen haben. Was ihnen nicht gelingt, wovon der altgediente Durs Grünbein nur träumt und was selbst einem Robert Gernhardt verwehrt blieb, schafft #JanBoehm mit seinem Schmähgedicht auf Erdoğan: Ein Stück gereimte Sprache ist in aller Munde und zumindest für einen Moment Teil des kollektiven Bewusstseins. In der Haftwirkung ist Böhmermanns Pennäler-Poesie kaum zu überbieten. Auf Schulhöfen wird sie zitiert wie anno dazumal Otto Waalkes, im Netz unermüdlich verbreitet, unermüdlich gelöscht und daraufhin noch stärker verbreitet, sie wird diskutiert, verachtet, bejubelt.
Das regt zum Nachdenken an.

Linktipp: Stefan Niggemeier | Böhmermanns Satireschmäh

 

Verfasst am 06./07.IV.2015 in Berlin
© Matthias Schumacher

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