Author: Matthias Schumacher | Date: 5. Oktober 2015 | Please Comment!

Onkel Jochen hat seiner Zukunft ein Ende bereitet. Onkel Jochen ist tot.
Der jüngere Bruder meines Vaters. 66 Jahre alt. Kurz vor der Rente. Lange Polizist in der DDR. Ein einfacher Mann. Für meinen Vater ein letztes Stück Familie. Bezugspunkt unter sechs völlig zerstrittenen Geschwistern. Überhaupt hat es unsere Familie nicht so mit Familie. Väterlicher- wie mütterlicherseits. Ich nehme mich da nicht aus. Darum habe ich Jochen selten erlebt, doch wenn, dann habe ich ihn gemocht. Er machte keine Anstalten, etwas Besseres darzustellen, als er war. Das soll was heißen in meiner Verwandtschaft.

Ich will an dieser Stelle nicht die Chronik seines Lebens nachzeichnen, dafür war er mir zu fremd und zu fern, doch allemal so nah, dass man ins Grübeln kommt.

66! Das sind noch gut 26 Jahre vor mir. Vor 26 Jahren fiel die Mauer. Und ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater mit Jochen telefonierte, der im Herbst 1989 wie wohl jeder Ost-Berliner Polizist in Alarmbereitschaft stand und gezwungen war, im Falles eines Falles gegen Demonstranten vorzugehen. „Das könnten deine Brüder sein“, höre ich meinen Vater noch sagen. Ich weiß nicht, welche Rolle Jochen im großen Räderwerk spielte. Er wird still im Hintergrund mitgeschnurrt sein als die Lebenszeit der DDR unaufhaltsam runtertickte. Er war nie der Typ für die erste Reihe, er wird es auch damals nicht gewesen sein. Noch einmal höre ich „Das könnten deine Brüder sein“, sehe meinen Vater in gedrückter Stimmung am Telefon, meine, mich Fetzen einer Diskussion zu entsinnen, die meinen Vater nicht befriedigten. Aber was hätte ihm Jochen, der Vopo, am Telefon in diesem in der Auflösung befindlichen Überwachungsstaat anderes sagen sollen als das, was die Mithörer hören wollten? Ich war 13, hörte nicht mit, stand nur dabei. Es ist 26 Jahre her.

Heute habe ich mit meinen Eltern telefoniert und man ist sich einig, dass der „Blödmann“ jetzt so ein schönes Leben hätte haben können. Rente. Lebensgefährtin. Kinder aus dem Haus und unter der Haube. Mein Opa, sein Vater, wird bald 92. 26 Jahre älter als Jochen. Vielleicht hätte diese Frist auch noch vor ihm gelegen. Wie auch immer sie ausgesehen hätte, Jochen hielt sie für nicht erlebenswert. Dies gilt es zu akzeptieren. Es ist nicht zu ändern. Das sagt sich leicht und es ist schwer. Vor einigen Jahren hatte sich auch seine Frau das Leben genommen. Jochen hat sie in ihrer Wohnung gefunden. Er lebte mit ihrem Tod, wirkte bei seinem wenigen Besuchen im Beisein seiner Freundin stabil. Nur manchmal legten sich auf die Gespräche ein paar Schatten. Wie sehr sie nach ihm griffen, wussten wir nicht.

Wieder sehe ich einen Toten, mit dem – heute – niemand gerechnet hätte. Es sind ja selten die, die fürchten oder ahnen, nicht alt zu werden. Oder die, die mit Selbstmord drohen. Es sind oft die, die den Schein wahren, uns von ihren Plänen erzählen, die versprechen, bald wieder vorbeizukommen, dies und jenes mitzubringen „Lasst mal, ihr habt das letztes Mal gemacht“…

Jochen, eines Tages kommen wir zu dir! Machs gut!

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