Author: Matthias Schumacher | Date: 7. September 2015 | Please Comment!

Jens war ein Loser und so weit ich seinen Lebensweg verfolgte, hat sich daran bis heute nichts geändert. Er hat mit seinen Haarspitzen bestenfalls die Stufe zum Mittelmaß berührt, nur einmal überwand er sie, wenn eben auch nur mit seinen Haaren, die ich nach wie vor schön und tiefschwarz in Erinnerung habe, so schwarz wie jener Tag als er Alex, den Rotfuchs, und mich, den Blondgelockten, weit unter dieser unüberwindbaren Hürde zurückließ.

Es muss Mai gewesen sein, denn unsere Klassenfahrten fanden meist im Mai statt, wenn die Sonne schon am frühen Morgen trügerisch lockte und man am vereinbarten Treffpunkt vor der Abreise fror, weil man sich viel zu dünn angezogen hatte. Im Mai 1991 trafen wir uns am Bahnhofsvorplatz. Gen Westen sollte es gehen. Nach der Wende ging es nur noch nach Westen. Die Klassenlehrer schlugen uns ausschließlich Ziele auf dem Territorium des einstigen Klassenfeindes vor, die sie selbst gern einmal besuchen wollten. Kleine Traumziele im Spessart oder in den Alpen.

Und so standen wir wieder viel zu lang vor der Zeit, gekleidet in eine Mischung aus Ost- und Westklamotten, 14jährig und pickelig und frostig. Mit den Füßen hatten es die meisten von uns längst in den Westen geschafft. Turnschuhe und Jeans Made in West-Germany waren Pflicht, darüber sahen viele von uns noch ostig aus.
Alex und ich warteten also auf Jens, abseits der anderen, so abseits wie es uns rangmäßig zustand. Wir warteten und ich dachte schon, Jens macht’s richtig, der drückt sich, macht auf krank und hat eine Woche Ruhe. In mir stieg Neid und Bewunderung auf. Dann erkannte ich ihn.

Er stand längst bei den anderen. Bei denen! Alex wusste es bereits vor meinem Eintreffen, hatte unser Band des Schweigens aber nicht durchbrochen. Vielleicht wollte er mir noch einige Minuten in dem Glauben schenken, auch Jens wäre noch mit uns verbunden. Aber Jens hatte alles zerrissen wie ein Absperrband, hatte eine unsichtbare Grenze überwunden, eine Ziellinie. Jens war übergelaufen. Mit Haut und Haar. Aalglatt wie seine neue Frisur, deretwegen ich ihn nicht erkannte. In der Vorwoche noch zotteliger Wildwuchs, nun kürzer, gestylt, gegelt, zurückgekämmt. Nach und nach kamen auch die restlichen Mitschüler und die neue Gesellschaft um Jens wuchs und mit ihr wuchs Jens. Aus dem ohnehin großen Typen war ein Riese geworden, beachtet von dem Mädchen, umringt von den Großmäulern.

Alex und ich mussten uns das genauer anschauen und schnappten je näher wir kamen immer öfter den Namen „Booker“ auf. „Booker“ war eine angesagte US-amerikanische TV-Serie, Ableger von „21 Jump Street“ mit Johnny Depp. Dennis Booker wurde gespielt von einem muskulösen Halb-Italo-Schönling namens Richard Grieco. Und Jens hatte nun dessen Frisur. Sagte Jens. Jeder musste aber schon beim ersten Blick feststellen, dass der blasse Jens nicht ansatzweise die Frisur trug, durch die alle BRAVO-Leserinnen dieser Tage liebend gern mit ihren Fingerspitzen gefahren wären. Jens war nicht Grieco. Jens war nicht Booker. Jens war Jens. Doch auch wenn er in unserem Kaff keine Friseurin gefunden hatte, die ihm den echten Booker-Schnitt verpassen konnte, war er doch an diesen Morgen für die anderen Booker, der Held. Und für Alex und mich Booker, der Überläufer, der trottelig neben den wirklich beliebten Jungs stand, mitlachte, wenn er meinte, dass es etwas zu lachen gab, Jens Booker, der denen, die ihn duldeten, näher stand als uns, den anerkannten Außenseitern, deren Humor er teilte. Er zog es vor, bei ihnen statt mit uns zu sein.

Ich sah Alex in die Augen, sah seine Fassungslosigkeit, dachte, was er dachte, und fühlte, was er fühlte. Diesen kalten Verrat. Dieses Verlassensein. Diese ekle Bereitschaft, für die Gesellschaft einiger falscher Freunde die wahren zurückzulassen. Zum ersten Mal ging mir ein Akt von Opportunismus so nah. Wir waren da einiges gewohnt. Nach dem Zusammenbruch der DDR hatten viele über Nacht Ansichten, von denen wir tags zuvor nicht zu träumen gewagt hätten. Aber fast jeder von uns konnte nachvollziehen, warum viele ihr Fähnlein in den Wind hangen. Doch diesmal ging es nicht um Parteibücher und Ideologien, nicht um Karriere. Es ging um Freundschaft. Ich hätte Jens die Fresse polieren können. Bis heute muss ich mich zusammenreißen, wenn ich Opportunisten begegne; wenn einer sich ohne jede Not auf eine andere Seite schlägt.

Alex und ich machten zwei Anläufe, Jens zur Rede zu stellen, mittelmäßig engagiert. Es war sinnlos, keine Antwort hätte uns befriedigt. Wir zwei blieben auf dieser Klassenfahrt allein inmitten all der anderen und bald waren Jens‘ Haare nachgewachsen, etwas unsortierter und der Lack der Sensation ab. Immerhin hatte er sich gesellschaftlich dauerhaft in die zweite Riege unserer Klasse hochfrisiert. Alex und ich wurden weiterhin beim Fußball im Sportunterricht als Letzte gewählt und verfehlten wie eh und je jeden Ball, den, hätten wir ihn getroffen, Jens wie eh und je nicht gehalten hätte.

 

 
Text: ©Matthias Schumacher, 2015

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