Author: Matthias Schumacher | Date: 8. Mai 2015 | Please Comment!

War das Berlin? War ich das? Natürlich war das Berlin. Und natürlich war ich das, da vor der zerbombten Kirche, dort wo Berlin einmal zu Ende war, nicht weit vom Alexanderplatz, wo Berlin immer wieder beginnt. Dort stand ich nun, einen knappen Monat nach dem, was man in Geschichtsbüchern den Zweiten Weltkrieg nennt, an meinem ersten Nachkriegsgeburtstag. Für mich persönlich war es der erste, mein erster Welt-Krieg, obwohl ich, der über die Grenzen Berlins bis zum 16ten Lebensjahr nicht hinauskommen sollte, keinen blassen Schimmer von der Welt hatte. Berlin war meine Welt, meinetwegen Heimat, oder wie man in unserer Familie noch heute sagt: Zuhause. Und wie alle meine Geburtstage zuvor, verbrachte ich auch diesen hier in Berlin, mitten im Krieg – Zuhause. Zuhause – wo Mutter schon 1941 abgeholt worden war und wohin Vater erst 1953 zurückkehrte, woher weiß ich bis heute nicht. So lebte ich bei Smaragda. Oh Smaragda, grüner Engel meiner Kinderzeit; in Deinen grünen Kleidern, mit Deinen grünen Hüten, die den tiefschwarzen Wasserfall, der unmöglich bloßes Haar sein konnte, kaum zu bändigen verstanden, konntest Du nicht von derselben verdorrten Welt sein, die Er uns hinterließ!

Im Winter 1943/44 hatte sie sich, woher auch immer, grüne Sandalen besorgt, und wer jetzt glaubt, daß diese während der kalten Tage im Schrank verschwanden, der kann mit einigem Recht sagen, Smaragda kein bißchen gekannt zu haben. Smaragda trug diese Schuhe wann immer sie konnte und hütete sie, als seien sie alles, was sie jemals besessen. Ich erinnere mich an einen unserer letzten Kinobesuche, Anfang 1944, als Smaragda mitten in der Wochenschau, wo Panzer und Kanonen das Reich wieder einige Hundert Meter breiter schossen, mit den Worten „Vornehm jeht die Welt zugrunde“ ihre klitschnassen Winterstiefel von ihren Füßchen wuchtete, ihre Sandalen aus der Handtasche zog und mit einem erleichternden Seufzer hineinschlüpfte. Wie könnte ich unsere Kinobesuche vergessen! Wir gingen nur in die Spätvorstellungen, Smaragda kannte mit der Zeit alle leicht empfänglichen Platzanweiser, die unglücklichen Ehemänner und pickligen jungen Kerle auf nimmermüder Brautschau, und so genügte meist ein sanfter Augenaufschlag, ein verheißungsvolles Lächeln – und prompt saß ich, ein schmächtiger blonder Bengel, neben einer vordringlich grün gekleideten jungen Dame in der letzten Reihe des von uns so heißgeliebten Lichtspielhauses.

Bei Kriegsende war Smaragda 28. Eigentlich hieß sie ja Magda, aber das habe ich erst wirklich realisiert als sie den Karl heiratete und vom Pfarrer mit vollem Namen angesprochen wurde: „Magda Grunske, willst du den hier–“ Magda Grunske! Dann lieber Smaragda.
Ich glaube, damals vor der Parochialkirche trug sie ihre grünen Sandalen, und falls nicht, ist es wenigstens eine schöne Phantasie.

„Wir jehn da jetzt rein!“ sagte sie, drückte entschlossen und auffordernd meine Hand und blieb dann doch stehen, angewachsen wie eine Tanne – und vielleicht sah sie sogar ein bißchen so aus.
„Moment noch, einen Moment noch!“ flüsterte sie, während ihr Blick in den freien Himmel starrte, dorthin wo man von unserem Standort aus einen Kirchturm hätte sehen müssen, wäre nicht der Krieg gewesen. Ein gutes Jahr zuvor hatte eine Brandbombe Turm und Kirche weitgehend zerstört und somit Smaragda an diesem Tage den Himmel freigegeben. Es war ein schöner, azurner Himmel. Es war der Himmel, aus dem noch kürzlich Tod und Elend herabstürzte. Es war der Himmel, der zusah und zuließ; der nichts kann, als da zu sein; der bloßer Selbstzweck zu sein scheint und doch nicht weniger ist als unsere einzige Hoffnung.
„Die futtern uns allet weg, wenn wir jetz nich reinjehn!“, mahnte ich eindringlich.

Smaragda wandte mir den Blick zu, holte tief Luft und wankte mit mir an der Hand in das halb zertrümmerte Gemäuer, das, so skelettiert es war, kaum noch an eine Kirche erinnerte.

Der Buschfunk, der meist eine sichere Quelle war und uns zumindest gelegentlich zu einer Handvoll Brot oder einer halben kanne Milch verhalf, hatte versagt. An meinem 12ten Geburtstag standen wir allein in den Trümmern der Parochialkirche, allein in Staub und Asche, zwischen Hunger und Verzweiflung, dort wo doch Gott wohnen sollte. Unterdessen schaute die Sonne in die Ruine und ließ den Schatten einer kleinen Wolke über uns hinweggehen.
„Ausgebombt“ rief eine gebrochene Stimme aus dem nahen Schatten des ausgebrannten Altarraumes mitten in unseren gesunkenen Mut hinein. Smaragda, deren Inneres wohl ebenso wie meines noch immer zwischen allen Gefühlen schwankte, zerquetschte mir beinah die Hand, als sie dieses Wort wie ein „Hände-Hoch!“ oder „Stehenbleiben!“ vollkommen erstarren ließ.
„Ausgebombt“ wiederholte die Stimme nochmals, nur ruhiger, und der Saal, der früher gewiß jedem Ton einen überirdischen Hall verliehen hatte, raffte sich nur noch zu einem winzigen Echo auf. „Warum, warum soll es Gott besser gehen als Euch und mir und allen? Gott ist ausgebombt.“

Und mit diesen Worten kroch ein schlacksiger Kerl hinter einem Schutthaufen hervor, der aussah wie ein schlacksiger Kerl, der hinter einem Schutthaufen hervorkriecht. Jedenfalls hätte da jeder hervorkriechen können und wahrscheinlich ganz ähnlich dabei ausgesehen. Viel mehr konnten wir nicht erkennen, zu schnell waren unsere Blicke vom Tageslicht auf den schattigen Raum gesprungen. Aber als sich unsere Pupillen eingestellt hatten und die Stimme sich als durchaus irdisch erwies, war Smaragda soweit gefaßt, daß sich ihr verlangsamender Herzschlag auch bald auf mich übertrug und das Zittern in meinen Gliedern allmählich dahinschwand.
„Wer sind Sie eigentlich? Plündern Sie hier oder hausieren Sie nur?“ rutschte es Smaragda ungeahnt fester Stimme heraus.
„Ach, wer weiß heutzutage schon, wer er ist. Viele, die im Krieg dies waren, sind jetzt das, und die, die das waren, sind jetzt jenes, manche waren was und sind jetzt nie was gewesen. Und wer kann heute schon sein, der er gestern war? Wissen Sie denn, wer Sie sind und was Sie und den Jungen hierher verschlägt?“
„Det jeht sie jar nichts an!“ rief Smaragda ziemlich aufgebracht, und wer weiß, woher sie in dieser Stunde die Barschheit nahm. „Außerdem wollen wir mit Plünderern nichts zu tun haben, Fritz komm!“ Die Sonne warf noch immer ihren lichten Schatten in die Kühle Helligkeit der Vorhalle und mit halbgeschlossenen Lidern gingen wir dem Licht entgegen.

Vielleicht brachen sich einige Sonnenstrahlen in den winzigen Tränen, die sich in Smaragdas Augenwinkeln sammelten, zu einem kleinen Regenbogen. Ich fragte nicht, ich hatte doch Geburtstag. 12. Endlich 12 – Donnerwetter! Da ist man doch schon fast ein Mann. Jungs, die Männer werden, fragen so etwas nicht. Würde ich heute fragen? Ich weiß es nicht, denn Männer, die glauben, Männer zu sein, sehen meist die Tränen der Frauen nicht. Vielleicht hatte ich damals aber auch schon so viele, unzählige Frauen weinen gesehen, daß es mich nicht mehr berührte. Vielleicht hatten mich die Tränen der Frauen blind gemacht.

Unweit des Alexanderplatzes ließ mich Smaragda von der Hand, setzte sich auf die kraterreiche, doch schon befahrene Straße, zog mich hinunter in ihre Arme und sang – sang so schön und zart – dieses Lied, dieses Lied, das eine so schmerzlich lange Zeit allein und tonlos in meinem Herzen klang. An jenem Tage bevor sie Mutter verhafteten, hörte ich es zum letzten Mal – ich weiß es genau. Sie sang es ja jeden Abend, auch wenn sie mit Vater erst spät aus dem Kino oder von einem Tanzvergnügen zurückkehrte und in Wirklichkeit nur einen kurzen, ihre stete mütterliche Sorge beruhigenden Blick durch einen Türspalt sandte und ich, weil Smaragda, die auf mich Obacht geben sollte, weit vor mir eingeschlafen war, allein in mein Bett gekrabbelt war, ja selbst an jenen Abenden sang mir Mutter dieses Liedchen. Aus der unendlichen Tiefe ihres Mutterherzens sang sie es mir allabendlich. Und diese scheinbar zerbrechlichen und doch so starken Töne überwanden alle Kinoleinwände und jede Tanzmusik, alles Heulen des Fliegeralarms und jedes Dröhnen sich nähernder Einschläge, jeden Stacheldraht, jede Barackenwand, alles Gas und alle Erde. Doch manchmal, ganz selten, war mir, als seien seine weltlichen, hörbaren Töne mit Mutter zusammen abtransportiert worden – abgeführt mit Gewehren und Parolen. Mutter war fort. Ich sah sie niemals wieder, aber an jenem Junitag, meinem 12ten Geburtstag, kehrte ein Stück Freiheit aus den Lagern zurück nach Berlin, nach Hause, vielleicht mehr Freiheit als mir das Kriegsende zurückgebracht hatte. Es war der Klang eines winzigen Liedchens, der zum ersten Mal seit vier Jahren von außen in mich drang und mich zugleich erschütterte und über alle Erschütterungen erhob. Und Smaragda sang. Sie sang für mich, sang mir zum Geburtstag, sie sang für mich und alle die an jenem Tage neu geboren wurden.

„Erinnerst du dich?“, fragte sie leise. „Erinnerst du dich? Weißt du, Fritz, weißt du, warum ich vorhin so schroff zu dem Mann war?”
Ich schüttelte den Kopf.
„Weil er mich getroffen hat. Ganz tief, verstehst du? Ich weiß schon lang nicht mehr, wer ich bin. Du verstehst das vielleicht nicht, aber vor dem Krieg war ich Smaragda, im Krieg war ich– Glaubst du mir, daß ich gar nicht recht weiß, was ich im Krieg war? Und wer bin ich denn heute?“
Ich konnte diesen, ihren wahrscheinlich ersten freien Gedanken nach dem Kriege nicht wirklich folgen, und so wußte ich auf die Frage, wer sie sei, nur eine einzige Antwort:
„Smaragda, du bist Smaragda.“
Sie schaute mich verwundert an. Lange, intensiv und wortlos.
„Smaragda?“ fragte sie.
„Ja Smaragda“ nickte ich.
„Vielleicht kann ich es wieder sein. Vielleicht lebt Smaragda noch, vielleicht ist sie da, wo mich die Worte des Mannes getroffen haben. Ganz tief drinnen. Vielleicht. Komm sing! Befreie dich, sing, sing!“

 Als ich am nächsten Morgen erwachte, verbarg sich die Sonne wahrscheinlich hinter einer Schönwetterwolke, die sich im Laufe des vorangegangenen Tages schon da und dort gezeigt hatten; aber es kann nur eine Vermutung sein, denn das kleine Kellerfenster, das einzige Fenster überhaupt, lukte nach Westen und so fielen nur am späten Nachmittag einige Schatten von vorübereilenden Unterschenkeln, Stiefeln und Lastwagen auf unsere Strohmatten. Seit einigen Tagen hatten wir den Keller für uns allein. Aber Smaragda und mir war bewußt, daß dieser Zustand nicht lange währen würde. Zu viele waren obdachlos, ausgebombt. Im spärlichen Licht entdeckte ich Klaus, der an einem Brotkanten nuckelnd auf Kubins brüchigem Schaukelstuhl saß. Kubin hatte es nicht geschafft. Dabei waren es nur noch 20 Meter bis zu unserem Keller. 20 Meter im Endkampf um Berlin. Nun schaukelte Klaus auf seinem Stuhl – und kaute, Klaus hatte immer irgendwas zwischen den Kiefern, weiß der Himmel, wie er das gemacht hatte, aber er hat all seine überflüssigen Pfunde über alle Engpässe und Hungersnöte hinübergerettet und war nach dem Krieg noch fetter als zuvor.

„Wo warst du denn die ganze Zeit?“ fragte ich, beinah vorwurfsvoll.
Und Klaus, der stets jede direkte Antwort umging, sagte, was er meist sagte:
„Geheimnis!“

Klaus war voller Geheimnisse. Sein Vater machte Geschäfte mit Russen, Briten und Amerikanern, wie er auch schon mit der SS, den Juden und den Kommunisten Geschäfte gemacht hatte. Kriegsgewinnler nennt man sowas wohl, aber wen interessiert das schon, wenn er kurz vorm Verhungern steht, ob die Hand, die einen füttert, sauber ist. Klaus teilte mit Smaragda und mir, und auch wenn Brot oder gar Wurst oder Kartoffeln uns nur unregelmäßig in kleinen Mengen erreichten und folglich alsbald aufgebraucht waren, so halfen uns diese kleinen Spenden doch oftmals über die größte Not hinweg. Seit etwa zwei Wochen war Klaus allerdings wie vom Erdboden verschwunden gewesen. Auch sein Vater war nirgends gesehen worden, und so mußten wir uns noch intensiver als ohnehin auf die Suche nach etwas Eßbarem machen. Solche Phasen gab es immer wieder, Klaus’ Vater verschwand spurlos und Klaus mit ihm, stets ohne Ankündigung und für unbestimmte Dauer.

Klaus schaukelte vor und zurück und zog unterdessen, als wäre es ein Schwert, eine Dauerwurst unter dem Hemd hervor, sie war zwischen all den Wülsten und Unförmigkeiten, die sich dort abzeichneten, zuvor nicht erkennbar. Klaus bog sie solange bis sie durchbrach und warf mir das kleinere Stück auf die Kartoffelsäcke und Vorhänge, die zu einer Decke zusammengenäht waren. Dauerwurst! Wie lange hatte ich so etwas nicht mehr gegessen und schon nach den ersten Bissen war mir speiübel. Ich hatte so lange nichts Richtiges mehr zum Beißen gehabt, daß mir vom Essen schlecht wurde. Ich steckte das Stück Wurst in meine einzige Hose, die ich bis weit über das Kriegsende hinaus Tag und Nacht trug, denn noch lang war da diese Angst, von einem Bombenangriff überrascht zu werden und mit nichts als einem jämmerlichen Nachthemd am Leib fliehen zu müssen.

„Du mußt nachher unbedingt mitkommen!“ forderte Klaus plötzlich ganz eifrig.
„Wohin denn?“ fragte ich und kannte die Antwort schon:
„Geheimnis.“
„Dann komm ich auch nicht mit“ winkte ich ab. „Wenn ich da bin, weiß ich ja eh, wo ich bin, also kannst du es auch jetzt schon sagen.“
Klaus fuhr hoch:
„Ach, so einer biste“, schrie er, wobei er blutrot anlief, und ich ahnte bereits, auf welches Verhängnis es hinausinlaufen würde, „mitbringen kann euch der dicke Klaus, der blöde Klaus immer was, aber wenn es drauf ankommt, laßt ihr mich hängen. Du könntest dich ruhig mal ein bißchen erkenntlich zeigen.“
„Erkenntlich zeigen“, sagte er! Klaus macht also auch Geschäfte – wie sein Vater, dachte ich. Geschäfte übelster Sorte. Was geschehe schlimmstenfalls, wenn ich nicht mitgehe, dachte ich. Würden Smaragda und ich weiterhin ab und zu etwas zugeschanzt bekommen? Klaus war ein Kind – wie ich – und deshalb launisch, unberechenbar, kurzum: wie jeder Mensch liebebedürftig. Klaus hatte kaum Freunde, Klaus hatte Kunden; Kunden, die er in Abhängigkeiten brachte, um sich nicht unwert und allein zu fühlen. Ach, Kinder handeln manchmal gar nicht so anders als wir Erwachsenen. Ich mußte Klaus abegleiten, ganz gleich, wie unspektakulär und öde seine Gesellschafft sein würde.
„Wo ist Smaragda eigentlich?“ schoß es überschlagend aus mir heraus.
„In den Trümmern. Bei den Frauen“ antwortete Klaus beiläufig.
In den Trümmern. Wo sonst! Bei den Frauen. Wem sonst!
„Wann müssen wir los?“ fragte ich Klaus und gab mir nicht besonders viel Mühe, euphorisch zu klingen.
„Tja wann“ seufzte Klaus gewichtig, kramte einige knittrige Zettel aus der Hosentasche und blätterte darin wie in einem Terminkalender. Sein Blick sollte wohl angestrengt wirken, wahrscheinlich hatte er diese weltmännische Fratze bei seinem Vater oder irgend einem anderen Wucherer oder Schacherer aufgeschnappt, wie auch immer, bei Klaus sah es einfach nur bescheuert aus. Schließlich ließ er sich zu der wohl präzisesten Antwort hinreißen, an die ich mich aus seinem Munde erinnern kann:
„Weiß noch nicht wann, ich komme später noch mal vorbei.“ So sprang er vom Stuhl und war schon fast zur Tür hinaus als ich ihn mein Ruf „Wohin gehst du denn jetzt?“ erreichte. Und Klaus setzte sein überhebliches Standardgrinsen auf, warf mir den bescheidenen, von allen Seiten benagten Rest seines Dauerwurstdreiviertels entgegen und sagte, was er meistens sagte:
„Geheimnis, mein Lieber, Geheimnis.“

Ich mußte warten. Warten lernt man im Krieg. Wer im Krieg nicht zu warten lernt, dreht durch. Das habe ich oft gesehen. Frauen, Kinder, Männer, ob nun jung oder alt, viele sah ich durchdrehen in den Kellern, Bunkern und Straßen Berlins. Smaragda und ich hatten Glück: Irgend etwas in uns gab uns die Kraft, die Nerven, nicht wahnsinnig zu werden, wenn die Bomben unweit unseres Kellers einschlugen oder wir auf der Flucht über brüllende Verletzte, Tote oder Menschenteile springen mußten.

Was war nun mit Klaus? Die Stunden vergingen. Es mögen bereits drei oder vier gewesen sein als ich, nun wo der Krieg doch vorbei war, absolut keinen Grund mehr sah, in unserem Keller zu bleiben. Sicherlich würde Klaus sich erst am Nachmittag wieder blicken lassen, vielleicht hatte er mich ja auch längst vergessen. Was hätte er denn schon von mir gehabt? Hätte es ihm etwas eingebracht? Ich war doch nur eine Zeitvertreib für ihn. Ein menschlicher Kreisel, den man zückt und so lange peitscht, bis man ihn gelangweilt in die Ecke wirft. Klaus konnte mich mal! Hatte ich denn nicht auch ungeheuer Wichtiges zu erledigen? Ja, das hatte ich. Ich hatte unsagbar viel Tageslicht und Leben nachzuholen. Ich warf mich übereifrig in die Trümmer, die den Namen Berlin trugen. Feuerholz mußte besorgt werden, denn das Wasser war verseucht und mußte unbedingt abgekocht werden, und vom Prenzlauer Berg war es ja auch nur ein Katzensprung zum Alexanderplatz – und von dort konnte man ja fast zur Parochialkirche spucken. Und bald stand ich, mittlerweile ganz und gar im 13ten Lebensjahr angekommen, wieder  an  jenem  Ort, wo ich bereits einen Tag zuvor stand: Klosterstraße/Ecke Parochialstraße, das Neue Stadthaus im Rücken. Diesmal nur allein. Wie anders etwas doch aussieht, wenn man es allein betrachtet, und wie vertraut es einem bereits beim zweiten Blick erscheint. Aber dieser Kirchturm, der nicht mehr da war, und eben deshalb so allgegenwärtig– Ich werde mich nie daran gewöhnen! Behutsam stieg ich die Stufen hinauf und betrat nicht weniger umsichtig die Vorhalle.

Niemand war zu sehen, auch der Altarraum schien menschenleer. Es war still, nur schwer gelangen die sonst allgegenwärtigen Geräusche der Aufräumarbeiten über die dicken, immer noch stattlichen Mauern in das Kirchenschiff. Ich hatte Angst, soviel Angst, daß ich mich nicht zu rühren traute, und zugleich soviel Neugier, um nicht auf der Stelle stehenbleiben zu können. Doch nur langsam wagte ich mich an den Schutthaufen, der gestern jenen Fremden freigegeben hatte, der Smaragda so tief traf und mir mein Lied zurückbrachte. Ich hoffte, ihn wieder an dieser Stelle zu finden, und zugleich fürchtete ich mich vor einem Wiedersehen, das, wenn es dazu käme, sicherlich erneut mit einem Schrecken begönne. Aber ich war tatsächlich allein. Viele Verstecke gab es dort oben ja nicht, und auf die Idee, einen Weg hinunter in die Gruftkammern zu suchen, wäre ich an diesem Tage ganz gewiß nicht gekommen. Plötzlich knirschten Schritte die Eingangsstufen hinauf und stapften schon bald durch die Asche- und Geröllschicht in der Vorhalle. Was sollte ich tun? Durfte ich überhaupt hier sein? Kurzentschlossen versteckte ich mich hinter dem Schuttberg.

„So so“, sagte eine merkwürdig vertraute Stimme. „Gestern kam es euch noch so ungewöhnlich vor, daß ich hier– Herumlungere sagtet ihr, glaube ich. Und heute? Heut quartiert ihr euch selbst hier ein.“
„Hausieren sagten wir. Also Smaragda sagte das“ murmelte ich hinter dem Berg hervor, wobei ich es vorzog, meinen Kopf erst einmal nicht hervorzustrecken.
„Smaragda? Das war wohl die grüne Waldfee. Und wer bist du, ich meine, immerhin liegst du schon auf meinem Bett, da könntest du dich wenigstens kurz vorstellen.“
„Ich bin der Fritz, also der Friedrich, und wir hatten gestern- weil ich doch Geburtstag hatte und der Klaus weg war mit dem ganzen Essen, da hatten wir den Tip bekommen und-“
„Und, und, und. Und jetzt kommt ihr erst einmal da vor!“ befahl der Fremde.
„Na los, raus mit euch!“
„Euch ist nicht ganz-“, berichtigte ich. „Ich bin allein.“
Und als ob ich mit diesem Satz ein Stichwort gegeben hätte, war der Fremde mitten in meinem Lebenslauf gelandet.
„Allein? Und deine Smaragda?“
„Eine Freundin. Eigentlich Cousine“ erklärte ich bereitwillig und unterdessen kam der schlacksige Kerl näher, setzte sich auf den Schutt und bot mir mit einer kleinen Geste ebenfalls einen Platz auf seinem „Bett“ an.
„Und wie lange schon?“ fragte er. Ich wußte genau, was er meinte.
„Mutter ’41, Vater schon ’40 weg“ antwortete ich.
„Ich war von ’41 bis ’43. Hat gereicht für dieses Leben!“, begann er zu erzählen. „Dann kam der Bauchschuß und das war’s. Meine Eltern sind in der Zeit gestorben und mein Bruder ist noch irgendwo in Rußland, vielleicht in Polen, vielleicht ist er gar nicht mehr. Keine Ahnung.“
„Und dann?“
„Nicht viel“ sagte er. „Und bei dir, Friedrich?“
„Auch nicht viel.“
„Na du hattest gestern Geburtstag.“
„Ja, 12 bin ich geworden“, gab ich nicht ohne Stolz bekannt, was dem dürren, dunkelblonden Mann mit der grauen Schirmmütze nicht verborgen bleiben konnte.
„Dann bist du ja schon fast ein richtiger Mann!“, lächelte er mir entgegen, doch zu meinem eigenen Erstaunen brachte ich ich nur ein gequältes „Jaja-Fast“ heraus.
„Ach weißt du, das ist doch mit den Menschen immer gleich: Was sie haben, wollen sie nicht, und was sie wollen, kriegen sie nicht, und falls doch, dann fängt das Lied von vorne an.“
„Und was wollen Sie?“, fragte ich.
„Wenn ich das wüßte“, sagte er und begann dabei, den Raum zu durchschreiten. „Wenn ich das wüßte. Das ist auch so eine typische Menschensache. Siehst du, ich stehe jetzt mittendrin. Wohin könnte ich jetzt? Links ist eine Wand, rechts ebenfalls, vor mir auch. Nun könnte ich, weil so eine Wand ja nicht unüberwindbar ist, versuchen hinüberzuklettern, aber ich könnte abstürzen; klettere ich aber nicht, wie komme ich sonst hier heraus?“
„Sie könnten rufen“, sagte ich.
„Ach, bevor ein Mensch um Hilfe ruft, klettert er fünfmal hoch und fällt fünfmal runter, aber das überspringen wir jetzt mal lieber, also rufe ich mal, vielleicht hört mich ja jemand:
„Hal-lo, hal-lo! Ist da jemand? Hal-lo, hört mich jemand. Ich komme hier nicht raus. Hal-lo! Hal-lo!“
„Ja, ich höre sie, hal-lo, hallo“, rief ich zurück, „der Ausgang ist direkt hinter ihnen.“
„Tatsächlich!“, drehte er sich erstaunt um, „du hast den Ausgang von Anfang an gesehen, und ich hätte mir beinah das Genick gebrochen. Siehst du, manchmal beschäftigen wir uns so sehr mit dem Unmöglichen, daß wir dabei jedes Scheunentor übersehen.“
„Mensch, Sie sagen ja Sachen!“

Und vom Eingang erklang ein tosender Applaus. Smaragda schien uns schon eine ganze Weile belauscht zu haben.
„Sie sind ja sowas wie ein Professor“, rief sie stimmgewaltig in ihren enthusiastischen Beifall.
„Na, und Sie kennen ihren Friedrich ja ganz gut, wenn sie ihn hier gesucht haben.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß er weg ist“ entgegnete Smaragda. „Ich war drüben am Alex und da dachte ich- Ich dachte, ich wollte nur mal so-“ stotterte sie und diese leichte Verlegenheit stand ihr unheimlich gut.
„Sie sehen mir gar nicht wie eine Frau aus, die obwohl sie sich was denkt, nur mal so was will.“
„Danke sagen wollte ich, weil Sie gestern sowas Richtiges gesagt haben, nur danke sagen.“
„Ja und einladen“ fügte ich rasch hinzu. Smaragda konnte unmöglich nein sagen.
„Ja einladen“, stammelte Smaragda und warf mir einen ganz offenbar gespielten bösen Blick zu, „wir haben ja nicht viel und anbieten können wir eigentlich auch nichts.“
„Na das klingt doch hervorragend“, witzelte der Fremde. „Wissen Sie, die Völlerei der letzten Jahre, der ganze Champagner und die Hummer, und diese schweren Saucen. Ich kann das alles nicht mehr sehen, und aus Bohnenkaffee und Kuchen mache ich mir schon mal gar nichts.“
Smaragda lachte Tränen und wies darauf hin, daß ihr Käsekuchenrezept ohnehin völlig veraltet sei und sie vom Lachs immer rote Pusteln bekäme, wofür sie sofort von mir eine Bestätigung einforderte, die sie auch prompt bekam:
„Ja knallrote Flecken bekommt sie, im Adlon haben ihr davon sogar die Ohren geschlackert.“

So verließen wir lachend die Kirche und traten gut unseren Weg an, jedoch nicht, ohne noch einmal einen kurzen Blick auf den fehlenden Kirchturm zu richten.

„Das heilt wieder“ sagte der Fremde. „Alles wird heilen, so wahr ich Karl heiße.“

 

© Matthias Schumacher, 2012

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