Author: Matthias Schumacher | Date: 17. März 2015 | Please Comment!

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Jahre meiner Kindheit. Sterbejahre der DDR.
Die 80er, an deren Ende sich das kleine Land zwischen den Fronten des Kalten Krieges auflöste wie Brausepulver, das man sich in die Hand geschüttet und gründlich bespuckt hat. Es blubbert, schäumt hoch, plustert sich auf, wirft Blasen und man schluckt es runter, bevor es ganz unappetitlich wird. Manchmal stößt mir die DDR noch heute auf. Das ist ein anderes Thema. Bleiben wir in der Zeit, wo ich beim Anblick von Brausepulver nur an Brausepulver dachte …

Noch ein bißchen ABBA, viel Nena, Trio, Nik Kershaw, Shakin‘ Stevens. Mein Leben spielte sich zwischen „Ein Colt für alle Fälle“, „Schwarzwaldklinik“ und den „Waltons“ ab. Zu Weihnachten gab es Mehrteiler wie „Anna“ und „Patrick Pacard“. Ich liebte „Remington Steele“, „Trio mit vier Fäusten“ und natürlich „Löwenzahn“. Ich verpaßte keine Folge von „Spaß am Montag“ mit dem Wuslon Zini, einem merkwürdigen animierten Lichtwurm, später hieß es „Spaß am Dienstag“ und irgendwie war dann die Luft raus. Keine Ahnung. Seit Manfred (Krug) und Lilo (Pulver), Horst (Janson) und Ute (Willing) nicht mehr dabei sind, schaue ich übrigens aus purem Protest die Sesamstraße nicht mehr. Und verdammt noch mal, ich will Herrn von Bödefeld zurück!

Habe ich schon erwähnt, daß ich damals viel in die Glotze geschaut habe? Ich habe damals viel ferngesehen. Meistens Westfernsehen, aber auch den „Kessel Buntes“ und die „Flimmerstunde“. Filme mit Agnes Kraus waren Pflicht, „Geschichten übern Gartenzaun“ sowieso und wenn Benno Geschichten machte, war die ganze Republik begeistert. Es hatte nicht selten etwas von Durchhaltefernsehen, wenn das feste Ensemble des DDR-Fernsehens, vorneweg Herbert Köfer, in einer neuen Fernsehserie, die letztlich nicht anders war als alle anderen, die Widrigkeiten des realsozialistischen Alltags aufgriffen und meisterten. Da erkannte sich jeder Werktätige sofort wieder.

Für die ganz jungen Menschen, die diesen Text lesen, sei erwähnt, daß Fernsehen in der DDR in der Regel schwarz-weiß stattfand. Farbfernseher waren für die meisten Arbeiter und Bauern unbezahlbare Luxusgüter. Meine Oma kaufte sich kurz vor der Wende (konnte ja keiner ahnen) ein Farbgerät für 6000 Mark, dafür hatte sie ein ganzes Leben lang gespart. Kein Wunder bei einem Lohn von 600 Mark monatlich.

1983 wurde ich widerwillig eingeschult. Ich ahnte, daß die Schule und ich immer auf Kriegsfuß stehen würden und das Desaster am Ende meiner Schulzeit hat die Ahnung Wirklichkeit werden lassen. Dieser Kriegszustand hinderte mich allerdings nicht daran, in den ersten sechs Schuljahren stets der zweitbeste Schüler unserer Klasse zu sein. Immer der Zweite! Was dazu führte, daß ich auch nur zum stellvertretenden Gruppenratsvorsitzenden gewählt wurde und später im Freundschaftsrat den Agitator geben mußte. Ja ich mußte, weil Pioniere „immer bereit“ waren und Neinsagen einfach nicht drin war. So war das damals. Außerdem war man ja als Schüler, Pionier und Timurhelfer, als intensiver Frösi-Leser und leidenschaftlicher Westfernsehengucker auch überzeugt vom Sozialismus. Und daß Ernst Thälmann unser Vorbild war, stand außer Frage. Thälmann hatte kein Westfernsehen. Wahrscheinlich war er deshalb noch ein wenig überzeugter als die meisten von uns. Vorbilder bekam man in der DDR vorgesetzt. Da hatte man keine Wahl. Überhaupt kam man in der DDR selten in die Verlegenheit, etwas zu wählen.

Und all dieser Pionierkram war schon sehr zeitraubend, aber auch schön. Ja es war schön! Als Kind, das weder 15 Jahre auf einen Trabbi warten muß und auch keinen Urlaub auf Mallorca anstrebt, fühlt man sich durchaus wohl in einer Diktatur. Ich mußte als Kind nicht fürchten, in Bautzen zu landen. Höchstens im Heim oder später im Jugendwerkhof, aber ich war ja zweitbester Schüler in unserer Klasse, stellvertretender Gruppenratsvorsitzender… Sowas schützt. Obwohl unsere ganze Familie immer etwas aufmüpfig war.

Mein Vater war in den 70er Jahren Hausmeister in einer Schule. Als im Chaoswinter 1978 keine Kohlen mehr da waren, um das Gebäude zu heizen, rief Vater kurzerhand beim Staatsrat an. Sowas ging damals und blieb selten ohne Folgen. Die erste Folge waren 1A-Kohlen schon am nächsten Morgen. Die zweite Folge eine Abmahnung vom Schuldirektor, der sich übergangen fühlte und mit einem Parteiverfahren drohte, was an meinem Vater, der nie Parteimitglied war, abprallte.

Die 80er in der DDR waren schon eine merkwürdige Zeit. Man hatte als Kind immer das Gefühl, es könne jeden Moment losgehen. Irgendwas. Die wöchentlichen Alarme, meist Mittwoch, bei denen die Sirenen auf den Dächern probeweise angeworfen wurden, sorgten sicherlich nicht nur bei mir für ein flaues Gefühl im Magen. Ich erinnere, daß einmal, versehentlich, das Signal für Fliegeralarm ausgelöst wurde und mein Herz zu rasen begann, wie es dies sonst nur tat, wenn wir im Intershop an den Überraschungseiern vorübergingen. Und wenn in der Regel am 1. September nach achtwöchigen Sommerferien das neue Schuljahr begann, jagten zuweilen beim Fahnenappell Düsenjäger über unsere Köpfe hinweg. Tiefflieger. Zur Übung und als Demonstration der Stärke und Überlegenheit unserer friedlichen Heimat. Als Kind schwankt man da zwischen Entsetzen und Faszination.

Ich könnte hier noch viel erzählen von Kuchenbasaren für Nicaragua, vom Smog, den es bei uns nicht gab, das war alles nur Nebel, Smog machte an der Grenze halt, ebenso die Umweltverschmutzung und das Waldsterben. Ich könnte vom Supergau in Tschernobyl berichten, der in der DDR runtergespielt wurde, von Pioniernachmittagen und wie ich es schaffte, nicht zum Pioniertreffen nach Karl-Marx-Stadt zu müssen. Das ist ja alles nicht mehr wahr, und wer mir den Pionierknoten beibrachte, was spielt das noch für eine Rolle?

Ich muß so acht Jahre alt gewesen sein, als ich an der Hand meiner Mutter in Berlin Unter den Linden stand, so nah am Brandenburger Tor wie wir herankamen. Grenzer, Absperrungen, Mauer. Und ich wußte, da wirst du erst rüberkommen, wenn du Rentner bist, vielleicht nie. Mögen es 100, 200 Meter gewesen sein, sie waren unüberwindbar. Weit, weit weg. Und heute so nah. Gleich um die Ecke. Die ersten paar Meter hinter dem Brandenburger Tor heißen inzwischen „Platz des 18. März„. Manchmal stehe ich dort, schaue gen Osten, zurück, dem kleinen Jungen von damals nach. Er ist verschwunden und frei.

So weit dieses Damals zurückliegt, so weit voraus auch der Tag, an dem die Kinder und Jugendlichen von heute ähnlich wie ich auf ihre Jugendzeit zurückblicken werden. Sie werden von ihrer Freiheit berichten und ihren Grenzen auch, von Zwängen und Pflichten, von Dingen, die dann unvorstellbar scheinen werden. Sie werden darüber lachen, wie viel ihre Smartphones gekostet haben und ihren Kindern berichten, daß deren Großeltern damals noch TV schauten. Und einige werden vielleicht von diesem Gefühl erzählen, daß irgendetwas jeden Moment hätte losgehen können. Irgendwas.

17.III.2015

 
 

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