Author: Matthias Schumacher | Date: 12. August 2014 | Please Comment!

Oxymoron_Drahtseilakt (III)

Es ist erschreckend, was dieser Tage im Netz verbreitet wird und wie schnell Menschlichkeit und Mitgefühl unter zunehmender Parteinahme schwinden. Ekelhaft, mit welchen Mitteln ein Meinungskrieg ausgetragen wird, wie rasch man mit Urteilen, Beschimpfungen, Verleumdungen bei der Hand ist, mit welcher Vehemenz man sich vor vernünftigen und vermittelnden Argumenten verschließt. Diskurs ist unmöglich geworden. Es geht weit über das hinaus, was man für gewöhnlich gelassen unter „Naja, das Internet und seine Spinner“ abtun kann. Dummheit und Dreistigkeit haben Hochkonjunktur. Maß und Mäßigung finden kaum statt. Wer es damit versucht, „verharmlost“, wer dagegen hält, ist „Extremist“. Alte Ressentiments gegen Juden werden mit Ressentiments gegen Palästinenser bekämpft. Differenzierungen sucht man vergeblich. Man ordnet den Gegner unentwegt der radikalsten Gruppe zu.

Hobby-Israelis und Wahl-Palästinenser tragen erbitterte Stellvertreterkriege in Sozialen Netzwerken aus. In rund 3000 Kilometern sicherer Entfernung. Ihre Söhne nehmen nicht an Bodenoffensiven teil, sterben nicht in Gefechten, ihre Töchter werden nicht von Granaten zerfetzt; sie erleben nicht, wie Tag und Nacht Sirenen aufheulen, sie müssen keine Schutzräume aufsuchen, und wenn sie morgens aus dem Haus gehen, wissen sie, es wird noch da sein, wenn sie am Abend wiederkommen.

An sommerlichen Grillabenden ist mancher zu aller Härte fähig, twittert sich nebenher die letzte Kälte aus dem Leib und meint, alles sei so leicht zu wenden wie der Tofubratling, der da vor einem brutzelt. Nur nichts anbrennen lassen, das Feuer schüren und unter Kontrolle halten. Die Welt schrumpft auf einen Grillteller. Mancher erklärt seiner unwissenden Frau mit Klecksen aus Senf und Ketchup die Lage in Nahost. „Hier und hier, so dicht beieinander!“ Mit dem Messer werden haarscharf Grenzen gezogen und bald mit der nächsten Wurst verwischt. Mutti serviert was Exotisches dazu. Chutney aus israelischen Granatäpfeln. „Schau schau!“ ruft einer und ein anderer macht schon wieder weltpolitische Kleckse auf Porzellan.

Ich fühle mich allein und weiß nicht, ob es ein Alleingelassensein ist, ob mir jene, die nun so weit von mir stehen, mir jemals nahe waren. Wenn Unschuldige sterben, ganz gleich, auf welcher Seite, sind meine Gedanken und Gefühle bei ihnen. Meine Positionsbestimmung ist nicht schwer. Ich stehe bei den Leidenden.

Ich werde auch fortan Opfer Opfer nennen und zu erkennen versuchen, wer sie zu Opfern machte. Ich sehe tote und verletzte Kinder, ich sehe deren Eltern, die durch aktives Handeln, Hilflosigkeit, Angst, Resignation oder Müdigkeit nach Jahrzehnten des Konflikts militärische Reaktionen heraufbeschworen und/oder nicht verhinderten bzw. verhindern konnten. Ich sehe das Recht zur Selbstverteidigung, aber auch machtpolitische Interessen und die Gunst der Stunde, die Bombardements zulässt, und ich hoffe auf günstigere, friedlichere Zeiten.

Im Herbst jährt sich zum 25. Mal der Tag des Mauerfalls. Vier Jahrzehnte standen sich zwei Machtblöcke unversöhnlich gegenüber. Ich wurde in eine Zeit geboren, in der man sich nicht vorstellen konnte, dass jemals einer von ihnen zurückweichen könnte und Mauern fallen würden. Und dann 1989. Da war ich 13 und die halbe Welt hat sich verändert. Mein Vater wurde während des Palästinakriegs, im Jahr der Unabhängigkeitserklärung Israels geboren.
66 Jahre und Abertausend Tote später sehe ich kein Ende des Konflikts und fürchte, so wird es weitergehen, bis ich selbst ein alter Mann bin.
Doch noch hoffe, sehe, fühle ich. Noch bin ich nicht kalt.

 
PS: Unterdessen ist ein Teil des Abschaums weitergezogen >>>
PPS: Und ja, ich habe mich auch zu anderen Konflikten geäußert >>>



 

12.VIII.2014

 

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