Author: Matthias Schumacher | Date: 11. Mai 2014 | Please Comment!

Udo Jürgens und Rolf Zuckowski beim Musikautorenpreis 2014_Foto: Matthias Schumacher

Man könnte meinen, die Verleihung des 6. Deutschen Musikautorenpreises fand am vergangenen Donnerstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. So war es mitnichten. Zahlreiche Medienvertreter hatten sich am roten Teppich im Berliner Ritz Carlton eingefunden, darunter Teams von ARD und ZDF. Zwei oder drei Print-Journalisten waren sogar gekommen, um – vielleicht – darüber zu berichten. Die Veranstaltung wurde live in den Pressebereich übertragen, was selbst einen zu Distanz und Mäßigung verpflichteten Hotelangestellten in Entzückung versetzte. „Ist das das, was grad im Ballsaal läuft?“, „Ist es-„, „Wie geil ist das denn!? Eigentlich wollt ich drüben arbeiten, kann ich genauso gut hier bleiben!“ Sprach’s und blieb. Inzwischen tippte ein Journalist vom Magazin „Musikmarkt“ fleißig seine ersten Eindrücke in den Laptop.

Währenddessen war der Preis für andere längst Wurst und man tauschte sich über Wichtigeres aus, darüber, wie blind Johnny Depp tatsächlich auf dem rechten Auge ist, wie stark nachgelassen das Buffet in der Presselounge im Vergleich zum letzten Jahr hatte, wie schwach auf der Geldbörse Bud Spencer und wie unbedeutend die Fashion Week ist, wo Westernhagen wohnt und in den Bio-Markt geht, dass Schweighöfer nicht einschreitet, wenn die etwa sieben Berliner Paparazzi ihn mit seinen Kindern auf der Straße ablichten, dass Heike Makatsch in dieser Hinsicht äußerst unentspannt reagiert, wieso sich einige Gäste von Harald Glööckler prügelten und dass Gottschalk nun nicht mehr Unter den Linden residiert. „Morten Harket von AHA steigt hier nachher ab“, „Tom Hanks war für drei Tage in Berlin, kommt aber Mitte des Monats wieder.“ Einer beklagte sich bitterlich, dass ihm BILD für ein Exklusiv-Foto vom Geheimtreffen zwischen Bill Clinton und Angela Merkel nur 70 Euro zahlte.

Überhaupt hätte man es heute als Fotojournalist schwer. Und wenn man es schwer hat, gibt man entweder auf oder Gas. In der Hauptstadt hat man als Fotograf die Wahl. Škoda-gesponsortes Event wie der Deutsche Musikautorenpreis oder BMW. An diesem Abend gab man Gas und nachdem vor Veranstaltungsbeginn alle Nominierten, Laudatoren und Gäste die Sponsorenwand passiert hatten, packten 80 Prozent der Fotografen ihr teils völlig überflüssiges, aber allemal sauteures Equipment zusammen und verschwanden zum bayerischen Autobauer, der zur selben Zeit prominent besetzt die Eröffnung einer neuen Hauptstadtniederlassung feierte. „Kommst du mit?“, „Ich bleib noch hier, wir sehn uns morgen beim Filmpreis.“ Der Hotelangestellte schaute derweil immer mal wieder vorbei und war ordentlich fasziniert. Der junge Mann war ein dankbares Publikum. Nur das falsche.

Ich sah wieder einmal, dass sich nicht wenige Fotojournalisten vor allem als Abknipser verstehen und keiner weiteren Berichterstattung verpflichtet fühlen. Worin der Wert „Roter-Teppich-Fotos“ besteht, die absolut identisch im selben Moment auch 30 andere Kollegen schießen, erschließt sich mir nicht. Sie versinken in den monströsen Archiven der Agenturen und tauchen nie wieder auf. Reich und bekannt wird man damit nicht. Nun wäre es ungerecht und zu viel verlangt, wenn die Kollegen aus dem Bereich „Bild“ die Bedeutung des Musikautorenpreises einfangen hätten sollen.

Es drängt sich ja auf, Wortspielereien mit Brechts „Moritat von Mackie Messer“ zu betreiben: „Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.“
Was passt besser, wenn die GEMA versucht, Texter und Autoren, die oft unbekannt ein Schattendasein hinter glanzvollen Interpreten führen, für einen Abend ins Blitzlicht zu rücken? Da spielen Fotojournalisten, speziell die Societygeier nicht mit. Also Promis weglassen und auf den Kern konzentrieren? Da kann man den Preis gleich per E-Mail verschicken. Zugpferde sind in der heutigen Medienwelt unverzichtbar, verzichtet man auf sie, geht auch die letzte kleine Chance auf Berichterstattung flöten. Wie man es macht… Es kam, wie zu erwarten. Gieriges Gedrängel, Geschiebe, Geschubse bei GZSZ-Star Raúl Richter und dem Grafen von „Unheilig“, müdes bis widerwilliges Abdrücken bei Kasalla, der nominierten und später prämierten Kölner Mundart-Band. „Wer sind denn die?“, fragt ein alter Kamerahase. „Wurst, unwichtig, keine Chartplatzierung!“ antwortet ein etwas besser informierter Kollege. So könnte man den Abend eigentlich hier abschließend zusammenfassen: Gut gemeint, Ziel verfehlt. Es ist vergebene Liebesmüh, Botschaften auszusenden, wenn diejenigen, die sie weiterleiten sollten, auf stur stellen, bockig und verstockt sind. So wird Deutschland nie vom Deutschen Musikautorenpreis und der schönen Idee dahinter erfahren, auch nicht nach 10 mal 6 Verleihungen.

Und wen interessieren denn schon Musikautoren? Beim Eurovision Song Contest, der bis heute eigentlich ein Wettbewerb der Komponisten und Texter ist bzw. sein soll, spielen ausgerechnet diese Kreativen gar keine Rolle mehr. Zu wenig Glamour, keine Windmaschinen oder Feuerwerke, keine guten Bilder, kein Marktwert. Ausnahme naturgemäß die Singer-Songwirter, zu denen man durchaus auch Udo Jürgens zählen kann. An diesem Donnerstagabend im Ritz sollte der Sieger des Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 nun den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten. Die Fotopresse war begeistert und im Grunde warteten alle nur auf ihn. Udo kommt immer zum Schluss, auch auf den roten Teppich, danach kommt selten noch irgendetwas. Diesmal war es unter anderem Rolf Zuckowski. Eine undankbare Startposition. Als sich die Medienmeute noch um den großen Udo scharte, wirkte der kleine Rolf noch kleiner als einige seiner „Freunde“. Kurz nach dem verhuschten, unwürdigen Auftritt entstand obiges Foto, kein wirklich tolles und ich hätte es ohne den diesjährigen ESC-Abend kaum veröffentlicht. Doch nun, wo alles so gekommen ist, ist es in seiner Zufälligkeit schon wieder bedeutend. Denn Alexander Zuckowski, Sohn des Hamburger Musikers, hat zusammen mit den Autorenkollegen Charley Mason, Joey Patulka und Julian Maas den Song „Rise Like a Phoenix“ geschrieben und Dank der überragenden Performance von Conchita Wurst nach 48 Jahren den großen Udo Jürgens vom österreichischen Grand-Prix-Thron gestoßen. 

Und so hat dieser weitgehend unbekannte Berliner Autor Matthias Schumacher mit Gespür und Fortune einen Moment eingefangen, der mehr erzählt als die mit „Jaaaa, komm, dreh dich nochmal, lächeln bitte, Daumen hoch… jaaaa, bleib so!“ erzwungenen Schüsse der Profis. Aber ist ja auch Wurst.

Hier noch einige meiner Bilder vom Deutschen Musikautorenpreis 2014

11/05/2014

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