Author: Matthias Schumacher | Date: 20. Februar 2014 | Please Comment!

Mitten im Leben„Mein Ziel kann nur Freiheit und Liebe sein“, singt einer, der weiß, wie schwer beides vereinbar ist. Das Binden, ohne zu fesseln.
Udo Jürgens hat häufig betont, wie wichtig ihm seine persönliche Freiheit ist und seine Fans haben oft genug – früher oder später – aus den Klatschspalten erfahren, wenn eine Liebe einmal mehr am Freiheitsdrang zerbrach oder zerbrochen sein soll. Es wurde viel geschrieben über den Marathonkünstler Jürgens. Dieser Tage, wo sein bereits 53. Studioalbum „Mitten im Leben“ erscheint, kommt noch einiges hinzu. Albumfacts, Interviews, die ganze PR-Palette. Jede Menge Udo – bis zum großen Geburtstag inklusive TV-Show, der Tour…

„Mitten im Leben“ im 80. Lebensjahr. Positionsbestimmung und Provokation. Es könnte auch „Freiheit und Liebe“ heißen. Die beiden zentralen Themen der aufwendigen Produktion, Themen, die jeden treffen und betreffen, der mitten im Leben steht. Mit 20, 37, 79. Mitten im Leben heißt ja nicht Mitte des Lebens. Wer weiß schon, wo die Mitte ist, wann sie kommt, vielleicht schon war und wie viel Zeit ihm noch bleibt?

„Was für ’ne Sorte Zeit, darauf kommts an!“ lässt Thomas Mann, den es wie Jürgens einst an den Zürichsee zog, seinen Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ ausrufen. Uas ist das denn für eine Zeit, heute? „BND, NSA, wir alle stehen unter Generalverdacht!“ Unser Pakt mit dem Netz. Verheißungen, Gefahren, Unbeherrschbarkeit, Hilflosigkeit. „Gefangen im Netz gegen jedes Recht und Gesetz.“ Udo Jürgens singt „Der gläserne Mensch“. Ein beachtlicher Ausruf und weiterer Beleg, dass „Mitten im Leben“ keineswegs als kokette Floskel verstanden werden sollte. Denn bislang hat sich kein deutschsprachiger Künstler ähnlichen Formats der Spitzelei im Netz musikalisch angenommen. Und der vielgerühmte neue Schlager – bereits festgenagelt auf Seichtes? Oliver Spiecker, der schon öfter kritisch für Jürgens textete, säumte nicht und kleidete den unsichtbaren, aber allseits präsenten Ungeist unserer Zeit in warnende Worte. Die grandiose Brücke zum Ende des Songs sei hier nicht zitiert. Steht eh gewiss längst irgendwo im Netz.

Das große Thema Freiheit. Auch in „Vogel im Käfig“. Klassisches Bildnis des Unfreien. Bei der Albumpräsentation im Hotel de Rome in Berlin verriet Udo Jürgens seinem Freund Hape Kerkeling und der anwesenden Presse, wie ihm der Gedanke zum Song kam. Beim Spaziergang am Bodensee. Ein Fenster. Ein Vogelkäfig. Eine erste Zeile. Ergebnis ist eines der persönlichsten Lieder des Albums. „Mein Denken, mein Handeln, mich selbst zu befrei’n/Nur das ist der Schlüssel zum Flug in die Weite.“ Streicherbetonte Lebenshilfe bewährter Art für den Künstler und sein Publikum. Es wird sich darin erkennen und daran festhalten. Ebenso wie am mitreißenden Titelsong des Albums.

Ziele. Träume. Hoffnung. „Musik verändert nicht die Welt“, sagt Udo Jürgens im Gespräch mit Kerkeling. „Musik kann bestenfalls das Bewusstsein erweitern.“ Und dann rügt er Helmut Schmidt für seinen Ausspruch „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Da irre der Altkanzler gewaltig, denn „mit Visionen und Sehnsucht beginnen Veränderungen.“

„Aus Peter wird Sandy/Aus Raider wird Twix/Aus Kohl wurde Merkel…“ Was bleibt? „Aus Fernseh’n wird Youtube/Aus lässig wird cool/Ein Papst wird zum Rentner/Und ein Fußballer schwul.“ Was hat Bestand, wenn Liebesbriefe durch unparfümierte SMS ersetzt werden? Gibt es eine feste Größe? Udo Jürgens hat eine Antwort: „Liebe bleibt Liebe“. Ein flockiger Text aus der unverkennbaren Feder von Frank Ramond.

Mit „Mitten im Leben“ spannt Jürgens wieder den Bogen zwischen swingendem Sound wie in „Alles aus Liebe“, rockigen Nummern wie „Der Mann ist das Problem“ und 5-Minuten-Symphonien à la „Mein Ziel“, eingespielt mit 87 Philharmonikern plus dem virtuosen Violinisten Julian Rachlin.

Udo Jürgens scheint sich mit seinen gerundeten 80 Jahren im so engen und doch unendlichen Gewässer der 12 Töne gänzlich freigeschwommen zu haben, sie tragen ihn – mit und gegen den Strom – und die Liebe seines Publikums ist ihm sicher. Freiheit und Liebe. Ein Etappensieg. 12 Stationen, heißt 12 Lieder, und 4 ruhige Zwischenspiele näher am Ziel.

Foto: © Gabo Agentur Focus

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