Author: Matthias Schumacher | Date: 15. Januar 2014 | Please Comment!

christmas house

Es war Mittwoch, der 32. Dezember.
Das sollte reichen, um in die Liste der berühmten ersten Sätze zu kommen. Kurz hinter Orwells 1984„Es war ein strahlend-kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.“ Kenne keinen Menschen, der dieses Buch gelesen hat, aber alle reden darüber. An Neujahr, das ist jetzt zwei pisswarme Wochen her, ließ meine beknackte Schwester Carol beim abendlichen Umziehen die Vorhänge offen. Gute Gelegenheit, dachte sich Porky von gegenüber und testete das Fernglas, das ihm sein großer Bruder aus dem Afghanistan-Einsatz als Weihnachtsgeschenk mitgebracht hatte. Ich weiß nicht, ob es genaugenommen noch immer US-Eigentum ist oder einem Taliban abgeknöpft wurde. Diese und andere Fragen der nationalen Sicherheit waren Carol ziemlich egal als sie Porky mit der Gardine auf seinem Kopf am Fenster entdeckte. Sie schrie wie sie jeden Tag mindestens zweimal wegen irgendeinem Kram schreit. Vater meinte gleich, ich solle nachschauen, was da wieder los sei und ich dachte sofort an eine Spinne, Maus oder daran, dass Carol ihr Spiegelbild für den Marshmellow-Mann hielt, aber schuld war diesmal eben Porky, der Amateurspanner, dem niemand gesagt hatte, dass man besser das Licht im Zimmer ausmacht, wenn man mittels Feldstecher in anderer Leute Häuser und Privatsphäre vordringt.
„Das ist ja wie Big Brother“, keifte Carol, und ich hatte Mühe, ihren Zorn am Laufen zu halten, denn schon nach zwei Minuten war sie völlig außer Atem.
„Lass ihm doch ein bisschen Spaß“, sagte ich. Dann: „Armes Schwein, wenn ihm so langweilig ist, ich mein, sowas wie dich sollte keiner nötig haben.“ Und: „Jetzt bluten seine Augen.“ Was man als durchtrainierter jüngerer Bruder der fetten älteren Schwester in solchen Situationen sagt. Als Carol mich zur Seite schob und nach Dad rief, wechselte ich die Strategie, denn James W. Corner hätte das alles nicht witzig gefunden. Nicht die gewohnt rotzigen Sprüche seines Jüngsten, nicht seine Älteste, die noch immer einen für diesen Zweck zu kleinen Winnie Pooh vor ihre nackten Brüste hielt, was der auch als Strafe für 10 hoch 12 gestohlene Honigtöpfe nicht verdient hätte. Jeder Dad wäre stracks zu Porkys Eltern marschiert und hätte Satisfaktion gefordert. Ein Duell. Aber dieser Dad war James W. Corner, der Automobilvertreter aus Philis. Er wusste so gut wie alle in der Straße, dass er den Colt niemals aus dem Halfter gezogen hätte. Dad ist friedliebend und die Vereinigten Staaten können froh sein, dass er nicht nach Afghanistan musste. Obwohl mir sicher einiges einfiele, das er für mich bei der Army mitgehen lassen könnte.
„Was hat der große Bruder von Porky gemacht?“ Dad stand in der Tür, hatte unten in der Küche Fetzen von Carols Tobsuchtsanfall mitbekommen und sich auf dem Weg nach oben einiges zusammengereimt.
„Nicht großer Bruder, Big Brother, Dad, Orwell!“ Carol fühlte sich sichtlich missverstanden, doch Dad ließ sich nicht bremsen. Er baute sich auf, beide Arme schlaff herabhängend, kein nervöses Revolverhandzucken.
„Peter P. Peterson ist ein Held, er hat für unser Land gekämpft und viele Entbehrungen-“, Dad suchte nach einem Verb und fuhr fort, „viele Entbehrungen entbehrt. Du weißt. Ich dulde nicht-“
Carol versuchte dazwischen zukommen.
„Dad, Porky!“
„Die Petersons sind ohne Zweifel… Kein Peterson würde- Eher haben wir heute den 32. Dezember!“
Dad sah aus dem Fenster, sah im Peterson-Helden-Haus Porky noch immer gardinenbehangen am Fenster hocken. Dann sah er zu Carol, die inzwischen im Schmollmodus auf der Bettkannte die Pose einer ungerecht Behandelten einnahm.
„Gut“, brummte er. „Schluss jetzt und zieh dir endlich was an, die Leute gucken ja schon.“

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