Author: Matthias Schumacher | Date: 14. Januar 2014 | Please Comment!

Matthias Schumacher_Interview Dichtung heute_2014

Matthias Schumacher mit überraschenden und einleuchtenden Ansichten zum Zustand der Gegenwartslyrik.

Wo steht die Lyrik?

Die Lyrik steht gut da. Es mangelt allerdings an Bewußtsein und Bekenntnis. Gedichte zu lesen, hat noch immer etwas von Weichheit und Versponnensein. Menschen in schwarzen Rollkragenpullovern lesen Gedichte, Frauen mit Hang zum Esoterischen. Darum geben viele, die Gedichte bewußt lesen, es höchst ungern zu. Da ist eine Scham. Andere konsumieren täglich dutzendfach Lyrik. Unbewußt. Überall.

Ist das nicht reichlich übertrieben? Der Anteil der Lyrik auf dem Buchmarkt beträgt gerade einmal 1 Prozent. Zusammen mit dem Drama.

Niemals zuvor würde so viel Lyrik konsumiert und nie zuvor in der Menschheitsgeschichte konnten wir so viele Gedichte auswendig. Wir werden mit Gedichten überflutet. Täglich reißt uns ein Lyrik-Tsunami mit und wir merken es nicht. Aber trotzdem muß ich Ihnen zustimmen. Die ausschließlich geschriebene Lyrik hat wie eh und je einen schweren Stand. Nur gehen Sie mal in ein Konzert von Helene Fischer, Adel Tawil, Robbie Williams. Die Fans singen jede Strophe mit. Kennen Ton für Ton, aber auch Wort für Wort. Drei Stunden Gedicht auf Gedicht. Oft in eingängiger gereimter Form. Rock, Pop, Rap, was auch immer. Das ist ein wesentlicher Teil zeitgenössischer Dichtung. Und nochmal: Die Menschen kennen jedes Wort! Würde man dieselben Leute nach dem Konzert auf der Straße fragen, ob sie ein Gedicht auswendig können, stünden sie ratlos da und fingen an, was aus dem „Erlkönig“ zu stottern.

Herz auf Schmerz ist banal und Banales findet schnell ein Publikum.

Herz auf Schmerz kann banal gedichtet sein, ja. Aber Herz auf Schmerz ist das Leben. Eine Liebe geht zu Ende, eine neue beginnt, eine andere wird im Keim erstickt. Vergessen wir nicht die Sehnsucht, wenn keine Liebe in Sicht ist. Die Hoffnung und Verzweiflung. Sie hönnen sich oder Ihre Freunde beim nächsten Liebeskummer gern damit trösten, daß Schmerz auf Herz banal ist, es wird nicht helfen. Die tröstenden Worte eines Dichters, der dieses alte Liebesleid beschreibt, vielleicht schon. Der Tod ist auch nicht banal. Reich-Ranicki hat gesagt „Die Literatur kennt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod.“ Abschied, Ankommen. Die Libretti eines Michael Kunze sind überragend unbanal. Sie sind nah am Menschen, was viele schon banal finden. „Ich + Ich“, Udo Lindenberg, Max Raabe und andere – ganz ganz groß.

Verlage und Feuilleton verstehen unter moderner Lyrik etwas anderes.

Zu meinem Bedauern. Grundsätzlich gilt: Die Kunst ist nicht dazu da, jedem Trend nachzulaufen oder lediglich den Markt zu bedienen. Die Kunst ist aber auch nicht da, um komplett am Publikum vorbeizuarbeiten. Wenn sie das tut, sieht sie genauso aus wie Etliches der sogenannten zeitgenössischen Lyrik. Was da so gedruckt und mit Preisen dekoriert wird, ist oft Universen von dem entfernt, was die Menschen unter Lyrik verstehen. Keine Struktur, keine Poesie, keine Anstrengungen. Aber jeder, der sein Herz in eine Zeile wirft, die ich nicht gut finde, hat einen Platz in meinem Herzen. Ich würde auch einen Schreiner für einen wackligen Stuhl loben, wenn er ihn mit Ausdauer und Liebe gefertigt hätte. Kaufen würde ich ihn wahrscheinlich nicht. Andere mögen ihn womöglich unbedingt haben wollen, weil sie ihn avantgardistisch oder charmant finden.

Warum reimen Lyriker heute kaum noch?

Ich fürchte, weil sie es schlicht nicht können. Einen anderen Grund sehe ich nicht. Viele meinen, der Reim sei ausgelutscht und gäbe nichts mehr her. Dagegen spricht sein Siegeszug in der Musik. Daß man durchaus nicht auf Reime verzichten muß und dabei Anspruchsvolles zu Tage bringen kann, hat zum Beispiel Eva Strittmatter bewiesen. Immerhin die auflagenstärkste deutsche Dichterin. Es ist natürlich einfacher, einen Prosasatz auf vier Zeilen zu verteilen als ihn sich auch noch reimen zu lassen. Ich mach es mir lieber weiterhin schwer. Und wenn man als Dichter den Anspruch hat, den Menschen mit seinen Texten im Gedächtnis zu bleiben, sollten man reimen. Das garantiert nichts, aber erhöht die Chancen. Der Mensch merkt sich Melodisches besser. Das ist, und da schießt sich der Kreis, wie in der Musik. Haben Sie schon mal jemanden auf der Straße Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ pfeifen hören?

Januar 2014

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