Author: Matthias Schumacher | Date: 21. November 2013 | Please Comment!

Dieter Hildebrandt

Kabarett lebt von der Satire, der Überhöhung, vom Teufel-an-die-Wand-Malen und Finger-in-die-Wunde-Legen und dabei zu schreien: „Wir werden alle verbluten, falls uns die blutsaugenden Kapitalisten noch einen Tropfen gelassen haben.“ Kabarett lebt ebenfalls davon, etwas ganz Ungeheuerliches auf offener Bühne in einem geschlossenen Raum zuzulassen, das man freie Meinungsäußerung nennt. Dieter Hildebrandt war ein Meister darin, dem Publikum vorzustottern, was es für wahr hielt und hören wollte. Darauf basiert die ganze Mechanik des Kabaretts. Nagelst du vorne mit dem Hammer der Offensichtlichkeit die Regierung auf die Bretter, gehn die Leute im Parkett begeistert an die Decke. Jeder Kabarettist kann das.

Dieter Hildebrandt hatte das Glück, in einer Zeit bekannt geworden zu sein, als es praktisch gar nicht anders ging, sobald man einmal den Fuß in der Tür zum Fernsehen hatte. Seine „Notizen aus der Provinz“ liefen in den 70er Jahren im ZDF, dem Zweiten Deutschen Fernsehen. Einzig alternatives Programm: Das Erste Deutsche Fernsehen. Alle Fernsehmacher dieser Zeit schwärmten später von „Einschaltquoten bis zu 80 Prozent“. Hildebrandt wechselte zur Alternative. Der „Scheibenwischer“ im Ersten pegelte sich ab 1980 zwischen 2 und 5 Mio. Zuschauern ein. Und wieder fehlte es an einer Alternative. Hildebrandt war mit seiner klassischen Form des Ensemblekabaretts allein auf weiter Flur im bundesdeutschen TV. Das ZDF wagte 28 Jahre lang kein vergleichbares Format. Vermutlich aus berechtigter Sorge, gegen Hildebrandt abzustinken, wie man heute sagt. Der erste Versuch im Zweiten, „Neues aus der Anstalt“, ging unlängst baden. Die Privaten fielen in den ersten 30 Jahren in Deutschland nicht mit Satire auf, sondern üben weiterhin massenwirksamen Brachialhumor im Stil englischer oder US-amerikanischer Vorbilder. Hildebrandt wuchs zur Legende, deren wahre Größe schon darum kaum messbar ist, weil vieles um sie herum selbstgezogener Nachwuchs war. Ziehpapa blieb der Beste. Mit Hanns Dieter Hüsch hätte Hildebrandt in der öffentlichen Wahrnehmung auf Augenhöhe sein können, vielleicht sein müssen, oder mit einem Wolfgang Neuss, der allerdings in den 80ern mehr ab- und entglitt, und Hüsch war dann doch nur wieder Gast in Hildebrandts „Scheibenwischer“, der einzigen überregionalen Kabarettsendung.

Sein über die Jahrzehnte gewachsenes und teils vor ihm gestorbenes Publikum liebte Hildebrandts Angriffe auf „die da oben“, die allein aus ihm kamen. Er traf immer einen Kern, eckte an, ohne Zuhilfenahme von Klatschkonserven oder eilig hingerotzter Einspielfilme aus der Feder eingekaufter Autoren. Da sprach einer frei aus, was er dachte und vielen unaussprechlich schien – und es schien manchem immer wahrer je öfter und länger es Hildebrandt wiederholte oder eben nicht wiederholte, was die Wirkung nur verstärkte. Auch das Verschlucken will gelernt sein. Kein Applaus musste reingefahren werden, um dem Studiopublikum zu signalisieren: Hey Leute, Ende, Pointe! Die Hildebrandt-Fans folgten dem Künstler auf seinen verschlungenen Gedankengängen wie der Lunte zum Dynamit und dann… ja dann. Mauern gesprengt hat das Dynamit freilich nicht. Kabarett ist und bleibt Kleinkunst, Kunst bewegt nicht wirklich etwas, Satire ist nicht mehr als ein Dorn, der stürzt keine Diktatoren. Aber dieser Dorn hindert Diktatoren, vor uns in gewohnter Weise aufzutreten. Nun, sie tun es schon, aber wir sehen sie verwundet und ihrem Ende entgegengehen. Kabarett ist der bissige Volksmund, der darauf hofft, die Wunde möge sich infizieren. Und Kabarett beißt und beißt und beißt.

Gute Kabarettisten, damit meint man hierzulande linke Kabarettisten, also: Linke Kabarettisten bestätigen ihrem Publikum, dass die unter Generalverdacht befindlichen konservativen Kräfte, wo auch immer sie walten und wo immer sie können, korrupt und verlogen sind. Exzellente Kabarettisten schieben sofort einen nach und erinnern noch im Beifallssturm daran, wie wenig anders wir alle doch gestrickt sind und dass wir es einmal mehr waren, die diese Kräfte nicht entmachtet haben. Das Brot guter wie exzellenter Kabarettisten bleibt die Unbelehrbarkeit. Das Kabarett wäre in größter Gefahr, würden wir schlau im Sinne der Kabarettisten. Solange aber wir alle dann und wann das eine sagen, aber das andere tun, uns schwindelnd aus der Affäre zu ziehen versuchen und – wenn keiner hinschaut – die Hand aufhalten, solange wird es Kabarett geben. Mit der Religion verhält es sich nicht anders.

Dieter Hildebrandt, einer, der immer da war, solange die meisten von uns denken können. Eine Marke, von der man wusste, was man von ihr zu erwarten hat und das auch in gewohnter Qualität geliefert bekam. Allein die Kontinuität, beachtlich. Viele haben gedacht, was Hildebrandt dachte.
Wäre die alte Bundesrepublik gewesen wie von Hildebrandt gezeichnet, hätten wir gewählt wie wir wählten? So gehandelt, jenes unterlassen? Wären wir heute, wo wir sind? Kann sein. Und wo sind wir eigentlich? Hildebrandt hätte eine Antwort gewusst, eine die gesessen hätte und an der sich die Geister hätten scheiden können. Ob er etwas verändert hat? Es ist so möglich wie unmöglich. Er allein? Er in uns? Geht das überhaupt? Wäre es keine Überhöhung? Und wenn? Kabarett lebt von der Überhöhung. Und damit nichts vom Urgestein Hildebrandt wegbricht, werden mit höchster Wahrscheinlichkeit Freunde und Weggefährten im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre einen Dieter-Hildebrandt-Preis ins Leben rufen und die Legende stützen, zementieren, auch damit die junge Garde in Zukunft nicht nur hinauf, sondern vor allem aufschauen kann, sich am Alten orientieren.

Die Schlussformel dieses unwürdigen Nachrufs (das hat er mit allen Nachrufen gemein) könnte ihn gänzlich ersetzen, weil sie die unvermessbare, womöglich unermessliche Lebensleistung Dieter Hildebrandts auf einen radikal einfachen Nenner bringt:

Wir gedenken eines Künstlers, der uns unterhaltsam geärgert hat und keinem gleichgültig war.

20/11/2013

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