Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Oktober 2013 | Please Comment!

Matthias Schumacher - Dichter - 14/10/2013 - ms

Ich wollte Lied. Da war ich fünf Jahre alt. Ich wollte ein Lied, ein eigenes, mir eines ausdenken, das nur mir gehören würde und  – sänge es selbst die ganze Welt – nicht kürzer als alle Ewigkeit mit mir verbunden bliebe.

Ich setzte mich in mein Zimmer und versuchte eine Melodie, einen Text. Noch einen und weitere. Zuerst gingen mir bekannte Lieder durch den Kopf, doch je tiefer ich drang, schwand das vertraute Hintergrundrauschen und Bilder entstanden. Erstaunlicherweise Bilder. Ich sah das Gemüsebeet in unserem Garten und dahinter das Becken aus weißem Kalksandstein, für den unser kleiner Ort bekannt war. Gras und Unkraut wucherten schon damals lange aus dem zugeschütteten Bassin. Daneben sah ich die alte mannshohe Pumpe mit ihrem rostig aufgeplatzen Lack, die ich niemals zu berühren wagte und von der es hieß, sie sei versandet und zöge nicht. Sie stand auf fremdem Boden, er grenzte zwar an unser Land, aber diese Linie markierte ein Zaun, den ich zu umgehen nie dem Mut hatte. Oft strich ich fasziniert umher, die Pumpe fest im Blick, es reizte mich, es zu probieren, doch einiges hielt mich ab: Ehrfurcht, Versagensangst, begleitet auch von der Ahnung, es könnte mir gelingen, ihr einen Sturzbach zu entlocken. Es war ein Gefühl wie nach einem durchflogenen Traum aufzuwachen und zu glauben, man müsste nur die Arme ausbreiten. Man tut es nie.

Als ich in meinem Zimmer saß und an die Pumpe dachte, alles bis ins Kleinste vor mir sah, wollte ich kein Wasser fördern, ich wollte aus mir unbekannten Tiefen eigene Töne und Worte heben und unentdecktes Land in mir selbst betreten. Ich saß vielleicht fünf Minuten, vielleicht 15, heute wirkt es wie fünf Stunden. Irgendwann endlich hatte ich Worte gefunden und eine Melodie, in die sie sich fügten; ein unbeholfenes erstes eigenes Liedchen, das mir selbst nicht mehr bekannt vorkam, nicht mehr wie eine Variante eines Kinderliedes klang – noch heute weiß ich es und könnte es Euch singen. Nichts hatte es mit unserem Garten, mit etwas Vertrautem zu tun. Mit regelrechtem Einhämmern konnte ich mir die Reime merken und sang sie etwas später mit Stolz und Furcht den gleichermaßen beeindruckt und überraschten Eltern vor.

Ich hielt den zarten Geburtstropfen eines Ozeans in der Hand und mehrte ihn.
Er sollte mich tragen oder verschlingen.

Mir fielen fortan unentwegt Verse ein. Manchmal Melodien. Den musikalischen Pfad baute ich nicht aus, doch nachdem einige Jahre der Drang zur Dichtung in mir gereift war, Schrift und Ausdruck gewachsen, begann ich mit 12 ernsthaft Verse zu schreiben. Alberne Schülerverse, nicht wirklich gut, aber – und das war mir damals nicht bewusst – es waren Reime und Wortspiele, zu denen meine Kameraden nicht fähig gewesen wären. Jedem jungen Künstler geht es anfangs so, er hält sein Können für etwas Normales und wundert sich schon sehr über das Erstaunen seines Umfelds, dem das, was dem Talentierten meist leicht fällt, nur nach großen Anstrengungen gelingen würde oder nie.

13 Jahre nach jenem „Erweckungserlebnis“, mit 18 also, stand ich mit eigenen Kabarettprogrammen auf den Bühnen meiner Heimatstadt und nach einigen Jahren, die ich meinen Eltern zuliebe herunterriss und in denen ich etwas „Vernünftiges“ lernte und tat, kam mir „mit 24 die Erkenntnis über Nacht, dass nur glücklich ist, wen auch der Ernst des Lebens glücklich macht.“ Diese Zeilen von Reinhard Mey festigten meinen Entschluss, aus meinem Talent einen Beruf zu machen, nichts anderes tun zu wollen als zu schreiben. 24, das ist 13 Jahre her. Ich bin, wo ich bin. Mehr unten als oben. Ich habe einiges in Kauf genommen. Einsamkeit. Armut. Hunger. Ängste. Meine Texte: Fassaden.
Die Welt weiß nicht, wie viel Kälte man ertragen kann, wenn einen inneres Feuer leitet. Ich habe mir vorzuwerfen, meinen Weg nicht konsequent genug gegangen zu sein. Aber ich habe mir nicht zu vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben. Ein gutes Gefühl mit bitterer Note. In 13 Jahren werde ich 50 sein. Man macht sich Gedanken übers Alter und was kommt. Will man so weitermachen? Noch ist es nicht zu spät, alles zu ändern. Aber ich will es nicht.

37 Jahre. Lebensmitte. Zeit des Erkennens und Bekennens. Wer ist man? Was kann man ändern? Aber auch Zeit, zu erkennen, wer man nicht ist und was man nicht ändern kann. Ich bin Dichter.

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