Author: Matthias Schumacher | Date: 11. August 2013 | Please Comment!

Matussek zu Krömer: "Nimm dein Ding weg" (ard.de/mediathek)

SPIEGEL-Autor und Bestseller-Katholik Matthias Matussek war angetreten, Gott in die Quotenhölle der ARD zu begleiten: Kurt Krömers „Late Night Show“. Wer in dessen 45-minütigem Rampenlicht nicht verglüht, den kann ewiges Fegenfeuer nicht mehr schrecken. Und da waren die Kandidaten, mehr oder weniger bereit zur Feuerprobe: Alexander Bojcan als Kurt Krömer, Ades Zabel als Edith Schröder, Rosemarie Böhm (geb. Schwab) als Mary Roos, der Pianist Joja Wendt als Hochkulturbeitrag, Matthias Matussek als himself. Und Gott. Gott ist ja überall, auf der Bühne des Berliner Ensembles, wenn Krömer seine Opferlämmer schlachtet, schräg gegenüber in der Charité, wo zur selben Zeit Kinder ums Überleben kämpfen und in jedem noch so kleinen Kaff und Puff. Gott ist auch in uns allen. Fragen Sie Matussek! In jedem Puffgänger wie im hinterfotzigsten Arschloch ist Gott. So weit, so christlich.

Und Gott sah sich alles an, was da gemacht wurde. Sah Schlagerstar Mary Roos in Lachtränen zerfließen, die Schröder als Krömers Braut „Mummelmaus“ in Hochzeitskleidern und Matussek auf Krömers Angriffe „blöde Sau“ kontern. Dem Wortgewandten sei nichts anderes eingefallen, wird er sein zeitweises Erstarren später erklären. Gleich nach der Aufzeichnung im Juli hatte sich Matussek beklagt. Er stellte die Stilfrage, die Wo-war-ich-da-reingeraten-Frage, später die Coolnessfrage (er möchte gar nicht cool sein, war er auch nicht). Einige krömertypische, dem Journalisten aber unangenehme Pöbeleien wollte er rausschneiden, mindestens aber überpiepen lassen. Matussek telefonierte, mailte, kontaktierte bis hoch zur Intendanz des produzierenden RBB. Intendantin Dagmar Reim schrieb laut Matussek, sie wolle sich mit ihm „zusammensetzen. Nach Ausstrahlung der Sendung.“ Beleidigt, enttäuscht und zornig zog Matthias Matussek schließlich mit seinem Anwalt Joachim Nikolaus Steinhöfel vor Gericht. Man scheiterte in erster Instanz. Es geht in die nächste Runde. Steinhöfel, der schon mal „Pitbull in Robe“ genannt wird und diese Rolle gern ausfüllt. In der anderen Ecke: Christian Schertz, nicht weniger bekannt und beliebt, als Krömer-Anwalt. Ein Fest für jedes Gericht! Das sollte man übertragen! Im Schlamm oder irgendeinem Glibber, den Ranga Yogeshwar danach kritisch und für jeden verständlich analysiert. Denkbarer: ein edles Wein-Wetttrinken. Stilvoll – man sendet öffentlich-rechtlich! Steinhöfel postete noch kurz vor Ausstrahlung des Infernos selbst auf Facebook ein kleines Weinquiz. Gute Vorlage!

Seit langem sucht die ARD glücklos nach einem neuen Erfolgsformat. Wie wärs mit „Erraten Sie den Jahrgang!“ Man muss alles versuchen. Und man versucht alles. Zum Beispiel Krömer. Late night. Gefühlter Jahrgang: 1990. Gefühlte Lage: RTL. Wer schaut sowas? Nicht viele. Die Krömer-Quoten waren bislang so unterirdisch, dass diese Frage nicht hinterfotzig, sondern zwingend ist. Auch, da muss man als Gebührenzahler Matussek beipflichten, im Hinblick auf die groß angekündigte Qualitätsoffensive der ARD-Anstalten. Übrigens blieb der von einigen erwartete Matussek-Effekt aus. 0,84 Mio. Zuschauer schalteten ein. Das Format war einmal mit außergewöhnlichen 1,36 Mio. gestartet.
Vor zwei Jahren erhielt Krömer nach fünf vergeblichen Nominierungen im sechsten Anlauf für seine damalige „Internationale Show“ den Grimme-Preis. Beste Unterhaltung! In der Begründung wird über virtuose Wechsel „zwischen den Ebenen und Silmitteln“ gelobhudelt. Alexander Bojcan habe „mit Kurt Krömer eine Figur geschaffen, deren Vielschichtigkeit sich einfach nicht erschöpft.“ Die Jury fragt „Muss man als Gast deshalb Angst vor Bojcan haben?“ und antwortet „Auf keinen Fall. Sein Krömer ist kein Platzhirsch“.

Profi und Medienkenner Matussek ahnte trotzdem nichts von Krömers Wirken, seiner „Vielschichtigkeit“ und auch nichts von dessen „feinster Ironie“, die ihm die Grimme-Jury bescheinigte. Mary Roos hatten immerhin „zwei bis fünf Kollegen“ gewarnt. Bei Matussek die eigene Frau. Sie klärte also offensichtlich auf, aber er erkannte das Prinzip der Sendung dann immer noch nicht. Auch die ungezählten raubkopierten Video-Schnipsel im Netz schienen nicht auffindbar. So ging er arglos ins Verderben – mit seinem aktuellen Buch – und Gott gleich mit. Sehenden Auges. Als Krömer-Verlobte Edith Schröder entfesselt einen Neuköllner Fruchtbarkeitstanz playbackte, fahndete Matussek im ganzen Saal nach einem Punkt, wohin er wegschauen konnte – Stoßgebete aussendend, nicht noch einer wohl gleichgeschlechtlichen Trauung beiwohnen zu müssen. Denn das Sakrament der Ehe ist ja selbst heute noch nach katholischem Glauben ausschließlich echten Männern und echten Frauen… Fragen Sie Matussek! Der heimliche Star des Abends war eine reihum gehende Wasserflasche. Die Flasche schwieg! Das Publikum johlte. Gläser gab es nicht. Vielleicht hätte sich ja ein Sturm darin entwickelt, ähnlich dem rührend bemühten Shitstorm, den Matusseks Vorgeführtwerden in den Feuilletons der letzten Tage angetippt hat. An diesem Abend verwandelte niemand Wasser in Wein. Eine wie auch immer geartete Veredelung blieb aus.

Die Trulla kreiselt denn - Ades Zabel - ard/mediathek

Bleiben die Fragen: Warum? Weiß kein Mensch. Und „Wo ist Gott?“ Matussek konnte Krömer das so spontan nicht beantworten. Er hatte Gott im Chaos wohl kurz aus den Augen verloren. Welch eine Show! Als gäbe es nicht schon genug Grausamkeiten auf der Welt. Man denke an die Sterbenskranken in der Charité, wo Gott sicher mehr gebraucht wird als in einer Sendung, in der man bekennt „Ich bin regelmäßiger Puffgänger“ (Krömer). Und jetzt lief alles ungeschnitten im Ersten. Sieben Tage soll es in der Mediathek abrufbar sein. Dem Medienzeitalter 2.0 ist nichts heilig, es kennt keinen Sonntag. Vielleicht werden Menschen, die die Ausstrahlung gottlob verpassten, statt in der Kirche Weihrauch zu schnüffeln, sich im Internet an dieser schwachen Stunde deutschen Fernsehens berauschen und dann in einen 100jährigen Schlaf fallen. Gott wird bei ihnen sein, selbst wenn sie am Abend zuvor im Puff waren oder nur davon träumen oder dort arbeiten. Und Gott muss jede Minute dieser verdammten Show, alles, wieder und wieder ansehen. Sie sollten sich entschuldigen. Alle. Für alles. Sorry, Gott!

11/08/2013

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