Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Juli 2013 | Please Comment!

– EINE FLUCHTSCHRIFT –

A Brand New Minneapolis

Vielleicht hätte Thomas Mann einen Essay verfasst, Tucholsky etwas noch 80 Jahre später Gültiges formuliert, Kästner ironisch gedichtet. Sie hätten etwas getan, von dem man noch lange nach ihrem Tod sagen würde „Sieh mal an!“ oder „Das zu dieser Zeit!“ Zu Wort melden sich heute nur noch jene, die sich jede Woche melden. Zu allem, was grad anliegt. Pünktlich zum Abgabetermin. Je nach Budget auch mal zwischendurch. Allroundkompetent und kompatibel. Austauschbar. Heute so, morgen so. Dies, das und sonst noch was. Rasender Ramsch für rollenden Rubel.

Der größte Spionageskandal nach dem Kalten Krieg wird durchgehechelt wie das Foto eines Ministers mit einem teilzeit-emigrierten Chefredakteur. Jeder darf aus dem goldenen Kalb Kapital schlagen, es streicheln und füttern – bis es uns langweilt, platzt und eingefroren wird. In Jahresrückblicken wird man es auftauen und mundgerecht zwischen Bildern der Flut und Siegern der Bundestagswahl servieren. Natürlich erinnern wir uns an diesen Edgar, Eduard, diesen Snowden. Wir werden uns über Facebook, Skype und mittels Outlook darüber austauschen, werden jammern, wie wenig sich geändert hat und die NSA achtet ungezügelt darauf, dass nichts verloren geht. Der #Aufschrei wird verklungen sein, Brad Pitt und Angelina Jolie wieder den Boulevard erobert haben und der Chefredakteur noch einmal die Ministerfotos unter „Highlights 2013“ ins Blatt drücken. Und schau: Wie süß Kates und Williams Baby ist! Die Kolumnisten werden beschreiben, was sie glauben, das irgendeine Zielgruppe im Land bewegt. Uns bewegt vieles. Und genau darum bewegt sich oft gar nichts.

Neues ist attraktiv. Wir gehen schnell weiter, aber mit Fortschritt hat das nichts zu tun. Wenn das nackte Elend in Tausende Worte gehüllt wurde, verliert es den Schrecken. Dabei wäre ein längeres Entsetzen ohne jede Verdrängung durchaus heilsam. Verweile doch, Du bist so schrecklich – wer lebt danach? Wo immer es sich anbietet, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, zieht man ihn. Die Schlinge aber bleibt. Das Elend setzt sich fort. In Gesprächen mit Kundigen erfährt jeder, der tatsächlich nachfragt, dass „im Hintergrund“ grad sehr viel passiert. Niemand weiß, wann der Hintergrund wieder zum Vordergrund wird. Kolumnisten tragen selten nach vorn. Sie sind Huren der Zeit. Kauend auf dem Schwanz, den irgendjemand für sie enthüllt und ihnen direkt auf die Zunge gepackt hat. Und die Zeit läuft weiter – und ab. Oder anders: Der Braten stinkt noch immer, doch nachdem jeder seinen Senf dazu gegeben hat – mal scharf, mal mild – stinkt er uns weniger und irgendwann überdeckt der Senf alles.

Das Recht auf freie Meinung ist für eine Demokratie essentiell und angesichts von Tempora, Prism, Echelon & Co. sollten wir auch den Status quo vor den Untersuchungsausschuss zerren. Wie frei sind wir? Wie frei unsere Meinung? Wie frei die Meinung derer, die von der Meinung leben? Wie viel Kalkül steckt hinter den Kolumnen und Essays, wie viel Unabhängigkeit? Wir suchen Positionen, um uns besser positionieren zu können. Aber wer kann sagen, ob die Unmenge der Meinungsführer uns nicht verführen will, soll, weil es der Chefredaktion, dem Verlag, der Buchhaltung zugute kommt oder schlicht das Überleben sichert. Ist nicht grad in Zeiten, wo die Finanzierung der Print- und Onlinemedien wackelt, gefährlich an deren Freiheit zu glauben? Wenn er weiß, dass die krawallige, sprich „meinungsstarke“ Behandlung des einen Themas mehr Klicks und Bekanntheit bringt als die aufwendige Recherche eines anderen, wofür entscheidet sich der Journalist 2013? Freie Meinung muss man sich leisten können.

Irgendwo in uns ist die Sehnsucht nach Autoritäten, nach Meinungsführern, Meinungsbildnern, denen wir nicht folgen müssen, die aber Größen sind und einen Weg zeigen, der über die reine Betrachtung und das Kommentieren eines Zustands hinausgeht. Und ja, ganz deutlich: Es ist gut: Die Deutungshoheit liegt nicht mehr bei einigen wenigen, sondern bei vielen. Doch doch. Und wir suchen und besuchen sie ja, die Deuter unserer Tage: Wir folgen im Stehen an der Haltestelle oder beim Coffee-to-go. Meinung zieht uns an, haut uns die Füße weg oder wirft uns Knüppel zwischen die Beine. Meinung ist das Letzte, was uns noch rotieren lässt. Fakten: hmm. Meinung: yeah!

Wo sind Standpunkte, die uns voranbringen? Wo die Weiser zu Auswegen, Fluchtwegen? Wir haben es mit Priestern versucht, mit Politikern, Experten für Wirtschaft und alles und jedes, mit Lindenstraße, mancher mit „Rote Rosen“ und/oder Precht. Zufriedenheit, Glück und Ruhe blieben aus. Hoffnung? Stattdessen Dauerfeuerwerk. Keine Sternsekunde, die uns eine Richtung gibt, aufsehen lässt, länger als ein Aufflackern in Erinnerung bleibt und nachhaltiger wirkt als das Aufzischen einiger Raketen, die etliche schon in einer Mischung aus naiver Dankbarkeit und völliger Umnachtung für Zeichen und Wunder halten.

Und die Dichter? Schöne Träume hatten sie, wir haben ihnen gern zugehört, gefolgt sind wir anderen. Wir leben in einer traumfeindlichen Zeit der Realisten, die uns in eine Welt geführt haben, in der wir jeden Tag vor vollendete Tatsachen gestellt werden, die wir uns bislang nicht vorstellen konnten. So mag ein größerer, spürbarer, nützlicher Beitrag der Literaten, namentlich der Dichter, den meisten Gewohnheitstieren wie eine Wahnvorstellung erscheinen. Wäre es nicht einen Versuch wert?

Hermann Hesse hat „Zarathustras Wiederkehr“, seine Flugschrift an die deutsche Jugend, im Dezember 1919 in zwei Tagen und Nächten verfasst. Whistleblowgedanken heutiger Dichter sich nicht vor dem Bücherherbst 2014 zu erwarten. In einem Brief an seinen Cousin Wilhelm Gundert schrieb der alte Hesse „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ Wir sind an einem Punkt angelangt, wo das, was wir nicht für möglich hielten, selbst Denkbares außer Reichweite geschoben hat. An einen Rand, der unser Abgrund sein kann, weil wir kaum noch wagen, riskieren und andere davon profitieren. Wir wollen „wenigstens das“. Kompromisse wie Kompressen für Aufgeriebene. Wir haben es uns in Embryohaltung eingerichtet und werden an der langen Nabelschnur ausgesaugt. Und bitte, lassen wir die Diskussionen darüber, ob wir dorthin getrieben wurden oder brav mitgegangen sind wie ein gutgläubiges Kind mit dem Mann, der Cola und Kekse daheim zu haben vorgibt. Wir krümmen uns auf seinem Sofa, er beobachtet uns und wir können nur stammeln, bitten, flehen, er lässt uns nicht aus den Augen. Manchmal lacht er. Ein Gruselkammerspiel gleich einer deutschen Sitcom.

Dichter könnten uns befreien. Gäbe es noch Dichter, sie könnten uns da rausholen. Und ein Gefühl geben, ein gutes, warmes, ein wahres, das die Seele braucht, um nicht zu verhungern. Zu lang schon füttern wir nur den Kopf. Gäbe es noch Dichter, vielleicht hätten wir eine Chance, wenn wir ihnen eine gäben. Sie könnten an Selbstverständliches erinnern. An Grundbedürfnisse und Grundträume, die verstellt worden sind. Es wäre an der Zeit. Ja gäbe es noch Dichter, die sich als Dichter verstünden, die weit über das Sich-ins-Fernsehen-einladen-Lassen und Neues-Buch-in-die-Kamera-Halten hinausgingen, die etwas zu sagen hätten, das in noch keinem ihrer Bücher gedruckt wäre und das sie nicht aus verkaufsfördernden Gründen sagen würden. Ja wenn!

Ich will daran glauben.

Doch es ist wohl so – wenn es sie noch gäbe, wir schrien sie bald nieder, weil wir die Freiheit, die wir anstreben und ersehnen, anderen nicht gönnen, sobald Gesagtes nicht unserer eigenen Meinung, unseren Schablonen, Denkmustern und Bausteinen entspricht.

Vielleicht sind die Geheimdienste uns einen Schritt voraus, weil sie von uns wissen, was wir längst vergaßen. Vielleicht haben sie beim Durchleuchten und Zusammenfummeln unserer Ichs den einzig richtigen Schluss gezogen, dass wir mit Freiheit nicht umgehen können, sie missbrauchen, missgönnen und für ein paar Euro oder eine Handvoll Ruhm verhökern. Muss man solche Leute nicht überwachen?

Und wenn nicht Dichter, dann eben Sie oder ich! Jemand, der bereit ist, Verantwortung zu tragen, nach vorn zu gehen, den Kopf aus dem Fenster zu recken und notfalls auch die andere Backe hinzuhalten, jemand, der mehr tut als alle paar Jahre zu delegieren, seine Stimme abzugeben und sie nur erhebt, um zu beklagen, wie wenig er gehört wird. Freie Geister sollt Ihr sein!

(Auf der Flucht geschrieben.)

16/07/2013

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