Author: Matthias Schumacher | Date: 7. Mai 2013 | Please Comment!

„Was hätte ich getan?“ Matthias Schumacher stellt sich die Gewissensfrage der Nachkriegsgenerationen. Ein aufrichtiges Gedankenexperiment über einen real gewesenen Jasager, ein konjunktives Ich und ein gefährdetes Heute.

hinterhof by westpark

Ich verbrachte die ersten 14 Jahre meines Lebens in der zweiten deutschen Diktatur, ich weiß, wie man sich fügt, weiß, wie selbstverständlich man mitläuft und dadurch ein System stützt und fördert, das man später als undemokratisch und menschenverachtend erkennt. Ich erkannte und erfuhr vieles erst später, mancher manches zu spät, einige einiges nie. Ich war ein Kind, sozialisiert in der DDR. Im Kindergarten schon malten wir schwarz-rot-goldene Fähnchen – mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz; wir winkten, wenn eine Gruppe Pioniere an uns vorüberging, wir fanden Fackelzüge beeindruckend und kannten den Staatsratsvorsitzenden früh beim Namen. Das war einfach, es war vor meiner Geburt bis zum Zusammenbruch des Systems derselbe. Ich beherrschte das Spiel, in dem es galt, das eine zu sagen und anderes für sich zu behalten.

Wäre ich nicht 1976, sondern 1926 geboren worden, so wäre ich von der ersten Republik ganz natürlich in die erste Diktatur hineingewachsen. Meine Eltern, die in der DDR dann und wann maßvoll aneckten, wären sicherlich auch bei der Entdemokratisierung der Weimarer Republik weitgehend still gewesen, vielleicht mal ein Murren, doch hätte sich der Protest nur in stiller Harmlosigkeit vollzogen. So wäre es gewesen und so war es ja auch die Regel.

Damals in der DDR, damals im Dritten Reich, in der alten und neuen Bundesrepublik lassen sich die meisten regieren. Die Menschen flutschen mehr oder weniger geschmeidig vom einen ins nächste System und passen sich an, dem Guten und Schlechten. Was auch immer kommt, es geht solange die eigenen Schäfchen nicht allzu nass werden. Widerworte, Widerspruch, Widerstand – scheue Rehe, die in den Schlingen der Bequemlichkeit, der Sattheit, Angst und falscher Hoffnung, es würde sich schon alles finden, verkümmern und verrecken.

Und wenn die Erwachsenen schwach und verblendet sind, wie sollen Kinder stark und sehend sein? War die Schulbildung im Dritten Reich von Nazipropaganda und Führerkult geprägt, so schwebte über allem in der DDR der Antifaschismus im Namen Ernst Thälmanns und Parolen des Staatsrates. Als Kind hätte ich alles aufgesogen und selbst, wenn ich anderes geglaubt hätte, ich hätte mitgemacht. Der Gruppenzwang, die Normalität dessen, was alle tun. Ich wäre zu den Nachmittagen der Hitlerjugend marschiert, wie ich brav zu den Thälmannpionieren gegangen bin. Und abends – im Geheimen – Westfernsehen oder eben Radio London.

Möglich, dass mich meine Eltern – so lang es gegangen wäre – von größeren Aufmärschen ferngehalten hätten. Ich war in der DDR niemals bei einer 1.Mai-Demo oder Kundgebung zum Jahrestag der Republik, ich lief bei keinem Fackelzug mit; als ich zum großen Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt delegiert wurde – welch eine Auszeichnung – meine Mutter stellte sich vor mich. Das ging nicht immer. Meist sagte ich ja. Ich ließ mich in den Gruppenrat, später in den Freundschaftsrat wählen, dort machte man mich zum Agitator. Wer weiß, wohin mich Bravheit, kindlicher Gehorsam und Widerspruchslosigkeit vor 70, 80 Jahren geführt hätten. Beim Jungvolk vielleicht zum Fähnleinführer. Bei der HJ womöglich zum Oberrottenführer.

Nun– trotz meines systemkonformen Jasagens hatte ich wenig Lust auf Freundschaftsrat und wurde nach einigen Monaten unehrenhaft entlassen. Vor versammelter Klasse kanzelte man mich ab als hätte ich Hochverrat begangen. Aber ich spielte nach der Schule einfach lieber US-Serien nach, träumte, schrieb Gedichte, alles war mir viel lieber als vom Händeschütteln zwischen Jassir Arafat und Erich Honecker oder dem nächsten Kuchenbasar zu berichten.

Ich wurde Pionier. Ich wäre Hitlerjunge geworden. Es hätte kein Entrinnen gegeben. In Nazideutschland gehörten 98 Prozent der Kinder und Jugendlichen dem Jungvolk und der Hitlerjugend an, in der DDR 98 Prozent der Pionierorganisation. Ich weiß noch gut, wer nicht spurte, wer nicht die geforderten Leistungen erbrachte, sich asozial verhielt, dem blieb in der 4. Klasse das rote Halstuch verwehrt. Eine Schande! Denn jeder war stolz, es tragen zu dürfen, auch wenn man sonst an der großen Sache, die wir für gut und richtig halten sollten, zuweilen kleine Zweifel hegte. Wie Aussätzige schauten wir sie an, sie gehörten nicht mehr zu uns. Solche Kinder und Jugendliche hätten im Dritten Reich den Makel der „Unwürdigkeit“ des Gesetzes über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936 getragen.
Da war Ulf, den ich kaum kannte, obwohl er einige Zeit in unserer Klasse war, ein Heimkind, er verschwand irgendwann. Ulf war schwierig, rastete aus, schlug um sich, griff sogar Lehrer an. Eines Tages war er nicht mehr da. Zwischenstation Jugendwerkhof. Wir fragten nicht, wussten ja, was Ulf für einer war. Hätte ich im Dritten Reich nachgehakt, wohin ein Mitschüler, eine Mitschülerin…? Ich war 10 – Kind in einer Diktatur. Ich habe funktioniert. Das System hatte mich erfolgreich geprägt und eingeschüchtert. Wenn Kinder nicht zu fragen wagen, ist der Weg zum unmündigen Erwachsenen, zum Jasager geebnet. Der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort sagte „Die Fähigkeit, das Wort ‚Nein‘ auszusprechen, ist der erste Schritt in die Freiheit.“ Ich hatte mich mit der Unfreiheit arrangiert. Ich kannte nichts anderes.

Ich wurde älter und wurde nicht vor die Wahl gestellt, die keine Wahl war. Ich musste nicht zur NVA, war nicht wie mein Onkel in Bereitschaft als im Oktober 1989 in Leipzig Hundertausende gegen das DDR-Regime auf die Straßen gingen. Durchlitt nicht wie mein Vater im Jahre 1968 bange Stunden als noch unklar war, ob sich die DDR an der Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligen wird. Mir blieb das Trauma meines Großvaters erspart, seine Kriegsmacke, wie wir es nannten, sein Alkoholismus. 15jährig in den Krieg gezogen. Den Bruder vor den eigenen Augen erschossen.

Wäre ich nicht 1976, sondern 1926 geboren worden, ich hätte mit 13 Jahren nicht den Freudentaumel beim Fall der Mauer, sondern den Rausch beim Einfall Deutschlands in Polen erlebt.

Was hätte ich getan? Ich weiß es nicht. Doch dieser Tage wissen viele, wie sie zu urteilen haben – über Horst Tappert. Sie wussten es schon bei Grass, Walser, Hildebrandt und all den anderen, die lange geschwiegen haben, mitunter bis sie die Wahrheit nicht mehr leugnen konnten. Da macht man hierzulande kurzen Prozess, alle in einen Sack und Knüppel drauf. Man trifft die Richtigen. Genauere Betrachtung überflüssig. Kann in dieser Atmosphäre Erklären und Verstehen ohne Rechtfertigung und Vorverurteilung gelingen?
Denn immer steht, wenn auch selten ausgesprochen, die Behauptung der Nachgeboreren, man wäre nie einer von denen geworden, man hätte es besser gemacht, wäre in den Widerstand gegangen, hätte Deutschland verlassen oder einen Weg gefunden. Irgendeinen Weg. Nur eben nicht diesen. So viel Heldentum! Aber es ist nur eine Schutzbehauptung, die man heute in Freiheit und Demokratie leicht in den Raum stellen kann, die mit nichts zu belegen ist und innere Größe zeigen soll. Ein frommer Wunsch. Ein Nichts. Ein hübscher Konjunktiv. Die Leichtigkeit des Neins – hingehaucht in eine Seifenblase – billig zu haben, fragil und ohne jeden Wert. Leichtigkeit bis zur Leichtfertigkeit. Nicht besser als jene Sprechblasen, in denen geschrieben steht, man habe nur widerwillig mitgemacht, von alldem Grauen nichts geahnt und wurde von keinem Funken der Begeisterung getrieben.

Ohne Kompromisse: Was jene getan oder nicht getan, es soll aufgeklärt werden und gegebenenfalls angemessen bestraft. Messen wir sie an den Taten, die bewiesen werden können und unstrittig sind. Hüten wir uns vor Generalurteilen.

Was hätten wir getan? Was tun wir heute? Wir, die wir nicht zu Täter geworden sind – uns nicht zu Tätern machen ließen, die wir vielleicht einfach nur Glück hatten, dass wir nicht in die ausweglose Situation des Er-oder-Ich gerieten. Unsere heutige Untat ist oft die Untätigkeit. Ein bisschen hier, da ein bisschen. Dort darf’s ein bisschen mehr sein. Lassen wir uns nicht täglich für eine Handvoll Seelenfrieden, für eine Blase gefühlter Sicherheit manche Freiheit abkaufen? Das Lippenbekenntnis des Nein‘ ist die Untat unserer Tage.  Wir wählen sie wieder, die unsere Freiheiten beschneiden. Und sie wissen, dass wir sie wieder wählen. Schauen wir nur 800 Kilometer nach Osten, nach Ungarn, das auf einem guten Weg schien und nun – ohne Not – umkehrt. Deutschland ist nicht Ungarn. Doch die Donau verbindet uns mit Budapest und noch einiges mehr, das wir nicht hören wollen. Die meisten Ungarn schweigen wie die meisten Deutschen es tun, wenn Gesetze durchgewunken werden, die uns ein Stück weiter in kaum spürbare Unfreiheit führen. Es sind keine Degenstöße, es sind kleine Nadelstiche, die uns mehr und mehr schwächen.

Ich habe gelernt. Habe nicht vergessen, wie nah ich dran war als braver DDR-Bürger zu enden. Ich habe nicht vergessen, wie es um die Meinungsfreiheit stand und ich weiß, dass ein Text wie dieser harte Konsequenzen bedeutet hätte. Die Leichtigkeit des Neins ist nur in Freiheit möglich. Wir sollten verantwortungsvoll mit ihr umgehen.

Chamfort hat Recht: „Die Fähigkeit, das Wort ‚Nein‘ auszusprechen, ist der erste Schritt in die Freiheit.“ Doch ein falsch gesetztes Ja kann ebenso in die Unfreiheit führen wie ein falsches Nein.

07/05/2013

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