Author: Matthias Schumacher | Date: 15. Februar 2013 | Please Comment!

Surveillance by eatmorechips

Haben wir wirklich so viel Humor? Oder sind wir gar komplett abgestumpft?
Ob in der „heute-show“, ob als extra 3-„Reporter“ oder mit französischem Akzent als trottliger Alfons mit dem Puschelmikro – die Niedertracht hat viele freundliche Gesichter. Politiker, Fernsehschaffende, Normalos werden allerorts aufgelauert, „entlarvt“ und lächerlich gemacht. Man hält ihnen das Mikrofon und den Spiegel vor. Jetzt aber, Sendereifes direkt in die Kamera! Wer politisch unkorrekt denkt, wer sich nicht eingehend genug mit der Materie beschäftigt hat, wer meint, seriöse Fernsehmacher vor sich zu haben, hat schon verloren. Satire soll das sein. Manche haben es nicht anders verdient, die meisten laufen ins offene Messer. Überraschungsmoment und Schnitt liegt in den Händen der Macher. Die Befragten dumm dastehen zu lassen, Kluges zu unterschlagen – ein Leichtes. Das ist die Mission. Und die sich live im Studio oder vor den Bildschirmen auf die Schenkel klopfen, könnten die Nächsten sein. Es scheint sie nicht zu stören, denn sie wähnen sich klüger als die Cutter vom Fernsehen, Radio, Internet.

Neue Umfrage. Alte Schlachtmethode. Und wir johlen. Weil wir dieses Unwissen nicht erwartet hätten, weil der Reporter so geil auf investigativ macht und so doppeldeutig in die Kamera grinst. Und wir machen uns vor Schadenfreude fast nass, weil  irgend jemand unserer Bekannten, Kollegen, Nachbarn ganz genau so ist. Solche Typen kennen wir. Doch dieser Jemand, diese Typen sind wir. Die Vorführer entlarven unsere Unzulänglichkeiten, unsere Unfertig- und Halbheiten, unser Menschsein. 500 Jahre nach Till Eulenspiegel ist die Erkenntnis, dass Menschen immer nur Menschen sind, nicht sonderlich groß.

Die Hinrichtung der ganz normalen Mittelmäßigkeit schreitet voran. Unaufhaltsam. „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, das sei Niedertracht pur, gemein, keine Grimme-Nominierung wert. Kandidaten wie den jüngst gekrönten Dschungel-König Joey Heindle müsse man vor sich selbst schützen. Wer schützt uns? Macht es keinen Unterschied, ob man Ohrfeigen selbst wählt oder mit einer beispiellosen Kaltschnäuzigkeit von hinten plattgewalzt wird? Zur Belustigung der Nation. „Schau mal, Mutti, Mittelmaß!“ Mittelmaß sind die meisten von uns. Durchschnitt. Und wer kann schon exakte Antworten geben, wenn einem auf öffentlichen Plätzen ein Kamerateam nachstellt? Die halten uns offenbar für kompetent. Weltpolitik, Homoehe, dies und das. Wir werden gefragt, sind gefragt. das schmeichelt. Und wer will denn nicht ins Fernsehen? Na dann sagen wir eben, was wir meinen. Frei heraus aus Volkes Mund. Was ist so verwerflich daran, in diesem freien Land tatsächlich frei seine Meinung zu sagen? Mag sie dem Fragenden noch so dumm, dreist oder naiv erscheinen, sie ist doch legitim. Und wer weiß denn selbst über sein Fachgebiet bis ins Letzte Bescheid?

Seit sich Wigald Boning für „RTL Samstag Nacht“ in den 90er Jahren mit bis dahin nie dagewesener Chuzpe für Satire- und Spaßumfragen unters Volk mischte, ist die Heimtücke professionalisiert worden und oft gar nicht mehr witzig. Würde es nur Politiker und andere „Experten“ treffen, man könnte das Auge halb zudrücken. Doch mehr nicht. Denn wieviel Zeit mögen die Büros Abgeordneter wohl damit verbringen, allein die schriftlichen Quatschanfragen abzuarbeiten? Wieviel Zeit für Wichtiges geht da verloren? Und dann meldet sich noch jemand vom Öffentlich-Rechtlichen für ein Interview an, man sagt Ja, weil man gar nicht Nein sagen kann, und dann kommt ein Clown, der sich wie die Reinkarnation Eulenspiegels aufführt. Auf dem Weg zum Treffpunkt hat er noch drei Omas niedergequatscht. Haha, das war lustig!

Und Kalkofe schweigt. Der Fernsehkritiker, der den Finger ganz tief in die Wunde zu legen vorgibt, rührt sich nicht. Die Kritik ist mucksmäuschenstill, denn irgendwie ist das schließlich Satire, die darf alles, irgendwie ist es ja Journalismus, der darf noch mehr als Satire, und irgendwie ist es eben zum Totlachen. Doch wieviele Eulenspiegel verträgt das Land? Wie viel nackter kann ein Entblößter noch gemacht werden? Der Unterhaltungswert tendiert nach 20 Jahren Dauerbefragung gen Null. Wir werden nicht mehr erfahren als dass wir Menschen sind. Alle. Die, die wir oben meinen, wie die, die sich unten fühlen. Es gibt Angeber, Nichtskönner, Unwissende und Ahnungslose. Es gibt Politiker, die nicht wissen, was passiert, wenn das Internet voll ist. Es gibt aber auch Wurstfachverkäuferinnen, die den Fettgehalt der Ungarischen Salami nicht kennen. Muss uns das Sorgen bereiten oder nicht vielmehr aufatmen lassen?

15/02/2013

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