Author: Matthias Schumacher | Date: 28. November 2012 | Please Comment!

Aus dem Terminkalender der Kanzlerin, 29. November 2012: »Am Nachmittag nimmt Angela Merkel gemeinsam mit dem Chef des Bundeskanzleramts, Bundesminister Ronald Pofalla, an der Übergabe von drei Weihnachtsbäumen für das Kanzleramt teil.« Ließ sich Gerhard Schröder im Jahre 2004 noch eine 15 Meter hohe Rotfichte vor das Amt setzen, so wird Angele Merkel in den nächsten Wochen auf eine 15 Meter hohe Rotfichte blicken. Ob nun Schwarze, Gelbe, Rote, Grüne regieren – manches ändert sich nie. Über Beschaffenheit und Herkunft der beiden anderen Kanzlerinnentannen ist nichts bekannt und so dürfte der Skandal vorprogrammiert sein.

Ronald Pofalla wird alles abstreiten, aber es nutzt ja nichts, denn die Herkunft der Gewächse muss geklärt werden. Deutsche Blogger und Internetaktivisten gehen derlei gern auf den Grund und die Opposition schläft nicht – auch nicht die in den eigenen Reihen. Schon eine Woche nach der formlosen Baumannahme meldet sich der Bayerische Landesvater Horst Seehofer zu Wort. Man könne so eine »Sauerei« nicht einfach durchgehen lassen. »Der Geschichte werde ich als CSU persönlich noch vor dem Heiligen Abend…«, verspricht er sich. »Wenn deutsche Bäume fallen, sollte wenigstens Salut geschossen werden«, fügt er hinzu und verabschiedet sich sodann in den Winterschlaf.

Die Presse hat an diesem Nikolaustag aber Wichtigeres zu besprechen. Am Morgen erscheint in BILD ein Exklusiv-Interview mit Umweltminister Peter Altmaier, der nicht nur sein Stollenrezept verrät, sondern auch, mit wem er die Festtage verbringen wird: »Allein.« Der liebe Gott habe es so gefügt. Da die Sache mit den zwei Weihnachtsbäumen noch nicht durch ist und auf Twitter und Facebook bereits das Gerücht umgeht, es wären zwei Tannen aus Christian Wulffs Vorgarten, die er sich vor Jahren schenken ließ und noch rasch loswerden wollte, tritt Landwirtschaftsministerin Aigner noch am Nachmittag vor die Kameras. Es gäbe da »überhaupt nichts dran zu deuteln«, die Pflanzen seien »ordnungsgemäß in einen Teppich eingewickelt und auf dem Luftweg hergeschifft« worden. Nachfragen lässt die Ministerin nicht zu.

Unterdessen schreibt Bundespräsident Joachim Gauck fieberhaft an seiner Neujahrsansprache. Enge Mitarbeiter rieten von den ersten 14 Entwürfen ab. Zu pastoral sei der Ton gewesen. Seiner Lebensgefährtin liegt das Staatsoberhaupt schon in den Ohren seit er das erste Türchen seines Adventskalenders (ein reich geschmücktes Schloss Bellevue mit 23 Fenstern und einer Pforte) geöffnet hat. Er hätte vor seiner freien Wahl nicht bedacht, sagte er tief bewegt beim genussvollen Lutschen des Kalenderinhalts, dass der demokratisch gewählte Bundespräsident eines freien Deutschlands die Neujahrsansprache halten muss und nicht Weihnachten zum mündigen Bürger sprechen darf. Er werde künftig ein noch unbequemerer Präsident sein, wenn das nicht geändert wird. In einem freien Land sollte man so etwas frei entscheiden dürfen. Er werde sich allerdings nicht in die Baumaffäre einmischen, das sei Tagespolitik.

Vom Tannenskandal erfahren Arbeitsministerin von der Leyen und Familienministerin Kristina Schröder irgendwo in der ostdeutschen Provinz, wo die beiden in fruchtbarer Mission unterwegs sind. Unter dem Motto »Ihr Kinderlein, kommet« klären die beiden auf, wodurch Kinderlein kommen. »Gleichgeschlechtlich geht das in keinem Fall«, erläutert von der Leyen, als sie ein langzeitarbeitsloser Jugendlicher im Oderbruch auffordert, das mal mit ihrer Parteikollegin vorzumachen. Die lehrreiche Kampagne zur Rettung der Deutschen wird unterstützt von der SUPERillu und gefördert mit zwei Millionen Euro aus dem Steuertopf. Man ist froh, dass sich das politische Berlin derzeit mit anderen Dingen herumschlägt.

Claudia Roth hat sämtliche RTL-»Chart-Show«-Auftritte abgesagt und tingelt von Talk zu Talk, um die ultimative Baumfrage zu stellen: »Brauchen wir solche überkommenen Traditionen noch im 20. Jahrhundert?« Beim »Wer wird Millionär«-Special erspielt sie 500 Euro und wird davon in Bethlehem um die Geburtskirche 1000 Nordmanntannen pflanzen lassen. Als Zeichen der Wiedergutmachung, der Versöhnung, der Nachhaltigkeit, des Umweltschutzes, der Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten… Die Piratenpartei sieht im Weihnachtsbaum ein Symbol der Verschleierung. »Da blickt niemand durch, keine Transparenz« twittert Johannes Ponader. Für ihn selbst werden einige Piratenfreunde eine Sammlung veranstalten, ihm reiche aber ein Gesteck. Die Piratenpartei sieht im Weihnachtsbaum kein Symbol der Verschleierung. Dann wird digital gewichtelt.

Bei der Weihnachtsfeier der FDP brüstet sich Rainer Brüderle nach einer Kiste Dornfelder damit, den Größten zu haben. Man könne gern vergleichen. Nachdem man die iPhones nach Fotos durchforstet hat, zeigt sich, dass Guido Westerwelle alle übertrifft. Mitleidige Blicke treffen Philipp Rösler. Wolfgang Kubicki fragt in die Runde, ob der Vietnamese an sich überhaupt Weihnachtsbäume kenne. Kurz vor der letzten Sitzung des Bundestags im Jahre 2012 überschlagen sich die Meldungen: +++ Gauck beschließt Christmette im Petersdom zu halten +++ Gesine Lötzsch (DIE LINKE) fordert die kostenlose Verteilung der DDR-Schallplatte »Weihnachten in Familie« an alle Hartz IV-Haushalte +++ Angela Merkel wird nicht vermisst +++ Steinbrück? +++ Gauck: Doch Weihnachtsansprache, Irrtum vom Amt +++

Weihnachtspause

28/11/2012

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