Author: Matthias Schumacher | Date: 27. November 2012 | Please Comment!

gestern …

… wie wäre ich gestorben? Hätte mein Herz in einer schlechten Stunde seinen letzten Schlag getan, als ein Wagen in jene Straße bog, die ich traumtänzelnd überquerte? Oder nahm ich zur falschen Zeit den falschen Weg, um dem einen Menschen zu begegnen, der mir ein Ende bereitete? Brannte meine Kerze zu lang schon an beiden Enden? Vielleicht wär ich, irgendwo, in der Vorahnung ersten Eises eingebrochen und gesellte mich zu den Fischlein, bis die Frühlingssonne meine milchige Decke taut und mich aufgedunsenes Menschenfleisch ein paar Spaziergänger im Schilf entdeckt. Wahrscheinlich läge ich aber heute schon wohltemperiert in einem Kühlfach und harrte meiner Bestattung – meine Papiere trag ich stets bei mir und ich leb ja nicht allein.

Alles ginge seinen geordneten Gang. Meine Familie wäre informiert und würde mich beweinen, den fernen Bruder, den Sohn, der sich zu selten blicken ließ, der mit dem Leben, das man nicht so ganz verstand und von dem man kaum etwas wusste. Ich könnte nicht mehr schummeln, Lebenslügen – was soll’s! Würde man mich heimholen und einäschern oder meinem Wunsche entsprechen, am Stück in Berliner Erde hinabgelassen zu werden? Gut, dass ich noch vor kurzem beim Friseur war! Meine Lippen würden bald verklebt und so war es nicht schad, noch ein wenig gelebt zu haben und den verhassten Zahnarztbesuch zu schwänzen. Nun muss ich nicht mehr hin. Doch sollen diese zerfressenen Stummel das sein, was man eines Tages vielleicht von mir finden wird, wenn Archäologen den Menschen im dritten Jahrtausend erforschen? Wieviel Zukunft ich verpassen würde, wenn ich gestorben wär!

Einen Anzug trüge ich, Udo Jürgens klänge aus den Lautsprechern. „Ich lass Euch alles da“ vielleicht, bisschen theatralisch, pathetisch. Vielleicht was von der Knef. Schade, dass ich keine große Rede reden darf. Und bis ich unter der Erde bin, weint! Dann fresst und lacht, lebt die Jahre, die ich in der Ewigkeit nicht mehr zähle.

Und Ihr? Wie würdet Ihr’s erfahren? Meine Passwörter sind kaum zu knacken. Meine Onlinekontakte – mir vorbehalten. Irgendeiner würde Euch berichten, was geschah, und bis zur letzten Mahnung meines Hosters werdet Ihrs noch lesen können, worin ich viel Zeit investierte, was ein Teil meines Lebens war. Dann wird abgeklemmt und alles ist verloren. Wär ja vielleicht auch egal. Mein Gedichtband wird noch bestellbar sein, ein Jahr, zwei, bis irgendetwas fällig wird. Wer glaubt schon, dass ewig ist, was heute im Netz steht! Ein wenig Papier hab ich auch beschrieben. Vielleicht findet sich jemand, der’s in Ehren hält und vielleicht werden meine Urheberrechte von einem vertreten, zu dem ich gern Du sagen würde. 70 Jahre. Und die Fragmente bleiben Fragmente, die unbezahlten Rechnungen unbezahlt, der Browserverlauf ein Sammelsurium seichter Pornos, Hardcorepolitik und was ich Kultur nannte. Es wäre ratsam, mein Erbe auszuschlagen.

Und wäre ich gestorben, gestern, so wöge die ungelebte vertane Zeit, wögen die ungeliebten Lieben und die ungenutzen Chancen schwer und zögen meine aufsteigende Seele in die Tiefe. Wäre ich gestorben, gestern, wäre es nicht anders als wären Sie, wärst Du gestorben. Nicht anders als bei den 110 Mrd. Vorausgegangenen.


Ich lass Euch alles da – MyVideo

27/11/2012

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