Author: Matthias Schumacher | Date: 25. Oktober 2012 | Please Comment!

Carla Bruni wirbt für die Ehe, heißt es in diesen Stunden auf der ZDF-Text-Tafel 805. Skandalös belanglos. Das ZDF sollte zurücktreten. Stattdessen tritt ein CSU-Mann zurück, weil er beim ZDF angerufen hat – leider nicht, um solche Bruni-Meldungen zu verhindern. Hans Michael Strepp wird, wenn man sich in 100 Jahren an ihn erinnern sollte, als derjenige in die Geschichte eingegangen sein, der mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen telefonierte. Carla Bruni als Sarkozy-Gattin und Ehebefürworterin. Fragwürdige Vermächtnisse. Die Zeit wird sie verwischen und eindampfen, bis nur der Kern bleibt. Wahrscheinlich wird man drei Generationen nach uns weder wissen, wer Strepp war, noch was eine Carla Bruni erfunden haben könnte. Essenz verlangt Substanz.

Was bleibt? Was sind schon 100 Jahre!? Genug Zeit, um viele und vieles zu vergessen. Wir Deutschen sind Weltmeister im Erinnern. Aber woran? An das Wichtige, Richtige? Oder nur an das Schreckliche, das uns abhalten, mahnen soll? Hält es uns ab, mahnt es? Das Leben vor 100 Jahren ist uns fremd. Wer die Gefühle der Menschen nicht kennt, mitgelebt, mitgelitten hat, wird niemals immun gegen die Versuchung. Kunst ist die einzig taugliche Brücke zwischen den körperlos gewordenen Gefühlen von damals ins Heute – zu uns.

Aus den Jahren 1900-1914 gibt es keine Zeitzeugen mehr. Lediglich vergilbendes Papier, längst nicht alles wird übertragen oder konserviert, immer mehr Übertragenes beginnt inzwischen digital zu welken, ist bedroht, beim Kopieren auf die nächste Datenträgergeneration vergessen und aus Kostengründen für entbehrlich erklärt zu werden. In zwei Jahren soll mein Buch erscheinen. Im Rahmen des Weltkriegsjubiläums. Ein Festival des Erinnerns und Mahnens wird das! Als ich einer Abteilungsleiterin der Berliner Staatsbibliothek von meinem Romanprojekt berichtete, begannen ihre Augen Funken der Begeisterung zu sprühen, ich solle mich unbedingt melden, wenn es fertig ist, man plane jetzt schon intensiv für 2014. Eine andere Bibliothekarin berichtete mir vom Zustand des Hauses und den Problemen mit der Klimaanlage. Der Kampf gegen die Zeit scheint kaum gewinnbar.

Was ist des Festhaltens, Erinnerns wert? Wer? Ich komme stets zum Schluss, dass dieses Buch, mein Buch, nur funktionieren kann, wenn es berührt, wenn es die Pfade des historisch Belegten verlässt oder sogar weiträumig umschifft. Von meiner Hauptfigur, die den Ersten Weltkrieg nicht überlebte, ist allein sein Werk geblieben und hätte es nicht umsichtige Freunde, Nachlassverwalter und einen begnadeten Historiker gegeben, wäre wohl inzwischen alles verschollen und vergessen. Doch es bleiben Worte auf Papier, die bestenfalls erahnen lassen, was war, bewegte, erstarren ließ. Wir können die Dramen der Welt nur verstehen, wenn wir das Drama eines Einzelnen selbst miterleben, mit ihm spüren, leiden. Ich fühle mich ein und versuche, dies Nacherleben, die Hoffnung wie die Verzweiflung, in Worte zu fassen, in einen Roman. Möge eine Brücke entstehen! Und wenn ich sterbe, wird dieses Buch bleiben.
Ist das mehr als das, was von Carla Bruni… ?

Wie das Romanprojekt gedeiht und welche Gedanken den Autor beim
Schreiben begleiten, erfahren Sie jeweils am 25. eines Monats…

Ausgabe 1 >>>

 

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