Author: Matthias Schumacher | Date: 6. Oktober 2012 | Please Comment!

Muslime sollen Mohammed-Karikaturen aushalten. Russland soll den Punk von Pussy Riot auch in Kirchen aushalten. Wir Deutschen sind immer schnell dabei, in anderen Ländern Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst zu fordern. Aber nimmt sich hierzulande mal einer die Freiheit, bekommt er was auf den Deckel. Diese Erfahrung macht grade der Musiker Joachim Witt.

In dessen neuem Musikvideo wird unter anderem in wenigen Sekunden die Vergewaltigung einer Frau durch Bundeswehrsoldaten dargestellt. Auf seiner Facebookseite nimmt der Künstler nach heftiger Kritik Stellung: „Bei dem Video zu GLORIA handelt es sich unmißverständlich um eine Kunstform! Wir zeichnen in großen und anspruchsvollen Bildern ein apokalyptisches Horrorszenario! Die Soldaten in diesem Video sind austauschbar!“ Eine Entschuldigung schloss sich an. Zuvor hatten sich laut diverser Medienberichte zahlreiche Bundeswehrsoldaten über besagte Szene beschwert, was sowohl den Bundeswehrverbandschef Ulrich Kirsch als auch den Werbeauftragten des Deutschen Bundestags, Hellmut Königshaus, auf den Plan rief: „Beim nächsten Mal sollten die Macher erst das Hirn einschalten, bevor sie ein Video mit solchen Szenen veröffentlichen.“ 

Dass sich gleich die Spitzen zu Wort melden, scheint ein deutsches Phänomen und ist schon fast sympathisch provinziell. Jedenfalls ist es schwer vorstellbar, dass immer, wenn in einer US-Krimi-Serie Polizisten als korrupt oder Mörder entlarvt werden, gleich ein Sprecher oder Abgeordneter zum Protest aufruft. Auch hat man bislang wenig vom CIA Chef gehört, wenn es um die Darstellung krimineller Agenten ging. Und wer nicht alles in den letzten 50 Jahren bei James Bond schlecht wegkam! Wieviele US-Soldaten gerieten auf der Kinoleinwand schon ins Zwielicht? Das ist eben Fernsehen oder Hollywood, das ist Kunst, Fiktion. Alles bierernst zu nehmen, ist allerdings typisch deutsch und das Gefühl des Angepisstseins steigt in vielen blitzartig auf – und sie werden es nicht mehr los. Von political correctness kein Wort an dieser Stelle. Joachim Witt hat nicht die nationale Sicherheit gefährdet. Joachim Witt hat ein Video gedreht und a Liedl dazu gesungen, ein Weltklassevideo im Übrigen mit einem eingängigen Sound. Man könnte die Großartigkeit loben, den Mut, stolz – nein – froh sein, so jemandem in diesem Land zu wissen, aber wenn es um die Bundeswehr geht, geht nichts mehr. Apokalypse ja, aber nicht mit Bundeswehr! Hätte aber die Bundeswehr die Apokalypse verhindert, dann… Ja was dann? Will doch keiner sehen sowas! Witt selbst tritt in diesem Video als offensichtlich katholischer Geistlicher auf, die Kirche hat bis zum jetztigen Zeitpunkt nicht mal gezuckt, obwohl es manches zum Zucken gäbe. Aber derlei kennt die Kirche schon zur genüge.

Die Bundeswehr aber ist es schlicht nicht gewohnt, künstlerisch verarbeitet zu werden, und wenn, dann lediglich historisch korrekt oder auf eine saubere Art lustig, die alle Beteiligten und Zuschauer mit einem guten Gefühl schmunzeln lässt. Eine leichte Komödie mit beliebten Jungstars, das ist schön, tut nicht weh. Manchmal darf einer auch ein Trauma haben. Um sich aber filmisch von deutschen Truppen mitreißen zu lassen, gehen viele in den Bunker, wo sie auf Hitler treffen, den wir wehr-künstlerisch noch immer nicht bis zur Neige ausgewrungen haben. Wann kommt die nächste Stauffenberg-Verfilmung? Wäre es nicht Zeit, Hitler von einem Schwarzen oder wenigstens einer Frau spielen zu lassen? Ein Schwuler! Der Hape Kerkeling soll es mal machen! Und am Ende neben Eva (gespielt von Maren Kroymann) auf dem Sofa: Peng! „Ich bin dann mal weg, Schätzelein!“ Da aber im 72. Jahr nach Chaplins „Der große Diktator“ noch nicht vollständig geklärt ist, ob man über Hitler lachen darf, und das auch nicht mehr geklärt wird, weil Guido Knopp im nächsten Jahr in Rente geht, drehen wir vielleicht lieber noch eine harmlose NVA-Komödie. An der innerdeutschen Grenze fanden zwar Hunderte Flüchtlinge den Tod, doch wenn man die und jegliche fiktiven Vergewaltigungsszenen weglässt, ist der Deutsche Fernsehpreis so gut wie sicher.

Die Bundeswehr ist nicht heilig und muss provokante Fiktion aushalten – und das wird sie auch. Wirkliches Schadpotenzial haben nur die ganz realen Skandale, seien es die Ereignisse um die Gorch Fock, sei es im Jahr 2006 in Afghanistan gewesen, wo Bundeswehrsoldaten mit Totenschädeln spielten und dies in heroisch gemeinten Fotos festhielten. Vergessen wir nicht die Endlosthemen: Rekrutenmisshandlung und Nazis in der Bundeswehr. Da dem Werbeauftragten das Vorher-Denken so am Herzen liegt, ist es nur allzu nachvollziehbar, warum noch etliche Kasernen Namen von größeren und kleineren Lichtern des Dritten Reichs tragen. Er denkt und denkt und denkt.

06/10/2012

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