Author: Matthias Schumacher | Date: 25. September 2012 | Please Comment!

Ich lese »Julia Schramm« und denke »Helene Hegemann«. Frage mich, warum Joko und Klaas, warum Jürgen Klopp? Ruhm ist ein Flittchen.

Heute in zwei Jahren soll mein Roman erscheinen. Während die Welt wie immer verrückt spielt und die Menschen schlecht wie eh und je sind, versuche ich, fast Vergessenen ein Denkmal zu setzen, ein Buch zu schreiben, das vielleicht wie so viele Bücher, die es wert wären, gelesen zu werden, im medialen Tsunami der Hegemanns und Schramms untergehen wird. Ich schreibe es trotzdem. Weil ich nichts anderes will, vielleicht nichts anderes kann, vielleicht nicht mal das. Die objektive Qualität eines Buches ist nicht messbar, die subjektive nicht entscheidend. Allein dass mich diese Arbeit drängt und trägt, ist guter Grund genug. Es ist ein Luxusprojekt. Kaum jemand leistet es sich heute, nicht tagesaktuell zu sein. Kaum jemand kann es sich leisten. Die Nachrichtenflut reißt uns alle mit. Sie überschüttet uns. Viele sind schon ersoffen. Andere schütten sich zu. Tiefenrausch, Höhenrausch. Kein Unterschied mehr. Vielen scheint die Welt erträglicher, wenn sie sich eine Überdosis von ihr geben.

In meinem Buch beginnt das 20. Jahrhundert. 112 Jahre später begebe ich mich zurück, dorthin, wo eine neue literarische Epoche begann und viele ihrer jungen Väter wenige Jahre später auf den Schlachtfeldern niedergemäht wurden. Es sind nur ein paar U-Bahn-Stationen. Berlin. Trautenaustraße, Nikolsburger Platz. Alles hier sauge ich in mich auf, frage und erkunde, schaue, was von damals übrigblieb – und es ist nicht viel. Die Pärchen, die abends unter den Bäumen sitzen, am Brunnen, ahnen nicht das Drama, das sich in mir zuspitzt. Ich werde Menschen sterben lassen in meinem Buch. Menschen, die längst tot sind, werde ich zerschießen und zersprengen, werde sie lieben, leiden, dichten lassen. Beim Italiener drüben sitzt man nun wieder drinnen, isst, trinkt, schmiedet Pläne – wie sie es damals taten. Die Frau vor dem Haus, das sein Haus war, die Frau, die ich mit ins Damals nehmen und zu seiner Nachbarin machen werde – als ich ihr vor der Tür begegnete, wusste ich sofort, wie ich sie nennen werde – auch sie erhält ihr Denkmal und niemals wird sie es erfahren. Wir Dichter, Autoren, Journalisten, alle, die wir uns mit Worten beschäftigen, die wir Menschen beschreiben, wir setzen täglich Denkmäler und Mahnmale, anonymisieren und verfremden, zwingen ihnen rotzfrech neue Namen auf. Mit welchem Recht wir uns ihrer Leiber, ihrer Gestalt bemächtigen, ich weiß es nicht. Wir sind Schöpfer. Wir sind Richter. Henker.

In den vergangenen Tagen haben Fahnen gebrannt, Menschen wurden ermordet, Menschen, die aus Ländern stammen, in denen viel Blut für die Freiheit geflossen ist. Wieviele Kriege haben wir gebraucht, um Demokratie, Pressefreiheit, um Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und unveräußerliche Menschenrechte zu erringen! Wenn ich auf den Feldern des Ersten Welkriegs unterwegs bin, die Toten sehe, wenn ich an die Opfer des Zweiten Weltkriegs denke, die Mauertoten… dann bezweifle ich, dass jedem bewusst ist, wie viel uns das heutige Europa gekostet hat. Nun erwägen einige, die es besser wissen sollten, aus Feigheit und etwas, das man „Rücksicht auf religiöse Gefühle“ nennt, das Erkämpfte zu beschneiden. Und wenn ich noch weiter zurückgehe, zu Luther, der sich auflehnte, wenn ich an die Gelehrten, die Wissenschaftler und Heiler denke, die für ihre Überzeugungen auf Scheiterhaufen verbrannt wurden, frage ich, ob wir einknicken dürfen vor jenen, die noch heute Andersgläubige hinrichten, zurückweichen sollen vor jenen, die den Weg in ihre Freiheit gerade erst begonnen haben. Wir haben etwas erkämpft, das gut ist, das vielleicht Fehler hat, aber im Kern richtig ist. Und wir haben dafür bezahlt. Warum es manchem so wenig wert scheint, ich weiß es nicht. Ich bin nur ein Dichter, schreibe ein Buch über die Jahre vor dem großen „Hurra“ bis es totbringend durch Europa tönt. Schreibe über die Vergangenheit in einer Zeit, wo was heute wichtig tut, morgen schon vergessen und das Morgen eine Vorabmeldung ist. Unsere Zukunft hat gestern begonnen, wo führt sie uns hin? Ins Mittelalter vielleicht. Wohin auch immer – ich schreibe.

 

Wie das Romanprojekt gedeiht und welche Gedanken den Autor beim Schreiben begleiten, erfahren Sie jeweils am 25. eines Monats…

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