Author: Matthias Schumacher | Date: 16. August 2012 | Please Comment!

Da dreht man durchs Leben und dreht fast durch. Soviel Sicherheit. Wohin man sich wirft, fällt man weich. So ist das in Gummizellen. Als Kind, als wir noch frei und unsterblich waren, wo wir nichts auf Sicherheit gaben und auf BMX- oder frisierten Klapprädern tollkühn dem Tod davonfuhren, ja damals, da…! Wie oft haben wir die Belehrungen unserer Eltern überhört! Was haben wir gewagt! Mit vollem Bauch ins kalte Wasser. Vom Kindermut ist Schwermut geblieben, die blauen Blumen auf den Gräbern unserer Kinderfantasien: verdorrt. Regen macht sauer, wenn wir Pfützen weiträumig umlaufen, statt lustvoll hineinzuspringen. Wir waren Räuber, Gendarm, waren Könige und Prinzessin, übergroß. Mancher Kinderriese ist zum Zwerg geschrumpft, dessen größte Leistung Majestätsbeleidigung im Kommentarbereich von Bild.de ist. Andere spielen Squash oder essen Bio-Sprossen mit dem Nervenkitzel, dass sie ein EHEC-Erreger niederstrecken könnte. Alles in allem taumeln wir risikolos durch unsere Zahnzusatzversicherungswelt. 

Wir haben uns weiterentwickelt, sind den Kinderträumen entwachsen. Im Gegensatz zu den Helden unserer frühen Jugend. Ihre Geschichten enden nicht, sie drehen weiter. Julian, Dick und Anne, George und Timmy, der Hund, kommen auch heute, „wo immer sich ein Abenteuer lohnt… schnell vorbei… “ und sind dann „da-a-a-a.“ Karlsson propellert noch immer über die Dächer. Michel wurde unlängst wieder aus der Suppenschüssel befreit. TKKG sind noch immer die „Profis in spe.“ Spe ist bis heut nicht eingetreten. Nicht?

Pippilotta Langstrumpf heiratete 1961, entkräftet nach unzähligen Reisen nach Taka-Tuka und Ikea im Alter von 20 Jahren einen Abdecker in der Nähe von Lönneberga und stemmte fortan nur noch Pferdeteile. Emil sitzt 95jährig im Seniorenstift, detektivengleich schleicht er nur noch den jungen Schwestern nach und prüft mit einem Chemiebaukasten, den sein alzheimerkranker Zimmernachbar dessen 34jährigem Enkel schenken wollte, die Güte des heimeigenen Toilettenpapiers. Recycling, zweilagig. Brigitte Blocksberg (45) verschlug es nach der Wende von Neustadt nach Halle Neustadt, wo sie seit Mai 1991 eine Reinigungsfirma mit zehn vietnamesischen Geringverdienern betreibt und nur noch gelegentlich selbst den Besen schwingt. Man steht untereinander in Mail-Kontakt, schreibt sich dann und wann eine SMS und geht ansonsten dem Leben nach, das man sich niemals wünschte. Nur einer, Huckleberry Finn, hatte es seinerzeit geschafft, er selbst zu bleiben. Die Betreiberinnen des HaNi-Nagelstudios, Hanni und Nanni, schlugen vor einigen Jahren vor, gemeinsam sein Grab zu besuchen, doch so lange sich Bastian nicht seinen Bausparvertrag auszahlen lässt und bei der Kindlichen Kaiserin das Sorgerecht für Fuchur eingeklagt hat, stehen Finanzierung und Flug auf wackligen Füßen… es ist eine unendliche Geschichte. Kommt immer was dazwischen. Ist immer was.

Die letzten Verrückten und Mutigen begleitet Vox auf ihrem Weg ins Ausland. „Goodbye Deutschland“. Ohne Sprachkenntnisse und mit begrenztem Budget in die Fremde, um dort mit deutschstämmigen Gleichgesinnten den furchtlosen Schritt begießen zu können. Bei Schnitzel und Weißbier. Im Hinterstübchen blinkt das Konterfei ihres Gottes Konny Reimann. Der hat’s geschafft und macht inzwischen Werbung für Milchreis und Würstchen. Mut wird belohnt.

Wir bleiben zurück. Stopfen die von Konny beworbenen Produkte in uns hinein und schieben Frust. Wir haben zu viel Verstand, zu viele Pflichten, sind mit dem Ernst des Lebens verheiratet und bleiben mit ihm zusammen. Da weiß man, was man hat. Wer weiß schon, was kommt? Wir wissen: Das Leben ist kein Comic, wo man ein Stück über den Abgrund hinauslaufen kann, bis man feststellt, dass unter den Füßen nichts mehr ist. Wir wissen es schon vorher. Wir leben in keinem Krisengebiet, aber wir haben Angst. Es könnte  jeden Tag losgehen. Irgendwas. German Angst. Traumtänzereien? Ausgeschlossen! Zahlt die Kasse, wenn man sich dabei was verrenkt? Wir überschlagen uns aber vor Begeisterung, wenn ein Promi kokettiert, noch ein bisschen Kind zu sein. Schnapsideen? Wir sind Abstinenzler und wollen unser dröges Leben ja möglichst lange leben. Fünfe bleiben ungrade. 2 x 3 macht 6 – widewidewitt – und 3 macht Neune. Nichts „Neues aus Uhlenbusch“. Die alte Leier: „Der Hahn legt keine Eier“.

16/08/2012

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