Author: Matthias Schumacher | Date: 7. August 2012 | Please Comment!

Wie nähert man sich einem Übermächtigen? Sich verneigend, ehrerbietend oder frech aufmüpfig, seine Größe anzweifelnd, herunterspielend? Die Größe eines Schriftstellers misst man am besten fern der Jubiläen, zu denen Verlage besonders nach Auflage schielen und Mittelgroße zu Riesen aufblasen, die – wenn der Hauch eines Zweifels über sie hinwegzieht – zusammenfallen wie ein Soufflé. Hermann Hesse hält noch immer allen Stürmen stand, jedes Wanken, Straucheln, jeder Bruch, der frühe Selbstmordversuch, die Aufschreie und Befreiungsversuche aus bürgerlicher Enge – alles ist dokumentiert. Nichts kriegte ihn klein.

Das Nachzeichnen seiner Lebens-, selbst seiner Wanderwege hat mal wieder Konjunktur. Jener, mit dem man auf „Morgenlandfahrt“ am Blautopf, auf Suche nach dem Ich in Indien oder im Karzer des Klosters Maulbronn war, ist allgegenwärtig, doch unerreichbar. Er lehrte uns: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ So laufen viele ihm nach und gehen mit ihm in sich. Es ist nicht die schlechteste Richtung und vielleicht die einzige in ein bessere Welt. Welcher Dichter war so erfolgreich selbstsuchend wie Hermann Hesse und welcher Dichter hat dabei so tief in unsere Herzen gefunden?

Wie nähert man sich einem, der so viele berührt hat, der so individualistisch war, dass sich Abermillionen auf der Welt in ihm erkannten, mit ihm verbündeten? Viele wissen früh, wo sie im Leben hin, was, wie, wer sie sein möchten. Viele haben in der Jugend eine Lehre hingeworfen und eine andere nur widerwillig über sich ergehen lassen, doch kaum jemand war so radikal, so „ich“ im Späteren. Der lange Atem ist nicht jedem gegeben. Nicht jedes Nein in Stein gemeißelt. „Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle.“ Ein Zitat, das so oder verkürzt in kaum einer Hesse-Besprechung zum 50. Todestag fehlt. Sein „Kurzgefasster Lebenslauf“ aus dem Jahr 1929 offenbart die „Abgründe“, die es zu überwinden galt. „Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein: das heißt als Dichter erfolgreich und bekannt zu sein, meistens war man leider dann schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande […] Dichter war etwas, was man bloß sein, nicht aber werden durfte.“ Hesse fand seinen Weg.

Scheitern ist nur auf dem Weg möglich. Die meisten fügen sich in von anderen vorgezeichnete Wege, mögen Sie steinig sein, voller Mühsal und Selbstaufgabe fordernd. Viele lassen sich ihre Jugendträume aus dem Kopf schlagen, lernen etwas „Anständiges“ und sterben anständig. Ihr Leben krönt ein Grabstein mit der Aufschrift „unvergessen“. Die Friedhöfe sind voll von Unvergessenen, an die sich niemand erinnert. Auf Hesses Grabstein steht allein sein Name, Geburts- und Sterbetag.

Hesse hat rebelliert und war erfolgreich dabei. Auch deshalb ist er für Abermillionen Menschen der Inbegriff der Sehnsucht nach sich selbst, einer Sehnsucht, die wir alle unterschiedlich stark ausgebildet in uns tragen, die wir aber freizulassen, zu leben, selten fähig sind oder nicht den Mut haben. Hesse ist der Bruder aller Leidenden und Unterdrückten in einer vermeintlich geordneten Welt, die nur mit Unterordnung funktioniert; ein Freund jener, die nur bei der Lektüre aus ihren Bahnen können. Doch er war kein Stern, der sich losgelöst von allem im Raum bewegte, der sich nicht an die Naturgesetze hielt. Hesse war in Wut und Verzweiflung verwurzelt, der heute wie eingangs erwähnt als übermächtig Wahrgenommene, oft ein Ohnmächtiger, ein Menschenkind, das sich mit dem Menschsein schwer tat. 32jährig schrieb er in einem Brief: „Ich bin ein Dichter geworden, aber ein Mensch bin ich nicht geworden. Ich habe ein Teilziel erreicht, das Hauptziel nicht. Ich bin gescheitert.“

Hesse war Idealist und darum ein Phantast. Das Leben ist nicht so. Nicht alle können tun, was sie wollen. Nicht alle können, was sie gern würden. Dem Sohn eines deutsch-baltischen Missionars und einer schwäbisch-welschschweizerischen Missionarstochter war ein überragendes Talent in die Wiege gelegt, ein Talent, das etwa die meisten Bewerber bei „Deutschland sucht den Superstar“ nicht haben. Doch man hört es immer wieder, dass ihnen schon seit frühester Jugend das eine klar war: Popstar oder nichts werden zu wollen. Aber soll man es trotz Piepsstimme nicht wenigstens versuchen?

Hier berührt uns Hesse, stupst: Tu es! Geh, fall, steh auf, geh weiter… „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – sein Gedicht „Stufen“. Diese Art Ermutigungen von jemandem, der alle Ängste und Tiefen kannte, seine Romane, Erzählungen und 1200 Gedichte, sind so urmenschlich, so international und zeitlos, dass ihre Botschaft auch heute noch allerorts verstanden wird. In jedem Jahr werden allein bei Suhrkamp bis zu 400.000 Hesse-Titel verkauft. Die Weltauflage liegt derzeit bei etwa 150 Millionen. Überall gibt es Träume, die nur geträumt, Leben, die nie gelebt werden. An jedem Ende der Welt unerhörte Liebe, sexuelles Verlangen, Schuldgefühle,  Außenseitertum und Einsamkeit, Krisen – unterbrochen von aufflackerndem Glück.

Ob in „Unterm Rad“ oder im „Demian“, ob im „Glasperlenspiel“ – Hesses Charaktere gehen ihre Wege und Hesse zeigt wie kein Zweiter die Schatten am Wegesrand, die Zweifel und bitteren Nöte… Und verdammt noch mal, keiner schaffte es wie er, Liebgewonnene jäh aus dem Leben zu reißen! Der unerwartete Tod ist eine von Hesses besonderen Spezialitäten, er lässt uns wie „Peter Camenzind“ mit Flüchen und Weinen zurück. Millionen warf Richards Tod aus der Bahn. Aus der Bahn ist man meist ganz nah bei sich. Hans Giebenrath ließ Hesse ebenfalls ertrinken, Magister Knecht erging es nicht anders.

Hesses Schreiben ist wie ein Versuch, uns das Radfahren zu lehren. Erinnern Sie sich, wie Ihr Vater versprach, Sie festzuhalten? Erinnern Sie sich, wie Sie mit der Sicherheit seiner Hand am Sattel die ersten Meter fuhren, wie Sie anhielten und strahlend zurückblickten, voller Stolz über Ihre Gemeinschaftsleistung? Da stand, weit, weit hinter Ihnen Ihr Vater und lachte. Sie waren allein gefahren. Ihr erster eigener Weg. Ein kleiner Betrug, ein gebrochenes Versprechen. Eine Illusion am Ende. Unvergesslich doch und so unendlich viel Selbstbewusstsein aufbauend.

Hesse ist Sattelhalter und Aus-dem-Nest-Schubser zugleich. Ein gutes Gefühl gibt er, selbst in der Verzweiflung, wenn wir gefallen sind, er spendet den Trost, nicht als erster und nicht allein gefallen zu sein.

Doch alles hier Geschriebene ist lediglich eine Interpretation, Gedanken und Empfindungen eines Autors, eines Mannes, der in vier Jahren 40 wird, der seinen Weg eingeschlagen hat, an ihm verzweifelt und in ihm Erfüllung findet. Hesse hat mich immer begleitet und an diesen Zeilen hat auch ein wenig er Schuld. Auf der „Nürnberger Reise“ glaubte ich, eine Seelenverwandtschaft zu ihm entdeckt zu haben. Seine Arbeitsweise des Müßiggangs ist mir näher als die eines Thomas Mann, „der seine Arbeit so treu und gediegen leistet.“ Seine oft volksliedhaften Gedichte, die dieser Tage wieder im Schatten seiner Romane stehen, sind mir wie ihm näher als moderne Prosadichtung, deren Kunstfertigkeit sich darauf beschränke, „dass man nach je zwei, drei, vier Worten eine neue Zeile beginnt.“ Nein, an Grass‘ „Was gesagt werden muss“ hätte auch Hesse keine Freude gehabt. Hesse, ich – Parallelen, die sich in irgendeiner Unergründlichkeit treffen und – in jedem Wortsinn – berühren. Irgendwo bei Hesse kann sich jeder erkennen.

Die Frage ist beantwortet. Wir müssen nicht ins Tessin, müssen nichts bei Wikipedia nachlesen, können die Literaturkritik, die Aufsätze und was man uns in der Schule über diesen Sonderling beizubringen versuchte, ignorieren. Selbst diesen Artikel. Hesse ist in uns. Näherungsversuche zwecklos, nutzlos. Er ist nicht das Ziel, wir sind es. Wenn wir in uns gehen, sind wir ihm nah. Das riecht nach religiöser Transzendenz und will doch nur sagen: Sei wie Du willst, dann bist Du wie er sein wollte – er selbst. Sich an einen Namen, ein Idol zu hängen, bringt nicht weiter. Es führen alle Wege nach Rom und viele in uns. Was nutzt es, sich an einen Wegweiser mit dem Schriftzug „Rom“ zu klammern? Selber gehen! Die Angekommenen, die sich am Ziel wähnen, sind verloren und werden Hesse nicht bemühen.

Jede über sein Werk hinausgehende Annäherung wäre ihm, dem menschenscheuen Vegetarier, Kleingärtner, Nacktkletterer, dem Eremiten Hesse ohnehin ein Gräuel gewesen. Am Tor zu seinem Domizil in Montagnola hatte er ein Schild mit der Aufschrift „Bitte keine Besuche“ angebracht. Wie vielen Größen haftet Hesse der Ruf an, nicht sonderlich sympathisch gewesen zu sein, es muss uns also nicht betrüben, ihm nie persönlich gegenüber gestanden zu haben. Und wenn wir, die wir uns verwandt und ihm ähnlich fühlen, tatsächlich ein wenig wie er sind, wäre er sicher froh, dass wir ihm erspart blieben.

07/08/2012

 

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