Author: Matthias Schumacher | Date: 13. Juni 2012 | Please Comment!

Kommentar von Matthias Schumacher zum Zusehen des lieben Friedens willen.

Was hat Julia Timoschenko, das syrische Kinder nicht haben? Was hatte Wulff, das sie nicht hatten? In den vergangenen Monaten schien uns vieles wichtiger als die Massaker in Homs oder Hula. Nun wurde ein UN-Bericht veröffentlicht, in dem von Kindern als Schutzschilde berichtet wird. Am selben Tag hat Bundespräsident Gauck die Auslandseinsätze der Bundeswehr gewürdigt. Irgendwie passt das zusammen. Vielen wird das nicht passen.

Nun ist es ja nicht so, dass wir sagen könnten, von all den Gräueltaten nichts gewusst zu haben. Das hat früher schon nicht funktioniert und heute schon gleich gar nicht mehr. Denn berichtet wurde über die Entwicklungen in Syrien, nur weiter hinten. So prominent und dauerhaft wie in den letzten Tagen waren die Schlagzeilen über den Bürgerkrieg bei uns noch nie platziert. Das vergeht wieder. Es hat etwas von Sushibar. Das Karussell der Konflikthäppchen ist immer in Bewegung, wir greifen uns was raus und ziehen uns was aus Afghanistan oder Irak rein. Dann rasch weitergedreht, bevor uns übel wird. Aus den Augen, aus dem Sinn. Möglichst weit weg. Neues muss her! Man kann wirklich nicht sagen, dass wir in Sachen Syrien lange weggesehen haben, wir haben nur nicht so genau hingeschaut. Das ist ein feiner Unterschied, der keinen Unterschied in der Zahl der Toten, Geschändeten, Verletzten macht. Krieg ist schon doof, gut, dass wir damit nichts zu tun haben, denken wir und gehen zur Tagesordnung über. Man soll sein Leben ja nicht aufgeben, niemand von Verstand will das. Wir finden das aufrichtig schlimm, was da passiert. Aber bei unserer Geschichte?

Apropos Verstand und Geschichte: Wenn uns Bilder und Meldungen erreichen, wie nun vermehrt aus Syrien, schreit unser kollektives Bewusstsein reflexartig „Nie wieder Krieg!“ Dieser Ausruf, den wir zugleich als Versprechen und Forderung meinen, geht auf Kurt Tucholskys Gedicht „Drei Minuten Gehör“ aus dem Jahr 1922 zurück. Käthe Kollwitz und eine ganze Bewegung haben diese Worte aufgegriffen und weitergetragen. Sie sind auch schön griffig, passen auf jedes Plakat und wirken so fantastisch zeitlos. Wir haben diese Schlusszeile in uns aufgesogen. Ende der 30er bis Mitte der 1940er Jahre pausierten zwar bekanntermaßen viele Deutsche damit, aber dann meinten wir es wirklich ernst.

Franz Josef Strauß positionierte sich deutlich: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen.“ Das war 1949. 26 Jahre später äußerte sich Strauß dazu wie folgt: „Die Äußerung, die mir hier in den Mund gelegt wird, ist nur im Zusammenhang zu verstehen, so wie ich ihn oft dargelegt habe: Dass nämlich jeder Staatsmann, der zum Gewehr greift, um damit seine politischen Ziele durchzusetzen, und ich meinte damit Hitler mit dem Angriffsbefehl gegen Polen, die Hand abfallen soll.“ Willy Brandt formulierte den Satz der Friedensbewegten schlechthin „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.“ Das ist richtig. Das muss weiterhin gelten. Doch scheint dieser Satz von manchen interpretiert zu werden wie „Von deutschem Boden darf man bei jedem Krieg zusehen.“

Brandt wie Strauß ließen die Möglichkeiten militärischer Interventionen offen. Das ist pragmatisch und nicht so verbohrt ideologisch wie jene, die diese Aussagen missbrauchen und am Ende sogar durch Untätigkeit dazu beitragen, dass weiter gemordet wird und Despoten ungeschoren davonkommen. Unterlassene Hilfeleistung. Krieg. Ja bitte? Die richtige Antwort müsste lauten: Wenn es sein muss, militärisch eingreifen, ja! Vielleicht müsste es jetzt sein. Doch Russland und China… Was, wenn sie einknicken? Wären wir bereit?

Drohkulissen funktionieren jedenfalls nur, wenn dahinter die Bereitschaft erkennbar ist, wirklich einzugreifen. Appelle an die Vernunft greifen nur bei Vernunftbegabten. Und wir? Die Mehrheitsbevölkerung lehnt Auslandseinsätze ab. In Afghanistan würde noch immer kein Mädchen zur Schule gehen und Menschenrechte würden weiterhin mit Füßen getreten. 3000 Soldaten und vielen Zivilisten hat dieser Ausschnitt der neuen Freiheit das Leben gekostet. Der Weg hat begonnen. Was ist uns die Freiheit anderer wert? Ist sie das wert? Der Traum von der Konfliktlösung allein mit diplomatischen Mitteln lebt. Und in Syrien träumen viele von einem gewaltlosen Leben in Freiheit. Von einem Leben ohne Assads Regime und seine Schergen. Muss man nicht helfen, wenn es nicht aus eigener Kraft geht? Ein Einsatz für die syrische Bevölkerung wäre kein Einsatz, bei dem es insgeheim um Öl oder andere Rohstoffe ginge. Ein starkes Zeichen.

Nein, wir drücken uns nicht vor der Verantwortung. Gibt aber immer Wichtigeres als Krieg. Die EM, das Betreuungsgeld, Gottschalk ist im Vorabend verglüht. Krieg? Lasst uns bloß damit in Frieden! Was macht der Konflikt in Myanmar? Was der Krieg in Somalia? Ganz ruhig, das Karussell dreht sich weiter. Bald gibt’s wieder Häppchen. Und jeden Tag verhungern 10.000 Kinder.

Anm. d. Verf.: Ich habe mich entschieden, in diesem Kommentar auf jegliches Bildmaterial mit Toten, Verletzten und traurigen Kindern zwischen Trümmern zu verzichten. Einerseits aus ethischen Gründen, zum anderen, um nicht inszenierter Propaganda der einen oder anderen Seite aufzusitzen. Bei der Fotocommunity flickr finden sich unter den Suchbegriffen „homs, child“ u.ä. zahlreiche Aufnahmen, die das Grauen in Syrien zu belegen scheinen.
Die Gräuel sind real, auch wenn Fotos aus Kriegsgebieten immer mit größter Vorsicht und Skepsis zu betrachten sind. (ms)

 

13/06/2012

Comments are closed.