Author: Matthias Schumacher | Date: 2. Mai 2012 | Please Comment!

SAT.1, ARD, SAT.1, Sky. Danach bleibt ihm nur noch das Internet.
Matthias Schumacher rät Harald Schmidt ab und sagt dem deutschen Fernsehen die Zukunft voraus.

Harald Schmidt (Foto: Matthias Schumacher / Quelle: SAT.1

Dass kaum jemand zusieht, heißt nicht, dass etwas im Fernsehen schlecht ist. Manchmal ist es nur schlecht platziert wie ein Blumenkohl im Supermarktregal neben den Damenbinden. Manchmal weiß man etwas nicht zu schätzen oder versteht es nicht, weil es einem zu hoch ist. So erklären sich arte und 3sat. Manchmal kann man es aber einfach nicht mehr sehen. Darum geht Harald Schmidt nun zum Premiere-Nachfolgesender Sky und wird verschlüsselt. Wer nicht zahlt, kann Schmidt fortan nicht mehr zusehen bei dem, was er seit 1995, unterbrochen von kleineren und größeren Kreativpausen, mal dort, mal da gezeigt hat.

Wenn wir bisher fragten »Hast du gestern Abend Schmidt gesehen?« und das Gegenüber «Nein« antworte, so wird es künftig wohl mit »Nein« antworten. Der feine Unterschied zwischen Nicht-sehen-wollen-aber-können und Nicht-sehen-können-und-nicht-wollen spielt keine Rolle. Die verschwindend geringe Zahl derer, die Schmidt sehen wollen und nun nicht mehr können, entspricht exakt jener Zahl, bei der sich für Fernsehschaffende der Boden auftut. Man fällt, manchmal bleibt man irgendwo hängen. Wie Harald Schmidt hängenblieb. An der ARD, dann aber zu SAT.1 zurückgespielt wurde und nun weiterfällt zu Sky. Danach bleibt ihm nur noch das Internet. Vielleicht wird er eines Tages selbsterstellte Videos bei YouTube hochladen und bloggen, wie so viele Profilneurotiker, die sonst nichts geschossen kriegen oder ihre Sachen für Geld nicht loswerden.

Nüchtern betrachtet ist der Wechsel zu Sky nichts weiter als das: ein Wechsel. Einer der allein interessant wird durch die Person Schmidt. Die Bedeutung von Schmidt erkennt man besonders gut daran, dass zwar nur noch 500.000 Menschen seine Show verfolgten, aber seit Bekanntgabe des vorzeitigen Endes bei SAT.1 gefühlt 500.001 Journalisten dazu etwas zu schreiben wissen. Es scheint, als habe Schmidt in den vergangenen Jahren nur noch für die Presse und Verlagshäuser gesendet und gespielt. Detailliert wird über Vergangenes berichtet. Und warum die Show, die den Bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Fernsehpreis, die Goldene Romy und zweimal den Grimme-Preis bekommen hat, nicht mehr sehenswert ist, weiß niemand so recht. Sie habe sich überlebt, lautet der Grundtenor derer, die Schmidt weg haben wollen. Besseres ist kaum jemandem eingefallen. Mag was dran sein. Die Fürsprecher haben nicht wirklich bessere Argumente, dennoch wollen sie ihn behalten. Weil er anders ist. Das ist die Verehrerfraktion, die zwar auch selten reinschaltet, ihn aber vergöttert.

Das Bekenntnis zu Schmidt ist ein religiöses. Ja oder nein. Man glaubt nicht wirklich mehr an ihn, aber es bestehen Zweifel, dass es in Zukunft ohne ihn gehen wird. Schmidt schuf die wochentägliche Late Night Show für Deutschland und man sah ihr manchmal an, dass er sich statt sieben Arbeitsstunden keine sieben Sekunden darüber Gedanken gemacht hat, wie sie aussehen könnte. Heute Meisterwerk, morgen solides Handwerk, übermorgen Bergwerk, das unterirdischer kaum sein konnte. Der Gastgeber war in alldem immer erkennbar, die Harald Schmidt Show immer schmidtsch.

Er war einer mit dem rechnen konnte und er war nie so ganz durch wie manch anderer der Branche. Er hat’s gebracht und wenn das Ende nahte, brachte er es besonders gut. So war es bei SAT.1, so ist es nun wieder bei SAT.1 gewesen. Er war oben, unten und auf dem Traumschiff, einem Ort jenseits von gut und böse. Aber erfolgreich. Er hat mit Herbert Feuerstein die Schallmauer durchbrochen, mit Manuel Andrack die Reiseflughöhe erreicht und mit Pocher eine Bruchlandung hingelegt. Und ist davon weitgehend unbeeindruckt einfach weitergeflogen. Unaufhaltsam. Im Aufstieg wie im Sturz.

Vorzuwerfen ist ihm am Ende seiner Zeit im Öffentlichen allenfalls, dass er in den 90ern »Verstehen Sie Spaß?« nicht tief genug versenkte und dass er geht, aber Spaßvogelscheuche Guido Cantz durch Schmidt weiterhin sein Unwesen treiben kann. Irgendwann aber wird es ein großes Aufräumen geben und dann wird man sehen, dass Schmidt nicht weg-, sondern nur vorgegangen ist. Gottschalk folgt ihm schon bald, weil man gesehen hat, wie wenig Moderator noch 20 Jahren »Wetten dass..?« von ihm geblieben ist. Andy Borg wird es treffen, eines Tages schließt jeder Musikantenstadl. Bei den Privaten wird künftig noch schneller abgesägt, denn eine Erfahrung wie mit Schmidt wird nicht zu größerer Experimentierfreude und Geduld führen. Mit Schmidt sind alle Dämme gebrochen. Niemand ist mehr zu halten. Rette sich, wer kann!

Es wird ein munteres Personalkarussell rotieren. Senderwechsel, die heute noch spektakulär scheinen, werden Tagesgeschäft und nur noch Randnotiz sein, weil es große Namen, die über 16 Jahre ein Format tragen, die uns vertraut sind, nicht mehr geben wird, geben kann. Die Zeiten sind andere als 1995. Sie sind heute schon anders als gestern. Dieser Allgemeinplatz bestimmt künftig den Sendeplatz. Sich rasant verändernde Sehgewohnheiten bestimmen, was läuft und wie lange. Doch die Sehgewohnheiten sind wie die meisten Gewohnheiten antrainiert, anerzogen. Und es sind nicht immer die besten Gewohnheiten. Schlechter Geschmack gehört dazu. Die Frage, ob gute Qualität noch vom Zuschauer erkannt wird, muss gestellt werden. Und sie kann gleich wieder vergessen werden. Denn Fernsehen macht man nicht mehr fürs Publikum. (Außer das Traumschiff.) Das spürt der Zuschauer und kämpft sich durch den Brei, der ihm da ins Wohnzimmer geschleudert wird. Mit etwas Glück bleiben dann 4 Millionen Menschen zur Primetime gleichzeitig irgendwo kleben, etwa bei DSDS. Was schon als Erfolg gefeiert wird. Ist es nicht eher ein Mangel an Alternativen?

Die Branche ist heute schon hektisch, wenn etwas nicht so richtig läuft. Morgen wird es nicht besser sein. Man kann sich wünschen, dass wieder Mut und Kreativität ins Fernsehen einziehen, aber damit wird es wohl nichts, weil keiner gern die Handbremse zieht, wenn alle rennen. Da rennt man lieber mit. Die Letzten werden die Letzten sein. Lieber für eine Staffellänge Sülze-TV Erster! Abgreifen, nächstes Format. Ob etwas gut ist, entscheidet die Quote. Derzeit wird verstärkt auf »Erfolgsserien aus den Vereinigten Staaten« gesetzt, womit sich ganze Senderfamilien über Wasser halten und wer sich wundert, warum mancher beim Anblick von Schwulen und Transsexuellen die Nase rümpft, findet einen Teil der Antwort bei Detectiv Stabler, der mit seinen engagierten Kollegen zur New Yorker Sondereinheit für Sexualverbrechen gehört. »Law & Order: Special Victims Unit«.

Wir werden vom amerikanischen Fernsehen geprägt. Mehr als uns lieb sein sollte. In Moralvorstellungen und Gerechtigkeitsgefühl. Nicht dass uns amerikanisches Fernsehen näher wäre als britisches, italienisches, nicht weil es besser ist als das osteuropäische, indische, asiatische, russische, es hat lediglich bei uns Tradition, gilt als schicker als Produktionen aus Österreich und wird den Sendern offenbar günstig im Paket angeboten. Dass unsere Lebenswirklichkeit kaum etwas mit der dort dargestellter Charaktere zu tun hat, stört niemanden. Und so identifizieren sich Karlsruher Hauptschüler mit kalifornischen Highschool- oder Collegeabsolventen und Detmolder Hausfrauen mit den »Desperate Housewives«. Es ist erstaunlich, dass US-Serien funktionieren, Late Night hingegen, ein uramerikanisches Format eher weniger. Und Commercial Breaks mögen wir auch nicht. Sind wir nun anders als die oder nicht? Wir werden es nie erfahren, wenn wir uns weiterhin mit dem begnügen, wozu hierzulande Produzenten der Mut fehlte oder die klugen Köpfe. Es gab einmal große deutsche Vorabendserien und die sogenannten Weihnachtsserien, von denen viele noch heute schwärmen. Inzwischen ist der Vorabend tot.

Mit Eigenproduktionen, Ideen, Idealen und gutem Geschmack könnte man einiges… bei Geschmack fällt den Sendern heute nur eines ein: Kochshow. Dazu Promis, Hunde, Pseudo-Dokus, die größten Dings, die dicksten Bums.

All das hat Harald Schmidt geboten. Formate im Format. Skizzenhaft. Angespielt und totgeritten. Von den »Weisheiten des Konfuzius« bis hin zu den »Klassikern des Herrenwitzes«. Vieles was irgendwo versendet wurde, nahm er aufs Korn und unter die Lupe, nichts war ihm heilig. Und wenn alles so kommt, wie es sich andeutet, bekäme er künftig noch allerlei Futter.

Warum dieser Nachrufton? Er geht nur zu Sky! Und dann?

Diese Geschichte mit dem Internet sollte sich Schmidt, so er sie erwägt, weil er fest davon überzeugt ist, dass die Welt ihn braucht, noch einmal gründlich überlegen. Im Internet gibt es schon alles. Im Internet kann man nix verdienen. Im Fernsehen schon und im ZDF war er noch nicht. Vielleicht läuft »Wetten dass..?« mit Lanz so gut, dass der seine tägliche Talkshow einstampft und dann könnte…

»Himmel auf Erden«, wie Harald Schmidt, der Katholik, seinen neuen Arbeitgeber nennt – vielleicht ein Ort der Auferstehung.
Wir werden es sehen, wenn wir bezahlen

02/05/2012
mit Updates 

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