Author: Matthias Schumacher | Date: 20. April 2012 | Please Comment!

Matthias Schumacher schaut ins Flachland der deutschen Kultur- und Medienlandschaft und stößt sich am Horizont des Publikums und am fehlenden Mut, darüber hinauszugehen. Eine weit ausgeholte sanfte Watsche im großen Bogen über BILD, Tipitipitipso und Hossa – mit © und Grips. Ein Essay.

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Keine BILD-Zeitung mit einer Reichweite von 12 Mio. Lesern ohne 12 Millionen BILD-Leser, keine SPIEGEL-Bestsellerdauerplatzierung von Eckhart von Hirschhausens »Glück kommt selten allein«, kein vorprogrammierter Charteinstieg des nächsten RTL-Superstars ohne das bereitwillige seichte deutsche Publikum. Wer als Kreativer überleben will, gibt ihm, wonach es lechzt.

Das BILDblog nimmt seit acht Jahren vor allem das Treiben des Springer-Riesen auseinander, korrigiert, kritisiert, klärt auf. Der Literaturkritiker Dennis Scheck ließ Hirschhausen bereits vor zwei Jahren in »Druckfrisch« die Rampe runterrollen. Aktuell belegt der Dr. mit seinem Beglückungsbuch beim SPIEGEL Platz 7. Und es wird schwer, einen Journalisten zu finden, der sich nicht in irgendeiner Weise an DSDS abgearbeitet hat. Die Quote sinkt in der neunten Staffel. Ein natürlicher Prozess. Sonst blieb das Publikum von Kritikerstimmen weitgehend unbeeindruckt und die Applaussammler machen weiter wie gehabt.

Deutschland hat ein mutloses Fernsehen, eine Radiolandschaft mit den jeweils größten Hits der letzten 30 Jahre, eine eingefahrene Zeitungslandschaft, Verlage, die Bücher rausschleudern wie Bananen Fred seine Früchte auf dem Hamburger Fischmarkt. Pseudorebellische Autoren, Musiker, die liefern müssen, was sie immer lieferten, Schauspieler, die festgelegt sind, Blogger, die sich im Kreis drehen… weil es das Publikum so zu wollen scheint. Es ist nicht dumm, es ist bequem und darum verdummungsanfällig.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Viele Künstler wissen um den beschränkten Horizont des deutschen Publikums und liefern brav ab, was man von ihnen verlangt, auch wenn es sie quält. Da war Roy Black, der rocken wollte und sich gezwungen sah, Weichgespültes runterzusingen, da war Romy Schneider, in der viele Deutsche bis heute die Sissi und nicht das sehen, was sie war – eine Schauspielerin von Weltrang.

Da waren jene, die sich arrangierten, etwa Peter Alexander, der Entertainer, der Jazzer, der den Schwiegermutterliebling gab, da war auch eine Caterina Valente, die wie jüngst in der ARD noch einmal gesehen, ein Star mit einem festen Standbein im amerikanischen Showbusiness war und sich zwischen New York und Las Vegas den Wolf sang und steppte, doch wenn sie nach Deutschland kam zum braven Schlagerlamm mutierte. So liebte Deutschland die Valente: Tipitipitipso! Und nun stellen Sie sich ein Klassikkonzert mit Tony Marshall vor, dem ausgebildeten Opernsänger, Klassik ohne »Schöne Maid«. Fluch oder Segen?

Gefangen im Markenzeichen. Zu versuchen, etwas gegen den Geschmack des Publikums durchzusetzen, scheint hierzulande unmöglich. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass man dann einen großen Teil des Publikums verliert. Wer kann so etwas wollen? Doch gegen das Publikum muss es ja gar nicht sein. Versuche, das Publikum auf Neuland mitzunehmen, scheitern allerdings an der Bockigkeit und den Gewohnheiten der Masse. Nur von der Masse kann man aber leben. Oder von wenigen, die bereit sind, viel zu zahlen. Häufiger scheitern derlei Experimente aber wohl doch an der Mutlosigkeit der Macher. Es gilt: Experimente vielleicht, aber bloß keinen verschrecken! Nummer sicher. Vielleicht ein neues Studio, ein Loft in Berlin, Internet einbinden, ein teuer eingekaufter blondgelockter Moderator…

Natürlich will der Künstler leben, von dem was er tut, doch vielen geht es auch um die Anerkennung und ganz simple um das Gefühl, geliebt, ernst genommen und anerkannt zu werden. UND: Darum etwas zu sagen. Dazu bedarf es offener Ohren und der Bereitschaft des Publikums, sich einzulassen. Mancher Künstler ist in seinen Fähigkeiten so beschränkt, dass er froh ist, das unters Volk bringen zu können, was es von ihm will. Doch mancher ist sturzunglücklich, wenn das Publikum zum zehntausendsten Mal »Hossa« fordert. Wer nicht »Hossa« gibt, dem rennen die Leute davon. Und andere, die »Hossa« nie mochten, hören beim neuen Tra-la-la schon gar nicht hin. Denn das ist ja der mit dem »Hossa«, war der mit dem »Hossa«. Ein Dilemma. Die Psyche des Künstlers und der Irrsinn des Publikumsgeschmacks wird auch in der gerade mal wieder hochgeschaukelten Urheberrechtsdebatte außen vor gelassen.

Der Künstler heute kuscht oft und bedient die Massen. So ist der Massengeschmack zum Non plus ultra geworden, zum Maß der Dinge, zum Mittelmaß. Hin und wieder reißt einer nach oben aus, aber der wird schnell wieder geerdet, wenn die Einnahmen zurückgehen und die Existenz bedroht ist, was bei Künstlern oft einer Seelenverbrennung gleich kommt.

Das Künstlerwesen
Künstler werden ist nicht schwer, Künstler sein… 

Im Augenblick wird also wieder manches über Urheberrechte geschrieben und ein gewisser Zirkel interessiert sich auch dafür. Doch das Wesen des Künstlers, das individuelle Wesen bleibt außer Acht. Zwänge, Nöte, Ängste, der innere Drang und welch ein Frevel es wäre, wenn ein weiteres Talent verkümmert, spielt keine Rolle. Auch dreht es sich allzu oft um klassische Autorenrechte, um Honorare oder Tantiemen. Musikrechte. Nutzerrechte. Gelegentlich dreht es sich um wissenschaftliche Arbeiten. Von Fotografen, Videokünstlern, Malern, Drehbuch- oder Bühnenautoren oder Verfasser anderer Gattungen, von Regisseuren usw. wird kaum geredet. Die Lage von Künstlern, die ich vor Jahren schon ansprach, hat sich kein Stück verbessert. Das Gagendumping bei der Nachwuchsförderung und Debütfilmen anzuprangern, überlassen wir weitgehend Vereinen. Der Komplex ist gewaltig, es geht um Freiberufler wie Angestellte, um Ideale und Marktwirtschaft. Autoren haben es am leichtesten, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. In Print- und Onlinemedien wird nun über Geld geschrieben. Vornehmlich übers Geld von Autoren. Künstlersolidarität scheint es kaum zu geben. Jeder kämpft für seinen Bereich. Urmenschlich und doch am Ende zu kurz gedacht.

Zum Gelde drängt alles

Es sollte es ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein, jene, die uns unterhalten, aufrühren, berühren, die uns inspirieren bis schockieren vernünftig zu entlohnen. Wer aber nach dem Staat schreit, schreit ins Leere. Die Kassen sind leer und gefördert werden seit Jahren fast ausschließlich große Namen, die ganz laut schreien und genügend mediale Aufmerksamkeit erzielen können.

Wir müssen auch über Eintrittspreise reden, darüber, ob wir bereit wären, ein oder zwei Euro mehr auszugeben, auch um Stücke oder Filme mitzufinanzieren, die vielleicht nicht den Mainstream bedienen, aber doch künsterisch wertvoll sind. Die Geiz-ist-geil-Kultur hat fatale Auswirkungen auf unser kulterelles Erbe. Denn es kann nicht in unserem interesse liegen, nur noch Massentaugliches zu schreiben, aufzuführen, zu senden. Auch hier endet bei vielen Kulturkonsumenten der Horizont.

Nun wird ja viel ungefragt veröffentlicht und es wäre leicht, die Hoffnung, damit etwas zu verdienen, mit den Worten abzutun: »Selbst schuld, soll er es doch lassen!« Dann wären die Inhalte dieser Website ungeschrieben. Und wenn jene, die kaum etwas mit ihrer Kreativität verdienen, auch nur einen Tag streiken würden, wäre es sehr sehr still im Netz, auf den Bühnen, im Wort- und Darstellungsbetrieb.

Es wird konsumiert, aber kaum gezahlt, Werbung, die Internetangebote finanzieren soll, wird rigoros ausgeblendet, Bezahlbuttons wenig geklickt. Und am Ende geht der Autor, der Künstler den Weg des geringsten Widerstandes, weil er weiß, dass er von seiner Kunst nicht leben könnte, und produziert Gefälliges, was massenhaft gelesen und eingeschaltet wird, für das die Menschen zu zahlen bereit sind. Möchten Sie in einer solchen Welt leben?
Nur noch Hirschhausen, DSDS und BILD?

Mehr Grips – Bis hinterm Horizont

Wie wäre es mit Grips? Berlins weltberühmtes Theater kann sich Aufführungen für Kinder und Jugendliche nicht mehr leisten»Trotz anhaltender künstlerischer Erfolge, umjubelter Premieren, hoher Auslastungszahlen, extremer Sparmaßnahmen und permanenter selbstverfügter Haushaltssperre ist eine Insolvenz des überschuldeten GRIPS Theaters unvermeidlich…« Wir haben noch gar nicht über Strukturen geredet. Wir haben das Problem noch gar nicht als Ganzes erfasst. Die meisten kochen an ihrem eigenen Süppchen.

Es steht zu befürchten, dass die neue Welle der Urheberrechtsdebatte das bleibt, was sie schon immer war: Ein Aufbäumen und baldiges Abebben.
Wir reden über Rechte. Wir müssen auch über Qualität reden, reden über kulturelles Verständnis, Selbstverständnis und über das, was etwas wert ist, auch wenn es nicht jeden anspricht. Reden wir über Engagement. Über Mut. Reden wir mal über Bereitschaft und über unsere Horizonte hinaus!

20/04/2012

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