Author: Matthias Schumacher | Date: 6. April 2012 | Please Comment!

Wann sind wir so sorglos geworden, so unbeschwert und freigiebig mit dem Recht auf Atomwaffen? Fragt Matthias Schumacher am Rande des Wirbels um Günter Grass. Ein Kommentar

Er scheint allein auf weiter Flur. Die ihm mit einem Fuß beispringen, stellen ihm zugleich mit dem anderen ein Bein. Man kann so einen nicht davonkommen lassen! Solchen Typen keinen Boden! »Gleichschaltung!« ruft Grass und im Gleichklang antwortet der Chor aus Experten, Journalisten und Nazijägerin »Von wegen!«

Wer Israel kritisiert, fällt schnell im Ansehen. Hierzulande wiegt Vergangenheit besonders schwer. Und noch schwerer bei dem, der selbst eine hat. Wer mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS war, setzt noch 67 Jahre später mit einer Kritik an der Führung Israels seinen noch so guten und hart erarbeiteten Ruf aufs Spiel. Da kann noch so viel in den bald sieben Jahrzehnten passiert sein, da kann man noch so oft das Existenzrecht Israels und das Recht zu dessen Selbstverteidigung unterstrichen haben.

Aber was ist das eigentlich, ein Verteidigungsrecht? Was ist wann angemessen? Allein in Israel vermutet man, offizielle Zahlen gibt es nicht, bis zu 170 Kernwaffen, 80 gelten als gesichert. Leichtfertige meinen, da kommt es auf das eine U-Boot, mit denen sie abgeschossen werden können, gar nicht mehr an. Und Deutschland, gerade Deutschland, müsse eben in besonderem Umfang helfen, diesen Staat zu schützen. Mit Rat und Tat und Waffen. Man kann das für selbstverständlich halten, für folgerichtig und damit alle Bedenken fortwischen. Was aber immer haften bleibt und jedem zu denken geben sollte, ist die Frage nach dem Sinn eines solchen Arsenals, das im Vergleich zu den wahnwitzigen 5000 aktiven Atomwaffen der Vereinigten Staaten dennoch bescheiden wirkt. Sinnvoll und nützlich kann das alles nicht sein.

Verteidigungsrecht ja. Aber wann ist das Maß, das Fass voll? Seit Jahren wird versucht, auf militärischem wie auf diplomatischem Weg, das Brodeln in Nahost zu beruhigen. Ohne großen Erfolg. Allein das Brodeln wird auf einem Level gehalten, der das Pulverfass nicht zur Explosion bringt. Israel fühlt sich heute, wo es militärisch so stark wie nie zuvor ist, bedrohter denn je. Ein Phänomen, das nicht nur psychologisch zu erklären ist. Die ganze Palette von Wahlkampf, Machterhalt, Angst, einem gewaltigen Berg realer Bedrohungen sowie den Erfahrungen aus tausendjähriger Verfolgung spielt hier herein.

Dennoch gilt es, endlich zu hinterfragen, gefühlte Angst von realer Bedrohung zu trennen und Wege zu finden. Wie leicht sich so etwas schreibt!

Auch Günter Grass schrieb, fern von Israel, fern vom Iran, fern vom persönlichen, dauerhaften Erleben vor Ort. Aber er kennt den Krieg, unsere Geschichte und hat schon manche Reime und Zeilen darauf gemacht. Nun stellte Grass vielleicht die falschen Fragen und blieb mit seinem Gedicht »Was gesagt werden muss« nur an der Oberfläche und sagt nach seinem Schweigen zu wenig. Ein Gedicht kann immer nur Essenz sein.

Und wir, die wir debattieren, gehen ausschließlich in die Tiefe, um Grass zu widerlegen, weil der ja dem Fass den Boden ausschlägt und wir da gern einen Deckel drauf hätten. Wir urteilen schnell ab, sind schnell mit all unseren reflexartigen Abstempelungen von »Antisemitismus«, »Ressentiments« und »Pamphlet«. Wir wollen ihn missverstehen, lassen unseren Senf ab und lehnen uns beruhigt zurück auf dem Pulverfass, weil wir glauben, den Zündler in die Schranken gewiesen zu haben. Und dann schweigen wir wieder, wie Grass lang schwieg, und schweigen, wenn von irgendwo auf der Welt Waffen geordert werden. Bislang lieferte jede unserer Regierungen zuverlässig.

Wann sind wir so sorglos geworden, so unbeschwert und freigiebig mit dem Recht auf Atomwaffen?

Gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von nuklearen Mittelstreckenraketen demonstrierten im Dezember 1982 an nur einem Tag allein in Bonn über 400.000 Menschen, während der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima trieb es über Wochen Zehntausende auf die Straßen, und nun, wo ein weiteres Atom-U-Boot in einer Welt voller Kernreaktoren und Kernwaffen nach Israel geliefert werden soll, sorgt sich nur noch einer: Günter Grass.

Im vergangenen Jahr standen den gut 200 Kernkraftwerken weltweit über 20.000 atomare Sprengköpfe gegenüber. Wir haben die friedliche Nutzung der Kernenergie als unbeherrschbar erkannt. Sind Atomwaffen beherrschbarer? Kraftwerke gefährden unsere Zukunft, sagen wir. Sichern sie Atomwaffen? Vielleicht, wenn sie sich in den richtigen Händen befinden und nicht in denen von Wahnsinnigen wie Ahmadineschad. Aber wir sollten am besten wissen, dass es für Waffen keine richtigen Hände gibt? Politik, Zukunft, Menschen sind unberechenbar, wo heute noch Demokratie ist, kann morgen schon Krieg und Chaos herrschen. Und umgekehrt. Umbrüche in 20, 30 Jahren – nicht vorhersehbar. Diktatoren wie Gaddafi oder Mubarak, Saddam Hussein, die der Westen über Jahrezehnte mit Waffen ausgestattet hat, um eine gewisse Stabilät in der Region aufrechtzuerhalten, richteten diese Waffen gegen das eigene Volk. Wer garantiert uns, dass es nicht eines Tages Kernwaffen sind, die gegen uns gerichtet werden – von jenen, die wir diplomatisch »Partner« nannten.

Und die Anti-Atomkraftbewegung pennt, sie hat sich auf sauberen Strom, Castorblockaden und Windräder spezialisiert. Die Enkel der Gründungsgrünen haben mehr Angst vor E.ON und Vattenfall als vor Pershing und Cruise Missile. Die Friedensbewegung – ein versprengter Haufen, und die Piratenpartei, die Senkrechtstarter ohne Antworten auf alte Fragen, die eh nicht mehr interessieren und unbeantwortet bleiben. Westerwelle fordert den Abzug aller US-Atomwaffen aus Europa. Wie hätten wir ihm vor 20 Jahren dafür zugejubelt! Nein, dem Westerwelle nie!

Keine Demos vor der russischen, US-amerikanischen, britischen, chinesischen oder französischen Botschaft. Keine 100.000 auf der Straße gegen die Atomprogramme von Nordkorea, Indien, Pakistan, auch Günter Grass hat hierzu noch keine Verse verfasst, nur einige, in denen er sich Israels Regierung und den iranischen »Maulhelden« herausgreift.

Wir lassen allen alles durchgehen. Bis auf zweien:
Der eine baut vielleicht eine Bombe, der andere hat ein Gedicht geschrieben.

06/04/2012

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