Author: Matthias Schumacher | Date: 22. Februar 2012 | Please Comment!

Da war doch noch was! Matthias Schumacher vermisst zwischen Shitstorms und Blutdackeln etwas, von dem Joachim Gauck immer wieder spricht.
Nicht Freiheit! Das Andere…! 

Wochen der Fortbildung für den „Freiheitslehrer“, wie man Joachim Gauck in einem ZDF-Portrait nannte. Wir kennen das alle noch aus der Schulzeit. Bevor es nach den Ferien losging, mussten sich die Lehrer weiterbilden. Bis heute kann ich nicht sagen, ob es irgendwas gebracht hat. Das Kollegium wirkte nach Weiterbildungen jedenfalls nicht schlauer. Wahrscheinlich hatte man nur Altbekanntes wiederhohlt. Auffrischen nennt man das.

Bei Joachim Gauck dürfte es ähnlich sein. Nun kann er sich, der ungewaschen die Kopernikanische Merkelsche Wende erleben musste, frisch machen. So wird Gauck, wenn er am 18. März als 11. Bundespräsident ins Schloss Bellevue einzieht, zwar nicht klüger, aber sauber, sortiert und gefestigt sein:
„Freiheit heißt Verantwortung, Freiheit heißt Verantwortung, Freiheit heißt Verantwortung. Wir repetieren: Freiheit heißt Vera…“

Nun kursieren etliche Internet-Märchen und nicht wenige Leser und Autoren sind bereit, alles ungeprüft für wahr und richtig zu halten. Getreu dem Motto: „Irgendwas wird schon dran sein“, denn „die haben doch alle Dreck am Stecken.“ Die sonstigen Rivalen SPIEGEL ONLINE und BILD nahmen sich gleichermaßen beherzt Themen an, die wie 1975 wirkten. Frei nach uns Udo:

Weil sie als Paar zusammenleben und noch immer ohne Trauschein sind,

hat man sich gestern da getroffen und dann hat man abgestimmt:

Doch es gab auch manches von zumindest zeitweiliger Substanz, die bald in sich zerfiel. Man ist wie besessen. Im Wahn. Nach Guttenberg und Wulff ist das Land im Blutrausch und viele sind zu Blutdackeln mutiert. Deutscher Schäferhund geht gar nicht! Es wird geschnüffelt bis große Vorwürfe unter lächerlichen Petitessen verschütt gehen. Jeder Schritt wird zurückverfolgt, jede Sandkastenliebe durchleuchtet: Hat Ihnen XY vielleicht mal die Buddelschippe drübergezogen?

Und falls nichts an den Vorwürfen dran ist, gilt es, dem Gehetzten und in die Ecke Getriebenen wenigstens maximal zu schaden, in die Waden zu beißen, Stöckchen zwischen die Beine zu werfen und der übrigen Wutmeute an den Bildschirmen abgenagte Knochen hinzuwerfen, besabbert vom Geifer der Entrüstung. Aus dem Kontext gerissene Zitate sind hierzu ideal. Doch ebenso wie man einen Gauck runterzitieren kann, könnte man jeden Diktator hochschreiben. Das geht ganz einfach und bedarf keinerlei Hitler-Zitate.

Die Freiheit, etwas zu veröffentlichen und zu zitieren, setzt kein Verantwortungsgefühl voraus. Jeder kann – wenn er sich am Riemen reißt – schreiben, was er will, wann er will und im Internet sogar, wohin er will. Das ist Freiheit und genauso soll es sein und bleiben. Eine innerer Geschmackskompass ist hilfreich, aber jeder verrennt sich mal. 

Mancher aber hat sich von Verantwortung weitgehend frei gemacht und trägt nackte Tatsachen zur Schau, an denen solange rumgedoktort wurde, bis alle hingucken und „Skandal! schreien. Und ehrlich: Wer prüft schon alles, was irgendwo geschrieben steht!? Was Schreibenden im schnelllebigen Arbeitsalltag kaum möglich ist, kann dem Konsumenten schon gar nicht zugemutet werden. Er muss sich auf etwas verlassen können. Der arglose Leser baut fatalerweise darauf, dass ihm die Wahrheit gesagt wird und die schreibende Zunft, die der Wahrheit verpflichtet ist, hat diese nach besten Wissen und Gewissen zu liefern. Wo sich nicht wie hier Literatur, Polemik und Journalismus mischen, sollte das so sein.

Es ist nicht weit von „BILD lügt! zu „Alle lügen! Am Ende macht es auch keinen Unterschied, ob vorsätzlich oder nur mal so gelogen wurde, weil’s eben auch mal passiert oder man es passieren lässt, wie bei Reinhard Mey:

„Verantwortung, Mann, wenn ich das schon hör‘!
Die Leute müssen halt nicht alles glauben, nur weil‘s in der Zeitung steht!
Na schön, so ‘ne Verwechslung kann schon mal passier‘n,
Da kannst du auch noch so sorgfältig recherchier‘n,
Mann, was glauben Sie, was Tag für Tag für‘n Unfug in der Zeitung steht!“

Wo ist eigentlich die deutsche Gründlichkeit der Rechercheure? Wo ist sie geblieben? The answer, my friend: Es gibt sie noch.

Und die Aufrechten schlagen sich tapfer im Kampf mit den Windmühlen, die von den Shitstorms betrieben werden. Das Knochenmehl, das sie mahlen, das sie uns in die Augen streuen, ist unser täglich Brot. Wir verschlingen es gierig, weil es uns schmeckt, wenn es gegen die da oben geht, die wir auf Augenhöhe herunterbringen möchten – und dann noch etwas tiefer, damit wir drauf rumtrampeln können. Verlangen wir nicht bei allem Recht auf anständige Menschen in der Politik manchmal Übermenschliches?

Wer Schäden anrichten will, hat es im Internet – aus dem mittlerweile auch die alten Medien oft und ungeprüft zitieren – kinderleicht und kann sich sicher sein, dass ein falsches Zitat oder ein Gerücht schon irgendwo haften bleibt. Selten aber an dem, der dreist und boshaft kolportiert. Die bereitwilligen Unwissenden und Mitläufer potenzieren das Übel um ein Vielfaches. Die Eigendynamik der sogenannten Shitstorms, der Empörungswellen, könnten verheerende Auswirkungen haben. Vielleicht eine Nierenkolik? Nee, nee. Dennoch:

Warum glauben wir, dass Politiker persönliche Angriffe, die nichts mit der Causa selbst zu tun haben, einfach wegstecken können? Warum fällt es uns so schwer, einem Christian Wulff zu glauben, wenn er sagt:

„Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“ 

Gelegentlich wird vom Stahlbad gesprochen, durch das Politiker gehen müssten, um das alles zu überstehen. Sicherlich ist es oft nur ein Bad aus Drachenblut, wie es Siegfried im Nibelungenlied nahm. Da war doch dieses Lindenblatt, das sich zwischen seine Achseln legte und ihn verwundbar machte. Es ist manchen zur Gewohnheit geworden, eben diese Stelle zu suchen, hineinzustechen und zu bohren und weiterzubohren, selbst wenn der andere längst am Boden liegt.

Bei aller berechtigten Kritik, aller verständlichen Wut, der Enttäuschung – nichts rechtfertigt Auswüchse wie es sie in den vergangenen Monaten bei uns gab. Immer schneller wird der Boden der Tatsachen verlassen und das Gegenüber, dem man in der Regel noch niemals wirklich gegenüber stand, aufs Schlachtfeld gezerrt und ohne jedes Maß verprügelt. Man könnte meinen, irgendwer habe die Revolution ausgerufen und bereits den Guillotinenbausatz „Adieu: liberté, égalité, fraternité“ bestellt. Von responsabilité (Verantwortung) steht da aber auch nichts!

Natürlich kann man abstruse Thesen und Gerüchte widerlegen, aber Google vergisst sie nicht. Und man muss schon schneller sein als jene, die sich im Irrglauben, die Welt von anderen Sichtweisen befreien zu müssen, in fremde Websites hacken. Dialog unerwünscht. Bei Widerworten gibt’s aufs Maul!

Das Recht zur freien Meinungsäußerung ist aber nicht nur einer Gruppe vorbehalten, es ist jedermanns gutes Recht. Blutdackel verpassen anderen gern Maulkörbe. Selbst wenn sich Gauck auf die Seite von Thilo Sarrazin geschlagen hätte, wie es ihm z.B. vorgeworfen wurde, so wäre es ein Akt der Meinungsfreiheit gewesen. Man darf in diesem Land anderer Meinung sein. Das erstaunt immer wieder und erzürnt viele. Man darf auch Falsches verbreiten, wenn man damit keinen Straftatbestand erfüllt. Verkürzte Zitate sind keine Straftat und wenn sie es wären, man würde sie nicht ahnden, denn wer ahndet, wird gehackt oder tritt damit den nächsten Shitstorm los.

Den Scheißestürmern geht es auch um die Wahrheit. Nicht zu unterschätzen: Die Lust an der Macht, der Spaßfaktor, und die Verlockung, Politik zum eigenen Vorteil zu machen, dem Dackeldasein zu entkommen und in die Königspudelklasse aufzusteigen. So stürmt man vor allem gegen politische Gegner. Fälle, in denen gegen eigene Leute gestormed wurde, sind selten. Genau da liegt der Bluthund begraben, man ist auf einem Augen blind und hackt seinem Bruder keines aus, als wäre man unter Engeln.

Sie wollten einen Gott und bekommen einen Gauck.

Gauck wird kommen, zu präsidieren und zu reden, zu reden und zu reden. Wir werden eine ordnungsgemäße Wahl erleben, dann wird es ernst, und wenn wir kurz den Ton abstellen, werden wir keinen Unterschied zu einer Gedenkfeier anlässlich eines Amoklaufs feststellen. Trostlos und Grau in Grau wird alles sein. Dabei gäbe es einiges zu feiern, an diesem 18. März: 164 Jahre Märzrevolution und den 22. Jahrestag der ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR. Daran wird Gauck erinnern und wir schalten den Ton gleich wieder an, denn wir wollen ja hören, was der kluge Mann aus dem Osten zu sagen hat, dass er sich geehrt fühlt, er, der zwei Diktaturen erlebte, dass ausgerechnet er, heute, hier… Es darf uns feierlich zumute werden. Und wenn er dann von Freiheit spricht, die wir doch haben und leben, nicken wir vielleicht und vielleicht nicken wir ein, weil wir das alles schon von ihm kennen.

Zwischenapplaus klatscht uns wach. Schon wieder redet er von der Freiheit. Den Teil mit der Verantwortung haben wir verschlafen. Mal wieder.

22/02/2012

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