Author: Matthias Schumacher | Date: 9. Februar 2012 | Please Comment!

Ein Bild und weniger als 1000 Wörter: Matthias Schumacher über den Maler, Fotografen und Bildhauer Gerhard Richter und eine der beachtenswertesten Ausstellungen 2012.

Gerhard Richter Lesende, 1994 72 x 102 cm, Öl auf Leinwand San Francisco Museum of Modern Art © Gerhard Richter, 2012

Gerhard Richter Lesende, 1994 72 x 102 cm, Öl auf Leinwand San Francisco
Museum of Modern Art 
© Gerhard Richter, 2012

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Hätte die Werbung ihn nicht 1921 erfunden, müsste es diesen Satz spätestens seit Gerhard Richter geben. „One Look is Worth A Thousand Words“, woraus bald „ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“ wurde. Dass einige Print- und Onlinemedien den Künstler zu dessen 80. Geburtstag dennoch mit weit mehr Wörtern ehren, ist in Richters Fall verzeihlich und verständlich, denn ein Journalist ist kein Maler und kann mit seinem Schwarz auf Weiß kaum beschreiben, was ein Gerhard Richter mit allem Licht und aller Farbe dieser Welt erschafft.

Sein Name ist Superlativ, Prädikat, Marke. Wie Picasso, Mozart, Dali, Chaplin, Warhol bis hin zu einem Michael Jackson. Meister ihres Fachs. Jeder weiß, wofür sie stehen und dass auch bei extremen Wandlungen immer ein Kern bleibt. Vieles bewegt, auch wenn wir es nicht verstehen, wenn wir nicht wissen wie, manchmal nur ahnen was – oder es einfach nur schön ist, verwirrt, verwundert. Sobald es berührt, ist es Kunst. Ums Verstehen geht es nicht. Kunst soll anregen, nicht belehren, keine Fakten schaffen, sondern Räume, die uns einladen, die ein Angebot sind; Wege, Tore, Schlüssel- und Schlupflöcher nach Überall oder Nirgendwo …

… oder nach Dresden, Düsseldorf, New York oder zu den vielen anderen Stationen im Leben eines Kreativen, dem das Museum of Modern Art vor zehn Jahren eine bildgewaltige Ausstellung widmete; der die Südquerfenster des Kölner Doms neu gestaltete, dessen Arbeiten auf Auktionen bis zu 15 Mio. Euro erzielen, der den Fotorealismus beherrscht und das romantische Zitat nicht scheut, der so viel kann, probiert hat und dabei immer Gerhard Richter blieb, indes andere ihren Kern für den Kommerz bis zur Unkenntlichkeit zerschmolzen.

Vom 12. Februar bis zum 13. Mai zeigt die Neue Nationalgalerie Berlin das Gerhard Richter Panorama mit rund 140 Gemälden und 5 Skulpturen aus dem Œuvres des Künstlers, erstmals umrahmt durch die Version I seiner abstrakten Arbeit 4900 Farben. Beachtenswert, spektakulär und nicht nur für ausgewiesene Kunstfreunde. Zeitgleich präsentiert die Alte Nationalgalerie den Zyklus 18. Oktober 1977 mit 15 eindringlichen Bildern zum Deutschen Herbst, darunter das Werk Decke, das ursprünglich die in ihrer Gefängniszelle erhängte RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zeigte, aber später von Richter mit weißer Farbe übermalt und hierdurch zur Decke des Vergessens wurde.
Starke Symbolik eines großen Meisters.

Deutschland feiert ihn, einen von uns. Mancher ist kurz davor, das Wörtchen Stolz in den Mund zu nehmen. Die Kanzlerin hat ihn empfangen, der Bundestagspräsident und so ziemlich jeder, der Wert darauf legt, etwas zu sagen und Gehör zu finden, gratulierte druckreif. Man umgibt sich gern mit diesem Künstler von internationalem Ruf und genießt es, mit ihm im einem Zug genannt zu werden. Das ist gut, weise, so soll es sein. Gerhard Richter brachte es vor einigen Jahren auf den Punkt: «Nachdem es keine Priester und Philosophen mehr gibt, sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt.»

Linktipp: www.gerhardrichterinberlin.org

 09/02/2012

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