Author: Matthias Schumacher | Date: 24. Januar 2012 | Please Comment!

Während Berlin noch einen Nachfolger für Marx und Engels (Bronze, 385 cm) am gleichnamigen Forum sucht, hat am gestrigen Abend Thomas Gottschalk (Entertainer, 192 cm) geradezu darum gebettelt, als neues Mahnmal für gescheiterte Visionen in die Geschichte eingehen zu dürfen.
Eine teils tiefenpsychologische Analyse von Matthias Schumacher.

 

Der amerikanische Weg, ein deutscher Albtraum

Heute analysieren Medienexperten und Journalisten, was da alles schief lief an diesem Montagabend, doch das Gesehene gehört in die Hände des Psychologen. Als familiär vorgeprägter Laie übernehme ich diesen Part sehr gern und unentgeltlich. Nachdem mein Großvater aus dem Zweiten Weltkrieg und amerikanischer Gefangenschaft heimgekehrt war, warf er sich auf Familienfeiern nach ein paar Gläsern Schnaps hinters Sofa und fühlte sich wieder im Krieg. Wenn Thomas Gottschalk von Malibu nach Deutschland kommt, hebt er ab und fühlt sich in seinem Wohnzimmer-Studio wie Letterman mit Flüüüügeln. Übermoderator im Himmel über Berlin und TV-Deutschland – inklusive WLAN.

Nun hat Gottschalk nicht etwa mit dieser kleinen Macke, sondern allein mit seinem Namen zehnmal mehr Zuschauer vor die Bildschirme gelockt als Harald Schmidt (dem anderen mit Morbus Letterman). Vorschusslorbeeren von 4,34 Millionen Neugierigen. Eine Zahl, die nichts sagt. Enscheidend für die Zukunft des Formats werden die nächsten Wochen sein. Eine Bewährungsfrist, die ihm gewährt werden muss und heutzutage viel zu selten gewährt wird. Wochen, in denen Thomas Gottschalk in sich gehen und mental allmählich in Deutschland eintrudeln sollte.

Die heftig kritisierten drei Werbepausen in den letzten Minuten vor der Unterbrechung für das Wetter im Ersten hätten kaum ein Problem dargestellt, wenn nicht jener Gottschalk, der ein Letterman oder Jay Leno des Vorabends sein will, von den Commercial Breaks sichtlich überrascht worden wäre und sie ohne jede Eleganz, Charme und Witz anmoderiert hätte. So schlecht kann das wirklich nur unser Thommy! Der Deutsche, insbesondere der ARD-Zuschauer, hat seine Sehgewohnheiten, doch kann man nahezu alles verkaufen, wenn man es nur appetitlich genug anrichtet. Gottschalk aber hat sich auf unappetitlichste Weise hingerichtet.

Auf Du und Du mit Knäckebrot

Mit gespielter Leichtigkeit ist es dem gealterten Lockenkopf gelungen, das Entertainer-Qualitätssiegel „Das kann nicht jeder“ in eine undefinierbare Masse zu verwandeln, bei deren Anblick der Zuschauer aufseufzt „Das könnte ich auch“. Das Todesurteil jeder Entertainerkompetenz. Social Media wurde versprochen, Sozialphobie geliefert. Ein einziger Facebook-User hat es mit einer lächerlichen Frage an Michael „Bully“ Herbig in die Sendung geschafft. Soll das die versprochene Interaktion sein? Gottschalk sendete, was von den Zuschauern zurückkam, lief ins Leere.

Gottschalk wirkt fern seines Publikum, zu Hause im Medienzirkus, „mit den Stars auf Du und Du“, was man ihm im Grunde nicht vorwerfen darf. Wer über zwei Jahrzehnte Europas größte Liveshow moderierte, kennt eben Nicolas Cage und Vater Klum, Gottschalk daraus einen Strick zu drehen, wäre als würde man einem Backshopbetreiber vorwerfen, seinen Tiefkühlbrötchenlieferanten zu kennen.

Geliefert wurde aber nur Knäckebrot. Dröges noch dazu. Nun wissen wir seit der Premiere von „Gottschalk Live“, dass der 61jährige bei Heidi und Seal zu Hause war und letzterer ihn brav „Herr Gottschalk“ nannte. Gut zwei Stunden später verriet uns Brigitte Nielsen im Dschungelcamp, dass sie einen One Night Stand mit Sean Penn und eine Affäre mit Arnold Schwarzenegger hatte. Wer wohl beim Zuschauer mehr Oho und Aha herausgekitzelte? Brigitte oder Thommy?

Das muss ja nicht sein

Gleich zu Beginn versprach der Pilawa-Vorgänger, es werde bei „Gottschalk Live“ nicht gekocht: „Das muss ja nicht sein.“ Am Ende fragte sich die ganze Fernsehnation, ob denn „Gottschalk Live“ sein müsse. Vielleicht hätte es Gottschalk besser zu Gesicht gestanden, das Fernsehen hinter sich zu lassen und nur gelegentlich in einer Talkshow aufzuschlagen, um dort den Vorwurf loszuwerden „Ich hatte damals noch 12, 13, 14 Millionen Zuschauer. Das schafft ja heute keiner mehr!“ Dafür ist es zu spät. Sollte dieses Experiment im Ersten komplett in die Hose gehen, bleibt ihm aber immer noch das Gottschalk-Forum unweit des Roten Rathaus. Da könnte er von seinem Studio am Gendarmenmarkt aus zu Fuß hingehen und sich in Bronze gießen lassen, falls er aber so weitermacht wie am ersten Abend, wohl eher teeren und federn.

Die ersten haben sich bereits abgewendet.

 24/01/2012

 

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