Author: Matthias Schumacher | Date: 16. Januar 2012 | Please Comment!

Matthias Schumacher gedenkt des Lyrikers Georg Heym und sorgt sich um die Sprachkultur außerhalb des Dschungelcamps. Geheul eines Kulturpessimisten vom Gipfel der Literatur bis in die Niederung der Hämorrhoidalleiden.

Ertrunken. Die Nachricht muss die Berliner Künstlerszene wie ein Schlag getroffen haben. Vor 100 Jahren starb einer der bedeutendsten Vertreter des aufblühenden literarischen Expressionismus, Georg Heym, im Alter von 24 Jahren.

„Beim Eislaufen auf der Havel brach er ein und ertrank mit seinem Feunde, dem Lyriker cand. phil. Ernst Balcke, am 16. Januar 1912, nachmittags, bei Schwanenwerder; sein Grab ist auf dem Friedhof der Luisengemeinde in Charlottenburg“. So beschreiben die Herausgeber des im Mai 1912 postum erschienenen Gedichtbandes „Umbra Vitae – Nachgelassene Gedichte“ sachlich die Umstände seines Todes.

Georg Heym war der Erste einer Reihe viel zu früh verstorbener Dichter, die Anfang des 20. Jahrhunderts eine literarische Zeitenwende eingeläutet haben. Er selbst verunglückte, bevor sich eine Nation zweieinhalb Jahre später selbst ins Unglück stürzte und neben Millionen anderen auch viele junge hoffnungsvolle Künstler mit sich riß. Alfred Lichtenstein, Georg Trakl, Robert Jentzsch… Auch Georg Heym hatte sich für eine Offizierslaufbahn entschieden, die Bewilligung seines Eintritts erreichte Berlin allerdings erst nach seinem Tode. Es war nicht sein erster Versuch, diesen Weg einzuschlagen, vielleicht hätte ihm eine frühere Zusage das Leben gerettet. Vorerst. Heym prägt die Lyriker bis heute.

Literatur 2012 – Von Schnappschüssen zum Grunzen

Was aber prägt jene, die keine Dichter sind? Was ist ein Jahrhundert nach Georg Heym stilbildend für unsere Sprache? Viele der heutigen Schriftsteller kennzeichnet, genauso zu schreiben, wie ihre Leser sprechen. Literarische Schnappschüsse kommen gut an. Nur sind Schnappschüsse nichts für die Ewigkeit. Nach Jahren wirken sie in der Regel peinlich und man entledigt sich ihrer möglichst unauffällig. Billy Wilder, der Stilikone des Films, wird das Gebot „Du sollst nicht langweilen“ zugeschrieben. Die meisten Autoren folgen diesem Satz. Ungezählte auf die gleiche langweilige Art. Man hat sich auf das Mittelmaß geeinigt. Das tut jedem gleich weh. Mit der Langeweile ist es auch schwierig: Den Intellektuellen langweilt das Platte, den Plattköpfen das Intellektuelle.
Die goldene Mitte ist oft aus Blech.

Auswüchse vorauseilender Niveauabsenkung, von der man sich höhere Auflagen verspricht. Mancher könnte auch anders, aber weder „könnte“ noch „anders“ schreibt man große Erfolgschancen zu. Zahllose Romane erwecken den Eindruck, jeder hätte sie schreiben können. Womöglich versucht sich deshalb auch bald jeder als Romanschriftsteller. Doch einem Volk hinterherzuschreiben, das zwischen Geschwätzigkeit und Maulfaulheit schwankt, bringt Literatur und Sprache kaum weiter – und die Gesellschaft schon gar nicht. Würden wir uns fortan nur noch mit drei Grunztönen verständigen, so liefe die Literatur mit Quieken diesem Trend nach. Vorreiterrolle rückwärts.

Ursachenforschung zwischen Sprachpanschern und Frauentausch

Voran bringt auch kein Verein Deutsche Sprache, der sich ausgerechnet das Bewahren auf die Fahne geschrieben hat und mit Akribie und Verbissenheit gegen Sprachpanscher zu Felde zieht. Ein Irrsinn wie das Bewahrenwollen der Natur, ohne ihr Luft und Raum für natürlichen Wandel, Sterben und Wiedergeburt zu lassen. Die Sprache wird ihren Beschützern was husten. Man kann sie nicht einsperren. Das haben schon ganz andere versucht. In Diktaturen verzieht sie sich zwischen die Zeilen und sagt dort oft mehr als schwarz auf weiß. Die ehemaligen DDR-Bürger waren Meister im Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Ein Pfund, das sie in der Meinungsfreiheit bald verloren.

Wenn der Auskunftsschalter jetzt Servicepoint heißt, wird es die deutsche Sprache überleben. Es ist vielmehr die Summe der negativen äußeren Einflüsse, die ihr zuschaffen macht, das stete Nagen und Vernachlässigen – bis sie auf den Kern des Allernotwendigsten geschrumpft ist. Hier ein überflüssiger Anglizismus, da ein bisschen Dativ statt Genitiv, „da werden Sie geholfen“, vielerorts konsequente Kleinschreibung, dort ein Smiley statt ausformulierter Ironie und überall ganz viel Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit.

Angenommen, wir wären nicht dumm und faul, und der Frauentausch-Mutti gelänge es, jede Anspielung der Dschungelcamp-Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zieltlow in ihrer Tiefe und Doppeldeutigkeit zu erfassen, es stünde alles zum Besten. Aber es steht schlecht außerhalb des Camps. Wirklich gut stand es nie…

Als Japan im Januar 1932 Shanghai angriff, identifizierte der österreichischer Schriftsteller Karl Kraus das Grundübel in fehlenden Kommas: „Hätten die Leute, die dazu verpflichtet sind, immer darauf geachtet, dass die Beistriche am richtigen Platz stehen, so würde Shanghai nicht brennen.“ Wem ein Komma egal ist, dem ist bald alles und jeder egal, wer sprachlich verroht, wird zum Barbar. Verwahrloste Sprache als Symptom.

Und man kann es ruhig aussprechen: Hätten die Dschungelcamper in ihrem Leben besser auf Kommastellungen geachtet, sie wären heute nicht, wo sie sind. Im Fernsehen, beim RTL, vielen zum Ge-, doch einigen zum Missfallen, wie einem Bild.de-User mit dem Pseudonym katholisch, der sich in einem seiner Kommentare wünscht, dass in Deutschland die heilige katholische Kirche „regiert“, und in einem weiteren urteilt:

Der niveaulose TV-Konsum vieler Menschen in Deutschland (z.B. „Das Dschungelcamp“, „DSDS“, „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“, „Schwer verliebt“, „Frauentausch“ etc.) zeigt deutlich, wie tief unsere Gesellschaft mittlerweile gesunken ist. Die Menschen empfinden offenbar große Freude daran, wenn Menschen öffentlich gedemütigt und bloßgestellt werden. Dieses Voyeurismus-TV ist unchristlich und menschenunwürdig! Noch vor wenigen Jahren hätten sich die Leute geschämt, solche oberpeinlichen und niveaulosen Trash-Formate anzuschauen…..Mittlerweile jedoch entsprechen diese – leider! – der medialen Normalität. Es ist schlecht bestellt um unsere Gesellschaft, die ihre Werte und ihr Bildungsniveau immer weiter abschafft! Armes Land! 

Apropos!

Medien 2.0 – Wie wir ärmer werden und reicher würden

Gerade die Auswirkungen des Zusammenspiels von Medien und Internet muss fatal genannt werden. Fatal, nicht weil es ein Zusammenspiel gibt, sondern weil es falsch angegangen wird und fatale Auswirkungen hat. Die Anpassung des Zeitungsstils an den Stil, der in sozialen Netzwerken wie Facebook gepflegt wird, schreitet schnell voran. Man möchte den schnellen Klick – und so glaubt man, sich anpassen zu müssen, an die, die klicken sollen. Das funktioniert einigermaßen. Wer aber den Facebookstil unterbietet, wird von noch mehr Menschen verstanden. Die Versuchung ist groß.

Auf der Strecke bleibt die Sprache. Nicht wenige Zeitungsartikel (Print wie Online, denn der Stil bleibt ja nicht im Netz) lesen sich heute wie Kommentare in sozialen Netzwerken. Sätze sind auf SMS- sprich Tweetlänge zu beschränken. Man schreibt auch hier, wie die Menschen reden. Alle sollen es auf Anhieb verstehen, alle sollen klicken. Der Kommerz bestimmt, wie wir sprechen.

Irgendwann, es ist noch gar nicht lange her, haben die Journalisten, Autoren, Dichter, Schriftsteller die Elfenbeintürme verlassen. Wer hätte gedacht, dass man so schnell im Erdgeschoss landen kann! Augenhöhe mit dem Leser. Das Fernsehen ist schon im Keller. Das Radio dudelt brav die größten Hits.

Was hindert uns, ein höheres Niveau im Schriftlichen als in der Alltagssprache anzustreben? Wir könnten, wären viele nicht zu dumm und zu faul, beides haben. 1+1 macht 2. Wären wir nicht reicher?

Man muss kein Fatalist und Kulturpessimist sein, um sich zu sorgen und missmutigen Blickes in die Zukunft unserer Sprache zu schauen. Es genügt ein waches Auge und ein bisschen Menschenkenntnis.

Mit Hämorrhoiden ins nächste Jahrhundert

Georg Heyms Grab wurde 1942 nach Ablauf der Liegefrist eingeebnet und vor drei Jahren von einem kleinen Verehrerkreis wieder hergestellt. Niemand kann sagen, wie nachfolgende Generationen die Hämorrhoidengeschichten einer Charlotte Roche einordnen und ob sich Menschen zusammenfinden werden, die der großen Bestsellerschreiberin 100 Jahre nach ihrem Tode gedenken. Hämorrhoiden sind allemal ein zeitloses Problem.

Jeder Autor muss für sich allein über den eigenen Anspruch entscheiden, muss wissen, was er will und was er der Nachwelt hinterlassen möchte. Doch lasst Euch sagen, Ihr Gefälligkeitsautoren, mit Banknoten kann man sich kein Ticket zur Unsterblichkeit kaufen!

Linktipp:
Georg Heym im Projekt Gutenberg – u.a. mit seinem letzten Gedicht Die Messe, das er am Tag vor seinem Tod verfasste.

16/01/2012

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