Author: Matthias Schumacher | Date: 7. Januar 2012 | Please Comment!

Diese Zeilen sind jenen gewidmet, die in der grenzenlosen Weite des Internets an ihre Grenzen stoßen. Jenen, die gekränkt wurden, deren Stärke ihre Empfindsamkeit ist. Ich spende diese Worte den unzähligen Schweigenden, die sich mitunter quälen und auf die Zungen beißen, weil sie von Schreihälsen nur niedergebrüllt würden und es nicht ertrügen.

Ich weiß, dass es Euch gibt, zuweilen senden wir uns Mails, die nie an die Öffentlichkeit kommen. Gelegentlich haben wir uns auf Mailboxen gesprochen. Vertraulich.

Diese Zeilen gehören Euch, die Ihr Euch berühren lasst und nur mit Mühen fähig seid, das Instrument WWW als bloße Technik zu betrachten, in der halt leicht was dahingesagt wird.

Ihr seid ganz nah, die Ihr nicht einfach so etwas hinfrotzelt. Ihr habt andere Ventile. Ihr müsst nicht hier Dampf ablassen, weil Euch offline keiner zuhört, wenn ihr darüber jammert, dass ihr Euch beim Rasieren geschnitten habt oder sich der bestellte Latte Macchiato als Cappuccino entpuppte. Ihr seid die, die nie davon in sozialen Netzwerken berichten, und falls doch, seid ihr die, die kaum ein „Gefällt mir“ dafür ernten. Ihr würdet auch gern gefallen.
Aber deshalb gefällig werden?

Ja, es gibt Euch. Wir sehen Euch als Zahlen in unseren Statistiken. Die Leisen, die keine Chancen gegen Shitstorms und Mainstream haben, die manchen Skandal nicht skandalös finden und kaum einen Hype mitmachen, während andere keinen auslassen. Ihr seid die, die meinen, weder massentauglich noch mehrheitsfähig zu sein.

Die Leichtvernetzten und Verletzlichen unter hochgerüsteten Abgestumpften. Seid die, die leicht fortgehen, sich zurückziehen aus einer Welt, in die sich viele eingesperrt haben.

Vielleicht habt Ihr keine Ahnung von G+ und wisst nicht, wer Sascha Lobo ist. Vielleicht wollt Ihr es gar nicht wissen. Ihr habt jedes Recht dazu. Eure Lebensqualität könnte ungetrübt sein, würde man Euch nicht belächeln. Schämt Euch nicht, wenn Ihr noch nie ein eBook ohne DRM runtergeladen habt, wenn ihr CDs kauft und ein Papierzeitungsabo Euer Eigen nennt.

Ihr seid viele, sehr viele!

Womöglich seid Ihr zuweilen frustriert und genervt, weil die Zeit, alles und jeder gegen Euch scheint. Wenn sich Uschi mit Muschi im Netz zankt, pflegt Ihr vielleicht einen Angehörigen, übt Klavier oder Müßiggang, habt schlicht Besseres zu tun, habt echte Freude, Freunde, habt Sex mit jemandem, der wirklich da ist und nicht nur via Videochat mitmacht. Sicher wisst Ihr, wie wertvoll jede Minute Lebenszeit ist und wie verschwendet sie doch in einem Kommentarbereich sein kann.

Und dann steht Ihr vor der großen blauweißen Pforte zum Reich von Mark Zuckerberg, die dem Himmel nah sein muss, Ihr gebt Euer Geburtsdatum als Passwort ein und die Ziffern formen sich zu Sternchen, die Euch den Weg in ödes Land weisen, aus dem nur schwer wieder herauszufinden ist. Ihr fragt auf Eurer bescheiden wirkenden Pinnwand, ob es nichts Wichtigeres gibt als die geliehenen Kleider einer Frau Wulff oder irgendein Katzenvideo, das in vier Tagen zwei Millionen Mal gesehen wurde und Euch 20 mal anspringt. Euer Katzenvideo, das nicht viel anders ist, haben vielleicht nur 54 Leute gesehen. Warum? Und: „Haben wir keine anderen Sorgen?“ Ihr ahnt die Antworten der Fremden, die hier Eure Freude sind und sich in einer kleinen Fremdenliste versammelt haben, darum überlegt ihr zweimal, ob und was Ihr fragt.

Euch wird dort zu viel betrachtet, beurteilt und benotet, aber zu wenig gelebt.

Ihr müsst das alles gar nicht verstehen. Lebt, wo Ihr leben könnt und wollt! Dreht den Globus, indes sich andere um sich selbst drehen und ihr Leben verreden! Vielleicht chatten sie eines Tages über Euch, wenn Ihr die Welt verändert habt, wo sie sich verändern lässt. Vielleicht kommt Ihr ins Fernsehen und es werden Euch zu Ehren beim Zuckerberg Gruppen gegründet.

Ich grüße Euch! Geht nicht so ganz! So bleibt doch!
Ich habe Euch gern um mich!

Foto: cgommel (flickr) 07/01/2012

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